Bilder-Kaleidoskop & ­ Wort-Schleuder-Prosa Texte von Wenzel Storch und Guido Rohm (Bild rechts)

Am Ende der Welt

Ich sitze in einem Stuhl, sehe mich nicht nach ihr um, sage nichts, höre auf das Rauschen des Meeres.

Das muss für den Anfang genügen.

Sie ist vor fünf Minuten eingetroffen.

Am Himmel hängen dunkle Wolken. Ich rauche eine Zigarette, weil ich die Zeit überbrücken will, bis sie sich ausgezogen hat. Zum Rest des Beitrags »

Die offene Weite des Himmels

Da steht er. Eine Zigarette zwischen den Lippen. Belmondo. Er will sich an den Film erinnern. Runzelt die Stirn. Überlegt. Außer Atem. Er zieht an der Zigarette. Der Rauch strömt über sein Gesicht. Auf dem Balkon. Dort raucht er, denn sie will es so, er auch, natürlich. Zigarettenrauch stinkt. So kann man nicht leben, nicht essen, nicht schlafen, sterben, doch!, sterben kann man mit dem Rauch. Er müsste aufhören. Dringend. So kann doch keiner leben wollen. Nicht auf Dauer. Nicht hier und nicht jetzt. Er zieht ein weiteres Mal an der Zigarette. Inhaliert. Tief. Der Rauch strömt in ihn rein, durchströmt seinen Körper, den er irgendwann ablegen wird. Hinein in einen Sarg. Er wird das nicht tun. Tot ist tot. Jemand wird es tun. Vielleicht ein Mann mit blassem Gesicht. Solche Männer arbeiten doch bei den Beerdigungsinstituten, oder? Er überlegt, er denkt darüber nach, sinniert über seinen eigenen Tod, träumt von seiner Beerdigung. Wer da wohl alles kommen wird? Sie? Er? Die Kinder. Die bestimmt. Das gehört sich doch so, denn immerhin war er ja auch auf der Beerdigung seines Vaters, nicht auf der Beerdigung seiner Mutter, denn die lebt noch, Gott hab sie selig. Die lebt und schnauft, er müsste bald wieder zu ihr. So einen Besuch kann er sich nicht ersparen. Er muss dort hin, hinein in diese Welt aus Gerüchen und baldigem Tod. Gern? Nein, aber was sein muss, das muss halt sein, sagte schon sein Vater. Was hat er nun von seinen Weisheiten? Noch ein Zug, noch ein letzter Zug, dann wird er zurück in die Wohnung gehen. Wird sich an den Schreibtisch setzen und schreiben, obwohl ihm nichts einfällt, worüber er schreiben könnte. Vielleicht über den Balkon hier, oder über die Zigarette, über seinen Vater, über sie, die Kinder. Die hat er alle längst abgeschrieben. Über die will er sich nicht mehr auslassen. Also bleibt er stehen, hier auf dem einen Fleck. Hier könnte er bleiben. Nicht mehr gehen. Sich den Wind ins Gesicht schlagen lassen, die Stimmen, die von der Straße rauf drängen, die sich in sein Ohr zwängen, in seinen Kopf verirren. Über die Straße könnte er schreiben, aber das erscheint ihm zu anstrengend, also beschließt er hier zu bleiben, er und die Zigarette zwischen seinen Lippen, denn da weiß er, was er hat. Rauch. Der vernebelt ihm die Sicht. Zum Rest des Beitrags »

Dan Dare, Raumschiffpilot – Acidprop aus Good Old England

Politik der Ekstase: Mit Dan Dare, Raumschiffpilot erscheint ein Meilenstein der Comicgeschichte

Wer Arno Schmidts Science-Fiction-Roman Die Schule der Atheisten gelesen hat, weiß, was die Glocke geschlagen hat. Sich das Buch vors Auge zu stemmen, verlangt Kraft und Disziplin, und ein Lesegestell, wie wir es noch als Schüler benutzt haben, um uns an den Schulbüchern nicht die Finger schmutzig zu machen, bricht unter der Last der Standard-, Studien- und Vorzugsausgabe unweigerlich zusammen.

