Michael Hardt/Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen
von Steffen Vogel+ in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 16. Mai 2013
Michael Hardt und Antonio Negri wollen die Krise ohne die Eliten lösen und setzen auf selbstverwaltete Gemeingüter
Überrascht und wie elektrisiert reagierten selbst professionelle Beobachter des Weltgeschehens auf die Ereignisse des Jahres 2011. Beginnend mit der Jasminrevolution in Tunesien fegte eine Serie von Protesten über den Globus. Im Winter brach der arabische Frühling aus, im meteorologischen Frühjahr besetzte die rebellische Jugend zentrale Plätze in Israel, Spanien und Griechenland, und im Herbst zeltete die Occupy-Bewegung in New York, Frankfurt und Auckland.
Erfreut darüber zeigten sich auch die Philosophen Michael Hardt und Antonio Negri. Das kann nicht überraschen. Seit langem plädiert das Autoren-Gespann für jene Selbstermächtigung der Bürger, die in diesen Protesten zum Ausdruck kam. Schnell griffen Hardt und Negri den Impuls auf. Bereits im Mai des folgenden Jahres legten sie eine schmale Streitschrift vor, die sie anders als ihre Empire-Trilogie nicht bei einem großen Wissenschaftsverlag veröffentlichten. Ihr neues Buch erschien, wohl um nicht zu viel Zeit nach Ausbruch der Proteste vergehen zu lassen, direkt bei Amazon. In ihm fragt das amerikanisch-italienische Duo, welches Potenzial die weltweiten Proteste für den Aufbau einer neuen Gesellschaft haben können. Zum Rest des Beitrags »
ShareWilliam T. Vollmann: Europe Central
von Jörg Magenau+ in Kritik, Literatur am 14. Mai 2013
Wenn der Titel „Europe Central“ stimmt, dann ist Europa im Zentrum eine Kriegslandschaft. Und es ist offen, ob Europa darin untergegangen oder entstanden ist. Die zerklüftete Topographie in William T. Vollmanns gigantischem Geschichtsroman umfasst das Gebiet des Deutschen Reiches und der Sowjetunion. Der Zeithorizont reicht vom Ersten Weltkrieg bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Diktaturen Hitlers und Stalins und ihr großer Krieg gegeneinander: Stalingrad und der Untergang der 6. Armee, die Belagerung von Leningrad, Auschwitz, die Bombardierung Dresdens. „Europe Central“ steht aber auch für eine Telefonzentrale, von der aus der Kontinent verdrahtet und vermessen wird. Der Erzähler, der sich da einschaltet, hat seine Ohren überall: Er ist ein Mann vom Nachrichtendienst. Mal gehört die Erzählerstimme einem überzeugten Nazi, mal einem bolschewistischen Agenten, ganz zu trauen ist ihr deshalb nie. Zum Rest des Beitrags »
ShareWerner Spies las in der Kunsthalle Karlsruhe aus seinen Lebenserinnerungen
von Carmela Thiele+ in Gesellschaft, Kritik, Leben, Literatur am 27. April 2013
Alles Freunde
Wie er denn den Feuerbach fände, fragte Andreas Platthaus zum Auftakt der Veranstaltung mit Werner Spies im Feuerbachsaal der Kunsthalle Karlsruhe. „Das Verhältnis wird besser“, entgegnete der mit Texten über Picasso und Max Ernst bekanntgewordene Kunstschriftsteller diplomatisch und verriet, dass er gerade die Kunst des 19. Jahrhunderts für sich entdecken würde. Platthaus, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, moderierte das Gespräch mit „seinem Freund“, und überhaupt schien der durch die Beltracchi-Affäre beschädigte Kunsthistoriker an diesem Abend umgeben von Freunden. Robert Walter vom Centre Culturel hatte mit Peter Weibel, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), die Vorstellung der 2012 erschienenen Lebenserinnerungen „Mein Glück“ in Karlsruhe angeregt. Pia Müller-Tamm, die Direktorin der Kunsthalle hatte den Vorschlag dankbar aufgegriffen. Und Erwin Teufel, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, entpuppte sich in der Laudatio als Schulkamerad des prominenten Wahlfranzosen. Zum Rest des Beitrags »
ShareWolfgang Streeck: Gekaufte Zeit
von Steffen Vogel+ in Kritik, Literatur am 25. März 2013

Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Streeck, Managing Director Max Planck Institute for the Study of Societies (MPIfG)
Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus
Die Krise hält Europa fest im Griff, und ein Ende scheint nicht in Sicht. Schwere und Dauer der ökonomischen Malaise erklären sich auch aus ihrem langen Vorlauf. Denn 2008 kulminierte eine Entwicklung, die mehr als drei Jahrzehnte zuvor eingesetzt hatte. Diese "Auflösung des demokratischen Kapitalismus" untersucht der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, in einem faszinierenden neuen Buch.
"Gekaufte Zeit" versammelt die Adorno-Vorlesungen, die Streeck 2012 in Frankfurt gehalten und für die Veröffentlichung ergänzt hat. Dem Text gereicht diese Form zum Vorteil: Jedes der drei Hauptkapitel entspricht einem Vortrag, übernimmt dessen Dramaturgie sowie die Notwendigkeit, Sachverhalte pointiert darzustellen.
Streeck zufolge ist Mitte der siebziger Jahre jener Gesellschaftsvertrag obsolet geworden, der im Westen bis dato eine allgemeine Prosperität ermöglicht hatte. Dann jedoch lahmte das Wachstum, das Kapital kündigte den Nachkriegskonsens auf, und die neoliberale Revolution begann. In dieser Situation fürchteten die Regierungen der USA und Europas um die Legitimität der Wirtschaftsordnung. Sie wollten Zeit gewinnen, erreichten dabei aber nie mehr als Aufschübe. All ihre Versuche endeten in kleineren Krisen und setzten die Hürde für den nächsten Anlauf höher. Und jedes Mal verloren die Bevölkerungen weitere soziale Rechte.
