Unsterbliche Khmer-Rockmusik
von Farid Wilhelm Zimmermann+ in Gesellschaft, Kritik, Musik am 11. April 2013
Stars der 60er
Ende der 60er Jahre dominierte die Garage-Rockmusikszene die Radios, Kinoleinwände und Tanzflächen Kambodschas. Musiker ließen sich von US-Vorbildern inspirieren und mischten deren Lieder mit traditioneller Khmer-Musik. So entstand ein unverwechselbarer Stil, der vom Westen lange Zeit unbeachtet blieb, doch in Kambodscha, anders als die Interpreten selbst, die Schreckensherrschaft der Roten Khmer überlebt hat.
Fragt man Kambodschaner nach Ros Sereysothea, Pan Ron oder Sinn Sisomouth, wird man meist mit einem Lächeln beschenkt. Fast jeder Khmer, ob alt oder jung, ist auch heute noch mit der Musik von Ros Sereysothea aufgewachsen. Lieder wie „Chnam Oun Dop Prum Mouy“ (Ich bin 16) oder „Oh, snaeha euy!“ (Oh, Liebe!, zusammen mit Sinn Sisomouth), werden von vielen Khmer als Nationalerbe betrachtet und laufen bis heute im Radio rauf und runter.
Ros Sereysothea, die von König Norodom Sihanouk sogar als „Goldene Stimme der königlichen Hauptstadt“ geehrt wurde, überlebte die Herrschaft der Roten Khmer nicht. Um ihren Tod ranken sich viele Mythen, doch nach offizieller Version wurde sie 1977 mit ihrer Familie nach Kampong Som verfrachtet und getötet. Auch die Sängerin Pan Ron, die mit Hits wie „Bong Kom Prouy“ (Mach dir keine Sorgen, Schätzchen) berühmt wurde, fiel dem Pol-Pot-Regime zum Opfer. Sinn Sisomouth starb ebenfalls gegen Ende der 70er Jahre.
Sie alle lieferten den Soundtrack jener unbeschwerten Zeit nach dem Abzug der französischen Kolonialmacht und unter der Regierung des jungen Königs Norodom Sihanouk, der selbst ein Freund der schönen Künste war. Die Roten Khmer ächteten später die Musik als imperialistisches Sprachrohr und verboten sie. Die Platten und Filme sollten ebenso vernichtet werden wie die Sänger selbst. Doch manche Khmer riskierten sogar ihr Leben, um die geliebten Schallplatten zu verstecken und für nachfolgende Generationen zu erhalten.
Heute kommen auch junge Kambodschaner durch ihre Eltern und Großeltern mit der „Vorkriegsmusik“ in Berührung. Sie wird auf Hochzeitsfeiern und Familenfesten gespielt und oft grölen und tanzen alle mit. Durch Bands wie „The Cambodian Space Project“ und die kalifornische Gruppe „Dengue Fever“ haben die schmissigen Rhythmen auch das Interesse Expats in Kambodscha und einer wachsenden Fangemeinde im Rest der Welt geweckt. Live-Konzerte, CDs, Mitschnitte auf Youtube und Dokumentarfilme lassen Gassenhauer wie „Chnam Oun Dop Prum Mouy“ weiterleben und sorgen dafür, dass die Erinnerung an die ermordeten Stars der Garage-Rockmusik niemals stirbt.
Farid Wilhelm Zimmermann
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Konstantin Gropper alias Get Well Soon
von Simone Meier+ in Gesellschaft, Kritik, Musik am 25. August 2012
Weltuntergang forever
"The Scarlet Beast O’ Seven Heads"
Das neue Album von Pop-Wunderkind Konstantin Gropper alias Get Well Soon
Wagen wir eine tollkühne These: Konstantin Gropper, nur noch wenige Tage 29, ist der ältere Bruder von Lana Del Rey (26). Also im musikalischen Geiste, nicht im Blut. Beide sind pathetisch ohne Ende, melodramatisch, melancholisch, verliebt in alte Filme und alte Gefühle. Beide schwelgen in sepiafarbenen Momenten der Entrücktheit, beide legen diesen eleganten, silbrig schillernden Schleier über ihre Melodien. Und da hat die Verwandtschaft auch schon ein Ende. Bei Lana Del Rey geht die Welt an der Liebe kaputt. Bei Konstantin Gropper an noch viel größeren (und musikalisch komplexeren) Katastrophen.