Doch nicht nur das. Die Seiten sind so riesenhaft, dass sich im Sommer allerhand Viehzeug darauf niederlässt. Wer auf dem Lande lebt und im Freien liest, kann ein Lied davon singen. Pro Seite dürften es – je nach Lesetempo – zehn bis zwanzig Fliegen sein, Schmetterlinge und Käfer nicht mitgerechnet. Wer Tierfreund ist, wartet ergeben, bis auch die letzte Mücke ausgelesen hat, bevor er, entnervt und zerstochen, weiterblättert. Wen wundert’s, dass kaum einer das große Buch zu Ende gelesen hat?

Wer Die Schule der Atheisten (gleiches gilt für Abend mit Goldrand oder Zettel’s Traum) unbeschwert studieren will, muss dem Buch an den Kragen, es zerreißen. Nicht in der Mitte durch, sondern Seite für Seite: Raus damit!

Zugegeben, auch das Herausreißen der Seiten verlangt Kraft. Eine Investition, die sich freilich auszahlt, denn nun vertragen sich Werk und Lesegestell. Erst wenn das Spätwerk in seine Bestandteile zerlegt ist, kann man seinen Arno Schmidt unbeschwert genießen und sich nach Herzenslust in die Abenteuer von Tim Hackensack und Professor Scheibe stürzen. Vorausgesetzt man verlegt die Lektüre auf den Winter.

Ein solches Verfahren empfiehlt sich auch bei Dan Dare, Pilot of the Future. Die monströse Comicerzählung, die mit ihren 1.500 Riesenseiten dem Spätwerk Arno Schmidts nahe steht, erscheint seit 1998 auf deutsch und wird in 110 Jahren fertig ediert vorliegen. Jedenfalls, wenn der Verlag sein bisheriges Editionstempo beibehält.

Zwischen Band 1 und 2 liegen elf Jahre, eine Zeitspanne, wie sie der Präsentation eines solchen Opusculums wohl angemessen ist. Die Serie um den sympathischen Pfeifenraucher war bis zum Auftauchen der ersten „Little Annie Fanny“-Seite im „Playboy“ (Oktober 1962) „die produktionstechnisch am aufwendigsten gestaltete und in ihrer Farbwirkung die visuell beeindruckendste Comicserie der Welt“, so Roland Mietz in der Fachzeitschrift „Reddition“.

Die beeindruckende Farbwirkung verdankt sich, wie die Forschung heute weiß, einem Missverständnis. Weil der Verleger, die Londoner Hulton Press, keine Ahnung hatte, wie man Comics auf den Markt zu schmeißen hat, nämlich in mieser Druckqualität auf noch mieserem Papier, ließ er das neue Jugendmagazin, das ihm der Werbegraphiker Frank Hampson und der Priester Marcus Morris aufgeschwatzt hatten, im Kupfertiefdruckverfahren herstellen, der aufwendigsten Drucktechnik der Zeit.

Frank Hampson scharte einen Stab von Assistenten um sich und mit dem 14. April 1950 brachen kosmische Flutwellen und Raumschlachten über England herein. Jeden Freitag erschien Dan Dare, UN-Offizier der Interplanetarischen Raumflotte, pünktlich und sauber auf der Titelseite des „Eagle“, um sich – in kunstvoll gestrickten Geschichten von hoher Ereignisdichte – mit Naturkatastrophen und Außerirdischen herumzuschlagen. Zum Rest des Beitrags »

31. Januar 2012

Die Kälte hält Einzug, die Kälte zieht um die Häuser, wirft Frost in die Ecken, auf die Scheiben. Und dann stehen sie vor ihren Autos, kratzen, tausend Lehrer wollen ihre Tafeln wischen. Die Motoren laufen, dampfen. Rasch rauchen sie ihre Zigaretten. Tippeln auf der Stelle, als müssten sie aufs Klo. Warten. Rauchen. Steigen ein. Die Scheibenwischer hängen. Wieder raus, kratzen, tausend Lehrer wollen ihre Tafeln säubern.