Diese Entwicklung vollzog sich, so Streeck, in drei Etappen: Zunächst griffen die Regierungen zu einer inflationären Geldpolitik. Dann weiteten sie ab Mitte der achtziger Jahre die Staatsverschuldung erheblich aus und liberalisierten auch zu diesem Zweck die Finanzmärkte. In der bislang letzten Phase senkten sie ihren Schuldenstand durch Sozialabbau und erleichterten zeitgleich die private Kreditaufnahme. Zum Rest des Beitrags »
ShareJeremy Bentham: Das Panoptikum oder Das Kontrollhaus
von Michael André+ in Kritik, Literatur am 25. März 2013
Gefängnis- und Erziehungsbauten des Panopticon-Prinzips ist gemeinsam, dass von der Mitte des Gebäudes aus alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt bzw. überwacht werden können.
Prophet der Transparenz im Zeichen von Misstrauen, Verdacht und Überwachung
Erste deutsche Ausgabe der „Panoptikum“-Briefe des englischen Utilitaristen Jeremy Bentham. Ein Band zwischen Argwohn gegenüber einem Kontrollfreak und neuer Bewunderung für einen Sozialreformer
„Bentham gilt als Prophet der totalen Überwachung, als Urahn von ‚Big Brother’. Nichts könnte falscher sein,“ schreibt Christian Welzbacher in seinem Nachwort zur ersten deutschen Ausgabe von „Das Panoptikum oder Das Kontrollhaus“. Es ist der Ton, der aufhorchen lässt. Hier wird ganz offenbar der Versuch unternommen, einen Verfemten der europäischen Aufklärung zu einer späten Rehabilitierung zu verhelfen. Die Klappentexter von Matthes & Seitz werden gar noch deutlicher: Demnach ist Jeremy Bentham, dieser philosophierende Jurist aus Spitalsfield bei London ein Sozialreformer, Vordenker des modernen Sozialstaats, ein Befürworter des Frauenstimmrechts, ein Tierschützer sei Jeremy Bentham (1748 – 1832) gewesen. Selbst für die Legalisierung der Homosexualität sei Bentham eingetreten, weiß auch die Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Damit ist so gut wie alles an Reiz-Themen und Kontrovers-Begriffen versammelt, was die offene wie egalitäre Gesellschaft des 20. und frühen 21. Jahrhundert umtreibt. Noch Fragen? Ja. Bekanntlich war auch ein großer deutscher Diktator ein überzeugter Vegetarier, liegt damit also voll im Trend. Doch bislang ist keiner auf die Idee gekommen, Hitler deshalb für einen Gutmenschen zu halten.
Bentham als früher Ideologe von Sichtbarkeit und Lesbarkeit wiederentdeckt
Ohne Polemik gesprochen: In Zeiten, da Transparenz das Zauberwort einer digitalen Kommunikationskultur und einer politischen Protest-Bewegung geworden ist, muss es nicht erstaunen, dass Bentham als früher Ideologe von Sichtbarkeit und Lesbarkeit wiederentdeckt wird. Zum Rest des Beitrags »
ShareHans Belting: Faces. Eine Geschichte des Gesichts
von Ingo Arend+ in Kritik, Literatur am 24. März 2013
Alle deine Gesichter
Der Kunsthistoriker und Medientheoretiker Hans Belting hat die erste Geschichte des Gesichts geschrieben. Es wurde daraus ein Plädoyer fürs Kulturprodukt.
Die Maske vom Gesicht reißen. So hartnäckig wie sich eine populäre Metapher hält, zeigt das, für wie naturgegeben der kultivierte Mensch sich immer noch hält. Denn als was fungiert diese Wendung anderes denn als Instanz des Authentischen. Doch wer Hans Beltings neues Buch „Faces“ gelesen hat, dem stellt sich eine scheinbar anthropologische Grundkonstante plötzlich als etwas ebenso Künstliches wie Kunstvolles dar. Zugleich wird bei ihm „das Gesicht“ zum Ausdruck einer epochalen Krise. Zum Rest des Beitrags »
ShareJochen Schmidt: Schneckenmühle
von Jörg Magenau+ in Kritik, Literatur am 24. März 2013
Die „Schneckenmühle“ ist ein Ferienlager für Kinder und Jugendliche am Rand des Erzgebirges hinter Dresden. Es existiert heute noch, aber in Jochen Schmidts Roman „Schneckenmühle“ ist es Ort des Geschehens im Sommer 1989, kurz vor dem Untergang der DDR. Davon ist allerdings wenig zu merken, sieht man einmal davon ab, dass erst einer, dann noch eine Erzieherin verschwinden, von denen anzunehmen ist, dass sie sich über Ungarn in den Westen abgesetzt haben. Doch auch das interessiert die Jugendlichen nicht, mal abgesehen davon, dass der Westen als möglicher Fluchtraum geeignet ist, die Gegenwart erträglicher zu machen. Doch vor allem ist jeder, wie der 14jährige Ich-Erzähler Jens aus Berlin-Buch, mit sich selbst beschäftigt, eingesponnen in Phantasien und Ideen und voller Angst, irgendwie peinlich zu sein. Denn peinlich ist in diesem Alter ja fast alles: die falschen Hosen, die falschen Frisuren, die falschen Bewegungen beim Tanzen oder auch nur die Warze auf dem Handrücken, die Jens unter einem kreisrunden Pflaster zu verbergen sucht. Er gehört eher zu den Schwächeren, Ängstlicheren, jedenfalls fühlt er sich so, ohne zu ahnen, dass er sich damit weniger von den anderen unterscheidet, als er glaubt.
„Langsame Runde“ lautet der Untertitel, den Schmidt fast wie eine Genrebezeichnung gewählt hat. Das bezieht sich nicht nur auf die besonders prekären langsamen Stücke auf der Tanzfläche, bei denen man die Körper eng aneinanderlegen muss, sondern auf die ganze Stimmung im Ferienlager, in dem die Zeit sich endlos staut. Gruselgeschichten und doofe Witze von Bett zu Bett in der Nacht, heimliche Ausflüge ins Mädchenhaus oder Versuche, die Mädchen nackt im Waschraum zu beobachten, erste Erfahrungen mit Alkohol, Ausflüge in die Umgebung und Nachtwanderungen als Mutprobe breitet Schmidt in einer zurückgeholten Gegenwart aus, als blättere er durch ein Fotoalbum seiner Jugend. Jedes Ding und jedes Wort ist wichtig für dieses Inventarverzeichnis der späten DDR. Auch die verbotenen Unworte, die an die Nazizeit erinnern, gehören dazu, Worte wie „Reichsbahn“ oder „Tschechei“ oder das Erschrecken, wenn einer einen Wald voller Buchen doch eigentlich ganz korrekt als „Buchenwald“ bezeichnet.
