Michael Ondaatje: Katzentisch

Jeden Tag ein Verbot übertreten – das ist doch mal ein mutiger Ansatz. Drei Jungen im Alter von elf, zwölf Jahren sind es, die sich gemäß dieser Maxime verhalten. Ihre Grenzüberschreitungen sind umso bemerkenswerter, als sie sich auf einem Schiff befinden, also in einer geschlossenen Gesellschaft, der sie nicht entkommen können. Dieses Schiff ist unterwegs von Sri Lanka, das im Jahr 1954 noch Ceylon hieß, nach England. An Bord sind Auswanderer oder Transitreisende, die sich zwischen den Welten bewegen. Unter ihnen war damals auch der elfjährigen Michael Ondaatje, der seiner Mutter folgte, die schon seit ein paar Jahren in England lebte und an die er sich kaum noch erinnerte. Zum Rest des Beitrags »

Martin Amis: Die schwangere Witwe

Der Geschlechtsverkehr, schreibt Martin Amis zu Beginn, „hat zwei spezifische Besonderheiten. Er ist unbeschreiblich. Und er bevölkert die Welt. Es sollte uns daher nicht überraschen, dass alle kaum etwas anderes im Kopf haben.“ Das mag als Daseinsdeutung tendenziell leicht übertrieben sein, ist aber bestimmt nicht ganz falsch. Vor allem aber ist dieser Satz der Schlüssel zu Amis’ Roman „Die schwangere Witwe“, in dem es vor allem, nahezu ausschließlich, um Sex geht, der Akt selbst aber, um den sich alles dreht, als Unbeschreibliches auch unbeschrieben bleibt. Der Erzähler besitzt mehr Diskretion als seine Figuren. Denn die reden unentwegt über Sex oder den Mangel an Sex und ihre Erfahrungsexpeditionen. Sie verheddern sich in ihren Phantasien und Wünschen, sind mit der Ausdifferenzierung der Gefühle beschäftigt und haben also auch mit Verletzungen zu tun. Amis fasst diese, nun ja, Einseitigkeit, so zusammen: „Wir dürfen hier in Klammern anmerken, dass praktisch jeder sterbende Mann sich wünscht, sehr viel mehr Sex mit sehr viel mehr Frauen gehabt zu haben.“ Für die Frauen – das dürfen wir in Klammern hinzufügen – gilt selbstverständlich umgekehrt genau dasselbe. Zum Rest des Beitrags »

Christian Kracht: Imperium

Im Zeichen der Kokosnuss

Christian Kracht spürt mit seinem Roman „Imperium“ deutschen Kolonialsehnsüchten nach. Es ist die Geschichte des August Engelhardt, ein weiterer Vertreter im Krachtschen Kosmos, in dem Zvilisierte auf “exquisite” Barbaren stoßen

August Engelhardt war nicht einfach nur Nudist und Vegetarier. Er glaubte an die Kokosnuss, die er für die Krone der Schöpfung und den Stein der Weisen hielt. Also zog er aus, sein Leben der göttlichen Frucht zu weihen. Die Kokosnuss war ihm heilig, da sie so weit oben wuchs, dem Licht so nah, und alles Leben sich doch aus dem Licht speist. Deshalb hielt er auch das Gehirn für das edelste Organ, das seine Energie direkt über die Haare aus der Sonne saugte – genau wie die behaarte Frucht der Kokospalme.

August Engelhardt war, so könnte man sagen, ein Messias des Solarzeitalters, lange bevor es Solarmodule gab. Das deutsche Kaiserreich war ihm zu eng und zu fleischfressend.

Also bestieg er am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schiff und reiste nach Deutsch-Guinea im Pazifik. In der Kolonie Neupommern erwarb er eine Kokosplantage, um fürderhin unter Menschenfressern als Kokovorist zu leben und nichts anderes als Kokosnüsse zu sich nehmen zu müssen. Fotos zeigen einen langhaarigen, bärtigen, sehr mageren Mann mit einem Tuch um die Hüften: eine messianische Gestalt. Zum Rest des Beitrags »

Rudi Fuchs: Rembrandt spricht

Das faszinierende Buch über Rembrandt von Rudi Fuchs könnte auch „Rembrandt unplugged“ heißen, denn wir begegnen dem niederländischen Maler auf Augenhöhe, ohne Pathos von Genialität und Bedeutung. Der Kunsthistoriker skizziert die Laufbahn Rembrandts, indem er sich in die Gestaltungsfragen eines Historienmalers des 17. Jahrhunderts hineindenkt. Anhand von wenigen überlieferten Zitaten bringt er Rembrandt zum Sprechen und den Leser zum Verstehen, was es mit diesem einzigartigen Künstler auf sich hat. Der „biographische Roman“ ist fiktiv und doch womöglich näher am Geheimnis dieser Kunst als eine rein wissenschaftliche Analyse.