Heute erscheint sein drittes Album, es heisst «The Scarlet Beast O’ Seven Heads», und ist, wie seine beiden Vorgänger, ein Collage-Projekt. «Ich bewege mich in der Kulturgeschichte wie in einem Süsswarenladen», sagt Gropper am Telefon. Für «The Scarlet Beast . . .», dieses scharlachfarbene biblische Monster mit sieben Köpfen, das während der Apokalypse unter den Menschen wütet, heißen Groppers Lieblingssüßigkeiten «Weltuntergang, italienische Filmsoundtracks der 70er-Jahre, Easy Listening». Die musikalischen Anleihen erklären sich schnell, über dem ganzen Album liegt ein Flirren und Leuchten, getragen von gedämpften Bläsern, zarten Harfen und vor allem quengelig-vergilbten Synthesizern, gerade so, als läge man mitten in einem alten Film an einem mediterranen Strand. In einer Wärme, in der jedoch bereits die betörende Kältefront der Apokalypse lauert.
Das Wunderkind
Konstantin Gropper selbst ist ein bescheidener Musiklehrersohn aus der oberschwäbischen Provinz, der nach einem Umweg über Berlin - es war ihm dort alles zu groß - vor kurzem wieder nach Mannheim gezogen ist. In Mannheim hatte er an der Popakademie studiert, deren prominentester Lehrer Xavier Naidoo ist. Gropper sah Naidoo allerdings nur ein einziges Mal: Naidoo hielt einen Schnellkurs über deutsche Songtexte, was Gropper, der auf Englisch so sagenhaft schöne Poplyrik zustande bringt, dass man seine Refrains jahrelang nicht vergisst, sowieso nicht sonderlich interessiert haben dürfte.
Der Pop-Akademiker Gropper legte sich den Künstlernamen Get Well Soon zu, also «Gute Besserung». Drei Jahre lang, so geht die Sage, habe er zu Hause am Computer gesessen, für sein erstes Album «Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon» jedes Instrument selbst eingespielt, neben seiner eigenen Stimme, die dunkel, gross und düster klingt, auch jede Nebenstimme selbst eingesungen und verfremdet und zu ganzen Chören abgemischt. Das Resultat war großartiger sinfonischer und cineastischer Pathospop.
Bevor er überhaupt einen Plattenvertrag ergattern konnte, hatte schon das Rumoren um das Wunderkind der Mannheimer Schule eingesetzt. Gropper wurde zu Liveauftritten und Festivals eingeladen, aber weil er ja bei seinem ganzen kompositorischen Bombast nicht gut nur mit sich selbst auftreten konnte, rief er seine Schwester Verena, einen Cousin und ein paar multiinstrumental veranlagte Freunde zu Hilfe. Aus Get Well Soon, dem Einzelkünstler, wurde Get Well Soon, die Band, die übrigens live, das sei hier mir großem Nachdruck gesagt, etwas vom Charmantesten ist, was es auf einer Bühne gibt.
«Rest Now . . .» erschien 2008, es war berückend, enorm feingliedrig, vielschichtig und schamlos in seinem Größenwahnsinn. Da tauchten Motive und Figuren auf, als hätte einer die großen Archive Hollywoods durcheinandergeschüttelt, und herausgefallen wären ein Zwergenchor aus «The Wizard of Oz» und ein paar Hitchcock-Blondinen. Dazu noch ein paar Gespenster und Gerippe aus deutschen Märchenwäldern und das Selbstmordkonzept des Heinrich von Kleist. Es war die pure Schauerromantik. Schöne, böse Töne aus einem vergessenen Kinderzimmer der Vorhölle.
Hommage an Roland Emmerich
2010 erschien «Vexations», und jetzt geht also in «The Scarlet Beast...» erneut und konsequent die Welt unter, sei es via Maya-Kalender («Let Me Check My Mayan Calendar») oder das fallende Rom («The Last Days of Rome»). «Mir wird das immer unterstellt», protestiert Gropper, «dabei ist ‹The Scarlet Beast . . .› mein erstes Weltuntergangsalbum! Macht ja auch nix, ich find ja so ein bisschen Legendenbildung auch immer schön. Aber bei all dem, was grad so passiert, ökonomisch und ökologisch, könnte man ja schon abergläubisch werden. 2012 ist Endzeitstimmung.» Und deshalb widmet er einen Song – er heißt «Roland, I Feel You» – Roland Emmerich, dem Regisseur, der in «2012», «The Day After Tomorrow» oder «Independence Day» das Ende der Welt, wie sie uns lieb ist, zeigt. «Emmerich hat mich immer schon fasziniert, weil er die Welt mit so viel Herzblut untergehen lässt. Ich bevorzuge zwar ein psychologischeres Konzept von Melancholie als er, Lars von Trier ist mir da näher. Aber Emmerich ist schon wie ich so ein Bombast-Melancholiker. Und wir kommen aus der gleichen Gegend.»