Schmidt geht es weniger darum, eine spannende Geschichte zu erzählen, als darum, die Stimmungen, die Denk- und Wahrnehmungsweise des 14jährigen möglichst exakt zu rekonstruieren, so als erzähle da wirklich Jens selbst aus unmittelbarem Erleben heraus. „Schneckenmühle“ ist ein Kindheits-Rückholungs-Roman. Das gelingt Jochen Schmidt sehr gut. Das Stagnative, Langsame, Geschlossene ist durchaus beabsichtigt. Es lässt sich nebenbei auch als Bild der gesellschaftlichen Situation in der Endzeit der DDR lesen, wo einerseits nichts passiert und andererseits dann doch so viel, dass Jens am Ende der Ferien glaubt, ein anderer Mensch geworden zu sein und es gar keinen Sinn hätte, seinen Eltern zu erzählen, was er alles erlebte: „Ich kann es gar nicht glauben, Mischen, Käuzchenruf, Fliegenfangen und jetzt auch noch Tanzen, ich habe in so kurzer Zeit so viel gelernt wie noch nie im Leben.“ Die Jugendlichen sind ja sowieso im Vorteil, denn gegenüber den Erwachsenen gilt: „In allem, was uns betrifft, sind wir ihnen von Natur aus überlegen.“
Gegen Ende kommt dann aber doch noch Bewegung in die stillgestellte Ferienwelt, wenn Peggie, die von allen gehänselte Sächsin, verschwindet, weil es ihr nicht mehr gefällt, dauernd gehänselt zu werden. Jens wird zu ihrem Vertrauten auf der Flucht, die aber nicht sehr weit weg führt. Was ihn antreibe, wird Jens am Ende gefragt. „Dass immer möglichst viel Zeit bleiben soll, bis die Zukunft beginnt.“ Der ganz und gar in einer vergangenen Gegenwart eingeschlossene Roman erfüllt diesen Satz. Nicht nur darin erinnert er ein wenig an Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Da ging es ja auch um diese Zwischenzeit zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Jörg Magenau
Jochen Schmidt: Schneckenmühle
Roman. C.H. Beck, München 2013
220 S., 17,95 Euro
ShareJussi Adler-Olsen: Das Washington-Dekret
Jenseits von „Borgen“, ein lahmer Politthriller aus Dänemark
Die Ehefrau von Gouverneur Jansen wird auf einer Reise in China erstochen, 16 Jahre später erlebt er als der nun designierte 44. US-Präsident erneut eine ähnliche Tragödie. Bei einem Schulmassaker wird auch der Sohn des zweiten Vorsitzenden der Republikaner im Repräsentantenhaus erschossen; in New York geht ein „Dachmörder“ um, der wahllos Passanten niederstreckt; im Hauptquartier der Demokraten in Wisconsin geht eine Bombe hoch, die „Weißkopfadler-Miliz“ bekennt sich zu dem Attentat mit vielen Toten. Der Präsident zieht eine Vorlage aus der Tasche, mit der Bürger- und Abgeordnetenrechte eingeschränkt, die Bevölkerung teilweise entwaffnet werden soll – das sogenannte „Washington-Dekret“. Es wird nach heftigen Diskussionen im Kabinett umgesetzt. Zum Rest des Beitrags »
ShareCarl Nixon: Rocking Horse Road
We, the living
– Eine Strandlandschaft, Dünen, windgebogene Bäume und Büsche, hohes gelblichgoldenes Gras, fremd anmutende Vegetation, ein paar Holzhäuser im Hintergrund, eine Bucht. So ist der Einstieg in den Roman „Rocking Horse Road“ von Carl Nixon. Fünf farbige Fotodoppelseiten, ungewöhnlich genug für ein in Deutschland erscheinendes Buch, ungewöhnlich erst recht für einen Kriminalroman. Zum Rest des Beitrags »
ShareSteven Naifeh, Gregory White Smith: Van Gogh: Sein Leben
von Ingo Arend+ in Kritik, Literatur am 8. März 2013
Die Pistole des Gastwirts, die dann verschwand
Steven Naifeh und Gregory White Smith widerlegen in ihrer voluminösen Biografie Vincent van Goghs die These der Selbsttötung
"Ein brodelndes Hirn, das seine Lava unwiderstehlich in alle Schluchten der Kunst ergießt, ein schreckliches, halbtolles Genie, oft erhaben, zuweilen grotesk, immer fast das Krankhafte streifend." Als der Kunstkritiker Albert Aurier Ende 1889 zur Feder griff, sparte er nicht mit schwülstiger Rhetorik. Kurz zuvor war der Maler Vincent van Gogh erst in ein Krankenhaus in Arles, wenig später dann in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden, weil er sich in einem Anfall von Selbstverstümmelung ein Ohr abgeschnitten und einer Prostituierten überreicht hatte. Nun pries ihn der 24-jährige Shootingstar der Pariser Kunstszene als neuen "Sämann der Wahrheit".
Mit seinem Artikel in der Zeitschrift Mercure de France legte der Dichter, Maler und Dandy Aurier zwar auch gezielt den Grundstein seiner eigenen Berühmtheit. Mit einem einzigen Text beförderte er aber auch einen kaum bekannten Mann und radikalen Außenseiter auf den Olymp der Kunst und begründete einen Mythos, der bis heute nachwirkt. Neben Pablo Picasso erfüllt vielleicht nur noch der 1853 in den Niederlanden Geborene so perfekt das Klischeebild vom Künstler als wahnsinnigem Genie.
Verständlich daher die Reaktion der bestallten Gralshüter dieses Ausnahmewesens, als im letzten Jahr zwei Amerikaner ein sehr dickes Buch über van Gogh vorlegten. Zwar kamen die Kuratoren des Amsterdamer Van-Gogh-Museums nicht umhin, die rund 1.000-seitige Biografie von Steven Naifeh und Gregory White Smith "dramatisch" und "faszinierend" zu nennen. Für die beiden Publizisten hat sich van Gogh nämlich, so das wichtigste Ergebnis ihres Buchs, nicht selbst umgebracht, als er im Juli 1890 in der Kleinstadt Auvers-sur-Oise nordwestlich von Paris zu einem Spaziergang aufbrach. Vielmehr sei er mutmaßlich von zwei jugendlichen Rowdys aus Versehen erschossen worden. Nahm die Tat aber auf sich, um die Minderjährigen zu schützen. Doch so schnell wollen die Amsterdamer Wissenschaftler die Selbstmordtheorie noch nicht zu den Akten legen.
