Lukas Jüliger: Vakuum und David Small: Stiche – Zwei Comic-Romane über die Frage, ob es leicht ist, jung zu sein
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Literatur am 25. Mai 2013
Kindheit 1955, Teenage Angst, sechzig Jahre später
Lukas Jüligers großartiges Graphic Novel-Debüt „Vakuum“ und David Smalls autobiographische Bild-Erzählung „Stiche“
Es gibt großartige, meistens amerikanische Romane über das, was man so „Teenage Angst“ nennt. Nicht nur das Gefühl, aus der Geborgenheit der Kindheit heraus zu müssen, die Liebe zu entdecken, dem Tod zu begegnen, zu bemerken, wie verdammt allein man sein kann, und dass man verdammt schlecht von einem Trip wieder herunter kommen kann. Vielmehr sind es diese Kleinigkeiten der Ungleichzeitigkeit, die Dinge, die plötzlich einen anderen Sinn bekommen, die Geschichten, die sich nicht mehr von selber zu Ende erzählen und schon gar nicht von anderen zu Ende erzählt werden, wie die von dem Jungen, der am Montagmorgen mit einer Matratze in den Wald geht, einfach so, die Spiele, die plötzlich wirklich keinen Spaß mehr machen, die fixe Idee, man wäre nicht in einem Leben sondern in einem Film... oder in einem Comic. Zum Rest des Beitrags »
ShareMutter und Sohn (ab 23. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 22. Mai 2013
Der diesjährige Berlinale-Sieger. Regisseur Calin Peter Netzers erzählt eine unerhörte Geschichte, die den Alltag der bürgerlichen Gesellschaft trefflich spiegelt, einen Alltag, der vom Streben nach Geld und Macht geprägt wird. Schauspielerin Luminita Gheorghiu verkörpert als Monster-Mutter, die ihren erwachsenen Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache) kontrolliert, einen Prototyp: das eigene Ich ist das A und O, Gemeinwohl ein Fremdwort, Nächstenliebe allenfalls noch ein Stichwort für einen Witz.
Auslöser allen Geschehens ist ein Unfall: Barbu, Mitte dreißig, ist schuldig am Tod eines Jungen. Mutter Cornelia versucht alles, um ihn aus der Verantwortung zu nehmen. Selbst vor Bestechung und Erpressung scheut sie nicht zurück. Pointe: Barbu entzieht sich. Statt seine Zuneigung zu halten, zerstört sie genau die. Cornelia wird von ihrer Gier nach Erfolg ins Abseits geschleudert. Beruhigend ist das nicht, auch kein Sieg der Menschlichkeit. Netzer lässt kitschigem Gutmenschengetue keinen Raum. Kühl und trocken wird die Story abgespult. Damit wird sie leicht als Bild der rumänischen (und nicht nur der!) Gesellschaft an sich erkennbar. Barbu gehört zur Generation derer, die sich von den Haltungen der Elterngeneration abnabeln muss, wenn sie eine positive soziale Entwicklung ankurbeln will. Was leicht gesagt ist, sich aber nur mit Schwerstarbeit umsetzen lässt. Die Chance auf der Verliererseite zu landen ist größer als die, bei den Gewinnern zu sein. Wobei Netzer klar zur Diskussion stellt, dass wohl zu fragen ist, was als Gewinn gelten soll. Seine Ansicht ist klar: Bleibt’s beim Pochen auf Profit bis zum Geht-nicht-mehr (materiell und immateriell), dann wird die so genannte westliche Welt schneller den Bach runter gehen als wir es uns in den schwärzesten Alpträumen ausmalen.
Peter Claus
Mutter und Sohn, von Calin Peter Netzer (Rumänien 2013)
Bilder: X Verleih
ShareDer Dieb der Worte (ab 23. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 22. Mai 2013
Dramatik, Romantik und eine Prise Philosophie: dieser Spielfilm bietet in einer verzwickt-verschachtelten Story um den Zusammenklang und das Auseinanderfallen von Kunst und Leben höchst edel gestaltetes Kino. Jedoch: das Regiedebüt der zwei bisher als Autoren bekannten US-Amerikaner Brian Klugman und Lee Sternthal krankt ein wenig daran, dass die Form den Inhalt streckenweise überdeckt.
Der Plot ist trickreich: Rory Jansen (Bradly Cooper) sucht Erfolg als Schriftsteller. Der bleibt aus. Die Liebe zu Dora (Zoe Saldana) tröstet nicht darüber hinweg. Dann aber findet er ein Romanmanuskript. Herkunft unbekannt. Rory gibt sich als Autor aus – und wird prompt berühmt. Genießen kann er das nicht. Er ist geradezu erleichtert, als ein alter Mann
(Jeremy Irons) sich als Urheber des Textes zu erkennen gibt. Der Betrüger schämt sich. Dora ist entsetzt. Das Leben des Paares wird von der Lüge vergiftet. Von all dem erzählt ein Schriftsteller, Clay Hammond (Dennis Quaid). Er hat die Erzählung von Rory und den anderen aufgeschrieben. Wie die Figuren in seinem Text, so gerät er selbst zwischen Kunst und Leben, Wahrheit und Erfindung, Lug und Trug. und gerät damit selbst in einen gefahrenreichen Strudel von Liebe, Leidenschaft und lauter Lügen.
Nein, dies ist keine Neuverfilmung von Martin Suters 2004 erschienenem Roman „Lila, Lila“, der 2009 mit Daniel Brühl in einer der Hauptrollen in die Kinos kam. Brian Klugman und Lee Sternthal sollen schon im Jahr 2000 mit der Entwicklung des Stoffes begonnen haben. Diebstahl geistigen Eigentums, wie ihn Rory begeht, kann man ihnen also nicht vorwerfen. Aber doch, dass ihre Auseinandersetzung mit dem Thema zu oberflächlich bleibt. Der Film hat Charme, die Erzählung Originalität, und es begeistern tolle Schauspieler. Leben aber ist nicht zu spüren. Das Puzzle der verschiedenen Erzähl- und Zeitebenen ist schick. Mehr nicht. Immerhin: Mal keine Action, keine Computerspielereien, kein Kinderkram. Und den Akteuren zuzusehen, das macht schon Spaß. Doch etwas mehr Gehalt und weniger Konstruktion hätten dem Film jene Größe geben können, die er nicht hat.
Peter Claus
Der Dieb der Worte, von Brian Klugman und Lee Sternthal (USA 2012)
Bilder: Wild Bunch
ShareFünf Jahre Leben (ab 23. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 22. Mai 2013
Explizit politische Spielfilme kommen selten heraus in Deutschland. Oftmals hat das sicher mit der Scheu der Autoren und Regisseure zu tun, zu plump zu werden. Und sicher: Auch das scheinbar Unpolitische ist immer politisch. „Fünf Jahre Leben“, der erste abendfüllende Spielfilm von Autor und Regisseur Stefan Schaller, wendet sich einer Geschichte zu, die im Koordinatensystem der internationalen Politik wurzelt. Erfreulicherweise aber ist dies kein Agit-Prop-Pamphlet. Alles vordergründige Politisieren bleibt aus. Schaller weiß, dass das, worauf er verweist, genug Zündstoff für ein Nachdenken über politische Fragen bietet. Da muss er nicht noch mit Effekthascherei das Feuer anheizen.