Ich sitze und starre, bin krank, erkältet, greife nach einem Papiertaschentuch, schnäuze mich. Schon segelt das Tuch zu Boden. Viele weiße Vögel, die kümmerlich zu meinen Füßen liegen, ermordet am helllichten Tag von meiner Nase. Böse, böse Nase. Zum Rest des Beitrags »

Disco-Massaker

Start. Das Spiel beginnt. Konzentriere dich auf deine Figur. Wie ist sie ausgerüstet? Munition. Vergiss die Munition nicht. Für welche Waffen hast du dich entschieden? Abschiedsbrief. Wo liegt er? Nicht unter dem Kopfkissen. Schlechte Entscheidung. Leg ihn auf den Schreibtisch. Direkt auf die Tastatur. Lass den Rechner an. Spiel dein Spiel. Betritt das Gebäude. Jetzt.

Sieh dich um. Vergewissere dich, dass sich niemand hinter dir befindet. Da ist jemand. Schnelle Drehung. Du hast es geübt. Im Kopf. Am Computer. Reales Leben. Ziel mit dem Revolver. Du hast den Revolver zu Hause gelassen. Gute Entscheidung. Nimm also die Automatik. Entsichern. Zielen. Zielobjekt auslöschen. Hirnmasse im Raum. Dieser Abschuss versorgt dich mit Lebenskraft. Dein Punktekonto steigt. Du bist erst in Ebene 1. Du musst dich bis Ebene 4 vorarbeiten. Überall lauern Gefahren. Putzfrauen, die plötzlich auftauchen, die dich mit ihren Lappen und Eimern angreifen. Du hast in jeder Hand eine Waffe. Das Spiel läuft gut. Hervorragend. Du bist der perfekte Schütze. Du ballerst was das Zeug hält. Schon sind fünfzehn Personen ausgeschieden. Dich gibt es noch. Kurze Verschnaufpause. Pizza. Cola. Du trinkst hastig. Verschluckst dich. Hustest. Das hat eine Figur bemerkt. Ein Mann im Anzug. Er wirft mit einem Aktenordner nach dir. Trennt deinen Kopf ab. Mist. Versager. Ein Leben weniger. Sei vorsichtiger. Achtsamer. Sie sind überall. Zombies. Rede dir nur ein, es wären Zombies, dann fällt es dir leichter sie zu töten. Kopf hoch. Drehung. Ziel mit der Armbrust. Der Pfeil spießt deinen Feind auf. Ebene 2. Jeden Augenblick erreichst du Ebene 2. Mama ruft. Nicht jetzt. Auf keinen Fall jetzt. Du kannst das Spiel nicht unterbrechen. Speichern. Räum den Abschiedsbrief fort. Wohin? In die Schublade. Lass dir nichts anmerken. Setz dich an den Tisch. Lächel. Sie warten auf ein Lächeln. Iss. Ausreichend. Du brauchst Kräfte. Sieh später nach der Armbrust und der Automatik. Sie liegen unter deinem Bett. Dort können sie nicht bleiben. Ebene 2. Denk an Ebene 2. Dort ist das Lehrerzimmer. Zum Rest des Beitrags »

Vaterjäger

Die Worte fehlen. Sind abhanden gekommen. Auf der Flucht. Worte in Ketten, die von der Meute meiner Gedanken gehetzt werden.

Ein Unwetter zeichnet sich am Himmel ab. Aufblitzende Erinnerungen, die man in Worte wie in einen Rahmen fassen könnte.