Keine Detailfrage
Die – durchaus plausibel belegte – Hypothese über Vincents Tod klingt wie eine Detailfrage. Schlaglichtartig wirft sie jedoch ein anderes Bild auf den Mann, der zu einer Ikone des globalen Kunstmarktes aufgestiegen ist. Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde in New York ein einzelner Brief van Goghs für über 300.000 Dollar versteigert. Van Gogh war dann nämlich nicht das verkannte Genie, das an der Ignoranz seiner Umwelt zu Grunde gegangen ist. Und dem am Ende nichts anderes übrig blieb, als sich mit Selbstmord an der Welt zu rächen. Zum Rest des Beitrags »
ShareFrank Schirrmacher: Ego – Das Spiel des Lebens
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 25. Februar 2013
Nummer 2, oder Die Arbeit der Rationalisierungsmaschinen gebiert Ungeheuer
„Ego – Das Spiel des Lebens“ ist ein kulturkritisches Lamento. Das ist erst einmal weder gut noch schlecht. Es ist ein Genre, und Genres haben Regeln, Absichten, Konventionen und Sprechweisen. Sie haben eine gewisse analytische Tiefe die man nicht über- oder unterschreiten mag, und vor allem haben sie eine ganz besondere Form der Selbstermächtigung. Das kulturkritische Lamento spricht im Namen der Entsetzten am Rand des einen oder anderen Weltuntergangs. Es spricht sozusagen in letzter Minute (und entsprechend atemlos). Gleichzeitig ist der Autor hier aber auch ein „volkstümlicher“ Erzähler, der sich vor kleinen Redundanzen so wenig fürchten darf wie vor dem anekdotenreichen Erzählen.
„Ego“ ist eine größere Erzählung von der Transformation des Kapitalismus und damit verbunden der Verwandlung des Menschen in ein egoistisches Monster, das bei Schirrmacher zunächst „homo oeconomicus“ und dann „Nummer 2“ heißt. Und diese Erzählung geht in groben Zügen so:
In der Zeit des Kalten Krieges entwickelten US-amerikanische Strategen im militärisch-wissenschaftlich-wirtschaftlichen Komplex mehr oder weniger geniale Modelle zur praktischen Kommunikation mit dem Feind. Man nannte es, harmlos genug, „Spieltheorie“, und es geht dabei darum, alle Handlungen und Unterlassungen des anderen auf einen einzigen Impuls, nämlich den Eigennutz, zu reduzieren. Es galt also nur, einen verborgenen Eigennutz im Spielzug des Feindes zu erkennen, um ihm adäquat zu begegnen. Zum Rest des Beitrags »
Pierre Bourdieu: Politik. Schriften zur Politischen Ökonomie 2
von Steffen Vogel+ in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 19. Februar 2013
Das Monopol der Politiker
Pierre Bourdieu als bekannten Theoretiker vorzustellen, wäre noch untertrieben. Um die Jahrtausendwende war kaum ein europäischer Intellektueller so prägend wie der französische Soziologe. Und auch elf Jahre nach seinem Tod bleibt er ein über die Grenzen seines Faches hinaus einflussreicher Wissenschaftler. Pädagogen, Philosophen oder Soziologen stützen sich auf seine Konzepte, von ihm geprägte Begriffe wie der Habitus haben längst Eingang in die Alltagssprache gefunden. Bourdieu zählt zu den weltweit am meisten zitierten Autoren.
Als politischen Theoretiker gilt es ihn allerdings noch zu entdecken. Während in Frankreich vergangenes Jahr eine voluminöse Sammlung seiner Vorlesungen über den Staat erschien, reduziert man den politischen Bourdieu hierzulande oft auf sein intellektuelles Engagement, für das er wahlweise gerühmt oder geschmäht wird.
Seine wissenschaftliche Arbeit gilt eher als implizit politisch, etwa wenn sie schonungslos die Elitenreproduktion im Bildungswesen beschreibt. Tatsächlich aber hat sich der oft als Kultursoziologe etikettierte Bourdieu auch in analytischer Absicht wiederholt der Politik gewidmet. Eine Auswahl dieser Texte liegt nun im Suhrkamp Verlag vor. Sie besticht durch eine sinnvolle Zusammenstellung, bei der die verstreut erschienenen Aufsätze einander bestens ergänzen.
Politik hat ihre eigenen Regeln
Bourdieu begreift die Politik als Feld und damit als Sphäre innerhalb der Gesellschaft, die ähnlich wie die Kunstwelt oder die Republik der Intellektuellen ihren eigenen, oft ungeschriebenen Regeln gehorcht. Sie gründet darauf, dass die Bürger ihre Macht an eine professionelle Schicht delegieren, die in ihrem Namen entscheidet. Diesen scheinbar selbstverständlichen Akt der politischen Repräsentation untersucht Bourdieu in seinen Texten genauer. Seine stark verdichteten und hoch abstrakten Aufsätze legen die unhinterfragten Voraussetzungen der alltäglichen Normalität des politischen Betriebes offen.
So erkennt Bourdieu in der Delegation an die Politprofis eine Enteignung. Mit seinem Kreuz auf dem Stimmzettel überlässt der Bürger ihnen alle Macht. Verweigern kann er dies nur durch Enthaltung oder Nichtwahl. Das wiegt umso schwerer, je weniger die Einzelnen selbst in die Politik eingreifen können. Gerade den Unterklassen fehlen dafür meist die Ressourcen. Ihnen bleibe nur, „zu schweigen oder andere für sich sprechen zu lassen“. Schweigen sie jedoch, gelten sie schnell als apathisch oder inkompetent. Zu Unrecht, argumentiert Bourdieu, eher sei die Nichtwahl ein „Protest gegen das Monopol der Politiker“.
