In the Land of Blood and Honey (Angelina Jolie)

Die Vorbehalte vieler waren groß: Angelina Jolie als Regisseurin? Viele Kritikerinnen und Kritiker hatten vor der Berlinale den Satz im Kopf „Schuster, bleib bei Deinem Leisten!“. Dann begannen die 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin, der Film kam im Wettbewerbsreigen, jedoch außerhalb des Rennens um den Goldenen Bären, heraus, und viele, viele zollten Angelina Jolie Respekt. Mindestens.

Sie kann Inszenieren. Der Film ist mehr als ein Talentbeweis. Und wenn die Action-Heroine in Interviews sagt, dies sei ihre erste Arbeit, die von etwas erzähle, was ihr wirklich wichtig sei, dann glaubt man das angesichts des Films. Die darin erzählte Geschichte beginnt 1992 in einer Kleinstadt in Bosnien-Herzegovina: Ajla (Zana Marjanovic) und Danijel (Goran Kostic) tanzen miteinander. Sie flirten. Es keimt Liebe auf. Eine Bombe zerstört das Idyll. Der Bürgerkrieg beginnt. Und die Zwei, die eben noch zueinander wollten, dürfen und können nicht mehr miteinander. Plötzlich wird nicht nur wichtig, sondern überlebenswichtig, wer was ist und woher kommt. Sie ist muslimische Bosnierin, er christlicher Serbe – das geht nun nicht mehr. Und doch bleiben die Zwei aneinandergekettet. – Mehr sei hier zu den Details der Story nicht verraten. Die wird hart. Vor allem das Thema der Vergewaltigung von Tausenden Frauen nimmt viel Raum ein. Die Bilder dazu sind grausam. Das müssen sie sein. Sie sind nie voyeuristisch. Das ist richtig so. Hollywood-Schmalz hat keine Chance. Gut. Gut auch, dass Angelina Jolie den Film vor Ort gedreht hat, mit Schauspielern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen. Vieles wirkt authentisch, ja, wahrhaftig, wird zum wirklichen Anti-Kriegsfilm.

Dem Drehbuch, es stammt auch von Angelina Jolie, hätten ein, zwei Korrekturen durchaus gut getan. Manchmal stolpert die Erzählung ein wenig, so, als wäre die Autorin von ihren eigenen Gefühlen überrollt worden und hätte es nicht geschafft, die einzelnen Motive der Figuren für ihr mitunter kaum verständliches Handeln konsequent zu beleuchten. Das aber schmälert den Gesamteindruck nicht wirklich. Der Film geht unter die Haut, weil er die Absurdität der Einteilung von Menschen – sei es nach Religionszugehörigkeit oder sonst etwas – mit brutaler Deutlichkeit und bar jeglicher Schönfärberei anprangert. Und das auf eine Weise, die ein großes Publikum fesseln kann. – Man darf gespannt sein auf die zweite Regiearbeit von Angelina Jolie.

Peter Claus

In the Land of Blood and Honey, von Angelina Jolie (USA 2011)

Bilder: Wild Bunch (Central)

Glück (ab 23. Februar)

Hure mit Herz und Loser mit Seele – sie finden sich und kämpfen um die gemeinsame Zukunft. Eine alte Geschichte. Die Protagonisten sind diesmal: Irina (Alba Rohrwacher) und Kalle (Vinzenz Kiefer). Sie ist vor dem Krieg im einstigen Jugoslawien nach Berlin geflohen und schlägt sich mühsam durch, schafft an. Er: ein Niemand aus dem Nirgendwo. Die Zwei stammen aus einer der Geschichten, die Starjurist Ferdinand von Schirach in seinem Erzähldebüt „Verbrechen“ veröffentlicht hat. Seine lakonische Sprache macht die Story zum Genuss. Die hauchdünne Membran, die Recht von Unrecht trennt, ist da greifbar. Bei Doris Dörrie ist nichts greifbar. Es legt sich eine bleierne Mattigkeit über Alles. Zuviel Süßes erstickt nun einmal alle Lebendigkeit. Und Doris Dörrie wirft geradezu mit Zuckerbomben um sich. Womit sie den Stil der Vorlage und damit auch die Figuren an schnöden Kitsch verrät. Da hilft es auch nicht, dass sie die wunderbare Alba Rohrwacher aus Italien als Hauptdarstellerin verpflichtet hat. Die schöne Schlichtheit von deren Darstellung kommt gegen den triefenden Seelenschmalz, der rundum alles verklebt, nicht an.

