Bilder-Kaleidoskop & ­ Wort-Schleuder-Prosa Texte von Wenzel Storch und Guido Rohm (Bild rechts)

Shit happens!

Geht die Tür auf, sehe ich Füße. Zwei von ihnen. Sie schlurfen. Manchmal tippeln sie auch.
Ich häng hier die meiste Zeit rum. Hab ich mir nicht selbst ausgesucht, es wurde mir aufgedrückt. Nennt es Schicksal, Karma, Kismet.
An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern.
Meine Kindheit verbrachte ich in einem Großhandel. Dort hat es mir gefallen. Es war eine Menge los. Die Leute strömten an mir vorüber. Sie nahmen mich in die Hand, besahen mich, prüften mich mit abschätzenden Blicken. Unterhielten sich über mich. Mein Körper ist aus Plastik. Manche sagten, ich würde nicht lange durchhalten. Anderen gefiel meine Hautfarbe nicht. Damals wusste ich von Rassismus noch nichts.
Irgendwann wurde ich gekauft. Heute denke ich anders darüber. Damals war ich glücklich. Ich dachte, jetzt geht es los. Ich gehe auf Reisen. Sehe etwas von der Welt.
Oh nein! Sind wir doch mal ehrlich. Ich lebte auf einem Sklavenmarkt. Ich war ein Kerl, dessen Hautfarbe nicht allen passte, und der auf einem Sklavenmarkt verkauft wurde. Man nahm mich nicht wegen meines Charakters. Man erwarb mich, um mich zu benutzen. Zum Rest des Beitrags »

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Das Genie als Texist

Neue Erkenntnisse im Fall Horst Potz

Horst Potz. Vorstellen muss man ihn ja nicht. Jedes Kind kennt ihn. In den deutschen Kindergärten sitzen sie wie selbstverständlich und lesen Potz, vor allem seine "Gesänge im Gedränge vor der Kasse". Darin wird ja allerhand berichtet. Es gibt auch Kochrezepte. Was will man mehr von einem Buch?

Potz lebt nicht mehr. Traurig aber wahr. Er wurde vor drei Jahren tot in seiner Wohnung gefunden. Er saß vor seinem letzten Manuskript, so wie es sich für einen deutschen Dichter geziemt.

Enddichtung nennt man das.

Er hat sich die Worte aus den Fingern gesogen, dass es eine Pracht war. Haufenweise Worte, die er gar nicht alle gebrauchen konnte. Also ist er losgezogen und hat sie auf dem Flohmarkt verkauft. Ahnungslose haben sich da manchmal reich gekauft, ohne es zu wissen. Ein kleines Kästchen und drin ein Wort von Potz wie z.B. Glas. Kein gewöhnliches Glas, sondern ein Potz-Glas. Das ist unbezahlbar. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke 39

Vom Glück

Ein Abendessen ist die reinste Hetze.

Früher hatten wir ja nichts. Von einem Ofen wurde nicht geträumt, weil der in einer Wohnung hätte stehen sollen. Wohnungsträume hatten Vorrang.

Heute residieren Rohms ja - man weiß es aus zahllosen Berichten in Presse und Fernsehen - in einer geräumigen Villa am Rande Fuldas. Ständiges Gewusel, wenn die Bediensteten ihren Aufgaben nachgehen: Bücher abstauben, Matratzen verbrennen, neue nachlegen, Luft vor mein Gesicht fächern. Arbeit über Arbeit für siebenhundert Leute, die durch meine enormen Verkäufe ein Auskommen gefunden haben. Soll sich mal keiner Beschweren. Ich kann da nachtragend sein. Und so leicht findet sich kein zweiter Ausbeuter, der derart schlecht entlohnt.

Ein Unmensch bin ich in keinem Fall, und nur weil einer vor mir kniet, auf dem ich meine Füße ablege, sollte man nicht schlecht über mich denken.

Trotz meines Glücks, komme ich aus dem Stress einfach nicht heraus, er hält mich in seinen Klauen, etwa wenn ich das Abendessen hinunterschlinge, weil längst schon wieder mein nächster Roman auf mich wartet.

Zum Kauen war ursprünglich ein professioneller Gourmet eingestellt, den ich entlassen musste. Es gibt Dinge, die muss man leider noch selber tun. Tragisch, aber so ist es eben.

Da kannst du, wie ich, Millionen auf deinem Konto haben, essen musst du in eigener Person.

Geld allein macht eben auch nicht restlos glücklich. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke 38

Das totale Lachen 

Wenn Fasching in Fulda ist, verkleiden sich die Menschen. (Ihr kennt das bestimmt, weil ihr schon mal hier wart, und wenn ihr Fulda noch nicht besucht habt, dann kennt ihr sicherlich die Theorie, dass alle Menschen ursprünglich aus Fulda kamen. Sie zogen in die Welt und besiedelten sie, und so kam es, dass es irgendwann überall kleine Städte von Fuldaern gab, die wuchsen und wuchsen, bis sie Köln und New York hießen.)

Während der Faschingszeit wird ungeheuerlich viel Alkohol getrunken, mehr als das ganze Jahr über. Die Leute laufen in Verkleidungen umher und lachen und trinken, bis sie ganz erschöpft von der übermäßigen Freude sind. Es gibt sogenannte Märsche, weil Fasching auch eine Art Krieg ist. Der Spaß muss in jeden Haushalt getragen werden, sodass man die Türen derer aufbricht, die sich nicht an dem Geschrei und den Reden beteiligen wollen. (Solche Wohnungen werden zwangsbelacht.)

Reden sind der nächste wichtige Bestandteil. Über alles macht man sich lustig, über die Politiker, die sich natürlich auch über sich selbst lustig machen müssen, weil sie sich das ganze Jahr über die Bürger lustig machen. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke 37

Aphorismen für den Hausgebrauch (1)

Tanzen ist der Versuch, sich vor dem Gehen zu drücken.

 

Fashion-Week-Fulda 2013

Alljährlich treffen sich modeunbewusste Menschen aus der ganzen Welt in Fulda, um einmal mehr zu zeigen, was man auch zukünftig nicht tragen sollte, so etwa die Jacke D.D.R. des Designerduos Heubler&Stressberger.

Das schwer pflegbare Material aus gesammelten Flusen, die man aus den Bauchnabeln von 4000 Absolventen der Modeschule Fulda entfernte, ist nicht zum Tragen geeignet, wird aber in etwa drei Wochen zu einem Ladenpreis von 4,35 Euro käuflich erwerbbar sein.

Heubler&Stressberger raten allerdings davon ab.

"Ich würde für den Scheißdreck höchstens 2,25 Euro hinlegen", erklärte Dario Stressberger in einem Interview, das er erst vor wenigen Tagen dem Szene-Magazin no, no, no gegeben hat. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke 36

Ein Apfel und ein Ei

Weil Samstag ist, waren wir beim Chinesen. Da bekommt man das Mittagsbuffet für einen Apfel und ein Ei. Und eine Aussicht hat der Chinese über Fulda. Fürchterlich, weil überhaupt nicht vorhanden. Nur Dächer.

Ich sitze da und stelle mir vor, wie Cary Grant über die Ziegel rutscht. Bei Dächern denke ich immer an Cary Grant. Ist eine Filmunart. Filme haben mich versaut. Nicht nur moralisch. Auch die Sicht auf die Welt. Oder eben die Dächer von Fulda.

Wir haben gegessen. Zehn Teller voll. Für einen Apfel und ein Ei muss man rausholen, was in den Töpfen drin ist. Bei unserer finanziellen Lage gibt man nicht oft einen Apfel und ein Ei her. Die isst man selbst. Muss ja irgendwie satt werden. Obwohl Unterernährung nicht mein Problem ist.

Glücksbotschaften bekommt man auch gereicht. In English. And in Deutsch. Damit man weiß, wie die Zukunft verläuft. Auf meiner stand keine Prophezeiung. Eine Warnung war es, dass ich mit meinen Kräften haushalten solle. Meine Frau bekommt laut Keksinnenleben Gegenliebe für ihre Liebe. Und das alles für einen Apfel und ein Ei.