Stefan Schaller hat sich der Geschichte des Deutsch-Türken Murat Kurnaz (Sascha Alexander Geršak) angenommen. Der saß fünf Jahre in Guantánamo, in jener Folterhölle, die den USA als Hort des Kampfes gegen den internationalen Terror gilt. Vieles deutet darauf hin, dass deutsche und türkische Behörden dem Mann nicht einmal dann geholfen und ihn
da rausgeholt haben, als selbst der CIA ihn 2002 für unschuldig hielt. Deutschlands damaliger Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier hat die Rückkehr von Murat Kurnaz nach Bremen, auch darauf deutet viel, offenbar bewusst verhindert. Die „Schuld“ des jungen Mannes: er hat sich in Bremen dem Islam zugewandt und besuchte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Koranschule in Pakistan. Von dort kam er, gegen Kopfgeld an die US-Amerikaner weitergereicht, als vermeintlicher „Bremer Taliban“ in die Haft. Der Film zeigt nicht mit den Mitteln eines Krimis, was wahr ist oder nicht, fragt nicht nach Schuld oder Unschuld. Und: er erteilt keine Zensuren. Stefan Schaller streift die Fülle an Geschehenem zum Beispiel in einigen eingeblendeten Schriftzügen am Ende des Films. Doch erzählt er in erster Linie, was es bedeutet, in einem Gefängnis wie Guantánamo festgehalten zu werden, zeigt den physischen und psychischen Terror. In immer kleiner werdenden Bildausschnitten wird spürbar, wie ein dort Gefangener selbst immer kleiner wird, wie er klein gemacht wird, seiner Würde beraubt werden soll, seiner Menschlichkeit. Höhepunkte des Films sind keine Szenen voller deutlicher Gewaltdarstellungen, die es auch gibt. Höhepunkt ist die Folge von Gesprächen und Begegnungen mit einem US-amerikanischen Verhörspezialisten. Dieser Gail Holford (Ben Miles) hat bisher noch jeden zum Reden gebracht, egal ob die Geständnisse der Wahrheit entsprachen oder nicht. Er arbeitet mit allen Tricks. Doch Murat Kurnaz bleibt standhaft, Er hat nichts zu gestehen, also gesteht er nicht. Er hofft auf die Kraft der Wahrheit.
Ein Jahr wird beleuchtet. Ein Jahr des Grauens. Die Wucht, mit der man als Zuschauer Zeuge dieses Grauens wird, prägt sich unvergesslich ein. Schaller enthüllt mit dem, was er zeigt, die Perfidie des Systems Guantánamo an sich. Er forscht, wie schon angedeutet, nicht, um dieses oder jenes zu beweisen oder zu widerlegen, er attackiert keinen einzelnen verantwortlichen Politiker oder Militärs. Er verdeutlicht, wie das aus blindem Hass geborene fanatische Handeln wider alles Fremde, das a priori als verdächtig gilt, Menschen wie
Murat Kurnaz und Gail Holford zu Protagonisten staatlich sanktionierter Gewalt macht. Gezeigt wird: In Guantanámo geht es oft gar nicht darum, wesentliche Informationen zu sammeln. Es geht um Geständnisse um jeden Preis, egal ob sie von wirklichem Wert sind oder nicht, um im Nachhinein das Vorgehen der US-Sicherheitskräfte und ihrer Helfer, wie etwa des BND, zu legitimieren. Wer nicht mitspielt, wie Murat Kurnaz, soll als Persönlichkeit gebrochen werden. In einer Szene des Films wird Murat Kurnaz in einen Hubschrauber gesetzt, der ihn in die Freiheit bringen soll. Doch es ist eine Finte. Sofort wird er wieder herausgezerrt und geprügelt, muss zurück in eine Zelle, wird neuen Foltern ausgesetzt. Besonders eindringlich ist eine Szene, die zeigt, wie der Gefangene psychisch gebrochen werden soll: Murat Kurnaz wird gezwungen einen kleinen Leguan, der durch die Kanalisation zu ihm gekommen ist, zu töten.
US-Präsident Barack Obama hat zu Beginn seiner ersten Amtszeit, 2008 war das, die Schließung des Lagers Guantánamo versprochen. Seine zweite Amtszeit läuft seit Ende 2012. Das Lager ist nach wie vor in Betrieb. Und nach wie vor können wir nicht sicher sein, ob es nicht auch andernorts ähnliche Lager gibt. Der Film kann uns diese Sorge nicht nehmen. Er offeriert auch keine Patentrezepte, wie der zweifellos notwendige Kampf gegen Terrorismus mit akzeptablen Mitteln geführt werden kann. Aber er kann das Bewusstsein dafür schärfen, dass kein Mensch, im Namen von wem oder was auch immer, das Recht hat, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Eine Wahrheit, die nicht erst in einem Gefangenenlager gilt, sondern allüberall und jederzeit.
Peter Claus
Fünf Jahre Leben, von Stefan Schaller (Deutschland 2012/2013)
Bilder: Zorro Film
ShareDer große Gatsby (Baz Luhrmann)
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. Mai 2013
Eine pink-weiße Pop-Up-Version von F. Scott Fitzgeralds Roman
Für und mit The Great Gatsby möchte man Englisch gelernt haben, um zu erkennen, dass der Roman nicht zu übersetzen ist. F. Scott Fitzgeralds Buch ist nicht nur unübersetzbar in andere Sprachen, er ist noch mehr unübersetzbar in andere Medien. Das soll nicht heißen, dass man es nicht immer wieder versuchen muss.
Baz Luhrmanns The Great Gatsby ist die vierte Hollywood-Version des Stoffes. Keine ist über eine mehr oder weniger werknahe Illustration hinausgekommen, von einer geschwätzigen Fernsehvariante ganz abgesehen. Mit der bangen Frage, wie die Chemie schauspielerisch und inszenatorisch zu erzeugen sein würde zwischen Tom und Daisy Buchanan und Jay Gatsby, der, wie wir wissen, anders heißt und ein amerikanischer Traum und Albtraum ist. Und welchen Rhythmus die Verfilmung finden würde. Die wohl berühmteste, von Jack Clayton und Francis Ford Coppola mit Robert Redford, Mia Farrow und Bruce Dern, setzte auf eine todessehnsüchtige Verlangsamung; sie stand am Ende der Hippie-Aufbruchsträume und löste eine Mode- und Designmanie aus, die man damals als „Nostalgie-Welle“ medialisierte. Der „Gatsby-Look“ machte die Runde; Robert Redford war schön und unnahbar und doch im Inneren so verletzlich und verletzt durch die Liebe, und Mia Farrow war schön und oberflächlich und litt daran.