Dabei verfolgt Fuchs sehr genau, wie Rembrandt seinen Stil in produktiver Abgrenzung vom Werk seines Lehrers Pieter Lastman, aber auch in Opposition zu Peter Paul Rubens, dem älteren Zeitgenossen, und den italienischen Meistern, Raffael und Leonardo da Vinici, fand. Als angehender Maler studierte er die Geschichten der Bibel, als habe jede Nuance der Überlieferung eine Bedeutung. Diese Schilderungen unglaublicher Begebenheiten kombinierte er mit dem Realismus beobachteten Alltags. Und siehe da, diese Art der Historienmalerei lässt niemanden kalt.

Auch Rembrandts Gruppenporträts haben sich bis heute eine überraschende Frische bewahrt, weil  er „natürliche Beweglichkeit“ in die Komposition brachte. Sein Realismus, der Rhythmus der Figurengruppen, der Aufbau der gesamten Szenerie, zeigen Rembrandts Qualitäten als Regisseur. Für eines seiner berühmtesten Stücke, die „Nachtwache“, verwandelte er ein Gruppenporträt in einen turbulenten Schützenumzug. Zum Rest des Beitrags »

Daniel Erk: So viel Hitler war selten

Hitler – der populärste Tote der Postmoderne

Daniel Erks unterhaltsames Aufklärungsbuch über den ewigen Frühling des Führers  

Nein, den marktreißerischen Superlativ im Titel haben sie klugerweise vermieden.  Zwar heißt es im Klappentext des Random House-Ablegers Heyne über Daniel Erks Hitler-Aufklärungsbuch raunend: „Der Umgang mit dem ‚Führer’ wird immer sorgloser.“ Doch der Titel selbst ist eher zurückhaltend: „So viel Hitler war selten.“ Hier schwingt wohl die Ahnung mit, dass „Springtime for Hitler“, um den legendären Refrain von Mel Brooks’ Filmklassiker „The Producers“ zu zitieren, nunmehr seit Jahrzehnten  währt. Zu allen Jahreszeiten, bei jeder Gelegenheit begegnen uns Hitler und die Seinen. Der Mann aus Braunau ist  zum populärsten wie prominentesten Untoten der Postmoderne geworden. Ein mächtiges Gespenst in einem vorgeblich säkularen Zeitalter. Mit der modernen Medien-Figur Hitler verbindet sich ein unablässiger Strom von Humor, Witzen, Persiflagen, und Parodien.

Die bloße Feststellung einer grassierenden Hitler-Mania birgt also keinen großen Erkenntniswert – und doch ist Daniel Erks Buch verdienstvoll. Erk, der unter dem Dach der taz seit Jahren das Hitlerblog betreibt, listet in „So viel Hitler war selten“ mit  Eifer und Geduld auf, wie sich die Kulturindustrie Hitlers und seinem Gedenken angenommen hat und zu welch verbalen Entgleisungen die Analogien mit Hitler und dem Nationalsozialismus zuweilen geführt haben. Die Medienskandale von gestern und vorgestern ziehen im Zeitraffertempo vorbei. Etwa Philipp Jenningers unbeholfene Rede vom „Faszinosum des Nationalsozialismus“, Hertha Däubler-Gmelins im Wahlkampf geäußerter Vergleich von George W. Bush mit „Adolf Nazi“, der Auftritt von DJ Tomekk im RTL-Dschungelcamp mit Hitler-Gruss und erster Strophe des Deutschlandlieds. Bizarre Funde kommen auch zutage, wenn sich Erk der Werbeindustrie annimmt, Zum Rest des Beitrags »

Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus

Von Ulbricht zu Erhard

Brutto, Tara, Netto

In ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ äußert Sahra Wagenknecht nichts Falsches und kaum Neues, aber viel Vernünftiges und verbindet dies alles mit einer Marketing-Idee, über deren Nutzen und Nachteil man sich dann halt ein paar Gedanken machen wird. Dem Vernehmen nach soll in Teilen ihrer Partei die neue Position der Autorin mit einigen ihrer älteren Auffassungen verglichen und die dabei festgestellte Differenz ihr vorgehalten worden sein. Diesen Effekt wird sie als Werbe-Nutzen einkalkuliert haben. Wer sich für das interessiert, was sie der Sache nach zu sagen hat, sollte sich von solchem Geräusch nicht ablenken lassen, sondern nachsehen, was im Buch drin steht. Erzählen wir es also erst einmal nach.

 

Diagnose

Das Buch ist gut lesbar geschrieben und didaktisch eingängig aufbereitet. Hinter jedem Abschnitt steht ein Fazit. Es empfiehlt sich aber, sich nicht in erster Linie an diesen Zusammenfassungen festzuhalten. Lehrreicher sind die zahlreichen Details, die ihnen vorangehen.