 

Wo Gott einen Tischfußball aufstellt, da muss er mitten unter den Menschen sein

An Sonntagen geht der Fuldaer in die Kirche. Früher war das so. Der Vater streifte sich seinen Mantel über, klopfte ihn ab, als müsse er sich selbst auf Schusswaffen untersuchen. Er nickte seiner Frau zu, die das verstand, obwohl sie es nie verstand. Es war ein sonntägliches Vor-der-Kirche-Nicken, das der Vater schon bei seinem Vater beobachtet hatte, und der bei seinem Vater. Die ganze Ahnenkette hinunter bis zum ersten Vater haben sie ihren Frauen zugenickt, die es mit einem stoischen Blick hinnahmen. Es wird schon etwas bedeuten, werden sie alle gedacht haben. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (35)

Der Briefwechsel von Jochen Mersmann mit Heiner Lampert (2)

Lieber Heiner,

hier die gewünschten Wörter aus meinem Roman: es, weiter, Wille, Samstag, Menstruation, Hochhaus. Wähl einen anderen Titel für dein Stück. So wird das mit Peymann nie was. Wetter immer noch beschissen.

Jochen

 

Lieber Jochen,

danke für die Wörter. Wir haben sie unseren Bekannten Winfried und Herta Müller gezeigt. Ich glaube, dass sie neidisch darauf waren. Winfried wollt gar nicht glauben, dass es deine Worte wären. Er sei sich gewiss, sie so oder so ähnlich schon einmal gelesen zu haben. Ich konterte mit einem Lachen und dem Hinweis, dass dies gänzlich unmöglich sei. Hier auf dem Land leben eben recht einfältige Menschen.

Peymann hat auf meinen letzten Brief wieder nicht reagiert. Ich denke nicht, dass ich meine Stücke noch von ihm inszenieren lassen möchte. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (34)

 

Ich bin und bleibe Mäuseträger

Es soll Menschen geben, die noch keine Maus auf dem Kopf tragen. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, denn seit ich eine Maus auf dem Kopf trage, hat sich mein Leben grundlegend geändert.

Mäuse auf dem Kopf führen stets zu einem Gespräch, vor allem, wenn man auf Leute trifft, die auch eine Maus auf dem Kopf tragen.

Leider soll das Tragen von Mäusen auf dem Kopf in öffentlichen Räumen demnächst verboten werden. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (33)

Verkaterte Schockmauser

Die Ruhe ist wie eine Katze, die es sich auf der Stadt gemütlich gemacht hat. Keine Autos fahren, keine Menschen eilen, alle liegen – vermutlich müde und abgekämpft, um im Katzenbild zu bleiben: verkatert – auf ihren Sofas und in den Betten. Eine Welt, die sich von Kopfschmerzen erholen muss, scheint eine bessere zu sein. Sie kauft und verkauft nicht. Arbeit ist ihr zuwider. Sie will nichts wissen, stiehlt sich in den Fernseher, zieht sich in ihr Schneckenreihenhaus zurück, im besten Fall zieht sie sich in sich selbst zurück.

Eine Welt, verkatert, könnte sich zu einer friedlichen mausern. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (32)

Guldaer Notizen (14)

Willem Kong ist an diesem Morgen gestresst.

Erst musste er eine Zigarette rauchen, dann einen Kaffee trinken, und schließlich saß er noch zwei Stunden in seinem Lieblingssessel und lauschte dem inneren Geräusch seines Ohrs, das ihn an das Brausen des Windes auf offener See erinnerte. Er deutete es zumindest so, auch wenn er es noch nie in natura hören durfte.

Er stellte sich vor, dass er der Kapitän eines Piratenschiffs sei, das sich auf dem Weg nach China befand. Stolz stand er neben dem Steuermann, der ihn plötzlich mit dem verkniffenen Gesichtsausdruck seiner Frau musterte und ihn darauf hinwies, dass er sich jetzt gefälligst aus dem Sessel bequemen solle, denn schließlich müsse man noch einkaufen gehen. Der Kühlschrank fülle sich nicht von allein.

Widerstrebend öffnete Kong die Augen und nickte.

Ja, dachte er, ein Piratenleben ist wahrlich gefährlich. Eben bist du noch an Bord deines eigenen Schiffes, um im nächsten Augenblick bereits in Ketten auf den Sklavenmarkt geführt zu werden.

Aber wer weiß, vielleicht würde es ihm ja gelingen zu fliehen.

 

Guldaer Notizen (15)

Die Sonne muss sich verirrt haben. Schnee müsste liegen. Oder es müsste regnen. Hageln könnte es auch. Aber Sonne?

Die Guldaer würden ihr ja gerne den rechten Weg weisen. Sie müsste längst woanders sein. Irgendwo im Süden. Da scheint sie doch gerne, das hat man im Fernsehen sehen können. Vielleicht Mallorca. Hawaii.

Wie stellen wir es nur an, dass sie weiterzieht, fragen die Guldaer sich. Wie stellen wir einen Kontakt zur Sonne her? Wie sollen wir mit ihr kommunizieren?

Man könnte sich auf Leitern stellen, die auf den höchsten Hügeln der Umgebung stehen, gehalten von den stärksten Männern. Einer, ein kleiner Kerl, müsste hinaufklettern und die Sonne anstrahlen, denn aufs Strahlen versteht sie sich.

Das Strahlen würde nicht reichen, erklären Kritiker. Man müsste die Sonne mit Wasserbomben bewerfen. Sie verjagen. Man könnte ihr mit der Nacht drohen. Ein dunkler Geselle, der, wenn er sein letztes Sternbier getrunken hat, bestimmt hier auftauchen wird, um ihr, der Sonne, eins auf die Nase zu geben.

Alles Unsinn, schimpfen die Sonnenanbeter. Man solle der Sonne danken, dass sie sich ausgerechnet zu dieser Jahreszeit so sehr um ihre Kinder müht. Man sollte auf die Knie fallen. Ein paar Opfer bringen. Mehr nicht.

Wie man es auch dreht und wendet, es herrscht Uneinigkeit unter den Guldaern über den Stand der Sonne.

 

Guldaer Notizen (16)

Erste Schüsse tönen durch die Straßen und künden von den Aufständen, die Gulda zu erschüttern drohen. Die "Allianz gegen 2013" will das neue Jahr verhindern, wenn es sein muss, auch indem man das alte, so die Allianz in einer ihrer Videobotschaften, besetze.

Bürgermeister Höller hat die Bevölkerung gebeten, sich dem Zeitterror zu widersetzen. Das neue Jahr werde pünktlich am 31. Dezember gegen Mitternacht die Stadttore passieren.

Der Rädelsführer der Allianz, Ottmar Laden, kündigte an, solle es zu einem Einmarsch des neuen Jahres kommen, werde man auch aus dem Untergrund zu kämpfen wissen, aber ruhen, nein, ruhen werde man nicht.

Es brodelt in der Stadt. Ein Krieg scheint kaum noch zu vermeiden zu sein.

 

Die Einsamkeit der Seitenstraße

Wie man sich wohl fühlt, als kaum wahrgenommene Seitenstraße? Nagt die Einsamkeit am Teer? Man altert und altert, bis die Stadtoberen beschließen, eine Schönheitsoperation vornehmen zu lassen. Facelifting. Eine neue Schicht wird über das Gesicht gezogen, sodass nichts von dem übrig bleibt, was einen über so viele Jahre prägte. Die wenigen Autos, die über einen rollten. Die schnellen Nummern(schilder) am Abend und am Morgen. Dazwischen nur das Warten auf die Rückkehr der Geliebten. Nicht einmal Altenheime gibt es, in denen sie einen unterbringen könnten. Man wird versteckt wie eine Lüge, ein Geheimnis, von dem niemand etwas wissen soll. Kinder spielen nicht auf ihr, weil jene, die hier wohnen, ihre Ruhe haben wollen. Es ist zum Weinen, und wenn man über sie läuft und ihre Risse sieht, ihre Falten, die sie ganz allein für sich aushalten muss, dann kann einem schon der Atem stocken. Da ist niemand, mit dem sie sprechen kann.