«Roland, I feel you / it is mayhem out these days / I specialize in endtimes too», singt Gropper, «Roland, ich spür dich / es herrscht Chaos dieser Tage / ich habe mich auch aufs Endzeitliche verlegt.» So verbündet sich ein Apokalyptiker mit dem andern, die Musik dazu ist ein süßes Melodram – «apocalypso-beat» heißt es im Song – und reißt einen gleich zu Beginn mit so einem von coolen Bläsern vollführten 70er-Jahre-Schlenker hinein in ein Liebeslied über alles Todgeweihte. Und immer wieder, wie schwarze Peitschenhiebe, Groppers Stimme, die zum Aushalten gemahnt. Der Videoclip dazu ist eine Verballhornung von Spaghetti-Western, Monstertrash und einer Heldin à la «Kill Bill». Garniert vom Sound mehrerer Untergänge, Explosionen, Schreie, Schüsse. Von Emmerich keine Spur, aber auch so sehr schön.
Auch wenn Get Well Soon einmal einen Videoclip im gleichen Wald gedreht haben wie Lars von Trier seinen «Antichrist» – «Mit dem gleichen Förster!» –, so sind Groppers große Idole nicht Lars von Trier und Emmerich, sondern «Kubrick und Hitchcock». Und deshalb leitet er den letzten Track auf «The Scarlet Beast . . .» auch mit einer gesprochenen Passage ein, die er Hitchcocks «Marnie» nachempfunden hat. Ein anderer Track heißt «Disney», ein weiterer ist «Dear Wendy» gewidmet, Thomas Vinterbergs Film über einen Mann, der seine Pistole Wendy tauft – das Drehbuch stammt von Lars von Trier.
Der Porno-Komponist
Das Geld, sagt Gropper, sei gerade kein so großes Problem in seinem Leben, er verdiene erstaunlicherweise vor allem an den Plattenverkäufen und weil er regelmäßig für Film und Fernsehen arbeitet. «Mit Konzerten eher nicht, dazu ist die Band dann doch zu groß.» Wim Wenders hat schon Stücke von Get Well Soon verwendet, und letztes Jahr hat Gropper im Auftrag von Arte Frankreich den Soundtrack für die Porno-Miniserie «Xanadu» komponiert. Das sei auch «sehr Lars-von-Trier-mäßig» gewesen, «Hardcore und Tiefenpsychologie». Neuerdings arbeitet er auch fürs Theater. Am 7. Dezember hat am Schauspiel Frankfurt sein «Singspiel» nach Bulgakows Roman «Der Meister und Margarita» Premiere. «Der Roman ist wirklich auch sehr mein Ding, ich weiß gar nicht, wie der bisher an mir vorbeigehen konnte. Überhaupt, die russische Literatur!» Schon klar. Die Russen. Pathetisch, bombastisch, melancholisch.
Simone Meier, Tages-Anzeiger 24.08.2012
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ShareThrobbing Gristle – Zerstörer der Zivilisation
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Kritik, Musik am 11. Mai 2012
Es lohnt sich, die Kunst von Throbbing Gristle wiederzuentdecken: Die Band geht an die Ursprünge der Musik, also dahin, wo es das menschliche Subjekt nicht gibt
Throbbing Gristle „Discipline“ (Brooklyn Masonic Temple 04/16/09) gesehen bei YouTube
Industrial? Ist das nicht diese komische Musik, in der es pockert, hämmert und lärmt, bis die Ohren bluten oder sich der Sound ins Geräuschnirwana verabschiedet hat? Akustischer Terror, so gut wie nie tanzbar und fern der Mühelosigkeit anderer elektronischer Musik? Industrial ist immer Schwerstarbeit und klingt auch so, und Industrial Music ist so ziemlich das Gegenteil von industrieller Musik – die Musik des auch körperlich industrialisierten Menschen. Es gibt sie in einer affirmativen und einer rebellischen Form; Throbbing Gristle gehören definitiv zum rebellischen Segment.