Laut Sahra Wagenknecht ist der Kapitalismus mittlerweile in eine Phase des Mangels an Produktivität eingetreten. In der hochkonzentrierten Finanzindustrie, in der sich die Institute vor allem wechselseitig Geld leihen, fungieren „Banken als Investitionsverhinderer“ und als „Innovationsbremse“. So werde „Schaum statt Wert“ erzeugt. An die Stelle einstmals produktiver Industrien sei nunmehr eine „ausgezehrte Welt-AG“ getreten, in der die Unternehmen nur noch „am kurzfristigen Shareholder Value ausgerichtet“ seien und ihre Substanz „durch hohe Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe“ beeinträchtigt werde. Die Leistungsgesellschaft werde viel beschworen, sei aber unter solchen Umständen nur ein Mythos. Kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung kontrolliere die großen Vermögen. Über die Zugehörigkeit zu diesem exklusiven Club entscheide häufig die Geburt. Sei einst – laut Joseph Schumpeter – kreative Zerstörung ein Merkmal des Kapitalismus gewesen, gebe es jetzt vor allem zerstörte Kreativität. Zum Rest des Beitrags »

Andreas Maier: Das Zimmer

Auf das Zimmer folgt das Haus, auf Drinnen folgt das Draußen. Dann kommt das Viertel, die Stadt, die Umgebung, und schließlich die ganze Welt bis hin zum lieben Gott. So ungefähr richtet sich das Kind im Universum ein, und ganz ähnlich ordnet Andreas Maier seinen Schreibprozess. Das Universum ist unendlich, und wer es begreifen oder auch nur beschreiben möchte, wird damit aller Voraussicht nach niemals fertig. Also fängt er besser in der Nähe an, bei sich selbst, den Eltern, der Familie, der Schulzeit.

Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, ist in seiner groß angelegten autobiographischen Auslotung der Welt nach dem Roman „Das Zimmer“ nun bei „Das Haus“ angekommen, das er wiederum in zwei Teile, „Drinnen“ und „Draußen“, zerlegt. Der Blick des Autors auf das eigene, kindliche Ich fällt dabei zunächst von draußen herein. Das ist unvermeidlich, obwohl er im einstigen Zimmer des Onkels sitzt und schreibt, sich also in unmittelbarer Nähe innerhalb des Familienkosmos’ angesiedelt hat, um von hier aus zurückzublicken. Doch das eigene Ich ist zunächst nicht viel mehr als eine Legende, die sich aus familiären Überlieferungen zusammensetzt. „Vielleicht“, so mutmaßt der Erzähler, „bin ich ganz anders aufgewachsen, als es die niedlichen Anekdoten erzählen.“ Zum Rest des Beitrags »

Eine sehr blutige Ernte – Rückblick 2011

Ein anderer Jahresrückblick: Kriminalliteratur, weitgehend noch unübersetzt

Der beste und wichtigste Thriller des Jahres 2011 stammt für mich von einem Autor, der bei uns seit zehn Jahren unübersetzt geblieben ist: „A Deniable Dead“ des Briten Gerald Seymour. Ganz nah, ganz dreckig, detailreich und realistisch nimmt Seymour uns mit auf eine Aktion im schmutzigen Krieg gegen den Terror. Der Stoff, aus dem später Historiker unsere Gegenwart rekonstruieren werden. Seymour ist ein ehemaliger Journalist. Jedes Jahr legt er einen zeitgenössischen Stoff vor – auf höchstem Niveau.

Ebenfalls hart an der Realität und gut recherchiert, „The Wreckage“ des Australiers Michael Robotham, das im April 2012 bei Goldmann als „Der Informant“ erscheint. Im Irak werden Banken überfallen, im großen Stil. Folgerichtig, dass die Spur dann an den Finanzplatz London führt. So muss Thrillerliteratur sein: den Schlagzeilen immer ein Stück voraus.

Endlich wieder ein Polizeiroman, der die Jahre überstehen wird: authentisch, klug, ungewöhnlich gut geschrieben. Edward Conlon, Harvard-Absolvent, preisgekrönter Essayist und New Yorker Polizist, vermag in „Red on Red“ nicht nur mit einer komplexen und heftigen Polizeigeschichte zu unterhalten, sondern auch über Detektivarbeit zu sinnieren und das Geschichtenerzählen an sich. Das ist lyrisch, psychologisch stimmig, leidenschaftlich und überraschend.  Ebenso lesenswert – und mit einigen Metaebenen mehr aufwartend als Simons „Homicide“ (das damit keineswegs abgewertet werden soll, um Himmels willen) – sind seine sich selbst nicht schonenden Polizei-Memoiren „Blue Blood“ von 2004. Zum Rest des Beitrags »

Sherko Fatah: Ein weißes Land

Die Erinnerung, so heißt es an einer Stelle dieses erstaunlichen Romans, ist wie ein Haus. Sie hat mehrere Türen. Und wenn eine Tür verschlossen ist, muss man eben eine andere nehmen. Anwar, der Ich-Erzähler, ist Diener, Bote und gelernter Dieb im Bagdad der 1930er Jahre. Auf Türen ist er nicht angewiesen. Er kann an Mauerwänden hinaufklettern und über die Dächer in fremde Häuser eindringen. Aber auch seine anderen Tätigkeiten lassen ihn weit herumkommen, sehr weit: Aus Bagdad führt die Reise ins nationalsozialistische Berlin und dann, als Soldat in einer muslimischen Kompanie, weiter an die Ostfront. Anwar ist der tumbe Tor, der brave Diener seiner Herren, deren Ziele er sich zu eigen macht. Zum Rest des Beitrags »