Einst sehnte sie sich nach der Hauptstraße, die nicht weit entfernt liegt. Wunderschön ist sie. Begehrt. Stark befahren. Ein Hit unter den Straßen. Eine, die man nicht vergisst.

Heute tut der Seitenstraße die Hauptstraße leid. So benutzt. Eine Hure, die übergangen wird, als wäre sie ein Nichts. Nein, auch die Hauptstraße wird nicht wirklich wahrgenommen.

Sie sind das, was die Menschen aus ihnen gemacht haben.

 

UNIVERSAL SOLDIER – DAY OF RECKONING

Wir haben uns gestern UNIVERSAL SOLDIER – DAY OF RECKONING angesehen, und ich war gespannt, weil ich mich erinnern konnte, mit welch hymnischen Worten Oliver Nöding darüber geschrieben hatte, mit Worten, die sich überschlugen, die auf den Tisch gestiegen waren, um mir zu zeigen, wie groß dieser Film ist.

Also lehnte ich mich zurück, vor uns ein Glas Bowle, nach der ich momentan so verrückt bin, und harrte der ersten Bilder, die mich - keine Frage! - mit einem Tritt in eine Ecke meines Hirns katapultierten. Ja, das hatte ich gesucht! Das war mir versprochen worden: Bilder, die schmerzen, die wehtun, die meine Sehgewohnheiten in Frage stellen. Kino, wie ich es mir erhoffe, wie ich es bisher nur bei einem Gaspard Noe fand. Ich kenne die anderen Teile der Reihe nicht, nicht einen, und deshalb fiel es mir schwer, auszumachen, wo ich denn gelandet war. In einem Albtraum? In einem Höllenbild? Die Kamera stieß mich von Beklemmung zu Beklemmung, so ging es die ersten Minuten, ich weiß gar nicht, wie lange der böser Zauber währte. Und dann verschwand er, alles verwandelte sich in Dinge, die ich so schon gesehen hatte, der Film wurde zu der Imitation eines Terrorfilms, das war kein Terrorkino, kein Film, der in meinem Kopf saß, mit einem breiten Grinsen und mir drohte, dass hier jeden Moment alles in die Luft fliegen würde.

Die Autoverfolgungsjagd, schlecht, so wie ein Rennen auf einem Jahrmarkt, ein Rennen beim Autoscooter. Ich rempel dich, du rempelst mich, wir rempeln, bis wir die Langweile in den Film gerempelt haben, bis nichts mehr von den bizarren und morbiden Bildern übrig bleibt, die zuvor wie ein schleichender Leichenwagen durch den Film fuhren. Schlägerei folgte Schlägerei, keine kinetischen Offenbarungen, sondern nur die Suche nach dem Ende des Films, meine Suche, die sich nicht einstellen wollte.

Ich mag den Film nicht, weil er die Kunst, die man ihm unterstellt, spielt. Er ist ein Falschmünzer, ein Türsteher, der vor einem Club steht, in dem nichts zu finden ist, es gibt nur den Türsteher und sein Versprechen eines großartigen Erlebnisses. Er ist eine Mogelpackung, die trotzdem ihre Momente hatte, ihre ersten Bilder, ihren Einstieg, der zum besten gehört, was ich im scheidenden Jahr gesehen habe. Er ist ein Vorhallenfilm, einer, der mit einer großen Dunkelheit beginnt, die rasch zu einer von vielen Nächten verkommt. Er bietet mir eine Dunkelheit, die ich bereits kenne, leider, denn ich hätte so gerne einen Film entdeckt, wie ihn mir Oliver Nöding versprochen hatte, und er hat ihn ja auch gesehen, der Glückliche, nur ich eben nicht, aber das ist nicht weiter schlimm, weil ich so auf Filme stoße, die ich mir vermutlich nie angesehen hätte, und man lebt doch auch der Dinge wegen, die man nicht mag, die einen abstoßen, sie werden auch Teil unserer Hirnasservatenkammer, in die man alles das packt, was man an den Tatorten seines Lebens fand, all die Waffen, die einen umbringen sollten, die einen stechen und bluten lassen wollten, auch wenn sie es nicht schafften. Sie werden zur Geschichte, zu unserer Geschichte; wir sind das, was wir finden, oder auch das, was uns aufspürt.

 

Provinz

A und ich (und unsere Kinder) sitzen ja hier in der Provinz fest, und deshalb kann ich mir die meisten Filme, die mich interessieren erst ansehen, wenn sie als DVD erscheinen. Wir müssten sonst nach Frankfurt fahren, aber dafür sind wir zu bequem, zu eigenbrötlerisch, zu besessen von unserer Wohnungshöhle, die wir nur verlassen, um in der Umgebung zu jagen. Daher kann ich mir erst heute MOONRISE KINGDOM ansehen. Und ein paar Folgen WALKING DEAD warten auch noch, auch einige Fragen, die ich beantworten soll; eine erste keucht in meinem Maileingang und bettelt um Beantwortung. Ich will sie nicht mit ein paar schnellen Worten abspeisen, also muss sie warten, während ich darüber nachdenke, was ich zu ihr sagen werde.

 

Rückkehr von den Toten

Die Frau, die unter uns wohnt, ist nicht gestorben. Alle dachten es, eine Nachbarin, dann noch eine Freundin oder Bekannte, ich weiß nicht, wer die Dame war, und ein Herr, der mit ihr gekommen war.

"Sie hat den Schlüssel stecken, antwortet nicht. Wir haben angerufen, so oft schon, aber sie rührt sich nicht."

Und wieder wurde geklopft und gerüttelt, wurde nach der vermeintlich bereits Verstorbenen gerufen. Noch ein Anruf, und noch einer, so schnell kann man ja nicht aufgeben, auch wenn man vor der Tür bereits über die Beerdigung spricht, solange, bis die Tote die Tür plötzlich öffnet, lebendig wie eh und je, und sich wundert, was der ganze Auflauf soll. Bei solch einem Theater, erklärt sie ungerührt, könne man nicht schlafen, nicht einmal sie.

 

Neben dem Leben leben

Man kann doch nicht den ganzen Tag vertrödeln und verschreiben, man muss doch auch mal leben (wo habe ich das nur gehört oder gelesen?). Ganz klar, denke ich mir, da hat jemand recht, dagegen kann man nichts sagen, und dann denke ich gegen das Denken an, denke, muss man denn wirklich leben, um gelebt zu haben, reicht es nicht aus, geträumt zu haben, sich einen Hügel angesehen zu haben, einen Regentropfen auf einem Geländer, um zu sagen, ich habe auch gelebt, irgendwie, mehr nebenher, nicht so großspurig, nicht mit großen Schritten, dafür in vielen kleinen Augenblicken, die am Ende vielleicht wie ein Leben aussehen werden, wie ein großflächiges Lebensmeer, eines, das kaum von den anderen zu unterscheiden ist. Neben dem Leben leben, das ist es.

 

Notiz zu MOONRISE KINGDOM

MOONRISE KINGDOM ist ein Film, der mich ausgesperrt hat. Seine Bilder, die wie mit dem Lineal gezogen wirken, gingen an mir vorüber, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Das ist beim Betrachten eines Films nicht sein Fehler. Ich hätte vermutlich genauer hinsehen müssen. So ist nichts aus uns geworden.

Dabei hatte ich mir vorgenommen, mich zu bemühen, weil ich ganz wild darauf war, einen wunderbaren Film zu sehen, einen, der mich verwirrt, betört, der die Haare nach hinten wirft, um den Ansatz einer Glatze zu offenbaren. Dieser war ein Kinderkarussell, auf das ich an diesem Tag nicht steigen wollte. Schade.

 

Wie man im Datenstrom ersaufen sollte

Wenn ich in meinem Bett liege, den Kopf sanft gebettet, vor mir mein Kindle, kommt es mir so vor, als wäre ich von ein paar dreisten Science-Fiction-Filmen eingeholt worden. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, ist nun zu einem Stück Realität geworden. Die Zukunft lebt jetzt, sie tobt sich aus. Das Leben verflüssigt sich. Nicht mehr lange, dann wird alles mit allem vernetzt sein, während ich als Fliege und Spinne gleichzeitig in diesem Gespinst hocke. Alles ist möglich.