Nun also Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan, und Baz Luhrmann, der Berserker des Cinema du look, setzt auf Beschleunigung, 3-D-Effekte, Comic- und Musical-Ästhetik; er verfilmt den Gatsby nicht, er lässt uns Partikel des Romans um die Ohren fliegen. An seinem Red Curtain-Filmstil (diesen Begriff wählte Luhrmann selbst einmal) scheiden sich die Geister. Einerseits geht es um die Verbindung von Bühnen- und Filmräumen: Kino als kreisendes und tanzendes Durchmessen radikal künstlicher Räume, die exzessive performative Brechung jeglicher realistischer Filmhandlung, der Schauwert als l‘art pour l’art, eine Design-Attacke am Rand der Obszönität, mehr entfesselte Kamera bei einem überlangen Music-Clip als Spielfilm. Zum Rest des Beitrags »
ShareMichael Hardt/Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen
von Steffen Vogel+ in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 16. Mai 2013
Michael Hardt und Antonio Negri wollen die Krise ohne die Eliten lösen und setzen auf selbstverwaltete Gemeingüter
Überrascht und wie elektrisiert reagierten selbst professionelle Beobachter des Weltgeschehens auf die Ereignisse des Jahres 2011. Beginnend mit der Jasminrevolution in Tunesien fegte eine Serie von Protesten über den Globus. Im Winter brach der arabische Frühling aus, im meteorologischen Frühjahr besetzte die rebellische Jugend zentrale Plätze in Israel, Spanien und Griechenland, und im Herbst zeltete die Occupy-Bewegung in New York, Frankfurt und Auckland.
Erfreut darüber zeigten sich auch die Philosophen Michael Hardt und Antonio Negri. Das kann nicht überraschen. Seit langem plädiert das Autoren-Gespann für jene Selbstermächtigung der Bürger, die in diesen Protesten zum Ausdruck kam. Schnell griffen Hardt und Negri den Impuls auf. Bereits im Mai des folgenden Jahres legten sie eine schmale Streitschrift vor, die sie anders als ihre Empire-Trilogie nicht bei einem großen Wissenschaftsverlag veröffentlichten. Ihr neues Buch erschien, wohl um nicht zu viel Zeit nach Ausbruch der Proteste vergehen zu lassen, direkt bei Amazon. In ihm fragt das amerikanisch-italienische Duo, welches Potenzial die weltweiten Proteste für den Aufbau einer neuen Gesellschaft haben können. Zum Rest des Beitrags »
ShareStarlet (ab 16. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 15. Mai 2013
Eine der Entdeckungen des letztjährigen Festivals von Locarno – endlich hierzulande in den Kinos.
Ein so genannter kleiner Film, der große Emotionen auslöst. Die Story ist schön schräg: 22-Jährige landet mitten im Leben einer Greisin – und damit beginnt eine herzzerreißend-wunderbare Freundschaft. Die darf viele Höhen erleben, muss aber auch Tiefen aushalten. Wie schwer das sein kann,
wird mit hinreißender Leichtigkeit im Ton und dabei vollkommener Ernsthaftigkeit in der Erzählhaltung illustriert.
Dies ist einer dieser immer selteneren Filme, bei denen die Tränen des Lachens und des Weinens beständig zusammen kullern. Regisseur Sean Baker hat die Inszenierung ganz auf seine zwei Hauptdarstellerinnen abgestellt und erreicht mit ihnen das Optimum an nur denkbarer Wirkung. Dree Hemingway, Model und Urenkelin des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Titelrolle, und die erstmals vor der Kamera erschienene 85-jährige Besedka Johnson harmonieren großartig miteinander. Es wirkt, als spielten sie nicht, sondern seien in jeder Szene ganz sie selbst.
Der feine Film gehört zu jenen Juwelen des Kinos, die man um Gottes Willen nicht zu Tode analysieren darf. Einzige Empfehlung: Hingehen, ansehen, genießen – und all die kleinen Denkanstöße, die der Film verteilt, aufnehmen.
Peter Claus
Starlet, von Sean Baker (USA 2012)
Bilder: Rapid Eye Movies
ShareParadies: Hoffnung (ab 16. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 15. Mai 2013
Zum dritten und damit letzten Mal: ein Ausflug in die Hölle des Menschlich-Allzumenschlichen – Dank Autor und Regisseur Ulrich Seidl. Komisch ist das wieder, auch bitter, doch vor allem – Überraschung! – geradezu zartfühlend.
Zunächst kommt einem das Stichwort „Schönheitswahn“ in den Sinn. Der hat ja inzwischen auch Jugendliche ergriffen, wobei’s doch wohl vor allem die Eltern mit ihren Schnapsideen sind, die den Mädels Wespentaillen und den Jungs ’nen Waschbrettbauch verordnen. Ulrich Seidl greift das auf und nimmt’s als Ausgangspunkt des letzten Teils seiner „Paradies“- Trilogie. Wir lernen die 13-jährige Melanie kennen. Sie wird in ein Sommercamp für
Übergewichtige gesteckt. Das Mädchen soll Pfunde los werden. Wichtiger für sie: der das Training begleitende Arzt wird ihr Traummann. Sie verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben.
18 Jahre ist es mittlerweile her, dass der Film herauskam, doch noch immer provoziert Seidls Doku „Tierische Liebe“ mit ihren schonungslosen Beobachtungen von Menschen, die ihre tierischen Hausgenossen als Kind-, Vater-, Mutter-, Partner-Ersatz misshandeln. Seitdem erwartet man von Seidl ein Missbehagen mit auf den Weg zu bekommen, sich irgendwie im Dunkel eigener Schmuddelphantasien ertappt zu fühlen. Bei den zwei ersten Teilen seiner „Paradies“-Trilogie um das biblische Begriffsterzett Glaube, Liebe, Hoffnung war es auch so. Diesmal aber fehlt der Biss. Seidls Film wirkt verblüffend versöhnlich mit einer recht verhaltenen Erzählweise. Seidl karikiert durchaus den Schlankheitswahn und dessen Folgen mit viel Komik und sogar Slapstick. Der Drill, mit dem die Heranwachsenden den stromlinienförmigen Vorstellungen von Schönheit angepasst werden sollen, wirkt nur albern. Damit geißelt der Österreicher sozusagen im Vorübergehen die ganz auf Äußerlichkeiten abonnierte bürgerliche Gesellschaft in der so genannten westlichen Welt. Aber tatsächlich nur im Vorübergehen, husch-husch, nebenbei. Er hätte ruhig spitzer sein dürfen. Es sieht so aus, als habe er ein wenig zu ängstlich alles Provozieren vermieden, um die Würde der Figuren
nicht zu beschädigen. Er beleuchtet die seelische Not von Melanie mit spürbarer Zuneigung zu dem Mädchen. Das Erwachen ihrer erotischen Sehnsucht und die daraus resultierende tiefe Enttäuschung, weil ihre Liebe nicht erwidert wird, fasst Seidl in rührende Szenen.