Der Soziologe stimmt allerdings nicht in jene Klage ein, die hinter der Herausbildung einer politischen Klasse primär Korruption vermutet oder die Politiker ohnehin für bloße Erfüllungsgehilfen der Unternehmer hält. Für ihn ergibt sich die Abschottung der Parlamentarier schlichtweg aus der Logik des Feldes. Wer von der Politik leben will, muss für sie leben, sprich: die gängige Redeweise oder das entsprechende Auftreten annehmen und so Zugehörigkeit signalisieren.
Verbundenheit unter Eingeweihten
So entsteht unter Abgeordneten, Hauptstadtjournalisten und Politikwissenschaftlern eine Verbundenheit unter Eingeweihten. Neue werden kritisch beäugt, weil sie die Regeln des Spiels infrage zu stellen drohen. Der Konsens liegt daher im Interesse jener, die mit dem Status quo gut leben können. Sie bemühen sich, den politischen Charakter von Entscheidungen zu leugnen, um sie so der Diskussion zu entziehen.
Jegliche Veränderung beginnt mit Debatte und Widerspruch: „Politische Subversion setzt kognitive Subversion voraus.“ Auch an dieser Stelle erweisen sich Bourdieus Texte als bemerkenswert aktuell. Seine Kritik des entpolitisierten Diskurses, der die Alternativlosigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse betont, stammt von 1981. In Frankreich regierte seinerzeit François Mitterrand mit einer Koalition aus Sozialisten und Kommunisten, in den USA und Großbritannien hatte die neoliberale Wende gerade erst begonnen.
Dennoch liest sich vieles bei Bourdieu wie eine Beschreibung unserer Gegenwart: eine Lektüre, die den Blick schärft, nicht nur in Wahljahren.
Steffen Vogel
zuerst erschienen in der taz
Pierre Bourdieu: „Politik. Schriften zur Politischen Ökonomie 2“
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
374 Seiten, 17 Euro
„Ein gewisser Nervfaktor ist unbestreitbar“ (im Gespräch: Gerhard Henschel und Wenzel Storch)
Im Gespräch über ihre Arno-Schmidt-Lektüreerfahrungen spielen die Autoren Gerhard Henschel und Wenzel Storch guter Bulle, böser Bulle
Wenzel Storch: Wer war Arno Schmidt eigentlich? Jörg Schröder nannte ihn eine „graue Maus“, Peter Hacks einen „an Bargfeld geschmiedeten Prometheus“, und du hast mal behauptet, er sei „bescheuert gewesen“. Das paßt zu dem, was Hermann L. Gremliza über Peter Hacks sagt: Er hatte „einen beträchtlichen Knall“. Graue Maus, Prometheus und Knalltüte: Wäre Arno Schmidt da nicht – mal angenommen, er wär` so alt wie Ernst Jünger geworden – ein toller Gast für eure Veranstaltungsreihe, den Toten Salon?
Gerhard Henschel: Wir hatten immerhin einmal den Secretär der Arno-Schmidt-Stiftung, Bernd Rauschenbach, bei einer Schmidt-Revue im Toten Salon zu Gast. Dabei spielten wir auszugsweise auch ein historisches Fernsehinterview ein, und es gab einen Riesenlacher, als der Interviewer eine besonders närrische Frage stellte und man Schmidt währenddessen mißbilligend eine Augenbraue anheben sah. Das konnte er – eine Augenbraue anheben wie eine Keule. Schmidt hatte durchaus Entertainerqualitäten, auch wenn er in seinem Heidehaus wahrscheinlich besser aufgehoben war als auf einer Lesebühne.
Vor einem Vierteljahrhundert hat sich Eckhard Henscheid in den Sudelblättern pro und contra Schmidt geäußert: „Insgesamt mag er, Arno Schmidt, ja eine nicht unpfiffige Existenz abgewickelt haben. Groß war er fraglos als Mondbeschreiber und Landschaftsbenenner – am einfältigsten aber dachte und operierte er da, wo er sich am dicksten wähnte (oder u. U. auch nur so tat, um den Mythos zu schüren): in den logisch-mathematischen Teilen seiner Welt. Was ein elend verräterischer, durch keine Selbstironie gemilderter Unfug, sich mit ca. 450 ‚guten’ Lesern zu bescheiden, ja sie sich zu wünschen, die dritte Wurzel aus der Population des muttersprachlichen Landes! Er, der von jungen Jahren an, nachlesbar, nichts heißer ersehnte als möglichst den Nobelpreis, er, der anderswo von ihn lesenden Nachwelten wachträumte, weit über den Untergang der buchfähigen Spezies hinaus – nein, die Fixidee 450 ist weder lustige Marotte noch die verständliche Notwehr dessen, der ja tatsächlich lange Zeit kaum je über 450 Leser pro Buch hinauskam; sondern einfach apriorisch beleidigte Leberwurst hoch drei.“ Mir leuchtet das ein.
Wenzel Storch: Ich hab auch immer so getan, als ob ich was von Mathe verstehe – natürlich nur, damit mich der Lehrer nicht drannimmt. Jahrelang ein schlaues Gesicht gemacht, und im Zeugnis dann ‘ne Vier minus kassiert. Wer Arno Schmidt als Schulmeister erleben will – der er fast mal geworden wäre, 1955 stellte ihm die Hochschule für Gestaltung in Ulm eine Dozentenstelle in Aussicht –, sollte sich den zweiten Supplemente-Band der Bargfelder Ausgabe besorgen. Auf der dazugehörigen DVD findet sich nicht nur der Augenbrauenfilm, sondern auch eine kleine Poetikvorlesung. Wie Schmidt da mit Hilfe eines großen Stücks Pappe, das die Tafel ersetzen soll, dem NDR-Reporter seine Interpunktion und Orthographie erklärt, ist zum Schießen. Das Ganze – natürlich hört seine Prosatheorie auf den Namen Berechnungen I-III – wirkt wie ein Stück von Loriot.