Es könnte sein, dass man eine Kopie von mir erschafft. Vielleicht ist es auch schon längst geschehen. Nicht ich schreibe meine Geschichten, es könnte mein anderes Ich sein, das sie in den Morgenstunden in die Tastatur klappert. Alles sehr verwirrend.

Der (heißt es der oder doch das?) Kindle löst die gedruckten Bücher nicht ab, nicht für mich, er ist eine Erweiterung, gedacht für all die Gebrauchstexte, die ich nicht mehr als einmal lesen werde. (Die Welt ist voller Gebrauchstexte, Verbrauchstexte, die ich weitaus mehr liebe als jene Texte, die scheinbar für die Ewigkeit geschrieben wurden. Ewigkeitstexte müssen eine besondere Konsistenz aufweisen, einen stählernen Wortbau, der sie für die Reise, die nie enden soll, wappnet. Verbrauchsliteratur will gelebt, will weggelesen, will zerlesen werden. Sie ist so lebendig wie die Literatur, die ich mir wünsche. Vielleicht mag ich deshalb die US-amerikanischen Schriftsteller so sehr, weil ihre Schreibweise mich an die Kinderautoren erinnert, die ich gegenwärtig verschlinge (Ende, Dahl, Lindgren). Sie erzählen auf eine herrlich altmodische Lagerfeuerart ihre Geschichten, ohne mir dabei beständig zublinzeln zu müssen, wie es die Ewigkeitsautoren ja gerne tun. Ihr Blinzeln soll heißen: Na, habe ich das nicht gut gemacht. Da staunst du, was? Hier, dieser Satz ging über sieben Seiten, er ist berechnet worden.)

Ich mag die gute neue Zeit, die im Internet entsteht, die alles in eine Bewegung versetzt, in einen langen Strom, der unablässig in alle Richtungen fließt. Dieser Strom spült Dinge an mein Land, die ich auflese, um sie später wieder dem Wasser anzuvertrauen. Das Netz ist ein Gewässer, in dem noch jeder umkommen wird, man muss nur wissen, wie man sich töten lässt. Mein Ich ist ein Kunstprodukt, das bei Facebook Dinge mag, die es gar nicht mag, denn wenn ich mich strömen lasse, wenn ich selbst zu einem literarischen Fluss werde, überrolle ich irgendwann die Firmen mit meinen Informationen, die keinen Pfifferling wert sind.

Jetzt ist mein Kaffee kalt geworden, und dabei wollte ich längst an meinen neuen Roman arbeiten – Mensch, Rohm, reiß dich zusammen!

Was bleibt, ist Ihnen, liebe Leser:innen (auf meinen Lesungen sind hauptsächlich Frauen; Frauen sind es, die lesen, allein schon deshalb muss man sie lieben, auch wenn ich nur meine liebe, die großartige A) ein glückliches 2013 zu wünschen. Wir lesen uns im nächsten Jahr, das ja bereits mit seinem Kopf zwischen Tür und Rahmen steckt. Vielleicht lesen wir uns auch früher, weil mir irgendeine Unsinnigkeit eingefallen ist, die ich meinem Notizbuch unbedingt anvertrauen musste.

 

Zum Jahreswechsel

Wenn man den Tag so ruhig und unbesonnen in seinem Wohnzimmer ablegen durfte, fällt es schwer, ihn noch einmal überzustreifen, nur weil es die Etikette des Jahreswechsels verlangt. Was für ein Theater um einen Satz neuer Monate, die in einem Jahr eh wieder abgelebt sind. Man sollte nicht auf die Zeit bauen, sondern auf den, der sie pflegt. Es kommt eben auf den richtigen Umgang mit ihr an, man muss sie zu leben wissen. Dann erspart man sich auch diese ständigen Jahreswechsel.

 

Neujahr

So neu wirkt es gar nicht, das Jahr, eher wie ein benutztes Kondom, das jemand aus dem Fenster auf die Straße warf. Wasser strömt, es breitet seine Arme, umarmt es, will es mit sich reißen. Grau ist der dominierende Grundton des Morgens. Alles hat sich mit diesem Grau vollgesogen: Die Häuser, die den Raketen, die in der Nacht stiegen und Funken sprühten, standhielten, die Gesichter erster Frauen, die die Überbleibsel des nächtlichen Kriegs aus den Einfahrten klauben, selbst die Glocken der Kirchen klingen grau, als wäre ihnen der Farbklang abhanden gekommen.

Neu an dem Jahr ist, dass es so benannt wird. Man hat das Etikett entfernt, um ein anderes einzunähen. Da steht jetzt 2013.

 

Zwischennotiz

Ich komme gegenwärtig gar nicht mehr aus dem Schreiben raus, aus diesem Geräusch, das die Finger verursachen, wenn sie die Tastatur bespielen. Ich will die Notizen pflegen, arbeite an einem neuen Roman und befinde mich in einem "Mailgespräch", das in Kürze auch nachzulesen sein soll; wenn es soweit ist, werde ich den Link setzen.

Eben erreichte uns ein Anruf von As Schwester, die im Urlaub ist, und die, im Gegensatz zu uns, mit schönem Wetter gesegnet ist. Ihr Lachen drang so heiter durch die Luft, von Telefon zu Telefon, dass es die reinste Freude war.

Sonne oder Regen sind für meinen jeweiligen Gemütszustand von entscheidender Wichtigkeit. Ich würde mich in einem Blauhimmelland weitaus vorteilhafter entwickeln. Ein grauer Himmel, ein Licht, das nur aus der Steckdose kommt, verdüstert meine Ein- und Aussichten.

Ich könnte mir vorstellen, in einem weit ausladenden Gebäude zu wohnen, in einem, in dem die Gedanken und die Worte Platz haben, in denen sie atmen und sich entwickeln können.

So aber bleibe ich an meinem Schreibtisch sitzen und schreibe mich wenigstens in andere Leben hinein.

(Man sollte einen solchen Beitrag nicht überbewerten, nicht als Notiz einer fortschreitenden Depression lesen, sondern als vorübergehendes Statement einer momentanen Verfassung.)

Guido Rohm

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Hirnbruchstücke (31)

Wann man mit dem Sterben aufhören sollte

„Mein Großvater starb nämlich schon, solange ich denken kann, wahrscheinlich sogar länger, und erst kurz vor seinem Tod hat er damit aufgehört.“ Tilman Rammstedt, Der Kaiser von China

 

Ermüdend

Auf unserem Küchentisch gibt es einen kleinen Vulkan, der in den frühen Morgenstunden Rauch und Feuer spuckte. Sämtliches Leben verendete in den Lavaströmen.

Die Dinosaurier, an die wir uns so sehr gewöhnt hatten, gibt es nun nicht mehr. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (30)

Bruder Leichtfuß

Kleine Abendmeditation

Ich bin mir an diesem Tag aus dem Weg gegangen.

Sah ich mich liegen, die Zehen wippend, weil ich vielleicht Musik hörte oder einem gartenschlauchähnlichen Geräusch lauschte, das in meinen Ohren eine seltsam traurige Melodie spielte, setzte ich vorsichtig -  so wie man unbezahlbare Vasen abstellt - Fuß für Fuß sacht auf, mich rasch in die Küche stehlend, um mich dort auf einem Küchenstuhl abzusetzen. Irgendwo musste ich ja mit mir hin.

Dort saß ich dann mit einer heißen Schokolade, den Mund mit Süßigkeiten gefüllt, ein überlaufendes Lebensmittellager, bis sie plötzlich hilfesuchend seitlich an den Lippen zu sehen waren, sich streckend, winkend, um sich schließlich todesmutig auf den Tisch zu stürzen, der bereits von zahllosen anderen gebrochenen Bröselleibern übersät war. Stille lag über den Körpern. Ein Massaker  hatte sich ereignet, man könnte von einem Völkermord sprechen, würde man damit das Wort nicht entwerten, was hiermit nicht geschehen soll, und nicht geschehen ist. Sprache ist kein Leichtsinn, sondern ein Schwersinn.