Melanie ist übrigens die Tochter der Frau, die in „Paradies: Liebe“ die Schatten des Sextourismus unter Kenias Sonne entdeckte und die Nichte der fanatischen Katholikin in „Paradies: Glaube“. Mutter und Tante zeigt Seidl in den Vorgängerfilmen von vornherein als geistig arm und emotional beschränkt. Melanie gesteht er viel Herz zu und durchaus auch Verstand. Irgendwann möchte man das Mädchen einfach mal tröstend in den Arm nehmen. Allerdings wird Ulrich Seidls bittere Botschaft deutlich: Eine Welt, in der die Erwachsenen nur noch in engsten Grenzen leben, geistig und emotional geprägt von Vorurteilen und Geldgier, kann Kindern und Jugendlichen keine Zukunft bieten.
Hauptdarstellerin Melanie Lenz, Schülerin ohne Schauspielerfahrung, zeigt die innere Verzweiflung Melanies klar, schnörkellos, und sehr wirkungsvoll. Mit jugendlich-linkischer Körpersprache und in sehr knappen Dialogen, die meist improvisiert erscheinen, bringt sie die Unsicherheit der Pubertierenden zum, Ausdruck. Nichts wirkt da angeschafft, gar gekünstelt. Sicherlich verkörperte die zur Zeit der Dreharbeiten wirklich 13-Jährige in der Hauptsache sich selbst. Damit beleuchtet sie die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens aufs wirkungsvollste – und wird zum Clou des Films!
Peter Claus
Paradies: Hoffnung von Ulrich Seidl (Österreich/ Frankreich/ Deutschland 2012)
Bilder: Neue Visionen
ShareWilliam T. Vollmann: Europe Central
von Jörg Magenau+ in Kritik, Literatur am 14. Mai 2013
Wenn der Titel „Europe Central“ stimmt, dann ist Europa im Zentrum eine Kriegslandschaft. Und es ist offen, ob Europa darin untergegangen oder entstanden ist. Die zerklüftete Topographie in William T. Vollmanns gigantischem Geschichtsroman umfasst das Gebiet des Deutschen Reiches und der Sowjetunion. Der Zeithorizont reicht vom Ersten Weltkrieg bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Diktaturen Hitlers und Stalins und ihr großer Krieg gegeneinander: Stalingrad und der Untergang der 6. Armee, die Belagerung von Leningrad, Auschwitz, die Bombardierung Dresdens. „Europe Central“ steht aber auch für eine Telefonzentrale, von der aus der Kontinent verdrahtet und vermessen wird. Der Erzähler, der sich da einschaltet, hat seine Ohren überall: Er ist ein Mann vom Nachrichtendienst. Mal gehört die Erzählerstimme einem überzeugten Nazi, mal einem bolschewistischen Agenten, ganz zu trauen ist ihr deshalb nie. Zum Rest des Beitrags »
ShareThe End of Time (Peter Mettler)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 8. Mai 2013
Der Essay sorgte im Vorjahr in Locarno beim Filmfestival für heftiges Pro und Contra. Wo die einen nichts als gestalterische Manierismen sahen, fühlten sich andere pointiert in einen Strudel philosophischer Betrachtungen zum Thema Werden und Vergehen hineingezogen. Wie so oft liegt die Wahrheit wohl in der Mitte.
Peter Mettler versucht das Unbegreifliche zu begreifen: die Zeit. Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre, Gestern, Heute, Morgen – was steckt hinter all diesen Begriffen, die das Phänomen Zeit zu fassen versuchen? Im CERN-Projekt in der Schweiz, da, wo der Teilchenbeschleuniger auch zeit sichtbar machen soll, findet Mettler erstaunlicherweise fast nur unbefriedigende Aussagen. In einer Einsiedelei auf Hawaii, und, das Gute liegt bekanntlich nahe, bei seiner Mutter. Sie stellt die in ihrer Schlichtheit schönste Frage des ganzen Films – und deutet damit darauf hin, dass es wohl nie möglich sein wird, die Zeit in den Griff zu bekommen. Sehr anregend!
Peter Claus
The End of Time, von Peter Mettler (Schweiz 2012)
Bilder: Real Fiction Filmverleih
ShareOut in the Dark (ab 09. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 8. Mai 2013
Zeitgleich zur Doku „The Invisible Men“ kommt nun auch dieser thematisch verwandte Spielfilm in die deutschen Kinos. Erzählt wird die Lovestory eines palästinensischen Studenten in Tel Aviv zu einem israelischen Anwalt. Nimr (Nicholas Jacob), der Student, findet bei Roy (Michael Aloni), dem Juristen, das, was er sonst nirgendwo hat: Geborgenheit, ein Gefühl des Zuhauseseins. Doch die Bürokratie setzt dem Glück mit Schikanen zu. Die Zwei, im öffentlichen Bewusstsein Männer außerhalb des Erlaubten, des angeblich Normalen, kommen nicht zur Ruhe.
Schon der Titel des Films, „Out In The Dark“, spielt mit der Doppeldeutigkeit des Wortes „Out“. Sich zu outen, also sich zu seiner Sexualität zu bekennen, ist in aufgeklärten Ländern absolut positiv besetzt. Da, wo vorvorgestrige Haltungen das Sagen haben, ist das Gegenteil der Fall – und „out“ steht für das Ausgegrenztwerden. Bildern, die nahezu immer im Halbdunkel, in Schatten, im Verborgenen angesiedelt sind, spiegeln den Alltag von schwulen Männern in Israel/ Palästina ohne große Erklärung. Man fühlt als Betrachter sofort die Bedrängnis, der die Menschen ausgeliefert sind. Interessanterweise setzt Michael Mayer in diesen ungewöhnlichen Bildern auf eine gewohnte, an Hollywood orientierte Erzählweise voller Tempo, Überraschungen, Dramatik. Atmosphärisch ist das durchweg stark. Und die Darsteller überzeugen vollkommen. Erfreulicherweise verzichtet Mayer auf ausufernde Sexszenen. Das mag in Mitteleuropa verwundern. Für den Kulturkreis, in dem die Filmgeschichte angesiedelt ist, wird schon so mehr als genug Zündstoff für einen Skandal entfacht.
Verblüffen dürfte manche das Finale: Auch hier setzt Mayer auf Zurückhaltung. Die Andeutungen, die er macht, genügen, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen – und die Unmenschlichkeit einer Gesellschaft, die Menschen, nur weil sie anders sind als die vermeintliche Mehrheit, als minderwertig brandmarkt.
Peter Claus
Out in the Dark, von Michael Mayer (USA/ Israel/ Palästina 2012)
Bilder: PRO-FUN MEDIA
ShareThe Invisible Men (ab 09. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 8. Mai 2013
Schwul in Palästina? Undenkbar! Es kann schließlich nicht sein, was nicht sein darf. Palästinensische Männer, deren sexuelle Orientierung dem eigenen Geschlecht gilt, müssen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist, unsichtbar (invisible) bleiben. Rückhalt in der Familie oder bei Freunden gibt es so gut wie nie. Nahezu alle Betroffenen tauchen erst einmal illegal in Tel Aviv unter. Mit Glück gelingt die Flucht ins Ausland.