David Foster Wallace: Alles ist grün

Es gibt so Tricks für den gewitzten Erzähler. Zum Beispiel den, immer das zu sagen, was er gerade tut. Wenn sich die Geschichte etwas in die Länge zieht, schreibt er das hin, und schon verzeiht man ihm den Mangel, sieht darin gar eine besonders raffinierte Methode. Noch raffinierter ist es selbstverständlich, auch diesen Effekt schon mitzureflektieren und zu benennen. Fiktion, Metafiktion und so weiter. Man lernte das in amerikanischen Creative Writing Workshops der achtziger Jahre, deren erfolgreichster und superraffiniertester Absolvent wohl David Foster Wallace gewesen ist. Die besondere Herausforderung für ihn bestand darin, Fiktion jederzeit als Fiktion kenntlich zu machen, also den Schreibenden mitzuschreiben, die Konstruktion und die handwerkliche Gemachtheit offensiv auszustellen, dabei aber trotzdem die Geschichte als Geschichte nicht zu zerstören, sondern nur umso wirkungsvoller ablaufen zu lassen. Zum Rest des Beitrags »

Christian Goeschel: Selbstmord im Dritten Reich

Heroische Feiglinge

Auch die NS-Täterseite war ständig von einer Suizidwelle erfasst  / Christian Goeschels aufschlussreiche historiographische Studie zum „Selbstmord im Dritten Reich“

Statistiken haben etwas Verführerisches an sich. Aus Zahlen, Kurven und Verläufen spricht eine scheinbar objektive Gewissheit und die daraus gewonnenen Ergebnisse lassen sich zu allen möglichen Zwecken einsetzen. Ein besonders sensibles Feld waren (und sind immer noch) die jeweiligen nationalen Selbstmordraten. In Deutschland, wo die Suizidfälle nach dem Ersten Weltkrieg auffällig höher lagen als etwa in den alliierten Siegerstaaten Frankreich oder England, hat man schlimme Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Offiziell starben in Deutschland zwischen 1919 und 1933 insgesamt 214.419 Menschen durch Selbstmord. „Wenn Meinungsmacher einen Beleg für den Verfall der Republik suchten, zogen sie die Selbstmordraten heran,“ schreibt der Historiker Christian Goeschel in seiner Studie „Selbstmord im Dritten Reich“.

Jede dieser kriminalpolizeilich registrierten Leichen wurde den Gegnern der ersten deutschen Republik zum Beleg ihrer politischen Propaganda, zum Sargnagel einer hoffentlich bald überwundenen Zeitepoche. Die linken Grabredner betrauerten die Toten von eigener Hand als bemitleidenswerte Opfer von Verarmung und sozialem Elend. Für die Demagogen von rechts waren sie das Ergebnis der schreienden Ungerechtigkeit des Vertrags von Versailles. Dumm nur, dass nach 1933, als die Arbeitslosigkeit abgeschafft sein sollte und der NS-Volksstaat anbrach, die einschlägige jährliche Sterbequote annähernd gleich hoch auf dem Niveau der Einwohnerzahl einer deutschen Kleinstadt blieb. Zum Rest des Beitrags »

Winfried Menninghaus: Wozu Kunst? Ästhetik nach Darwin

Für mehr als Sex

Der Berliner Literaturwissenschaftler Peter Menninghaus hat sich auf den Pfad von Charles Darwin begeben. Am Ende seines brillanten Buches bleibt Kunst dann aber doch Kultur.

Macht es einen Unterschied, ob der Pfau ein Rad schlägt oder der Neandertaler seinen Körper bunt bemalt? Im Prinzip nein. Beide benutzen Signalsprachen der sexuellen Werbung. Doch warum erschloss sich der Homo Sapiens im Laufe der Zeit damit mehr als den bloßen Reproduktionserfolg? Während der arme Fasanenvogel noch heute bewusstlos sein Rad schlägt?

Winfried Menninghaus vor acht Jahren veröffentlichtes Werk „Das Versprechen der Schönheit“ genießt Kultstatus. In dem 2003 erschienenen Werk argumentierte der Berliner Literaturwissenschaftler noch explizit gegen Charles Darwins Idee von der Schönheit als bloßem Abfallprodukt der Evolution. In seinem neuen Werk „Wozu Kunst“ folgt er dem britischen Naturforscher ein Stück weit auf dem Pfad der „evolutionären Ästhetik“. Warum? Zum Rest des Beitrags »

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

Der Schriftsteller Eugen Ruge hat für seinen DDR-Roman den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen. „In Zeiten des abnehmenden Lichts” sollte man lesen. Hier die Rezension von Jörg Magenau:

Die Menschen auf alten Fotos können nichts dafür, doch sie rücken auf werkwürdige Weise ins Lächerliche. Die Frisuren sind fragwürdig, die Brillen zu aufdringlich, von der Mode bleibt nur die Bemühtheit übrig, und selbst die Gesichter sehen irgendwie naiver aus, einfach deshalb, weil sie so sehr in ihrer Zeit feststecken und nichts von dem wissen, was auf sie zukommen wird. Der Lächerlichkeitseffekt ist unvermeidlich. Prominente aller Art haben ebenso darunter zu leiden wie die eigene Verwandtschaft und das eigene frühere Ich, dessen Peinlichkeitspotential sich erst im Rückblick so richtig offenbart. Bilder von Familienfesten sind gefährliche Abgründe. Zum Rest des Beitrags »