Und dann denke ich darüber nach und schüttele den Kopf, jetzt fallen noch mehr Krümel, so kann ich das nicht stehen (und liegen) lassen. Natürlich ist die Sprache ein Leichtsinn, ein Bruder Leichtfuß, der über alles laufen kann, auch über glühende Kohlen - probieren Sie es doch aus.

 

Abendstimmen (Stück für zwei Schwestern, diverse Kinder, einen Wellensittich und ein Fernsehgerät)

Erstaufführung am 22.12.2012 gegen 19.48 Uhr

Die Kinder sitzen vor dem Fernsehgerät. Starr, weil ein Wolf sich in ihren Gesichtern verbeißt. Gras wiegt sich. Sie sehen sich tiefer und tiefer in die Bilder. In der Küche sitzt A, deren Schwester eingetroffen ist. Die Stimmen mischen sich mit denen aus dem Film. Die Musik, gehämmerte Geigen, Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (29)

Der Tag, an dem ich mir einen Tag greife, wird ein guter Tag sein

Die Tage entkommen mir, täglich, es ist ein Desaster. Sie lassen sich nicht greifen. Erwische ich doch mal einen, lässt er sich nicht zwingen. Er soll sich setzen. Ganz aus der Puste ist er. Wird noch an einem Herzinfarkt sterben. So erreicht er die Weihnachtsfeiertage nie.

Und alle trampeln auf ihm rum. Wollen rasch in ein Geschäft. Lebensmittel für die nächsten dreißig Jahre müssen auch noch eingekauft werden. Der Tag, dem ich zurede, sieht mich entgeistert an. Blass ist er. Ob ich einen Notarztwagen rufen sollte? Ich weiß nicht, ob sich Ärzte mit Tagen auskennen. Mit den Tagen, die die Frauen als Tage bezeichnen, bestimmt. Aber solche Tage meine ich nicht. Zum Rest des Beitrags »

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Die ultimative Wahrheit über Weltuntergänge

Weltuntergänge muss man sich als Unterführungen vorstellen.

Ganz in der Nähe hier, in einem kleinen Wald, den ich als Kind mit meinem unsichtbaren Pferd und meinem unsichtbaren Gewehr unsicher machte, findet man einen solchen Tunnel. Die Eingänge der Weltuntergänge sind schwer auszumachen, ja, man muss schon über ein scharfes Indianerauge verfügen, will man sie entdecken. (Es gibt Indianerspährohre, die mit einem Indianerauge ausgestattet sind, damit man jedes Geräusch im Umfeld von siebenhundert Kilometern in seinen Blick zwingen kann.)

Meist wird der Weltuntergang von einem Gebüsch verdeckt oder einer zufällig dort stehenden Person. Die Weltuntergänge sollen geheim bleiben. (Niemand weiß, warum das so ist. Vielleicht, um ein Verstopfen der Gänge zu vermeiden.) Niemand soll wissen, wo sie sich befinden, obwohl man leicht eine Karte kaufen kann, auf der ihre Standorte verzeichnet sind. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (28)

Äpfel aus Papier

Das Studio des Künstlers ist ein Allesraum, in dem nicht nur Kaffee getrunken wird. Es gibt dort ein altes Tonband, auf dem die Stimmen toter Vögel gefangen sein könnten. Ein Ofen schmachtet den Fremden aus der Ecke an. Überhitzt vom Feuer strahlt er siegreich in den Raum. Ein Wettkämpfer ist er, der das Holz verzerrt, der es kaut, bis es irgendwann schwarz aus seinem Maul bröseln wird. Davor sitzen und sich einem Roman, der in der Kälte spielt, in einem Regenland, einer Regenstadt, London bietet sich an, hingeben, um dann den Tropfen zu lauschen, die wie tausend tote Käfer auf das Blechdach prasseln und vom nahen Weltende künden. Hier ließe sich alles ertragen. Hier könnte man es aushalten, könnte den verkündeten Untergang aussitzen.

Bilder an der Wand, nicht zu mächtig, damit sie einen nicht erschlagen, nicht zu schmächtig, damit man sie nicht übersieht. Bilder, die zu Freunden werden könnten. Verschiedene Posen, Gesichter, die nicht in das Studio blicken, damit man sich nicht beobachtet fühlt. Alles ist so, als wäre es bereits vor Urzeiten eingerichtet worden, als hätte es nur darauf gewartet, besetzt und belebt zu werden.

Ein Kind, des Künstlers Tochter, springt zu seinem kleinen Tisch, der für das Kind nicht klein ist. Er hat die rechte Größe, denn Größe wird durch den Blickwinkel bestimmt. Im nächsten Moment steht das Kind neben mir und reicht mir einen Apfel aus Papier, einen Schlüssel, der eine geheime Truhe aufschließt. Ganze Länder würde ich darin finden. So das Kind, dem man an den Augen ablesen kann, dass es die Welt noch so sieht, wie man sie sehen sollte. Voller Geheimnisse, voller Truhen mit Ländern, voller Äpfel aus Papier, die hier zu jeder Jahreszeit wachsen und fallen. Dieses Kind erntet jederzeit.

Und später graben wir uns in unsere dicken Jacken und schlüpfen in die Nacht, im Rücken die Lichter des Studios, in dem bereits neues Obst an unsichtbaren Bäumen sprießt.

Wir brausen durch die Dunkelheit, hin über den nassen Asphalt, und schmecken noch eine Weile den Papierapfel auf den Lippen.

Ununterscheidbar

Fest geschlafen, nahezu totengleich, erinnerungslos, ohne also zu wissen, ob in der Nacht etwas geschehen ist, oder eben nicht.

Es könnte sich allerhand ereignet haben. In den Nachrichten sowieso. Die habe ich mir mit keinem Klick angesehen. Bin, Kleidung über mich werfend, so wie man Konfetti über ein Geburtstagskind streut, durch den Flur Richtung Küche gehetzt, als gälte es, die Zeit einzuholen. Ein Schnaufen hörte ich. Stammte von mir. Oder der Zeit. So genau konnte ich es im frisch erwachten Zustand nicht sagen. Ist man noch nicht richtig wach, befindet sich alles im Bereich des Ununterscheidbaren. Im Grunde könnte man noch träumen.

Die Wohnung könnte die eines Fremden sein. Der Tag, jener vor dreizehn Jahren, oder bereits einer, der sich erst in vierzehn Tagen ereignen sollte. Vorsicht ist geboten. Man könnte über so einiges stolpern. Ein Hund, der einem nicht gehört und der das auch weiß und darum in den Knurrmodus umschaltet. Eine Gruppe Nudisten, die hier ihr Lager aufgeschlagen haben. Rechtschreibfanatiker, die tanzend und johlend, mit Sperren bewaffnet, um meinen Computer tanzen. Die nur auf meine Ankunft gewartet haben, um - gemeinsam mit mir - all meine Texte zu verbrennen und die USA (warum auch immer?!) zu verhöhnen.

Befindet sich die Wohnung im Dämmerlicht, ist damit zu rechnen, dass das Unerwartete geschieht. Die Tür zwischen Realität und Fantasie steht für Sekunden offen. Schlüpfen kann viel, von dem wir nicht einmal ahnen, dass es existiert. Schimpfende Schildkröten, Jammernde Lappen, die man auswringen soll, Kochtöpfe, die vor Zorn glühen.

Achtsam sollte man sein.

 

Unten lebt es sich tief

I

Ich war den ganzen Tag unterwegs. Spazierte unterhalb des öffentlichen Gedankennahverkehrs durch den Untergrund, der im Volksmund auch Unterbewusstsein genannt wird.