Drei Schicksale beleuchtet der Film – einfühlsam und unspektakulär. Schwul in Palästina und Palästinenser in Israel – das ist derart ungeheuerlich, dass sich auch jegliche Effekthascherei verbietet. Yariv Mozers couragierter Dokumentarfilm erzählt von Verfolgung, Missachtung, Verrat, aber auch von Freundschaft, Liebe und Hoffnung. Louie, Abdu, und Faris sehnen sich nach einem Asylland. Doch wohin? Und wie? Und vor allem: Leben fern der trotz allem geliebten Heimat?
Flotte Antworten auf die drängenden Fragen bleiben zum Glück aus. Der Film lässt die Realität für sich sprechen, die Bilder der Bedrängnis, die Hilferufe per Mobiltelefon. Die Interviewausschnitte und Diskussionen der Protagonisten untereinander sind ohne Pathos. Wenn dann einer der Männer von den wenigen, die zu ihm stehen, verabschiedet wird, wenn er nächtens einen schwere Koffer hinter sich herziehend in eine ungewisse Zukunft geht, stellt sich beim Zuschauer eine Betroffenheit und eine Wut ein, wie sie alles Gutmenschengerede nicht provozieren könnte.
Peter Claus
The Invisible Men, von Yariv Mozer (Israel/ Niederlande 2012)
Bilder: GMfilms
ShareStar Trek Into Darkness (ab 09. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 8. Mai 2013
Wer jenseits des Jugendalters ist, verbindet mit Star Trek vor allem Kindheitserinnerungen. Die Abenteuer in den unendlichen Weiten des Alls haben im Fernsehen und im Kino für wohligen Schauder gesorgt, immer komisch, stets etwas menschelnd, durchweg im schönsten Sinne kindlich.
Funktioniert’s auch noch Jahrzehnte nach dem ersten Start, 1966 war’s? Durchaus. Das Raumschiff Enterprise ist partout nicht klein zu kriegen. Spock (Zachary Quinto), Kirk (Chris Pine) und Pille (Karl Urban) spielen wieder mal durch, was sie schon immer gespielt haben: Krieg. Da sie die Guten sind, drücken wir ihnen die Daumen.
Star-Trek-Fans der ersten Stunde seien gewarnt: Ja, die Dramaturgie ist letztlich so simpel – und entspricht damit dem Original. Nein, so geschliffen im Kinderbuchformat wie damals wird der Kampf Gut gegen Böse nicht mehr verkauft. Die moderne Tricktechnik fordert ihren Tribut: das Weltraumabenteuer hat einen geradezu monströsen Schauwert, der von digital erzeugter Action dominiert wird. Emotional aufgeheizt wird die Saga mit dem Trend-Thema Terrorismus. Spätestens da winkt der Fan von einst müde ab. Das Besondere der Star-Trek-Serie, nämlich das Bekenntnis zum geradezu albernen Spiel mit Science-Fiction-Visionen fern des Realisierbaren, ist dahin – und damit aller Charme.
Kein Wunder, dass der, wenn ich nicht irre, zwölfte „Star Trek“-Blockbuster auch jedem zugänglich ist, der noch nie von der Enterprise, Mr. Spock und all den anderen Versatzstücken der Mär gehört hat. Die angeblich „nur“ 185 Millionen US-Dollar für die Produktionskosten müssen schließlich wieder eingespielt werden. Da muss auch Klein-Doofi auf Rollerbeinchen bestens bedient werden. Kurz: wir haben es mit einer Geldvermehrungsmaschinerie und nichts anderem zu tun. Dass hier niemand Kunst erwartet (wiewohl das ja ganz schön wäre), ist geschenkt. Doch nun auch noch den ureigenen Stil der Barbie-und-Ken-Utopien im doch eher unblutigen und nie ernst zu nehmenden Krieg-der-Sterne-Gewand aufzugeben, das ist denn doch zu viel des Profitstrebens. Kirk & Co. retten die Erde, verlieren dabei aber an Bodenhaftung. Das sieht sich an wie ein Spezialeffekt-Feuerwerk, das von einem total von Drogen durchgedrehten Hirn an einem Supercomputer ausgeheckt wurde. ’Ne Nummer kleiner und ein Hauch mehr Kindergarten-Freundlichkeit von altem Schlag – es hätte so schön und auch schön lustig werden können.
Einen gewaltigen Pluspunkt gibt’s: der Titel findet im Filmfinale eine höchst überraschende Deutung. Die sei hier nicht verraten. Nur eins: damit ist klar, dass eine Fortsetzung folgt.
Peter Claus
Star Trek Into Darkness, von J. J. Abrams (USA 2013)
Bilder: Paramount
ShareSolang ich lebe (Yash Chopra) DVD-Tipp
von Alf Mayer+ in DVD, Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 6. Mai 2013
Rohrkrepierer
„Der Mann, der nicht sterben kann“, ein todesverachtender cooler Bombenentschärfer in einem großen, bonbonfarbenen Liebesfilm, zwischen zwei Frauen, pardon the pun, beinahe zerrissen. Ich war gespannt. Was ich aber dann auf 150 Minuten geboten bekam, liebes Bollywood, war leider ein ziemlicher Rohrkrepierer. „The Hurt Locker“ auf Indisch ist dies nicht, mit irgendeiner Realität außer der von Sonnenbrillenmarken hat „Solang ich lebe“ nichts zu tun. Das wird schon in der ersten Sequenz klar, einer italowesternhaft in Szene gesetzten Bombenentschärfung auf dem Markt von Ladakh. 97 Bomben hat Major Samar Anand (Shah Rukh Khan) schon entschärft und dabei jedes Mal einen Schutzanzug abgelehnt. Schnippschnapp, ultracool, Bombe tot, Sonnenbrille auf und ab aufs Motorrad. „Welches Schicksal hat ihn dazu gemacht?“, wird uns zugeraunt, und dann mit Hilfe einer jungen Journalistin erzählt. Rückblende. Rückblende. Rückblende.
Shah Rukh Khan, Jahrgang 1965, also auf die 50 zugehend, wird zum 25-jährigen Straßenmusiker, der sich in London sein Geld verdient, als Hilfskellner jobbt, einer wunderschönen jungen reichen Frau begegnet, ihr ein Pajabi-Lied beibringen soll, und dabei der unerfüllbaren großen Liebe begegnet. Niemals mehr als Freunde sein wollen sie, keine Grenze überschreiten, denn sonst könnte Gott sie bestrafen. Religiöser Kitsch und Aufnahmen im Schnee amalgieren hier mit den üblichen Zutaten des Bollywood-Films, es gibt schwülstige Kirchenszenen, einen Song in einer roten Londoner Telefonzelle und ein fetziges Post-Punk-Straßenballett in so etwas wie einer U-Bahnröhre.