Über den Autor Charles Bowden und die Realität von Ciudad Juárez

„Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“

Es gab eine Zeit, da ergab es einen Sinn, wenn du in Ciudad Juárez ermordet wurdest. Du starbst, weil du eine Drogenlieferung verloren hattest – oder weil eine in deinem Besitz war. Du starbst, weil du einen Drogendeal machen wolltest – oder weil du ein Polizeispitzel warst. Du starbst, weil du eine Frau warst – und es dunkel war. Es gab sogar eine »freundliche« Prozedur fürs Sterben, ein Ritual, bei dem die Bundes- oder Staatspolizei oder die Armee dich abholen, deine Hände und Füße mit Klebeband fesseln, dich foltern und schließlich töten und deinen Leichnam in ein Loch werfen würde, zusammen mit einer Dose Milch, der freundlichen Version von Kalk. Dein Tod würde „carne asada“ genannt werden, ein Barbeque. Das Leben machte damals Sinn, sogar noch im Tod. Das waren die guten alten Zeiten, meint Charles Bowden in seinem steinerweichenden, grausam hellsichtigen Buch „Murder City“.

Den Wahnsinn, der da kommen sollte, ahnten nur wenige Fiktionen voraus. Der Filmregisseur Sam Peckinpah etwa in seinem Road-Movie »Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia« von 1974 (!), in dem Warren Oates dem Rausch des Geldes und der Gewalt erliegt und, dem Wahnsinn immer näher, Gespräche mit jenem blutgetränkten Jutesack führt, den er in seinem Auto transportiert. Seither hat die Welt sich gedreht. Ciudad Juárez, mit dem texanischen El Paso über vier Brücken verbunden, ein Vorzeigeort des Freihandels mit über 50 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, ist ein Schlachtfeld geworden. Die blutigste Stadt der Welt mit der weltweit höchsten Mordrate.

80.000 mexikanische Soldaten führen im Norden Mexikos einen Krieg gegen die Drogenkriminalität. Sagt man. Die USA unterstützen ihren Nachbarstaat dabei mit Milliarden von Dollar. Der »Krieg gegen die Drogen« an der Südgrenze der USA dauert nun 40 Jahre, verbessert hat sich nichts – nur dass das Rauschgift besser geworden und die Zahl der Toten ins Monströse gestiegen ist. Seitdem Präsident Calderón nach seinem Amtsantritt im Dezember 2006 eine groß angelegte Militäroffensive gegen die rivalisierenden Drogenbanden begann, wurden nach offiziellen Angaben landesweit mehr als 42.000 Menschen getötet. Jedes Jahr steigt die Zahl der Ermordeten, Gemetzelten und Gefolterten. Im Jahr 2010 waren es 15.273 Menschen, davon alleine in Ciudad Juárez 3.111 Ermordete. Alleine in dieser Stadt gab es in den letzten 50 Monaten mehr Tote als die Kriege in Irak und Afghanistan an „westlichen“ Gefallenen forderten.

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Mexiko gibt es nicht

Die USA und die Welt, auch die deutschen Medien, sehen ein Mexiko, das es gar nicht gibt. Sie sehen ein Traumland, die pure Fiktion, sagt der US-Autor Charles Bowden in seinem Buch »Murder City« (das noch kein deutscher Verlag anzufassen gewagt hat). »Ciudad Juárez and the Global Economy’s New Killing Fields« heißt der Untertitel. Bowden, ein Reporter und Poet, ein zutiefst am menschlichen Sein und seinen tiefsten Abgründen interessierter Augenzeuge, schreibt seit 30 Jahren über Land und  Menschen im Südwesten der USA, dies ist sein 26. Buch –  alle sind sie lesenswert (siehe die kleine Literaturliste am Ende). Bereits 1998 veröffentlichte er ein Buch über Juárez: »The Laboratory of Our Future«. Es schockierte mit zahlreichen, heimlich aufgenommen Fotos. Sein nun zweites über die Mörderstadt, in der viele Global-Konzerne billig produzieren lassen, begann er, weil er von den 48 Morden des Januar 2008 erschüttert war, denn das würde eine Jahresrate von 576 Morden für die Stadt bedeuten – gegenüber 301 im Jahr 2007. Als er sein Buch abschloss, wurden im Juli 2009 insgesamt 244 Ermordete gezählt, eine Rückkehr zu 100 Toten pro Monat hätte da fast schon friedlich gewirkt. Im August 2009 waren es 306 Tote, und dies in einer Stadt, die von 10.000 Soldaten und Polizisten kontrolliert wird. Seit deren Ankunft stieg die Todesrate um über 80 Prozent. Aufgeklärt wurde übrigens kein einziger Mord, nur fünf Prozent der Fälle wurden ansatzweise »untersucht«. Es gibt und gab kein einziges Verfahren, keine einzige Verurteilung. In El Paso, der amerikanischen Schwesterstadt, ging die Mordrate in den letzten Jahren von 20 auf fünf zurück. Zum Rest des Beitrags »