In den Erinnerungen lebt mein Vater noch. Er feiert mit der Familie ein nie enden wollendes Neujahr. Feiert hinein in den Morgen, der von der Familie ausgesperrt wird. Sie sitzen hinter Wänden aus Qualm. Verschanzen sich. Lachen auf. Trinken Bier aus Flaschen. Die Gläser bleiben dem Schrank vorbehalten.

Keine Worte, um den Vater zu greifen, der im Partykeller meines Kopfes bleibt.

Ich müsste ihn beschreiben, sein Haar mit Worten durchkämmen, das Haar, dünner werdend, damals strahlte es noch wie Silber auf.

Sein Lachen verebbt hinter meiner Stirn.

Wie kleine Seifenstücke wischen mir die Worte durch die Hände. Jedes Wort stellt sich als Falschgeld heraus. Zum Rest des Beitrags »

Ein gelbes Notizbuch

Schreib es rein. Schreib es da rein. Ins Notizbuch. Alles. Die Namen der Menschen, denen du begegnest, die Schuhgrößen, die Haarfarben. Beschreib ihre Gerüche, ihre Stimmen. Alles muss da rein. Das Notizbuch muss gefüllt werden. Mit den Farben des Himmels. Beschreib die Konturen der Häuser, notiere alle Produkte, die dir unter deine Nase gehalten werden. Erzähl von deinen Besuchen beim Arzt. Zähl die Regentropfen. Male kleine Figuren hinein. Dann einen Fluss. Lass den Fluss steigen. Die Menschen staunen. Rennen. Verschwinden in ihren Häusern. Nimm dein Notizbuch und setz dich an ihre Betten. Beschreibe ihren Schweiß. Streich den Schweiß von ihren Körpern, denn auch der Schweiß muss auf die Seiten. Nicke mit dem Kopf, lausche allen Worten, die fallen, die steigen, die sich an den Wänden entlang schlängeln. Klaub Worte von den Straßen und aus den Zeitungen. Zerrupf die Worte. Back einen Kuchen aus den Worten. Notier das Rezept für den Wortkuchen in dein Notizbuch.

Wirf das Notizbuch angewidert in die Ecke. Nimm ein neues Notizbuch. Beobachte dich im Spiegel. Reiß dir ein Haar aus. Klebe es in das Buch. Notiere das Datum des Tages. Zum Rest des Beitrags »

Drecksau

Es sich gemütlich machen.

Das ist das Geheimnis. Alles aussperren. Den Wind und den Regen. Die eh. Die kann niemand gebrauchen. Die Natur kommt Silke wie ein Ballast vor. Sie hofft auf die Wissenschaft. Irgendwann wird man die Sonne, die Wolken, die Bäume, die Wespen, Fliegen, Mücken doch abgeschafft haben. Oder etwa nicht?

“Sie werden den Regen in den Griff bekommen, ich meine, sie werden alles unter Kontrolle haben, die ganze Natur eben, oder?”, fragt sie Sandro, der sich auf das Sofa gelegt hat, nur mit einer Jogginghose und einem T-Shirt bekleidet. Das ist seine Hauskleidung. So würden sie ihn an der Arbeit nicht erkennen. Nie und nimmer. Die würden sich über ihn totlachen. Ihn nicht mehr ernst nehmen. Seine Geschäfte würden leiden. Respekt verschafft man sich noch immer über einen guten Anzug.

Aber hier ist er zuhause, hier kann er sich gehen lassen, voll und ganz.

“Was wird man?” Sandro hat nicht zugehört. Fast nicht. Nur mit halbem Ohr. Er kaut auf einem Stück Pizza.

Irgendwo müsste doch der Wein sein, ach, da ist er ja.

Er greift nach dem Glas und spült die letzten Brösel hinunter. ”Man wird die Natur abschaffen”, sagt Silke.