Übrigens finde ich nicht, daß Schmidt nur ein großer Landschaftsbenenner ist. Er ist überhaupt ein guter Benenner, besonders im Spätwerk, auch wenn er vieles aus Atlanten und Wörterbüchern hat. Da heißen die Ortschaften Geckenholz und Querlequitsch, die Poeten Halicacabum, die Schnecken Ütl, die Hippiepärchen Arnillo und Popolina. Gut gefällt mir auch der reiche Bauer, der sein Haus, seiner vier Töchter wegen, „Zu den 8 Arschbakken“ nennt – wär` übrigens auch ein hübscher Kneipenname. Meine drei Lieblingskneipen in der Literatur heißen Des Teufels Zahnbürste, Zum gekrönten Radieschen und Das Gasthaus zum roten Lappen. Das letzte wirst du wahrscheinlich kennen, „Das Gasthaus zum roten Lappen“ ist der Titel einer Fernsehserie, die Walter Kempowski mal dem WDR andrehen wollte. Zum Rest des Beitrags »
ShareChad Harbach: Die Kunst des Feldspiels
von Jörg Magenau+ in Kritik, Literatur am 2. Februar 2013
Ein ganz und gar amerikanischer Roman über eine bestimmte Lebensart
Aus den USA ist diesem Buch ein vernehmliches Raunen vorausgeeilt: Der Bestseller wurde von der New York Times unter die Top Ten des Jahres 2011 eingereiht. Dabei wurde Chad Harbachs Debüt von vielen Verlagen abgelehnt, erhielt dann aber angeblich den enormen Vorschuss von 650.000 Dollar. Ganz nachvollziehbar ist weder das Zögern der Verlage, noch der große Erfolg, denn Die Kunst des Feldspielsist ein recht konventioneller Roman um ein College und die dortige Baseballmannschaft mit dem jungen Helden Henry Skrimshander im Mittelpunkt. Henry ist „Shortstop“, und wenn man nicht weiß, was ein Shortstop tut und worum es im Baseball geht, dann ist das schon ein Handicap. Denn es gibt einige langwierige Schilderungen von Spielen, die man lesend überstehen muss. Baseball ist nun mal für Nicht-Amerikaner die langweiligste Sportart der Welt. Daran kann auch Chad Harbach nichts ändern.
Zum Glück geht es aber nicht nur um Baseball oder vielmehr: Baseball ist das Milieu, das deshalb so genau gezeigt wird, um eine bestimmte Lebensart zu beschreiben, die im Sport ganz besonders deutlich wird: Der Glaube, alles immer besser und immer perfekter hinzubekommen, mit Disziplin, Ausdauer, täglichem Training und Proteindrinks für die Muskeln. Zum Rest des Beitrags »
ShareAlan Hollinghurst: Des Fremden Kind
von Ingo Arend+ in Kritik, Literatur am 19. Januar 2013
Ein Gefühl unter der Oberfläche
Alan Hollinghursts Roman spürt dem Unerklärlichen eines Lebenswegs nach
Chronist des schwulen Lebens in Großbritannien. Dieses Etikett haftet dem englischen Schriftsteller Alan Hollinghurst an, seit ihm 1988 mit dem Roman „Die Schwimmbad-Bibliothek!“ der Durchbruch gelang. Die Geschichte des schwulen Müßiggängers William Beckwith, der ziellos durch das London der achtziger Jahre, vor Aids, streift, konnte man kaum anders lesen.
Auch in seinem fünften Roman gibt der 1954 geborene Autor einen exemplarischen Querschnitt durch dieses heikle Kapitel, von der geheimen Liebe zwischen dem Dichter Cecil Valance zu seinem Collegefreund George Sawle am Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zur eingetragenen Lebenspartnerschaft zwischen dem Autor Paul Bryant und seinem chinesischen Freund Bobby im Großbritannien des 21. Jahrhunderts. Damals schrieb man sich Briefe, inzwischen macht man seine Dates per SMS klar.
Die Geschichte der Homosexualität scheint in Hollinghursts neuem Band jedoch weniger explizit auf als in dem aufsehenerregenden Erstling. Zwar kommt auch Sex vor, von erregenden Momenten mit einem „Drall ins Aggressive“ bis zu solchen von postkoitaler Traurigkeit. Doch der Autor, lange Jahre Literaturredakteur der Times, hat die Homoerotik in ein Gefühl unter der Oberfläche spürbarer Erregung sublimiert. Eine, die sich nicht nur aus Erektionen speist, sondern aus biografischen und literarischen Entdeckungen. Im Grunde ist „Des Fremden Kind“ ein Buch über die Erinnerung, das Vergessen und das Unerklärliche eines Lebenswegs, einer menschlichen Existenz.
Paul Bryant wird am Ende eine Biografie des sagenumwobenen Valance unter dem schwülstigen Titel „England erzittert“ vorlegen, in der er den 1916 in der Schlacht an der Somme Gefallenen, der posthum zum Nationaldichter aufsteigt, als schwul outet. Doch die entscheidenden Liebesbriefe zwischen George (der als verheirateter Geschichtsprofessor endet) und Cecil (der als Marmorstatue in der Familiengruft ruht) sind bis zum Schluss unauffindbar. Und als Paul im Zuge seiner Recherchen Georges inzwischen über 80-jährige Schwester Daphne interviewt, der Valance an einem gemeinsamen Wochenende des Jahres 1913 sein berühmtes Gedicht „Two Acres“ gewidmet hatte, geht ihm auf, dass „Erinnerungen nur Erinnerungen von Erinnerungen“ sind – bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht durch die ewig verstreichende Zeit.
Hollinghurst will mit seinem jüngsten Roman ganz offenkundig den Fehler vermeiden, ein Remake seines Meisterwerks „Die Schönheitslinie“ von 2004 zu liefern. Darin entsprachen sich die nervöse Geistesgegenwart des Erzählers und die bis zum Zerreißen gespannten Sinnesnerven der beiden sex- und drogensüchtigen Protagonisten im Tory-England Margaret Thatchers. Diesmal schlägt der Erzähler einen gemächlicheren Tonfall an, der näher an Hollinghursts Vorbild Henry James ist als an Kazuo Ishiguro, einem anderen Vorbild und Booker-Prize-Träger wie Hollinghurst. Das führt zu einem gewissen Spannungsabfall. Doch immer wenn er mit psychologischer Raffinesse Milieu- und Charakterstudien betreibt oder zu den für seine Prosa charakteristischen Paradoxa greift, etwa „Paul war die Farblosigkeit in Person, nur eine Spur pink“, zeigt sich unübersehbar, was Hollinghurst ist und bleibt: einer der besten, einer der elegantesten europäischen Erzähler.