Wilhelm Genazino: Istanbul, „sterbende Schöne“ zwischen Orient und Okzident

Wo Teejungen und Transvestiten hausten

Megalopole am Bosporus: Im siebten Band der Corsofolio-Städtereihe gehen die Autoren auf Spurensuche in einem untergehenden Istanbul

„Aus der Ferne glich Istanbul der sagenhaften orientalischen Metropole, die wir hatten besuchen wollen. Minarette, Kuppeln, Türme schimmerten wie mit Gold übergossen“. So wie der Steinbildhauer Albin Kranz in Christoph Peters Roman „Das Tuch aus Nacht“ aus dem Jahr 2003 blicken heute viele Menschen immer noch auf die Stadt am Bosporus. Istanbul ist zwar längst kein Märchen aus Tausendundeiner Nacht mehr. Zieht aber immer noch dieselben Projektionen auf sich.

Dass ein neuer Band der Corso-Städtereihe ausgerechnet das hippe Istanbul als „sterbende Schöne zwischen Orient und Okzident“ sieht, wirkt wie die elegische Variante dieser Obsession. Doch der „Schwebezustand zwischen Sehnsucht und Versagung“, den der Schriftsteller Wilhelm Genazino, „Gastgeber“ bei seinen Spaziergängen durch die Viertel der kleinen Händler und armen Leute zu spüren meint, ist kein süßlicher Neoorientalismus. Schließlich hatte schon Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hüzün, das Gefühl einer unbestimmten Trauer, zur mentalen Konstituante seiner Heimatstadt gemacht. Und tatsächlich meint man, einen Schimmer dieser flüchtigen Substanz auf den Gesichtern ganz normaler Menschen zu entdecken, denen die Fotografin Janet Riedel auf den Fähren, in den Basaren oder am Hafen begegnet ist.

Die Schriftsteller, Journalisten und Künstler, die in Corso Istanbul zu Wort kommen, belassen es zum Glück nicht bei Sightseeing-Tipps für Touristen. Ob man Karl-Markus Gauss in das Istanbul der osteuropäischen Migranten im Tashan-Basar hinter der Istanbuler Universität folgt. Ob man Özlem Topcu in das Atelier der jungen muslimischen Modemacherin Rabia Yalcin in den Sex-and-the-City-Stadtteil Nisantasi folgt. Hier öffnet sich die Tür zu einer Welt jenseits der Panorama-Tapeten in den Reisebüros. Und wer mit Ulli Kulke einen Geschichtsausflug zur Galata-Brücke unternimmt, erfährt, dass Istanbul immer ein europäisches und ein orientalisches Gesicht hatte.

Doch dieser Mikrokosmos verschwindet. Die Reportagen von Michael Thumann und Cornelia Tomerius lassen erahnen, welche Veränderungen einer Stadt bevorstehenden, deren Land in den nächsten zehn Jahren unter die Top Ten der Weltwirtschaft aufrücken will. Sie beschreiben wie die alten Stadtteile Tarlabasi und Sulukule, bis vor kurzem Zufluchtsort von Prostituierten, Teejungen und Musikern der eine, Quartier der Roma der andere, mit nahezu kriminellen Methoden für Stadtvillen und Firmensitze aufgekauft und planiert wurden. Die Soziologin Pinar Selek hält ihre Heimatstadt immer noch für eine Ruine, „die ihre Stimme verloren hat“. Doch „Istanbul, die „sterbende Schöne“, meint den Albtraum der Globalisierung, in deren Schwerkraft sie längst geraten ist. Eines nicht allzu fernen Tages werden vielleicht nur noch die Schwarzweiß-Bilder Ara Gülers an das Istanbul der sechziger Jahre erinnern. Resigniert seufzt der legendäre türkische Stadtfotograf, der im europäischen Stadtteil Beyoglu ein berühmtes Cafe betreibt: „Istanbul wird vernichtet, zerstört. Eines Tages wird es soweit sein, dass wir an einem Ort leben werden, an dem steht ein Ortsschild ‚Istanbul‘. Es wird aber nicht mehr Istanbul sein“.

Die Corso-Reihe ist eine wirklich geglückte Kreuzung aus Buch und Magazin. Sie vereint den schwelgerischen Genuss des coffee-table-books mit dem kritischen Geist des Sachbuchs. Ob man der düsteren Prognose des Malers Bedri Baykam zustimmt, ein schriller Hardcore-Kemalist, für den der Türkei mit Premier Erdogan ein „großer autoritärer Albtraum“ droht, oder ob man dem soignierten Unternehmer Bülent Eczasibasi glaubt, der unbeirrt an den Fortschritt in der Türkei glaubt. Jeder Beitrag dieses bemerkenswert problembewussten Stadtführers macht klar, dass die Stadt nicht wegen der schimmernden Paläste und irgendeiner Exotik so fasziniert, sondern, weil hier alle Widersprüche einer umbrechenden Welt gleichsam hautnah aufeinander treffen.