Das Urmodell des industrialisierten Menschen ist die Todesfabrik. Death Factory nennen Throbbing Gristle ihr Atelier, Auschwitz ist ein zentrales Motiv: Wenn andere Bands zu dieser Zeit ihr frivoles Spiel mit Nazi-Symbolen beginnen, Throbbing Gristle meinten es ernst. Ihre Musik und ihre Performances versuchten zu verdeutlichen, dass die industrielle Welt Europas Auschwitz nicht überwunden hat – nur übertont. Zum Rest des Beitrags »
ShareCrazy Clown Time – David Lynchs Soloalbum
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Kunst, Musik am 27. Januar 2012
Wie man der Zeit beim Verrücktwerden zuhört
David Lynch macht Filme, okay, und für seine Filme ist er berühmt geworden. Aber eigentlich ist er einfach ein Künstler, der optisches, akustisches und haptisches Material verwendet. Pop und Avantgarde. Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Subjekthaftigkeit und vor allem: Auflösungen von alledem. Kindliche Naivität, Surrealismus, Americana, Rock’n’Roll, Industriedesign, Mode & Meditation. Die ersten Arbeiten von David Lynch, damals noch auf der Kunsthochschule, waren Klang- und Raumskulpturen, seine ersten Filme benutzten Musik und Geräusche und gerade das, was zwischen beidem liegt, dieses „kosmische“ Atmen und Rauschen, die extrem verlangsamten und repetitiven Songs wie „In Heaven“ etc. nicht bloß als Illustration, sondern, ziemlich direkt, als Herz der Bilder. Als arbeitendes Herz, um genau zu sein.
Trailer
Denn eigentlich funktioniert die Kunst des David Lynch stets nach einem einfachen Prinzip, nämlich der Erzeugung der Energie eines Kurzschlusses zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, dem Mikrokosmos in einem Menschenhirn und dem Makrokosmos von, äh, allem anderen. Etwas will hinaus, und kann es nur als Wahn, etwas will hinein und kann es nur als verzweifeltes Entleeren. So ein Kurzschluss tut weh, auch wenn er gleichzeitig so schön ist; im richtigen Leben würden wir Paranoia dazu sagen, wenn der Begriff nicht so elend vernutzt worden wäre. Auch David Lynchs Musik, mit oder ohne Bilder, kann man mit einem Begriff beschreiben: Schöne Paranoia.
ShareThe White Stripes: Under Great White Northern Lights
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Musik am 2. Mai 2010
Wie entgeht man der Authentizitätsfalle des Rock’n’Roll? Zum Beispiel, in dem man aus einem Kunstprodukt ein Kunstprojekt macht. Wie die White Stripes, die es jetzt auch schon über zehn Jahre (und anscheinend nicht mehr lange) gibt.
Zugegeben: Völlig neu ist das nicht, dem mehr oder weniger geschlossenen Konzept Band mit einem mehr oder weniger offenen Duo zu begegnen, bestehend aus einem ruhenden, introvertierten Pol (Meg White, dr, voc) und einem hibbelig-extrovertierten Pol (Jack White, guit, voc, keyb). Bei den White Stripes ist das freilich noch einmal auf die Spitze getrieben, nicht allein durch eine Legende dazu: Sind es Geschwister? Ein Liebes-, ein Ex-Ehepaar? Jack und Meg haben ein melancholisches Mysterium aus ihrer Beziehung gemacht, eine vergangene Zukunft: Ein Maximum an Romantik mit einem Minimum an Pathos, was mehr ergibt als eine Story zur Band: Es ist die Essenz der White Stripes. Und alles ist möglich, das Künstler-Duo, das Trailerpark Trash-Paar, Postpunks und Neohippies, Orpheus & Eurydike, Hänsel und Gretel im Soundwald. Ungewöhnlich ist vielleicht die Musik, die diesem Konzept entspricht, ein krachender und zugleich irrwitzig verästelter Blues, mit Abstechern zum Rock’n’Roll, dem Kinderlied, dem Gitarrenlärm, immer wieder aber Blues, freilich von der Art eher des Captain Beefheart: Blues als avancierte Kunstmusik, oder doch Kunstmusik als Blues (und tatsächlich sind die White Stripes ja auch eine der wenigen, die es gewagt haben, Beefheart zu covern). Zum Rest des Beitrags »
ShareLale Andersen (*23.03.1905)
von Henryk Goldberg+ in Musik am 22. März 2010
Und blieb auf ewig Lili Marleen
Wer bestimmt, was das Gedächtnis bewahrt für die Zukunft? Es ist der Zeitgeist, das Bedürfnis der Menschen, das sich mit einem Lebensgefühl verbindet. Dieser Vorgang ist nicht berechenbar.