Ingo Arend
Alan Hollinghurst: "Des Fremden Kind"
Aus d. Engl. von Thomas Stegers
Blessing Verlag, München 2012
687 Seiten, 24,95 Euro
bei amazon kaufen
ShareHans-Jürgen Krysmanski: 0,1% – Das Imperium der Milliardäre
von Wolf Jahnke+ in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 11. Dezember 2012
0,1% und 2012
Am Ende des Katastrophenthrillers 2012 retten sich die Superreichen in Archen vor dem Weltuntergang. Wer nicht zu dieser verschwindend geringen wie übermächtigen Gruppe gehört, hat kaum eine Chance zu überleben. Vermutlich dürfen auch die Heerscharen von Arbeitern, die diese Schiffe erschaffen haben, nicht mit an Bord.
Von allen Klassen sind es die Reichen, die am meisten beachtet und am wenigsten studiert werden, meint der Soziologe Prof. Hans-Jürgen Krysmanski. Mit seinem kämpferischen Buch „0,1% – Das Imperium der Milliardäre“ liefert er interessante, vielfältige Einblicke in dieses globale Phänomen und wichtige Denkanstöße. Zum Rest des Beitrags »
ShareChristoph Schlingensief: Ich weiß, ich war’s
von Simone Meier+ in Gesellschaft, Kritik, Leben, Literatur am 26. November 2012
Geweint und geknutscht
Vor zwei Jahren starb der Theaterregisseur Christoph Schlingensief. Mit dem schönen Memoirenband «Ich weiß, ich war’s» ist er noch einmal ganz bei uns.
Das einzig Schlimme an Christoph Schlingensief ist, dass er nicht mehr ist. Dass er vor zwei Jahren zum Gehen gezwungen wurde. Dass er seinen Krebs nicht überlebt hat, wie er das noch 2009 in seinem vorletzten Memoirenband «So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!» gehofft hatte. Jetzt hat seine Witwe und Nachlassverwalterin Aino Laberenz den wohl letzten Band herausgegeben, in dem Christoph Schlingensief selbst zu uns spricht.
Sie hat das gut gemacht, hat seine eigenen Tonaufnahmen, die in seinem 49. und bereits letzten Lebensjahr entstanden sind, angereichert durch ältere Dokumente, viele Bilder, Texte des jüngeren und ganz jungen Schlingensief. Sie hat so eine Materialsammlung kuratiert, die mit dem sentimentalstmöglichen Ereignis dieses letzten Jahres beginnt, mit der Hochzeit nämlich. «Man sieht das ja immer in Filmen oder in Fernsehshows», sagt da ihr Mann, der sich selbst schon einmal eine «Kitschnudelfabrik im Kopf» zuschrieb, «dann denkt man, ja, ja, gähn, da kommt die Braut im Brautkleid, und alle sind aus dem Häuschen und weinen und so. Aber als Aino auf mich zukam, war das ein Bild, was ich für immer im Kopf haben werde. Aino sah aus, als wäre sie ein Wesen gewesen, in dem Raum und Zeit plötzlich eins geworden sind. Wunderwunderschön.»
Die Textfragmente gleiten dann – ein bisschen nervig – zurück in die katholisch-mythische Sinnsuche, die Verschmelzung von Christoph und Christus, die sich durch «So schön wie hier» mäanderte. Aber dann, dann kommts, nämlich das ganze schlingensiefsche Leben als Episodenfilm. Komisch, kitschig, kritisch mit gelegentlichen Ausrastern ins Kriegerische, wie wir das von Schlingensief gekannt haben. Zum Rest des Beitrags »
ShareKlaus Nüchtern: Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie
von Michael André+ in Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik, Literatur am 5. November 2012
Ein praktischer Utopist bei der Arbeit
„Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie“: Klaus Nüchterns erfrischend puristische Analyse der Filmsprache des ersten modernen Komikers
„Keaton erscheint von der Sicht des Zuschauers aus wie ein Somnambule, wie ein zerstreuter und anscheinend abwesender Sonderling.“ Der polnische Filmhistoriker Jerzy Toeplitz braucht in seiner monumentalen, sechsbändigen „Geschichte des Films“ gerade mal eine Seite, um mit Keaton fertig zu werden. „Keaton schenkt den Menschen seiner Umgebung keine Beachtung und kümmert sich nicht um das Schicksal seines Nächsten.“ Mal davon abgesehen, wie unbekümmert hier ein Schauspieler in eins gesetzt wird mit seiner Rolle, wie wenig hier zwischen Joseph Francis Keaton und dessen Kunstfigur Buster unterschieden wird, erscheint der Abschnitt über Keaton und Lloyd nur dienende Funktion zu haben. Hier gewinnt ein Autor dramatische Fallhöhe, um die Differenz zwischen dem „großen Meister Charlie Chaplin“ und seinen letztlich doch hoffnungslos unterlegenen Komödien-Rivalen im Hollywood-Kino der 1920ger Jahre herausarbeiten zu können.
40 Jahre sind seit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe von Toeplitz’ Werk vergangen und mit einiger Gewissheit lässt sich feststellen: der hier behauptete Abstand zwischen Keaton und Chaplin ist weg geschmolzen. „Keaton zählt heute fraglos zum Fixbestand der Filmgeschichte“, schreibt der Wiener Kritiker und Kulturredakteur Klaus Nüchtern in seiner jüngst erschienenen Monografie „Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie“. Keaton sei mittlerweile bekannter als der damals kommerziell unendlich erfolgreichere Harold Lloyd und „in bestimmten Kreisen“ – hier ist wohl die später erwähnte Schule des „Cinema of Attractions“ gemeint – habe er Chaplin den Rang abgelaufen. Diese Umwertung der filmästhetischen Valeurs und des Kritiker-Geschmacks zu eruieren, ist einer der Gründe, die das Buch über einen berühmten und alles andere als vergessenen Filmkünstler der Stummfilmzeit rechtfertigen. Einen Mann, den der Nimbus tragischen Scheiterns umweht. Ein Mann, dem mit Einbruch der Tonfilmzeit die Arbeit ausging und der in den Jahrzehnten bis zu seinem Tod - von wenigen Ausnahmen abgesehen – zu einer Nicht-Erscheinung auf der Leinwand wurde.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Die Verständnislosigkeit, mit der Toeplitz und der von ihm zitierte Le Monde-Kritiker Jean de Baroncelli äußern, blieb schon zu jener Zeit nicht völlig unwidersprochen. Bereits 1958 hatten die Leute von den Cahiers du Cinéma Keaton für sich wiederentdeckt, in der legendären blauen Hanser-Filmreihe beschäftigte sich Enno Patalas 1974 ausgiebig mit Buster Keaton und etwa zur gleichen Zeit entdeckten auch das Fernsehen und die Kommunalen Kinos, dass Stummfilm nicht gleichbedeutend mit verzappelten & albernen Verrücktheiten war.