Faulige, abgestandene Luft kroch durch die Lungenflügel, die gekachelten Gänge, die zu den Bahnen führten. Jede Bahn ein Gedanke, der sich durch mein Hirn schob. Gefüllt mit unzähligen Fahrgästen, auch Schwarzfahrern, die schon wussten, warum sie kein Ticket gelöst hatten. Man sammelte Ideen, die Büchsen schepperten, wollten Aufforderung an das Leben sein, etwas zu geben, wo es doch so reichlich mit Vorkommnissen gesegnet ist.

Ein Ruck ging durch den Gedankenkörper. Der Zug ratterte los, kroch durch einen speiseröhrenartigen Tunnel hinauf ans Licht. Nur Sekunden später schluckte ihn ein weiteres Maul, saugte ihn in seinen Magendarmtrakt hinab.

II

Unten lebt es sich tief, man fühlt sich beschwert, weiß man doch um das Gewicht der oberen Stockwerke. Frischluft kommt hier selten an, dafür Lieferanten, Müllmänner, die hemdsärmelig entsorgen, was oben verbraucht wurde. Zahllose Räume gibt es hier, vor allem solche, die nicht gebraucht werden, die keinen Nutzen haben, aber da sind. Gebaut ist gebaut. Was keinen unmittelbaren Wert besitzt, muss dennoch durchgelüftet, im Winter gewärmt werden. Bevor niemand dort sitzt, nimmt man Platz und gibt dem Zimmer den Eindruck, es wäre nicht umsonst gebaut worden. Es könnte sich zu einem späteren Zeitpunkt ein Verwendungszweck finden, wer kann schon wissen, was noch kommt.

III

Jetzt bin ich von Unterwegs zurück. Sitze wieder über den Dingen, nicht über allen, denn ich will nicht stürzen, und Hochmut kommt - bekanntlich - vor dem Fall.

Gedanken eines Tropfens kurz vor dem Aufprall

Das Wetter regnet sich die Seele aus dem Leib. Die Tropfen fallen unentwegt. Ein Sturzflug ins nächtliche Nichts hinein. Keiner der Tropfen weiß, wo er aufschlagen wird. Alle feuchten Knochen werden ihnen gebrochen, treffen sie ins unbekannte Ziel. Kein Schrei ist zu hören. Mehr ein Platsch! Wird leicht überhört, bei diesem Wetter.

Von einem Tropfenmassensterben muss man hier reden. Schreiben. All die Geschichten, die nach Sekunden, weniger vermutlich, enden. Was hätte aus jenem Tropfen werden können? Was aus diesem? Ein armer Tropf vielleicht. Kalauer trösten über den Schmerz nicht hinweg. Nicht über die Wahrheit, die ausgesprochen wird. Verzeihung: Ausgeschrieben.

Kein Tropfen, der nicht ein Meer sein will. Wachsen will er. Will mit seinesgleichen die Welt überschwemmen. Kurz vor dem Tod wird er sich erinnern. Woran? An die Sintflut, und daran, dass die Dinge einstmals besser liefen. Gute Aussichten auf ein langes schlechtes Wetter. Man entsinnt sich, auch wenn man nur ein Tropfen ist, der nicht weiter ernst genommen wird. Unzählige gäbe es von ihm. Entbehrlich wäre er. So kann und will man nicht leben. Auch als Tropfen nicht. Die Wolkengeschwader fliegen. Die Tropfen stehen Nass an Nass. Augen zu, und springen. Was bleibt einem auch anderes übrig, gehört man einer solchen Armee an. Die Fahnenflucht? Ein Verdunstungsversuch? Der Tropfen hat gehört, nichts ginge verloren. Auch er würde nicht schwinden. Höchstens wandeln würde er sich. In was auch immer. Legenden. Sagen. Von denen wird man nicht satt, auch helfen sie nicht beim Sprung, beim Sterben noch viel weniger.

Und wieder fallen sie, segeln sie hinab. Es ist kein Schweben, eher so etwas wie ein stummer Schrei. Ein blindes Tasten im Nichts. Bis man aufkommt. Wo das auch sein mag.

Der Tropfen hat keine Antwort.

Mein Schreibtischsee

Meine Schreibtischplatte (die keine Musik spielt, wenn man mit einer Nadel durch die Rillen, die es längst schon gibt, kratzt - höchstens, man würde das Geräusch, das dabei entsteht, für die Fetzen eines Schlagers halten, eines Popsongs, der vom Alltag geschrieben und produziert wurde) ist aus Glas. Es ist, als würde ich auf Wasser schreiben.

Ein starres Gewässer ist es, das bewegungslos in der Ecke des Zimmers ruht und nichts von Fischen oder Libellen weiß. Mit meinen Füßen, meinen Oberschenkeln tauche ich ein. Sie kühlen nicht ab, sie spüren keine unterirdischen Strömungen. Nie trete ich auf einen Stein.

Eine künstliche Sonne, eine in einem Baumarkt oder anderswo erstandene Lampe, ich kann mich nicht mehr erinnern, scheint auf den kleinen See hinab. Mein Finger gibt den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs vor, so wie er auch die Nacht ruft. Die Sonnentage nehmen in den Wintermonaten zu. Im Sommer dagegen benötigt mein See die Kunstsonne kaum. Nur in den späten Abendstunden, aber an denen schreibe ich nicht auf dem Wasser. An denen schreibe ich überhaupt nicht.

Die Tastatur treibt wie ein Floß auf dem See, manchmal, wenn meine Finger wie ein Orkan auf sie niedersausen. Meist aber ruht sie wie ein verankerter Lastkahn an ein und derselben Stelle, so unbeweglich wie alles andere. Die Mannschaft trägt Buchtstaben auf ihren schwarzen Mützen, direkt nach oben in den Himmel weisend, damit ich sie auseinanderhalten kann, wenn ich sie rufe. Um sie fast unmerklich aufschreien zu lassen, drücke ich mit meinem Finger ihren Kopf ein wenig; ganz sacht tue ich das, auch wenn die Besatzung das anders sieht und bereits etwas Zurückhaltung angemahnt hat.

Weiße Zettelrosen schweben über meinen Schreibtischsee. Sie duften nach nichts. Es gibt einen kleinen Bücherfelsen, von dem keine Jungen schreiend springen.

Mein See ist ein einsamer Ort, an dem alles erst belebt werden muss. Nichts geschieht, wenn ich es nicht träume. Deshalb ist der See nicht wichtig, vielleicht auch deshalb, weil es ihn  überhaupt nicht gibt.

Jedem Anfang wohnt ein Abbruch inne 

Wir haben meinen Nichtbruder besucht, jenen also, der es nicht bis in den Bauch meiner Mutter schaffte und sich deshalb im Bauch einer anderen austragen lassen musste.

Er ist drei Jahre älter als ich. Ein Vorsteher, Anführer vielleicht.

Die Wohnung findet sich hinter zahllosen Türen; Tür hinter Tür, bis man so viele hinter sich geschlossen hat, dass man ganz erschöpft Platz nimmt, froh darüber, ein Fenster zu sehen.

Kaffee und Kuchen standen bereits auf dem Tisch. Vom Auftischen versteht er etwas. So wie ich. Beide sind wir Auftischer. Auch Aufschneider. Wir redeten, tauschten Geschichten aus. Ins Album mit ihnen. Ins Erinnerungsalbum des Kopfes. Dort können sie ausbleichen, bis kaum noch etwas auf ihnen zu erkennen sein wird. Über Bücher sprachen wir. Über Lebenszeit. Dann wieder Bücher, speziell über Proust, über das Aufgeben, denn wer seine Lebenszeit großzügig verschwenden will, muss viel aufgeben, möchte er viel beginnen. So könnte man meinen Nichtbruder und mich als Anfänger bezeichnen. Daueranfänger, die sich von Anbeginn zu Anbeginn stürzen, bis der letzte Anbeginn ein Ende sein wird.

Zwei Stunden waren es, die rasch von der Uhr in der Küche verbraucht worden waren. Sie tickte sie weg, einfach so.

Wir gingen, ich trennte mich Backe an Backe von meinem Nichtbruder, mit keinem Versprechen, dieses Treffen bald zu wiederholen. Lieber lassen wir uns überraschen. Von uns und unseren Anfängen, die uns hin und wieder auch uns in die Hände treiben.