Am 18. August 1941 legt ein Techniker des deutschen Soldatensenders Belgrad eine Schallplatte auf. Den Text hatte Hans Leip 1915 geschrieben, die Musik 1938 Norbert Schultze. Und Lale Andersen hatte es bereits 1939 aufgenommen und ohne diesen Techniker würde es heute niemand kennen. Nun, buchstäblich über Nacht, wurde Lili Marleen ein Jahrhundertlied. Zum Rest des Beitrags »
ShareSPARKS: The Seduction of Ingmar Bergman
von Georg Seeßlen+ in Musik am 3. März 2010

This is the cover art for The Seduction of Ingmar Bergman by the artist Sparks (Label: Lil' Beethoven)
Die Sparks haben eine Radio-Oper geschrieben. Das ist schon mal gut, und die Erzähl-Idee dazu ist beinahe noch besser: Der schwedische Filmemacher Ingmar Bergman, Angst-ridden, existentiell auf der Suche nach Wahrheit und Ich wie je, gerät in die Glitzerwelt von Hollywood, ohne recht zu wissen wie und warum. Das Tiefe und die Oberfläche begegnen einander, stoßen sich ab, ergänzen sich, widern sich an, versuchen sich zu verbünden, wenigstens zu verstehen, es entsteht ein geniales Kuddelmuddel. Ein Alptraum aus Fröhlichkeit und Entsetzen.
Und das ist natürlich genau das, was die Musik der Sparks ausmacht. Die Brüder Ron und Russell Mael, die mit wechselnden musikalischen Mitarbeitern einerseits einen ganz eigenen musikalischen Kosmos geschaffen haben, andrerseits aber auch immer sehr intensiv und direkt auf die Geschichte von Pop und Politik reagiert haben, haben immer daran gearbeitet, Oberflächen zu durchstoßen.
Was ist so verdammt komisch an den Sparks? Erstens: Ihre Musik macht keine Witze (wie, sagen wir, Frank Zappa oder die Eels), sie ist ein Witz. Sie führt einen mit der temperamentvollen Fröhlichkeit von Ron Maels musikalischen Maschinen und der kindlichen Falsett-Stimme von Russel Mael immer wieder um’s Eck. Zweitens: Alles kann Sparks-Musik werden, unverwechselbar und überraschend. Glam-Rock, Techno, Pop, Intimität, das Großorchestrale, Selbstreferenz, Klassik, Surrealismus, Sophistication, alles das und noch viel mehr kann man den Sparks zuordnen, ohne ihre Konzept-Kunst zu fassen. Nur das ist, drittens, sicher: The Sparks sind high concept. Zum Rest des Beitrags »
Deconstructing Tocotronic (Georg Seesslen)
von Georg Seeßlen+ in Musik am 31. Januar 2010
Georg Seeßlen: Deutsche Pop-Musik von Qualität und Charakter
Pop-Musik von Qualität und Charakter gerät in Gefahr, ins Feuilleton zu kommen. Und dann geht das los: Kaum ist das Label „Diskursrock“ entstanden, sprechen die Authentizisten bereits von „Feuilleton-Rock“, und, wenn sie schlecht geschlafen haben und mit den Texten hadern, gar von „Feuilletonisten-Rock“. Zur gleichen Zeit geraten die Produzenten der Pop-Musik von Qualität und Charakter in Verkettungen von Selbstreferenz und Befreiung aus der Selbstreferenz. Platten und Konzerte lassen sich ohne eine dritte Kunstform, das Interview, gar nicht mehr als kompaktes Statement auffassen, was natürlich konsequenterweise zu neuerlichem feuilletonistischen Gerede etwa um Meta-Ebenen oder Sloganismus bzw. Anti-Sloganismus führt. Der Rock’n’Roll ist beim Teufel (bzw. eben genau da nicht mehr) und muss daher, was wiederum ausgesprochen kreativ sein kann, beständig neu er- und gefunden werden. Eine Band wie Tocotronic muss daher mit jedem neuen Album „eine Wende vollziehen“ und sich (darin) eben genau „selber treu bleiben“. Donaldistisch sozialisierte Menschen nennen so etwas einen „Schwurbel“. Tocotronic machen perfekte Schwurbel-Musik. Zum Rest des Beitrags »
ShareAltes Arschloch Liebe (Bela B.)
von Wenzel Storch+ in Musik im September 2009
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FILMSPIEGEL: Jetzt haben Sie ein Musik-Video gemacht. Wie kam es dazu?