To whom it may concern, an mir ging diese sinnfreie Konfettibombe relativ vorbei, dabei wollte ich einfach schönen runden Bollywood-Spaß haben in diesem letzten Regiewerk des Altmeisters Yash Chopra. Der 80-Jährige war 2005 mit „Veer und Zaara – Die Legende einer Liebe“ Gast auf der Berlinale und im Folgejahr Mitglied der Berlinale-Jury gewesen. An Shah Rukh Khans Seite spielen Katrina Kaif (ZIindagi Na Milegi Dobara – Man lebt nur einmal) und Anushka Sharma (Rab Ne Bana Di Jodi – Ein göttliches Paar), aber die Funken wollen nicht recht stieben. Also, Achtung Kalauer, dem Plot zum Trotze doch kein Bombenfilm.
Alf Mayer, cultmag
Solang ich lebe – Jab Tak Hai Jaan (Special Edition) [2 DVDs]
Indien 2012
Regie: Yash Chopra
ab 6 Jahren
Rapid Eye Movies (Alive)
Share
Werden Sie Deutscher (ab 02. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 2. Mai 2013
Besuch in einem Integrationskurs. Was passiert da? Welche Werte werden vermittelt? Wie sieht das Bild von Deutschland und den Deutschen aus, das dort entsteht? Ohne Kommentar wird eine Integrationsklasse fast ein Jahr lang begleitet. Man staunt, man wundert sich, man schüttelt den Kopf. Besonders spannend ist der wunderbar unprätentiöse Film immer dann, wenn er Gefühlen, etwa auch Ängsten, der Kursbesucher Raum und Zeit
lässt. Aufregend daneben: die soziale Vielfalt, die deutlich wird. Da lernt der scheue Mann aus Bangladesh, der unentwegt Furcht vor Abschiebung haben muss, neben dem coolen Weltenbummler, der darüber nachdenkt, in Berlin eine Bar aufzumachen. Am Ende erwartet alle das „Zertifikat Deutsch“. Sie brauchen es für ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Es sagt, dass die Absolventen des Kurses Kenntnisse in der deutschen Sprache haben, im Rechtssystem, in Historie und in Kultur. Der Film zeigt: Über Deutschland hier und heute erfahren sie kaum etwas. Kein Wunder, wissen wir Deutschen doch selbst nicht gerade gut, was uns und unsere Heimat ausmacht.
Der Film bleibt übrigens nicht im Klassenzimmer. Einige Kurteilnehmer werden in ihrem persönlichen Umfeld besucht, etwa bei der Arbeitssuche begleitet. Da zeigt sich schnell, welchen Wert der Kurs hat. Spätestens dann ist einiges Schmunzeln angesagt. Ein Schmunzeln mit bitterem Klang. Da wird man denn als Zuschauer auch zum Kursteilnehmer.
Peter Claus
Werden Sie Deutscher, von Britt Beyer (Deutschland 2012)
Bilder: imFilm – Agentur + Verleih
ShareI, Anna (ab 02. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 2. Mai 2013
1998 kam die Romanadaption „Solo für Klarinette“ von Regisseur Nico Hofmann in die Kinos und fiel trotz imponierender Besetzung mit Corinna Harfouch und Götz George in den Hauptrollen durch. Der erotische Psychothriller nach dem Buch von Elsa Lewin war ein grandioser Misserfolg. Schade, dass der Film nicht noch einmal gestartet wird. Gut möglich, dass er heute, lange nach dem Ende der so genannten Spaßgesellschaft, besser ankäme. Verdient hätte es der Film!
Hofmann hatte die Handlung aus New York nach Berlin verlegt. Die schon 2011 gedrehte Neuverfilmung des Buches spielt nun in London. Und bleibt in der Qualität weit hinter Hofmanns Thriller zurück. Die Story folgt der Vorlage: reifere Frau und auch nicht mehr ganz junger Mann versuchen, eine unmögliche Liebe zu leben. Charlotte Rampling und Gabriel Byrne sind diesmal die Protagonisten. Beide spielen exzellent. Doch Regisseur Barnaby Southcombe, der Sohn von Charlotte Rampling, hat nicht genug Gespür dafür, eine starke Atmosphäre aufzubauen. Die Story der einsamen Anna und des nicht minder einsamen Kommissars Bernie beginnt mit einem Mord. Im Buch wird davon nicht in Krimi-Manier erzählt. Es geht ganz um die psychologischen Verästelungen. Bei Hofmann sorgte die Suche nach dem Täter für Spannung. Eine konsequente Neubearbeitung des Stoffes. Southcombe mogelt diesbezüglich etwas rum, verrät zwar, wie im Buch, wer die Tat begangen hat, setzt aber dennoch halbherzig auf Krimielemente. Das Eigentliche, das Drama, das aus Einsamkeit erwachsen kann, gerät dabei zu sehr an den Rand der Erzählung. Die Notwendigkeit, eine Handlung abzuspulen, geht zu Lasten der Figurenzeichnung. Da können auch die zwei Weltstars nichts retten. Sie haben schlichtweg zu wenig zu spielen. Das war bei Hofmann anders. Man sehnt sich geradezu nach Harfouch und George. Da ist wohl mal wieder der Gang zum DVD-Verleih angesagt.
Peter Claus
I, Anna, von Barnaby Southcombe (Frankreich/ Großbritannien/ Deutschland 2011)
Bilder: NFP
ShareIron Man 3 (ab 02. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 2. Mai 2013
Was soll man über den erneuten Auftritt von Robert Downey jr. als „Iron Man“ schon groß schreiben können? Ist ja klar, dass die Story auf Spannung setzt, raffinierte Tricktechnik zum Einsatz kommt, jede Menge Action geliefert wird und sowieso und außerdem, dass die Schauspieler genregemäß perfekt agieren. Aber: der Film lässt einen auch staunen, weil Unerwartetes geboten wird. Überraschenderweise wird nämlich die Titelfigur als Mensch erkundet. Nicht Iron Man steht im Zentrum, sondern der Mann, der Iron Man spielt, der Erfinder Tony Stark (Robert Downey jr.), Milliardär, Playboy und Ex-Waffenproduzent. Es ist ein technisch genialer Anzug, der ihn zu Iron Man werden lässt. Und der Film zeigt, was Tony kann und wer er ist, wenn der Anzug nicht rund um die Uhr funktioniert. Die Technik streikt. Der starke Mann aus der Welt der Comic-Factory Marvel ist also
auf den Einsatz seiner persönliche Kraft und Intelligenz angewiesen. Sein Kampf gilt einem Bösewicht namens Mandarin (Ben Kingsley). Der terrorisiert die Welt mit mörderischen Attacken. Iron Mans Feldzug gegen den Unhold wird bildgewaltig in 3D-Format vorgeführt. Regisseur Shane Black, bisher vor allem als Drehbuchautor erfolgreich, hat sich jedoch nicht dazu verführen lassen, die Tricktechnik in den Vordergrund zu rücken. Mit durchaus feinsinnigem Witz und dazu einer gehörigen Portion Emotionalität erzählt er vor allem die Geschichte eines Mannes, der seine eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten begreifen lernt, um sie dann für den Sieg des Guten einzusetzen. Dabei erscheint Tony Stark nicht als selbstloser Menschenfreund mit Heiligenschein. Seine ganz und gar eigennützigen Motive fallen nicht unter den Tisch. Natürlich sind auch die edel, denn es gilt für Tony, ihm persönlich nah stehende Leute zu schützen.