ShareMoritz Holfelder: Werner Herzog. Die Biografie
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Literatur am 29. Oktober 2012
Er ist schon ein sonderbarer Mensch, dieser Werner Herzog. Und das schönste: die Hälfte von ihm ist ohnehin erfunden, oder, um es mit den Worten des Regisseurs auszudrücken, in die Form von „ekstatischer Wahrheit“ gebracht. Die andere Hälfte wandert als Biographiesplitter durch die Interviews und Erinnerungen seiner Freunde und Weggefährten, von denen noch keiner behauptet hat, er oder sie habe sich mit dem Menschen Werner Herzog ausgekannt. Um so mutiger das Unterfangen des Filmkritikers und Radiomannes Moritz Holfelder, die erste Biographie dieses Filmemachers zu schreiben, der es im Ausland immer leichter gehabt hat als im eigenen Land. Kurz und bündig ließ der auf die Anfrage bezüglich einer Zusammenarbeit mitteilen, „dass Werner Herzog anlässlich seines 70. Geburtstages sämtliche Aktivitäten, Ehrungen, Berichte oder dergleichen, auf die er Einfluss hat oder an denen er mitwirken soll, strikt vermeiden will.“ Und so wurde Holfelders Arbeit, notgedrungen aber durchaus glücklich, keine autorisierte große Biographie, sondern eine Form der Spurensuche, ein Mosaik. Sie folgt dabei einer strikten Unterscheidung des Filmemachers selber, nämlich der zwischen dem Privaten (das uns in der Tat nichts angeht) und dem Persönlichen (mit dessen Hilfe man sich durchaus der Kunst nähern darf). Es ist also, im besten Sinn, ein sehr persönliches Buch entstanden, von dem man nicht unbedingt ein simples „Und-dann“ erwarten darf, sondern auch ein paar Text-Experimente und Abschweifungen.
Zur ekstatischen Wahrheit des Werner Herzog gehört es, dass die Widerstände und Gefahren eines Projektes nie groß genug sein können. „Ein Herr der Schmerzen. Ein Mann der selbst auferlegten Qualen, einer, der behauptet, alle seine Filme kämen aus dem Schmerz – und handelten folglich nicht von den vergnüglichen Seiten des Leben“: Holfelder weist sanft darauf hin, dass die wahre Kunst des Werner Herzog auf diesen Mythos gar nicht angewiesen ist. Dieser „Kino-Visionär“ ist einem beim Lesen des Buches näher gekommen, mehr Mensch und weniger Legende werden sichtbar. Und schön geschrieben ist es obendrein. Wie will man einem solchen Portrait ein größeres Kompliment machen?
Georg Seeßlen, Die Zeit
Bild: CC BY-SA 2.0 Flickr user "erinc salor" http://www.flickr.com/photos/espressoroast/
Moritz Holfelder: Werner Herzog. Die Biografie
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Wolfgang Fritz Haug: Hightech-Kapitalismus in der Großen Krise
von Georg Fülberth+ in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 25. Oktober 2012
Wolfgang Fritz Haug hat bleibende Verdienste: als Herausgeber der Zeitschrift „Das Argument“ und der deutschen Übersetzung der Gefängnisbriefe von Antonio Gramsci sowie als Organisator des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus. Seine „Kritik der Warenästhetik“ und seine Einführungen ins „Kapital“ sind Standardwerke. Unvermeidlich sind andere Maßstäbe an die von ihm von Zeit zu Zeit in Buchform veröffentlichten Gegenwartsanalysen anzulegen. Hier sind wir alle sterblich. Haug selbst stellt sich (und verneint) in seinem neuesten Buch die Frage, ob derlei nicht besser ausschließlich als Blog anzubieten sei.
Die „Große Krise“, die er behandelt, ist eine des „Transnationalen Hightech-Kapitalismus“. Der Befund ist zumindest zu dem Zweck nützlich, um andere Definitionen kritisch abzuführen, etwa „Postfordismus“ (das tauge nicht für die Gegenwart, weil der „Fordismus“ nun auch schon seit einer Generation vorbei ist und man eine Bezeichnung für die Zeit nach den Jahren, als das Postwort vielleicht einen Sinn hatte, braucht), „Globalisierung“ oder eine Verengung auf den Terminus „finanzmarktgetriebener Kapitalismus“.
Zur Erkenntnis, dass es sich letztlich um eine lange dauernde, immer wieder verschleppte Überakkumulationskrise handelt, verhilft dem Autor seine gründliche „Kapital“-Kenntnis, aus der er immer wieder überraschende Zitate beizusteuern versteht.
„Hightech-Kapitalismus“ ist vielleicht nicht präzise genug. Dieser Begriff kann letztlich auf jede Phase seit der Ersten Industriellen Revolution angewandt werden. Gemeint ist die Digitalisierung.
Auf dem Feld der internationalen Politischen Ökonomie schließt Haug sich einer Denkschule an, welche Gramscis Überlegungen jenseits ihres Entstehungsgebiets – den inneren Klassenverhältnissen – anzuwenden versucht. Dies könnte von eher illustrierender als analytischer Bedeutung sein. Um die bisherigen Wirtschaftsbeziehungen China – USA (anderen Autoren folgend) als „Chimerika“ zu bezeichnen, braucht man das wohl nicht. Haugs aufmerksame Lektüre von Grundsatzartikeln der F.A.Z. und in „El País“ ist von gleich hohem Wert.
Finanzmarkt- und Umweltkrise führen dem Autor zufolge an „Grenzen des Kapitalismus“, die zu überschreiten er keiner derzeit sichtbaren politischen Kraft zutraut.
Georg Fülberth, KONKRET 11/2012
Wolfgang Fritz Haug: Hightech-Kapitalismus in der Großen Krise.
Hamburg: Argument Verlag 2012. 366 S. 19,50 Euro
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