 

Die superwahnsinnsgenialemegaturbogeile Idee

Ja! Jetzt habe ich es!

Es ist der Glaube, der Berge versetzt, der aus Brot den Leib Jesu Christi werden lässt, der aus Luft - nun kommen wir zu meinem neuen Geschäftsmodel - Atem werden lässt.

Die Luft. Sie ist es. Man muss sie nur fangen. Wo sie eingefangen wird, muss nicht weiter interessieren, da es nicht von Belang ist. Sie ist da. Man schöpft sie, indem man sie auffängt. Mit Eimern. Mit dem eigenen Mund. Jedes Behältnis kann zum Träger werden.

Verkauft wird sie als die Luft, die von James Dean und John F. Kennedy geatmet wurde. Eine Website wäre eventuell einzurichten. Jesu Atem würde selbstverständlich ein Vermögen kosten. Die Apostel bekäme man als Sonderangebot. Judas würde unter der Ladentheke gehandelt.

Alles würde man anbieten: Aleister-Crowley-Atem, Kafka-Atem, Goethe-Atem, Roy-Bean-Atem.

Läuft das Geschäft erst an, wird man sich um Personal bemühen müssen. Frauen und Kinder werden mit Plastiktüten auf ihren Terrassen stehen und Luft fangen, nicht irgendeine Luft, sondern die Luft, die von X bzw. Y geatmet wurde.

Auch Teile der Toten könnten verkauft werden, da kein Molekül verloren geht. So wären z.B. Leonardo-da-Vinci-Moleküle anzubieten. Restpartikel aller Verstorbenen dieser Welt warten  darauf, in den offenen Verkauf zu gelangen.

Luft darf nicht weiter unbeachtet bleiben. Sie sollte auch nicht von jedem eingeatmet werden dürfen. Steuern müssten hier entrichtet werden, denn Atemluft ist nicht nur Atemluft. Man inhaliert schließlich ganze Jahrhunderte der Weltgeschichte.

Da es bisher noch niemand getan hat, annektiere ich hiermit die Luft.

 

Wenn die Wandlungen ein Lied pfeifen, dann geh hin und lausche

Die Wand steht ihren Mann. Standhaft erträgt sie jede Fliege, die sich auf ihr verirrt. Sie verspürt keinen Durst. Hunger ist ihr ein Fremdwort. Geduld ist ihr keine Tugend, sondern ihr Alltag, der keine Wochenenden, keiner Ferien kennt. Nie jammert sie. Fürchtet nicht das Dunkel. Und sollte sie doch Angst verspüren, so spricht sie zumindest nicht darüber. Kerzengerade salutiert sie jedem, der eintritt. Sie blinzelt nicht mit den Augen. Verliert keine überflüssigen Worte. Sie schweigt über die Gespräche, deren Zeuge sie wird. Kein Bild verschönert sie. Nichts hängt an ihr. Rechts trifft sie auf ein Fenster, links auf eine Kollegin, die von einer Tür durchwachsen ist.

Durchlässig ist die Kollegin. Menschen schreiten durch sie hindurch. Es könnte sie kitzeln. Man weiß es nicht. Ist die Tür offen, sieht es aus, als würde die Wand laut lachen. Ein schallendes Gelächter, das einem rasch unheimlich wird. Männer mit Akten gehen durch die Türöffnung, durch das Loch, das verschließbar ist.

Die Wand ohne Tür könnte sehnsüchtig zur Kollegin blicken. Sie wurde deshalb noch nicht befragt. Würde sie auf eine solche Frage antworten, wäre das allemal einen Eintrag in eine der Akten wert. Noch hat niemand gefragt. Es sieht momentan nicht danach aus, als würde sich einer oder eine finden, der oder die eine solche Frage zu stellen gewillt ist.

Nur wenige hier denken über die Wände nach, die dies bemerkt haben könnten. Auch dazu äußerten sie sich bisher nicht.

Die Wand mit Tür, ist selbige geöffnet, lacht ein zahnloses Lachen. Zähne könnten eingesetzt werden, würden aber den Eintritt erschweren. Deshalb wird es wohl auch nicht zu solchen Implantaten kommen. Über Zahnärzte für Türöffnungen ist nichts bekannt. Einem solchen Beruf scheint es an Kundinnen zu mangeln.

Sitzt man vor der Wand ohne Tür, kann es zu einem kleinen Blickaustausch kommen. Die Wand mustert die Person, die an einem Schreibtisch vor ihr sitzt, während die Augen der Person eine Träumerei auf die weiße Fläche der Wand projizieren. Bilder aus der Kindheit der Person. Eine Sehnsucht. Manchmal auch der rasche Gedankenblitz, der sich fragt, ob die Wand über eine Art von Augen und Gedächtnis verfügt.

Die Wand überhört in Ermangelung von Ohren die Frage. Es ist nicht weiter schlimm, wurde sie doch nicht ausgesprochen. Gedankenleserei ist der Wand fremd, nicht aber die stille Hoffnung, einmal gestreichelt zu werden. Gestrichen wurde sie schon oft. Es tat ihr gut. Sie nahm es mit einem unterschwelligen Kichern, kaum vernehmbar, hin. Gestreichelt hat sie noch niemand.

Sie wird die Hoffnung nicht aufgeben. Sie lauscht auf die Buchstaben, die die Menschen aussprechen. Sie will lernen. Bald schon wird sie erste Wort flüstern. Vielleicht in der Nacht, wenn sie nicht gehört wird. Sie übt fleißig. Drei Buchstaben. ICH.

Man sollte die Wände nicht länger übersehen. Sollte sich an sie lehnen und horchen, ob etwas geflüstert wird. Es könnten drei Buchstaben sein.

 

Guido Rohm

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Hirnbruchstücke (26)

Der Lauf der Zeit(ungen)

Ich fand mich in der heutigen Zeitung, mit einem Ausdruck fehlender Überraschung in meinem Gesicht, wusste ich doch von dem Artikel, der mein neues Buch vorstellen sollte. A stürmte die Treppen zu unserer Wohnung hinauf und hielt mir den Bericht unter die Nase.

Jetzt ist er bereits gelesen, er wird archiviert, also fein zur Seite geräumt, in eines der Fächer eines Schrankes, der schon so einiges über mich beinhaltet, so etwa ... Drücken wir es mal so aus: Es ist noch Platz im Schrank.

Und all die Zeitungen, die heute ausgeliefert wurden und in denen ich stehe und warte, dass mich sehnsüchtig ausgebreitete Leserhände abholen, was geschieht mit ihnen, sind sie erst leer gelesen, oder überblättert, durchgeblättert? Fallen Sie der Zeit zum Opfer, ihrem eigenen Herbst, der sie aus den Händen auf die Straße, in den Mülleimer wehen wird? Manche werden die Zeitung, also auch irgendwie mich, zum Schuhausstopfen benutzen. Andere werden sie sammeln, ohne zu wissen, warum sie das tun. Zeitung auf Zeitung verstauen sie in einem Winkel des Kellers, auf die Rente, den Lebensabend wartend, den sie lesend verbringen wollen, stöbernd in alten Erinnerungen, in Zeitungen, die ihnen dann gar nichts mehr sagen werden, weil die Meldungen, die sie finden, so gnadenlos austauschbar sind. Sie werden sich wundern, dass man nicht täglich die Meldungen von gestern druckt, die denen von Morgen doch eh gleichen werden.

So werde ich dann zum Teil einer sinnlosen Sammlung, zum Ort für nasse Schuhe, zum gefüllten Stauraum eines Mülleimers. So teile ich mich, gehe ich in die Welt hinein, die mich zwar nicht bemerkt, immerhin aber benutzt. Das ist doch schon mal etwas.