Sandro überlegt, nicht wirklich und nicht lange, aber er gibt sich Mühe, so zu tun, als würde ihn das interessieren, worüber Silke spricht. Aber das ist nicht so. Wenn er im Wohnzimmer sitzt, dann will er seine Ruhe haben. Nur keine unnötigen Gespräche. Gedanken sollten draußen bleiben. An der Arbeit. Im Straßenverkehr. Das hat er Silke oft genug erklärt, aber so, wie er sie nicht hört, überhört sie ihn.

Hier pflegt man Die Kunst Der Verstopften Ohren!

“Und?”

“Was?”

“Die Natur?”

Sandro verdreht die Augen, mehr sinnbildlich und innerlich, weil er keine Lust auf einen Streit mit Silke hat. So soll der Abend nicht enden, dann schon eher mit einem Fick auf dem Wohnzimmerboden. Zum Rest des Beitrags »

Eine kleine Nicht-Erzählung ohne Ziel

Ein kurzer Wortschauer

Während sich eine Kugel, abgefeuert aus einer (vorerst) noch unbekannten Waffe, deren Mündung schmauchend vor einen erzürnten Mund gehalten wird, dem nun Ärger und Atem zur Abkühlung entweichen, durch den ersten Satz bohrt, symbolisiert vielleicht durch ein kleines o, sitzt der tragische Held dieser chaotischen Nicht-Erzählung ohne Ziel in seinem Ohrensessel; er tut das, man muss dies der Ordnung halber kurz anmerken, weil er sich an diesem Morgen der vor so vielen Jahren inspizierten Ohrensessel-Erzählung Thomas Bernhards erinnert, dessen lange Satzschleifen nun einen vorwurfsvollen Blick in Richtung dieses Textgebäudes werfen, nicht ohne zuvor noch die Zunge gestreckt und den rechten Mittelfinger offenbart zu haben. Zum Rest des Beitrags »

Comic

Rein. Tiefer. Bitte in diesen Raum. Die Gedärme, die von der Decke hängen, haben wir extra für Sie anbringen lassen. Der Zeitungsmann lächelt. Auf der Zunge könnte sich die Schmiere von dunkler Schokolade befinden. Oder ist das Druckerschmiere? Die Stühle! Er verweist auf die Stühle, die alle mit frischem Blut übergossen wurden, denn wenn man schon einmal den Autor des Romans Blutschneise begrüßen dürfe, dann solle er sich auch wohl fühlen. Aus Lautsprechern hört man das Keuchen sterbender Folteropfer. Rohm schreitet über zwei Leichen. Zum Rest des Beitrags »

Fanny&Victor

I

Jetzt sitzt sie neben dir. Hält sich den Bauch. Blut. Sie presst ihre Innereien zurück. Alles, was man ist, will jetzt aus ihr raus. Ihr seid ihnen in die Falle gegangen. Polizisten. Ein Meer aus Polizisten. Plötzlich waren sie da. Hoben die Flinten. Jäger, die sich mal austoben wollten. Das haben sie schließlich auch getan. Haben sich ausgetobt. Haben die Magazine leer gefeuert. Immer draufhalten. Nicht locker lassen. Euch werden wir bekommen! Wir werden es euch schon zeigen. Ihr habt es von ihren Lippen lesen können. Den Blutdurst. Der Blutdurst ließ ihnen keine Ruhe. Ihr habt es versucht. Alles. Seid hinter die Theke gehechtet. Habt euch verschanzt. Habt gefeuert. Habt nach einem Schokoriegel gegriffen. Noch einmal den Geschmack von Schokolade spüren. Darauf sollte man nicht verzichten, wenn man gleich sterben wird. Ihr sterbt nicht. Ihr seid unsterblich. Eure Gesichter hetzen durch die Zeitungen. Durch die Nachrichtensendungen. Ihr seid Stars. Ikonen. Sie werden euch nicht mehr los. Nie mehr. Ihr gehört zu ihnen. Sie brauchen euch. Ihr seid ein Teil ihrer Geschichte. Ihre Leben sind ohne euch nichts wert. Vielleicht mussten sie daran denken. Kann doch sein. Nicht wahr. Plötzlich stellten sie das Feuer ein. Eine Pause steht doch jedem Arbeitnehmer zu. Ihnen. Euch. Einfach allen. Sie haben euch ziehen lassen. Warum? Zum Rest des Beitrags »