Hauptdarsteller Robert Downey jr. strahlt eine selbstverständliche Virilität fern von dümmlichem Machogehabe aus. Gerade, zeigt Verletzlichkeit und Selbstironie. Drum glaubt man ihm den über sich hinaus wachsenden Tony Stark. Die Fantasy-Comic-Figur wird dank des Schauspielers zu einem wirklichen Charakter, dem man als Zuschauer gern die Daumen drückt. Don Cheadle in der Rolle von Tonys Freund Rhodey besteht mit Charme und Kraft neben dem Hauptdarsteller. Die Zwei ergänzen einander aufs Beste. Gwyneth Paltrow als Tonys große Liebe Virginia „Pepper“ Potts darf erfreulicherweise mehr als schöne Augenweide sein. In einer besonders gelungenen Szene tritt sie sogar als Iron Woman auf und sorgt damit für ein Höchstmaß an Spannung. Aber auch für die von ihr mit Sex Appeal und viel Humor verkörperte Sirene gilt: die menschlichen Qualitäten sind das A und O, es ist nicht die Technik. Am Ende zählt allein die innere Stärke. Die gewichtige Botschaft wird übrigens recht früh verkündet, wenn, bezogen auf die Waffenproduktion, der Satz fällt „Wir schaffen unsere eigenen Dämonen“. Doch keine Sorge! Pseudophilosophisch dröge geht es nicht zu. Der Spaß an Fantasy und Thrill ist enorm. Regie und Drehbuch lassen ihren Anspruch der Reflexion von durchaus Ernsthaftem zwar deutlich erkennen, doch bedienen sie vor allem das Bedürfnis nach ausgeklügelter Unterhaltung. Dennoch reicht’s sogar für ein paar kritische Gedanken zu Themen wie einer fatalen Macht gewisser Medien und den Grenzen der internationalen Terrorbekämpfung. Für einen Blockbuster ist das überaus erstaunlich. Ein schauspielerisches Glanzstück liefert Guy Pearce, der als Aldrich Killian neben dem bestechenden Ben Kingsley einen weiteren Schurken und damit eine Schlüsselfigur mimt. Pearce erweist sich
gleichsam als Mann mit unzähligen Gesichtern. Vielen dürfte sich allerdings besonders Ty Simpkins einprägen. Er verkörpert den achtjährigen Harley, einen Iron-Man-Fan, der für entscheidende Entwicklungen der Erzählung sorgt. Neben dem kindlichen Nachwuchsgenie sieht Tony Stark für einen Moment echt alt aus. Wie auch schon zu Beginn der Geschichte. Da wirkt er arg gebeutelt von seinem vorjährigen Einsatz samt Nahtoderfahrung in „The Avengers“. Der Schrecken darüber, keineswegs unsterblich zu sein, und die Konfrontation mit anderen Superheldinnen und -helden, wie zum Beispiel Black Wido, Hulk und Thor, haben ihm das Überlegenheitsgefühl der Einmaligkeit genommen. Der beinahe schon depressiv anmutende Tony weiß: Helden gibt’s im Dutzend billiger. Sie drohen zur Ramschware zu werden. Auch dagegen setzt er sich mit seinem erneuten Einsatz als Retter der Welt erfolgreich zur Wehr. Dabei hat er es diesmal mit einigen überaus gruseligen Widersachern zu tun. Für den Mandarin treten nämlich Typen einer „Die zehn Ringe“ genannten Organisation an, die innerlich derart glühen, dass sie alles, was sie anfassen, ob Stahlträger oder eben den Iron-Man-Anzug, zum Brennen bringen und damit zerstören können. Diese Wesen können sogar explodieren und dann im Handumdrehen scheinbar unversehrt im Flammenmeer wieder auferstehen.
Die besondere Qualität des Films wird übrigens gleich zu Beginn mit einer Rückblende auf Silvester 1999 deutlich, in der die Ursachen für den aktuellen Clinch aufleuchten. Der Soundtrack dazu besticht mit dem damals populären Hit „Blue (Da Ba Dee)“ des italienischen Trios Eiffel 65. So wird auch noch musikalisch signalisiert, dass Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung einträchtig zusammenwirken. Und das mit vielen überraschenden Einfällen, die vorab nicht verraten werden dürfen. Nur ein Tipp für alle, die bisher keine eisernen Fans der Marvel-Comic-Verfilmungen sind: Auf keinen Fall schon während des Abspanns aus dem Kino gehen. Danach geht’s nämlich noch a bisserl weiter!
Peter Claus
Iron Man 3, von Shane Black (USA 2013)
Bilder: Concorde Film
ShareSteve McQueen – Filmemacher und Konzept-Künstler (eine Ausstellung im Schaulager Basel)
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Kunst am 30. April 2013

Steve McQueen, Bear, 1993, Videostill, Courtesy the Artist _ Marian Goodman Gallery, New York _ Paris and Thomas Dane Gallery, London © Steve McQueen
Körper, Kamera & Raum
Eine große Ausstellung in Basel zeigt Steve McQueen als Filmemacher und Konzept-Künstler
Mama McQueen muss eine merkwürdige Art von Humor gehabt haben, ihren ziemlich schwarzen und ziemlich britischen Sohn nach dem ziemlich weißen und ziemlich amerikanischen Schauspieler zu nennen. Aber vielleicht treffen sich die beiden ja auch in einer besonders entspannten Entschlossenheit, den Herausforderungen ihrer Zeit standzuhalten. Und übrigens auch in einem Foto von „Steve McQueen with Pistol at his Hollywood Hills Home“, das Steve McQueen (der Künstler) entwendet und neu autorisiert hat. Britischer Humor eben.
Aber ansonsten gehört Steve McQueen zu den eher ernsthaften und nachdenklichen Vertretern der Young British Artists (Zweite Welle), zweifellos ein „thinking man’s artist“, bei dem nichts entsteht, was nicht sorgfältig durchdacht und konzeptionell durchdekliniert wurde. Wenn man seine ersten Filme aus den neunziger Jahren ansieht, bekommt man nicht nur die Liebe für ein altes, längst vergangenes (kinetisches, natürlich schwarz/weißes, stummes) Kino mit, sondern sieht einem Projekt beim Wachsen zu: Der Körper und die Kamera. Die Kamera und der Körper. Nicht eines als Mittel oder Objekt des anderen, sondern ein direkter Austausch, manchmal so buchstäblich wie in „Catch“ (1997), wo die Kamera zwischen zwei Leuten – McQueen und seine Schwester, um genau zu sein - hin und hergeworfen wird, und der dabei aufgenommene Film also diese Bewegungen zwischen ihnen dokumentiert (und auch den merkwürdigen Ernst, mit dem sie da bei der Sache sind). Die dabei entstandenen Bilder-Bewegungen sind so kompliziert, fließend und zufällig, dass man beim Zuschauen den Glauben an einen Standpunkt verliert. Überhaupt ist McQueen zu dieser Zeit der Filmemacher, der seine Kamera losschickt, um Sachen zu sehen, die keine Kameraperson sehen kann wie in „Drumroll“ (1998), wo drei Kameras in einem leeren Ölfass durch New York rollen, gezogen vom Künstler in pinkfarbener Jacke, der sich einen Weg durch die Menschenmenge sucht, und die Passanten um Entschuldigung und Platz ersucht.