 

Einmachnotiz

Das war ein eingelegter Tag, einer, der im Inneren verbracht wurde. Wir hockten in unserem Einmachglas und schielten durch das Glas nach draußen, nur unterbrochen von einem kurzen Ausflug in die Bibliothek, die wir mit den Kindern wie eine Kirche durchschritten: leise flüsternd, uns an den Händen haltend, als müssten wir fürchten, plötzlich, blitzartig, von einer überirdischen Macht getrennt zu werden. Wir begutachteten die Bücherrücken wie die Bilder, auf denen die Heiligen beim Heilen oder Leiden zu sehen sind. Buchstabierten  die Namen der Autoren mit seitlich angelegtem Kopf, einem, der bald schon auf der Schulter, mal der linken, dann wieder der rechten, zum Ruhen kam. Buch für Buch durchquerten wir die Gänge, auf der Suche nach einem Titel, der uns bekannt vorkam, oder einem, der uns ansprang, unerwartet wie ein wildes Tier, ein Tiger vielleicht. Verbeißen muss sich der Titel, muss eine Saite in uns zum Schwingen bringen, oder sie entzwei reißen. Siebzehn Bücher luden wir uns unter die Arme und trieben uns zurück ins Einmachglas, um dort genüsslich zu versauern, mit einem Buch und einem Wein in den Händen, während draußen im Keller ein Räuspern zu hören ist. Etwas ist dort, von dem wir nur ahnen, was es sein könnte. Zum Rest des Beitrags »

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Petzi und die Seinen

Wann kommt die historisch-kritische Ausgabe?

Jerry Spring bringt es auf fünf und Leutnant Blueberry auf 18 Bände; Lucky Luke auf 25, Prinz Eisenherz auf 86 und Donald Duck – zusammen mit Dagobert, Daisy und Düsentrieb, allein in der Barks-Inkarnation – auf 133 Bände: Eine gewissenhafte und chronologisch erscheinende Werkausgabe wäre auch Petzi und seinen Freunden zu wünschen, zumal inzwischen fast alle – selbst Turi und Tolk, Die Gifticks und Kai Falke – eine haben.

Wer seine Hoffnung in den Kinderbuchverlag Esslinger setzt, der mit Mecki und Lurchi zwei nahe Petzi-Verwandte im Angebot hat (wobei es der Igel bisher auf sechs und der Salamander auf acht Bände gebracht hat), kann diese gleich wieder begraben: Die dort gestartete Petzi-Edition bringt nur Nachdrucke der querformatigen Hardcoverbände aus den fünfziger Jahren, danach ist, wie man hört, Schluss.

„Petzi trifft Ursula“, einer der sechs Hardcoverbände aus den frühen Fünfzigern, die Esslinger nachdruckt.

„Petzi trifft Ursula“, einer der sechs Hardcoverbände aus den frühen Fünfzigern, die Esslinger nachdruckt.

Was eine Werkausgabe zu bieten hätte, davon vermittelt das digitale Petzi-Archiv eine Ahnung. Hier sind die über 2.000 Strips mit ihren 6.100 Einzelbildern im Detail zu besichtigen. Allerdings benötigt man eine Lupe und gute Nerven, denn die Strips sind rasend schnell animiert. Zum Rest des Beitrags »

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Wie man nicht schreiben sollte

Nicht mit dem abgespreizten kleinen Finger. Die Leser sitzen aufrecht, mit durchgedrücktem Rückgrat. Fühlen sich nicht besonders wohl. Sie rutschen, auch wenn es unbemerkt bleiben soll, auf ihrem gepolsterten Stuhl hin und her, räuspern sich, wagen aber nicht zu fragen, wann das Ganze hier ein Ende haben wird.

Die Kronleuchter laden ein, den Schliff der baumelnden Steine zu bewundern, das Licht, das sich ununterbrochen tausendfach bricht. Eine solche Dauerbewunderung erschöpft Nacken und Augen. Nach einer Weile schielt man sich wieder auf die Fingernägel. Wehe, es finden sich Schmutzpartikel darunter. Das könnte einen Rüffel mit dem Lineal nach sich ziehen. Schmerzschreie sollten, so verlangt es die Etikette des Textsalons, wohl artikuliert und überlegt daherkommen.

Bitte keinen fahren lassen! Das stört die Atmosphäre. In diesen Kreisen scheißt man auch nicht, spricht aber darüber, wenn auch nur sinnbildlich.

Der Tisch ist nicht zum Abstellen gedacht. Er ist Zierrat wie alles andere. Dinge gibt es hier nicht aus praktischen Gründen, sondern der ästhetischen Betrachtung wegen. Füllwörter sind strengstens verboten, obwohl man sich die Dinger seit Jahren in die Unterhose und an andere Stellen stopft, wo sie wärmen und Muskeln imitieren sollen. Einen großen Schwanz eventuell auch. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (25)

Mit einem Wort: Chillen!

Liest man, dann muss man vorsichtig sein. Es gibt Sätze, die einen vergiften. Die das Augenlicht rauben. Den Frieden, der es sich im Hirn bequem gemacht hatte. Der dort saß und eine Zigarette rauchte. Sich ausstreckte. Der Frieden, der mir einflüsterte: Lass sie. Klopfte auf den Platz neben sich. Nimm Platz. Nö!

Lief auf und ab, weil ich hoffte, mir den schlechten Geschmack, den ich mir auf die Zunge gelesen und später runtergeschluckt hatte, aus den Sohlen laufen zu können. Wischte mit den Füßen. Kein Erfolg.

Was tun? Essig trinken. Sich übergeben. Haben sich die falschen Wörter im Körper verteilt, wird man krank. Man könnte mit dem Kopf gegen eine Wand laufen. Einen Schrank. Im besten Fall gegen eine Schrankwand.

Manche Kollegen sind das, was man sich ersparen sollte. Hinter jedem Satz, der nicht von ihnen stammt, vermuten sie eine persönliche Kriegserklärung. Sie fühlen sich berufen, die Welt vor schlechten Texten zu schützen. Sie sehen sich als Bewahrer. Schließe ich die Augen, dann erblicke ich sie mit Hakenkreuzbinde beim Aufteilen der Literatur. Die Guten ins Feuilleton. Die Schlechten ins Triviallager. Schäbige Nazibande, denke ich. Schäme mich. Ein bisschen. Nicht immer die ganz starken Geschütze auffahren, denkt der Anti-Broder in mir. Ein wenig unter dem Dritten Reich geht es doch auch.

Also Rückzug ins Hirnstudio. Chillen. Gott, dieses Wort werden die Hochliteraturübermenschen auch wieder verachten. Werden es als Zeichen benennen, an dem man "solche wie mich" erkennt. Zum Rest des Beitrags »

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Hirnbruchstücke (24)

Tod und Spiele

Ein Wunschtraum

Wir haben gesessen. Fest auf hölzernem Gestühl. Der Hintern schmerzte. Die Worte flogen. Durch die Luft. Einem um die Ohren, bis sie ganz rot vor Moral und Kälte waren. Also massierten wir uns die Hände, die Rücken selbiger, weil es uns am Rückgrat fehlte, zu gehen. Familiengottesdienst. Auch einer für As verstorbene Mutter.

Aufstehen und setzen, als wären wir in einer alten Schule gelandet. An den Wänden Bilder des Schmerzes. Des Todes. Der Erniedrigung. Stimmen erhoben sich, strebten zur Decke, die sie zurückwarf. Einen harten Wurfarm hat die Kirchendecke, die einen Buckel schlägt, die vom vielen Dienern hohl und leer geworden ist.

Ein Kreuz geschlagen, kein Rad. Das wäre mal etwas gewesen. Clowns stellte ich mir vor, die den Mittelgang stürmten, Grimassen schneidend, feixend, stellten sie den Passionsweg nach. Jeder Fall unterm Todesbalken ein Lacher. Und endlich wurde ich gläubig, denn wenn aus der Kirche ein Circus würde, jeden Sonntag säße ich in der ersten Reihe, Beifall spendend, ihn ins Opferkörbchen werfend. Hier einen Lacher. Ach, nehmt auch noch diesen von mir. Reich sollen die Katholiken von meinen Lachern werden.

Und ich stelle mir vor, wie der Priester nach der Messe, in der Sakristei nach einem Lachen greift, um es sich aufzusetzen. Er schiebt es in seinem Gesicht umher. Passen soll es ihm. So hofft er. Zum Rest des Beitrags »

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