Ein Tanz im Regen oder Sonnig mit ein paar wenigen Wolken im Norden

Wenn ich doch nur von den Drogen los käme, vom verfluchten Heroin, sagt Jochen und presst seinen Kopf in den Schoß seiner Mutter, die zu ihrer Flasche Bier schielt, während der Bauer im Fernsehen zum Himmel späht und nach Regen Ausschau hält, die Hand in seiner Jacke, um sich eine Zigarette aus der Jackentasche zu klauben, die Alfred, würde sie ihm geboten,  ablehnen möchte, aber nicht ablehnen würde, obwohl ihn seine Frau doch schon oft darum gebeten hat, hör doch mit dem verfluchten Rauchen auf, hat sie zu Alfred gesagt, der keinen Krebs möchte, der nervös auf die Ergebnisse vom Arzt und auf seine Frau wartet und der nichts von Jochen ahnt, der nervös in den Fernseher und auf den Bauern vom Wetterbericht starrt, ich muss jetzt gehen, sagt er zu seiner Mutter, Zum Rest des Beitrags »

Sonnenfinsternis

Sie treibt in einem Meer aus Grün. Der Wind kämmt das Gras. Sie blickt in den Himmel hinauf, der nun alles ist. Blau. Sie hält die Luft an. Sie taucht durch den Himmel, stößt mit ihrem Blick an eine Wolkenkoralle. Ihr Haar treibt auf dem Wiesenmeer. Blond auf Grün. Sie geht nicht unter, während ihre Augen im Himmel ersaufen.

Rufe eilen aus einem fernen Hof. Verhallen unverstanden. Die Worte zerklirren an ihrem Ohr. Wortglasstaub lässt sie manchmal niesen. Auf manche Worte reagiert sie allergisch. Nicht aber heute. Nichts würde sie hören, weil sie dort oben ist.

Sie ist im Himmel.

Sie schließt die Augen. Die Sonne kitzelt ihre Nase. Die Strahlen stöckeln über ihr Gesicht. Schritte, die zu ertragen sind. Wohl gesetzt.

Die Wärme ist eine Decke. Sie spürt die Decke auf ihrem Körper, der sich in den Schlaf verabschieden will. Noch strampelt sie mit den Wimpern, klimpert an gegen die Träume. Zum Rest des Beitrags »

Zehn Füller

Schreiben. Der Junge tut es. Schon wieder. Stimmt was nicht. Sieh mal nach. Sitzt da und schreibt. Wir sollten einen Arzt benachrichtigen. Die Leute. Ja, die wundern sich schon. Die fragen nach ihm. Da ist doch ein Junge. Die anderen Kinder klingeln: Wo ist denn der Junge? Der ist oben in seinem Zimmer und schreibt. Das kann man doch nicht sagen. Das ist doch keine Antwort. Wenn er wenigstens Fußball lieben würde. Rangeleien. Bagger. Autos. Nichts davon. Murmelt sich was in seinen unsichtbaren Bart. Dann beschreibt er ihn. Wen? Den Bart! Das würde der Junge jetzt sagen, der vor einer alten Schreibmaschine sitzt. Die hat er sich von seinen Eltern erbettelt. Die Finger schmerzen. Jeder Buchstabe wird zur Qual.

Der Junge sinkt. Der Junge trinkt fast nichts. Er stolpert durch seine Kopfwüste. Beschreibt jedes Sandkorn. In jedem Korn befindet sich ein Weltall. Planeten. Die wollen beschrieben werden. Kriege werden auch geführt. Dem Jungen raucht der Kopf. Nicht lange, dann wird er rauchen. Das Schreiben ist eine Gefahr. Er sitzt vor seinen Geschichten und raucht. Später wird er Kaffee trinken. Bewegung fehlt dem Schreiber eh. Schreiber sitzen da und schreiben sich in den eigenen körperlichen Untergang.