Text für Getidan: Ingo Arend

Istanbul, „sterbende Schöne“ zwischen Orient und Okzident
Gastgeber: Wilhelm Genazino. Corsofolio 7,
Corso Hamburg 2011, 160 S., 26, 95

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Werner Röhr: Re-Valuation

Der Titel eines Buches von Werner Röhr macht schlechte Laune: „Abwicklung“. Man ist auf eine erneute Darstellung des schäbigen Verfahrens gefasst, in dem westdeutsche Kommissionen über die wissenschaftlichen Einrichtungen der DDR herfielen und diese nach den Vorgaben politischer Instanzen und gemäß den Eigeninteressen sowie ideologischen Vorlieben von BRD-Professoren zugrunde richteten. Wer im Trockenen sitzt, mag den Stoiker mimen und folgendes vortragen: Die Bundesrepublik und die Deutsche Demokratische Republik führten einen Systemkampf, Kapitalismus contra Sozialismus. Dass der Gewinner die Gegenseite abräumt, sollte Marxisten nicht erstaunen. Theorie und Praxis des Sozialismus wurden von der Kapitalistenklasse und deren Kopflangern so bekämpft, wie es das Kräfteverhältnis jeweils zuließ. Es sind schließlich dieselben Instanzen und Figuren, die in der Bundesrepublik Berufsverbote verhängten. Einige ehemalige DDR-Professoren wundern sich, dass sie von denselben West-Akademikern, die sie in der Honecker-Zeit auf Kongressen hofierten, danach wie ein Nichts behandelt wurden. Erklärung: siehe eben. Wer als teilnehmender Beobachter die westdeutschen geistes- und sozialwissenschaftlichen Universitätseinrichtungen von innen besichtigt hat, weiß: niemals darf man es so weit kommen lassen, dass man dieser Bagage wehrlos ausgeliefert ist. Die marxistischen Wissenschaftler der DDR hatten allerdings keine Wahl. Zum Rest des Beitrags »

Anmerkungen zur grafischen Erzählmaschine “Dylan Dog”

GIUDA BALLERINO! (*)

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Es ist vergleichsweise leicht, der grafischen Erzählmaschine „Dylan Dog“ zu verfallen, jener italienischen Comic-Serie, die gerade die Nummer 300 der regulären Serie erreicht und es mit Nebenprojekten und Einzelveröffentlichungen wohl bislang auf rund 500 abgeschlossene grafische Erzählungen gebracht hat. Seit 1986 erzählt sie monatlich auf 96 in der Regel schwarz/weißen Seiten Geschichten von einem „Detektiv des Unheimlichen“, stimmungsvoll, detailverliebt, so randvoll mit Hypertext, dass man ein paar dutzend Seminare über literarische, filmische und kunsthistorische Nebenlinien füllen könnte, ein bisschen sophisticated einerseits, und dann wieder anrührend naiv. Merkwürdigerweise verliert die „Dylan Dog“-Serie erheblich von ihrem Reiz, sobald man versucht, mit ihr den mediterranen Raum zu verlassen. (**) (Dabei spielt das ganze in einem London, wie es sich nur Leute ausdenken können, die in Rom, Mailand oder Genua leben, komplett mit den cups of tea, Trenchcoats und natürlich Doppeldeckern, London Bridge und älteren Damen, die wie von Agatha Christie erfunden erscheinen, oder ihr selber ähneln.) Und auch die Übertragung in andere Medien, das Computerspiel und den Kinofilm etwa, wollte nie recht gelingen. Selten basiert ein Erfolg auf einer solchen Einheit von Hintergrund, Form und Material – sogar die Lesezeit, die ein „Dylan Dog“-Album benötigt, perfekt für eine Fahrt von Zuhause ins Büro, in die Schule oder zur Uni, oder für einen schläfrigen Nachmittag, gehört zum soziokulturellen Gesamtkunstwerk. Was der giallo, der heftige Thriller-Krimi, in den siebziger Jahren war, was die „fumetti neri“, die Gewalt- und Horrorstrips, in denen endlich das Böse siegen durfte, in den Achtzigern waren, das ist „Dylan Dog“ für die neunziger Jahre und darüber hinaus: Eine sehr italienische Reaktion auf die Kurzschlüsse von Angst und Begehren in den Modernisierungskrisen. Es ist Mystery noir, gewiss, und es kommt das Italienische immer nur indirekt vor (etwa in den kulinarischen Vorlieben des Helden), aber zur gleichen Zeit ist „Dylan Dog“ ein erzkatholisches Schauermärchen um Beichten, Martyrium, Erlösung und Höllenqual. Und Familie. Zum Rest des Beitrags »

Andrea Hanna Hünniger: Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer.