WENZEL STORCH: Ja, Bela B. mit „Altes Arschloch Liebe“. Das war Zufall. Mein letzter Spielfilm „Die Reise ins Glück“ ist ja vor kurzem auf DVD rausgekommen, übrigens mit vier Stunden Bonusmaterial. (Das sind Dokumentarfilme mit Titeln wie „Der Cumshot in den Beichtstuhl“ oder „Wie man aus Düngerstreuern und Güllepumpen ein Schiff baut“, in denen Rocko Schamoni als Off-Erzähler durch die katastrophale Produktionsgeschichte führt). Bela B. hat vor ein paar Wochen einen ganzen Karton davon gekauft, 20 oder 30 Stück, ich glaube zum weiter verschenken... Von daher hatte er mich wohl auf dem Schirm, als die Wahl des Regisseurs für den aktuellen Clip anstand. Na ja, und so kam dann das Ganze ins Rollen... Zum Rest des Beitrags »
ShareAcht Gründe, die Band The Cure zu lieben
von Georg Seeßlen+ in Musik im Februar 2009
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Backstories. Robert Smith und seine Freunde kommen aus den mehr oder weniger behüteten Verhältnissen der Neubaustadt im Süden; das Elend kommt eher von innen; noch ist hier die »Abstiegsangst« größer als die Lust der Regression. »Ich habe damals Bücher gelesen, die ich vielleicht nicht hätte lesen sollen, in denen es um den Zerfall der Menschheit ging.« »No Future« war für The Cure immer zugleich ein soziales und ein existenzielles Statement. Zum Rest des Beitrags »
ShareKein Daheim (Kraftwerks “Autobahn”)
von Georg Seeßlen+ in Musik im Dezember 2008
Es gibt Musik, die eine traurige Stimmung erzeugt oder verstärkt, Musik, die an traurige Momente erinnert und zu traurigen Anlässen gespielt wird, und schließlich Musik, die von Trauer handelt. Was aber ist traurige Musik? (Musik, die nicht wegen oder für etwas, sondern in sich selber traurig ist?) Zum Rest des Beitrags »
ShareMadonna mit Kind
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Musik am 16. April 2004
Oder warum auch dieser Superstar verschwinden muss
Krisen, nichts als Krisen, wohin man schaut. Vermutlich leben wir im ersten Jahrzehnt der menschlichen Kulturgeschichte, das es schafft, zugleich krisengeschüttelt und sturzlangweilig zu sein. Jetzt hat die Krise auch die Pop-Musik erwischt, und wie wir es uns gerne einreden lassen: Krisen sind, wenn bestimmte Teile der Industrien, nebst ihren jeweiligen Kleine-Leute-Nutznießern unter sinkenden Profitraten leiden. Zum Rest des Beitrags »
ShareNoch Revolte oder schon Mainstream
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Musik 2001
WHITE TRASH IN FARBE
Marshall Mathers rappt den großen weißen Offenbarungseid zwischen den Rassen und Klassen
Pop wird nicht erfunden, Pop wird gestohlen. Meistens jedenfalls. Und Pop-Legenden sind nichts anderes als Räubergeschichten und Geschichten von Räubern, die posen und dissen und ihre große Räubergeschichte erzählen und erklären, welch große Emotionen bei den Piratenakten im Spiel sind und wie das alles mit einem total echten Leben zusammen hängt. Denn etwas Gestohlenes ist nicht weniger schön und nicht weniger wahr. Es klebt nur mehr Blut dran. Zum Beispiel das des weißen Rappers Eminem, der drauf und dran ist, den kürzesten Weg von einem Detroiter Club-Act zum Weltstar zu schaffen. Anders als die Beastie Boys oder gar der fürchterliche Vanilla Ice hat er den Rap nicht den afroamerikanischen Musikern gestohlen, wie seine Urgroßväter ihnen den Jazz, seine Großväter den Blues und seine Väter den Funk gestohlen haben: die Allianz der weißen Mittelstandskids, die immer wieder neue Wege fanden, sich an der "Authentizität" und der Aggressivität der schwarzen Musik zu berauschen, und einem Business, das immer wieder Wege fand, jeden rebellischen Impuls in die eine oder andere Mainstream-Veranstaltung zu verwandeln. In Geld, um genauer zu sein. Eminem, das gehört zu seiner Legende, ist kein neuer Vanilla Ice, kein synthetisches Industrieprodukt, mit dem auf eine Lücke im Angebot reagiert wird. Eminem ist echt. Zum Rest des Beitrags »
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