Der Junge schreibt über sich. Seine Eltern. Über andere Eltern. Er beschreibt die Aussicht. Welche Aussicht? Er muss sich nicht bewegen. Er lehnt sich kurz nach vorne. Schon starrt er in die Tiefe. Eine Tiefe, die nicht endet. Unerschöpflich tief.

Die Mutter ruft zum Essen. Muss das sein, denkt der Junge. Zum Rest des Beitrags »

Revolution

Ein angenehmer Sessel. Samt. Die Lehnen sind mit Gold überzogen. Sie müssen hier bleiben. Das hat Jan gesagt. Jan ist der Hoteldirektor. Sie können da nicht raus. Ausgangsverbot. Man würde Sie erschießen. Lynchen. Also bleiben Sie hier. Europäer sind da draußen nicht gerne gesehen. Während ich genüsslich eine Zigarette rauche, springt Jan vor dem Flachbildschirm auf und ab. Hannah beobachtet mich. Ich merke es. Auch wenn mein Blick auf den Fernsehbildern ruht. Unglaublich ist das, flüstere ich. Was?, fragt Hannah. Ich zeige zum Fernseher hin. Demonstranten prügeln sich mit der Polizei. Ein Schuss. Einer der Demonstranten sackt zu Boden. Das passiert hier. Ich springe auf. Hin zum Fenster. Ich kann die Menschen durch die getönte Scheibe nur undeutlich sehen. Besser man beobachtet es auf dem Bildschirm. Mein Blick schweift hin und her. Hier sitzen wir. Wie Götter. Wir thronen in den Wolken. Zum Rest des Beitrags »

London-Blues

Kann ich mich da sehen? Im Widerschein des Feuers. Die Feuer brennen. Ich kann mich sehen. Rennend. Schreiend. Dem Ende ein Schnippchen schlagen. Reichtum ist keine Schande. Armut ist eine Schande. Der Schande entgehen. Mit einer Schandtat. Zündeln. Feuer legen. Terror. Wenn dir nichts mehr bleibt, dann nimm das Nichts und feuer es auf ein Haus. Lege Brände. An denen kannst du dich wärmen. Bau dir ein Nest aus Feuer. Eine Villa am Feuersee. Spring in den See. Bade im Feuer. Ich mittendrin. Kann ich mir das vorstellen?

Ich kann mir alles vorstellen. Darum geht es doch. In Häute schlüpfen. In einem anderen Körper verschwinden. Im Brandkörper stecken. Auf das Haus fliegen, das Haus in Brand setzend. Sätze setzen, die wie Brandbeschleuniger wirken. Brennen. Zum Rest des Beitrags »

Liebe

Für Annette

Du! Immer da. Dein Gesicht auf meinem Gesicht. Die Gesichter fallen ineinander. Verkeilen sich. Zähne, die zu einem Gebiss werden. Das Reiben der Haut. Wo gehobelt wird, da fallen die Kleider. Liegen da wie tote Tauben. Wie Gebirgszüge umgrenzen sie unsere Körper. Wüsten. Die Finger fahren. Erkunden das Gebiet. Von Düne zu Düne. Die Finger tauchen in den Sand. In die Hitze einfahren. Ins Bergwerk. Direkt in den Körper hinein. Die Feuer des Erdinneren spüren. Eine Reise bis zum Mittelpunkt des Denkens. Des Körpers. Der sich nun biegt wie eine römische Brücke, die unsere Atemzüge verbindet. Die Finger marschieren über Stunden. Im Takt des Krieges, der besitzen will, der fremdes Land unterjochen will. Hier ein Lager aufschlagen. Direkt am Fluss. An der Quelle. Die Nacht abwarten. In die Quelle eindringen. Zum Rest des Beitrags »