Für Kinder ist es immer schwer zu akzeptieren, dass die Welt schon vor ihnen existierte. Noch schwerer ist das zu begreifen, wenn die Herkunftsgeschichte des eigenen Landes sich von der Gegenwart fundamental unterscheidet, wie es für ostdeutsche Jugendliche in der Nachwendezeit gewesen sein muss. Von dieser Unübersichtlichkeit handelt das Erinnerungsbuch „Das Paradies“ von Andrea Hanna Hünniger, die 1984 in Weimar geboren wurde und dort in den neunziger Jahren in einem Plattenbauviertel aufwuchs. Die Plattenbauten sind für sie der Beweis dafür, dass es die DDR tatsächlich gegeben haben muss, auch wenn ihnen das typische Grau durch frische Nachwendepastelltöne ausgetrieben wurde. Die DDR ist verschwunden. Sie verschwindet in den blonden Strähnchen der Frauen, in den bunten Trainingsanzügen der Männer und im Schweigen der Erwachsenen. Symptomatisch dafür ist der zwischen Aquarium und Fernsehapparat lagernde Vater. Noch nicht einmal in der Schule ist von der vergangenen Epoche die Rede. Die Menschen haben genug damit zu tun, sich in der neuen, kapitalistischen Welt zurechtzufinden, die mit Supermarkteröffnungen und Arbeitsämtern über sie kommt. Zum Rest des Beitrags »

Volker Braun: Die hellen Haufen

Es gab einmal ein Land und eine Zeit, da wurden Schriftsteller durch die Bezeichnung „Arbeiterdichter“ geadelt. Es war das Land, in dem der Dichter Volker Braun zu arbeiten begann. Als Arbeiterdichter galt er dort jedoch nicht, obwohl Arbeit von Anfang an sein Fachgebiet gewesen ist. Nach dem Abitur verdingte er sich 1958 für mehr als zwei Jahre als Tiefbauarbeiter und Rohrleger im Kombinat „Schwarze Pumpe“. Seine Arbeit bestand darin, Schlamm aus den endlosen, ausgebaggerten Entwässerungsgräben zu schippen, in denen dann Rohre verlegt wurden. Diese Arbeit sei nicht nur „wichtig“, sondern auch „schön“, behauptete der emphatische Jungdichter in seiner ersten Erzählung „Schlamm“.

Der Parteizeitung „Neues Deutschland“ bot er 1959 seine Mitarbeit mit den Worten an: „Sehr geehrte Genossen, ich schicke Euch meine Skizze. Da ich noch nichts veröffentlicht habe, wäre ich Euch dankbar für kritische Hinweise. Wenn ihr daran interessiert seid, sende ich Euch ähnliche Skizzen, in denen ich versuche darzustellen, wie wir den Schritt vom Ich zum Wir machen.“ Doch die Skizzen zum Theaterstück „Die Kipper“ wollte das ND nicht drucken. Allzu deutlich wurde darin die Monotonie der Arbeit, die dem marxistischen Ideal der Selbstbefreiung durch Aneignung der Produktionsmittel wenig entsprach – ganz abgesehen davon, dass darin auch mangelhafte Arbeitsschutzbestimmungen zur Sprache kamen. Braun trat zwar als Arbeiterdichter auf, doch so realistisch hatten sich die DDR-Literaturaufseher die Darstellung der Arbeit dann auch wieder nicht vorgestellt. Und den Marxismus als dialektisches Instrument zu nehmen, um Widersprüche zuzuspitzen anstatt sie einzuebnen, das entsprach auch nicht ihren Vorstellungen von ideologischer Zuverlässigkeit.

Wer heute, gut fünfzig Jahre später, an selber Stelle aber nicht mehr im selben Staat, als „Arbeiterdichter“ bezeichnet wird, darf das keineswegs als Kompliment betrachten. Arbeiterdichter sind inzwischen Leute von vorgestern, die verbrauchte Klassenkampfgesten vorführen und einer verstaubten Auffassung von Literatur anhängen. Um Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich Volker Braun deshalb einen „Dichter der Arbeit“ nennen. In doppelter Hinsicht: weil er das, was er tut, nicht als hehre Kunst, sondern als Arbeit begreift. Und: weil seine Texte hartnäckig von Arbeit handeln. Zum Rest des Beitrags »

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen

Es gibt nur wenige Momente der Hoffnung in diesem Buch. Ja, schlimmer noch: Das Mädchen, dessen Namen wir nicht erfahren und das am Anfang zwölf Jahre alt ist, lernt, sich vor der Hoffnung wie vor einer heimtückischen Krankheit zu hüten. Denn auf Hoffnung folgen zuverlässig Enttäuschung und neue Verwundungen. Also beschließt sie, „dass es ihr nie wieder passieren wird, hoffnungsvoll irgendwohin zu fahren.“ Wenn sie abhaut, von zu Hause und der völlig unberechenbaren, brutalen Mutter oder später aus dem Heim, weil sie sich, so verrückt das auch ist, nach Hause sehnt, dann nur, um sich in Sicherheit zu bringen, nicht weil irgendwo anders Besseres zu erwarten wäre.

„Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle“, heißt eine Gedichtzeile von Volker Braun. Bei Braun ist das auf den Sozialismus und sein Verführungspotential bezogen. Die Zeile würde aber auch auf Angelika Klüssendorfs Roman „Das Mädchen“ passen, auch wenn es da nicht um den Sozialismus als schöne Utopie geht, sondern um einen ganz und gar trostlosen Ausschnitt der DDR-Gesellschaft, der jenseits aller Politphrasen und Ideologien liegt. Zum Rest des Beitrags »