„Exodus“, entstanden 1992 und fertiggestellt 1997 zeigt zwei (afro-karibische) Männer mit Hüten, die Palmen durch London tragen und dann mit ihnen in einen Bus steigen. Eine dieser Straßenszenen, die man gelegentlich sieht, und sich fragt, ob man sie sonderbar, poetisch oder komisch finden darf. Und das ist wahrscheinlich das Konzept der ersten Filme von Steve McQueen: Es gehen sonderbare und poetische Dinge vor sich, Körper bewegen sich nicht so, wie sie es sonst tun, oder man sieht sie sich nicht so bewegen, wie man es sonst tut. Das Staunen wird durch kein Aha aufgelöst. Nun scheint es aber so, dass die beiden Männer bemerken, dass jemand sie mit der Kamera aufnimmt, und das Spiel mitspielen. Sogleich entsteht wieder eine ganz andere Frage nach dem Bewusstsein und der Gegenwart des Körpers. Die Zwei Zimmerpalmenträger in London und die Kamera erspielen sich einen ganz eigenen Raum. Es ist nicht das wirkliche London, es ist nicht der illusorische Bildraum des Mannes mit der Kamera. Es ist irgendwas dazwischen und darüberhinaus.

Steve McQueen, Exodus, 1992_97, Videostill, Courtesy the Artist _ Marian Goodman Gallery, New York _ Paris, and Thomas Dane Gallery, London © Steve McQueen
Der Körper, die Kamera und der sich wandelnde Raum. Steve McQueens offiziell erster Film, „Bear“ (1993), die Abschlussarbeit am Londoner Goldsmith College (das er nach dem Chelsea College of Art and Design besuchte) ist sehr viel radikaler als dieses hübsche kleine Film-Spiel, das aber doch schon den ganzen McQueen enthält. Zwei nackte schwarze Männer, einer von ihnen der Künstler selber, führen ein Ringkampf-Spiel auf, so ziemlich alles zwischen Aggression, Sexualität, Tanz und Ritus ist darin. Und es ist eine Art Exorzismus des Kinos; eine typische Kino-Situation, das Duell, der Voyeurismus, die Ambiguität, wird durch Reduktion des filmischen Raums (eine Aktion, die nicht aus Handlung entsteht, keinen Grund und keinen Zweck hat) isoliert und neu besetzt. Vielleicht machen Steve McQueens frühe Filme mit dem Kino nichts anderes als Andy Warhol mit Suppendosen oder Robert Rauschenberg mit Comics gemacht hat. Aber McQueen geht in seiner Appropriation einen Schritt weiter: Denn das Kino-Klischee wird ja durch neue Inhalte gefüllt: durch Kunst, durch Intimität, durch Blackness und durch eine sexuelle Ambivalenz, die womöglich den weißen, heterosexuellen Mann verlegen machen kann (zumal es ja hier auch das nicht gibt, was eine solche Verlegenheit im Kino verschwinden lässt, den Ton oder gar Musik). Zum Rest des Beitrags »
ShareWerner Spies las in der Kunsthalle Karlsruhe aus seinen Lebenserinnerungen
von Carmela Thiele+ in Gesellschaft, Kritik, Leben, Literatur am 27. April 2013
Alles Freunde
Wie er denn den Feuerbach fände, fragte Andreas Platthaus zum Auftakt der Veranstaltung mit Werner Spies im Feuerbachsaal der Kunsthalle Karlsruhe. „Das Verhältnis wird besser“, entgegnete der mit Texten über Picasso und Max Ernst bekanntgewordene Kunstschriftsteller diplomatisch und verriet, dass er gerade die Kunst des 19. Jahrhunderts für sich entdecken würde. Platthaus, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, moderierte das Gespräch mit „seinem Freund“, und überhaupt schien der durch die Beltracchi-Affäre beschädigte Kunsthistoriker an diesem Abend umgeben von Freunden. Robert Walter vom Centre Culturel hatte mit Peter Weibel, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), die Vorstellung der 2012 erschienenen Lebenserinnerungen „Mein Glück“ in Karlsruhe angeregt. Pia Müller-Tamm, die Direktorin der Kunsthalle hatte den Vorschlag dankbar aufgegriffen. Und Erwin Teufel, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, entpuppte sich in der Laudatio als Schulkamerad des prominenten Wahlfranzosen. Zum Rest des Beitrags »
ShareRELAUNCH – In den Kunst-Werken Berlin (27. April bis 25. August 2013)
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst am 27. April 2013
RELAUNCH: Am Samstag eröffnen die Kunst-Werke unter der neuen Leitung von Ellen Blumenstein
Risse in der Wand. Wer genau hinschaut, erkennt die feinen Furchen, die die beige Fassade des Atelierflügels im Innenhof der Kunst-Werke (KW) durchziehen. Die instabilen Fundamente des Loft-Hauses direkt nebenan, in dem der Kunstsammler Thomas Olbricht seinen “me Collectors Room” untergebracht hat, drücken so stark auf die angrenzenden KW, dass sich deren Wände verzogen haben. Ein Bauschaden wie eine Metapher: Sinnbild für die prekäre Lage progressiver Kunst in Berlins Mitte: Zwischen Privatmuseen und Nobelshopping.
Ellen Blumenstein zeigt keine Anzeichen von Panik, wenn sie von dem ewigen Desaster erzählt. Nur ein paar Tage ist es noch bis zur Eröffnung “ihrer” Kunst-Werke. Dass quasi das halbe Haus noch eine hässliche Baustelle ist, macht sie trotzdem nicht depressiv. Wer sich mit der neuen Kuratorin in den leergeräumten Kunst-Werken trifft, trifft eine Frau, die weiß, was sie will. Zwischendurch gibt sie dem Maler Tipps, der das neue Design auf die Wände pinselt.
In den Kunst-Werken ist die neue Chefin keine Unbekannte. Die 38-jährige, in Hessen geborene Kuratorin, hat hier schon von 1998 bis 2005 gearbeitet. Zusammen mit Klaus Biesenbach und Felix Ensslin organisierte sie damals die heftig umkämpfte RAF-Ausstellung “Zur Vorstellung des Terrors”. International machte sie auf sich aufmerksam, als sie 2011 als freie Kuratorin den isländischen Pavillon auf der Venedig-Biennale kuratierte.
In Berlin richtig bekannt wurde sie als eine der Galionsfiguren des Aufrufs “Haben und Brauchen”. Mit dem Berliner Kulturschaffende 2011 Front gegen Klaus Wowereits prestigefixierte Kulturpolitik machten. Und auf dessen Geheimrezept scheint sie sich auch für den Relaunch des Hauses besonnen zu haben, Zum Rest des Beitrags »
Share

