Junkie

Schweißtropfen fliegen. Die Menge starrt gebannt. Mit seiner Rechten legt dich dein Gegner flach. Du knickst ein. Gehst auf die Knie. Betest das Scheinwerferlicht an. Das Licht. Von dem Licht haben dir alle erzählt. Man würde es kurz vor der Niederlage sehen. Es wäre wunderschön. Eine Aufforderung. Eine Einladung. Nichts anderes wolle man mehr sehen. Man wolle in das Licht hinein. Dein Oberkörper knallt auf die Matte. Die Zeit hat sich verlangsamt. Die Schreie sind Schlieren, die zäh aus den Mündern tropfen. Du hast das Geheimnis der Zeit gelöst. So muss man leben, will man bewusst leben. Mi dem Kopf auf der Matte Zum Rest des Beitrags »

Macht.Fernsehen.Dumm.

Dumm nur, dass wir unseren Fernseher vor einigen Stunden die steile Treppe nach unten getragen haben, denn so verpassten wir, die Nachbarsfamilie erklärt es uns mit eiligen Lippen, die Sendung über die Familie, die ihren Fernseher entsorgte, weil sie nicht dumm sterben wollte, die Familie, die nun tot unter dem Schutt ihres Hauses liegt, weil sie nicht aus dem Fernseher erfuhren, dass sich ein Orkan auf ihr Haus zu bewegte, ein ausgewachsener, ein erwachsener Sturm, der sich auf ihr Haus drauf setzte, einfach so, als wäre das Haus ein Hocker, auf dem man es sich nach der langen Reise kurz gemütlich macht, während unter seinem Hintern Holz barst, es wurde vom Wind zu Splittern verarbeitet, dies alles erzählt uns der Nachbar, während ich den Himmel nach Unregelmäßigkeiten absuche, Veränderungen in der Struktur, und der nunmehrigen Gewissheit mit der Entsorgung unseres Fernsehers einen Fehler begangen zu haben, einen Fehler, der ausgebügelt werden kann, Zum Rest des Beitrags »

Bei den Kikki-Männern (Teil 4)

Im Würgegriff der Diabolie

Vierter und letzter Teil einer Reise in die Welt der neuen deutschen Kindheits- und Jugendromane

Zwei mächtige Feinde

Heinz Strunk hat mit Heinz in Afrika längst ein neues und, wie man hört, warmherziges Werk vorgelegt, und auch Ortheil und Klein haben es wieder getan. Während Hanns-Josef Ortheil auf Moselreise geht („Wer Wein trinkt – betet“, sagt Theodor Heuss), spürt Georg Klein der Logik der Sülze, pardon: Süße nach. So heißt eine Sammlung von Prosaklumpen, in denen es laut „Süddeutscher Zeitung“ um „Schatzsuche, Satanismus, Phantasie, Science-fiction, Kulte und Mythen, Märchen und Geschichtsmüll“ geht. Also um den gleichen Glibber wie im Kikki-Mann-Roman, direkt aus dem Preßkopf auf den Tisch der Rezensenten. Die sich, wie zu erwarten, über die „gedrechselte, witzige, melodisch betörend sichere Sprache“ (Ina Hartwig) ein achtes Loch in den Kopf freuen: „eine Wohltat“ („Die Zeit“), „ein Glücksfall“ („FAZ“) usw.

Gedacht als „Danksagung“ und „Hommage“ an die Generation der Väter und „Kriegsteilnehmer“, wie der Verfasser auf seiner Webseite betont („Einigen von ihnen einen Schimmer Heldenhaftigkeit zu gönnen, war mir eine Herzenssache“), hat der Kikki-Mann-Roman schon bei der Niederschrift „zwei mächtige Feinde“ gehabt. Zum Rest des Beitrags »