Doris Dörrie hat öffentlich ihren Unmut zum Ausdruck gebracht, dass ihr neuer Film nicht in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde, auch nicht in die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis gelangte. Dafür kann man der Auswahl-Jury der Filmfestspiele und denen, die die Kandidaten für den Deutschen Filmpreis bestimmen, nur danken!

Peter Claus

Glück, von Doris Dörrie (Deutschland 2012)

Bilder: Constantin Film

Young Adult (ab 23. Februar)

Nein, ich bin kein Fan von Charlize Theron. Zweifellos: sie sieht gut aus, und sie kann was. Aber mir drängte sich bisher fast immer der Eindruck einer gewissen Gekünsteltheit auf. Diesmal spielt sie ein richtiges Aas – und das macht sie so großartig, so, dass man hingerissen sein muss. Charlize Theron spielt Mavis Gary, Autorin von Jugendbüchern. Die Enddreißigerin beschließt eines Tages, das Kaff, aus dem sie stammt, heimzusuchen. „Heimzusuchen“ ist der genau richtige Ausdruck. Sie führt Böses im Schilde. Buddy Slade (Patrick Wilson), die Jugendliebe, will sie erobern. Dafür muss Mavis nur mal kurzerhand dessen Auserkorene (Elizabeth Reaser) und das gemeinsame Baby der Beiden ausstechen. Der Weg dorthin führt über einen anderen Schulkameraden (Patton Oswalt). In ihm findet Mavis den passenden Saufkumpan. Es wird getrunken, gesponnen und zum Angriff gerüstet. Der Ausgang dieser Geschichte ist absolut ungewiss.

Regisseur Jason Reitman hat schon mit „Thank You for Smoking“ und mit „Juno“ sein Gespür fürs Außergewöhnliche bewiesen. Immer überrascht er mit besonderen Einfällen. Diesmal ist es der, dass Mavis eine ihrer Jugendbuchfiguren gleichsam entgegengesetzt wird, ein Sonnenscheinchen. Die Schriftstellerin hingegen ist ein Wrack. Das Tolle an der Story: Das fiese Verhalten der Frau wird nicht verurteilt und nicht beschönigt – und eine rosarote Läuterung am Ende findet auch nicht statt. Ja, man möchte Mavis eigentlich schnurstracks den Hals umdrehen. Doch da kommt nun Charlize Theron ins Spiel. Sie stattet die „Hexe“ nämlich auch mit Verletzlichkeit aus, Dünnhäutigkeit, lässt ahnen, warum sie wurde, wie sie ist. Von einem exzellenten Ensemble umgeben, fährt die Hauptdarstellerin zu Hochform auf. So kommt es dazu, dass man die Begegnung mit dem Monster in Menschengestalt als bereichernd empfindet. Denn man grübelt plötzlich über das Dunkle in sich selbst nach. Die Balance aus leiser Ironie und Melancholie, die die Inszenierung auszeichnet, tut ein Übriges. Fazit: Ein schöner schwarzer Film über die dunklen Seiten des Lebens. Sehr erhellend!

Peter Claus

Young Adult, von Jason Reitman (USA 2011)

Bilder: Paramount

¡Vivan las Antipodas! (ab 23. Februar)

Beliebte Kinderfrage: Wo lande ich, wenn ich an der Stelle, an der ich grad bin, in die Erde bohre, einmal ganz durch, ganz geradlinig, bis ich wieder rauskomme? Victor Kossakovsky nimmt die Frage ernst und gibt Antworten in seiner Dokumentation. Als erstes lernen wir, dass wir meist im Wasser landen. Weil der größte Teil des blauen Planeten von Wasser bedeckt ist, gibt es gar nicht viele geografische Antipoden auf Festland. Aber einige existieren schon. Acht davon hat der Regisseur für seinen Film aufgesucht – und zeigt sie in traumwandlerisch schönen Tableaus.

Manche Gegensätze sind überaus reizvoll: Entre Rìos hier, Shanghai da, Landleben in Lateinamerika contra Stadtgewusel in einer der Metropolen Asiens. Die Gegensätze sind augenfällig. Der Film leistet über deren vordergründige Bebilderung jedoch kaum etwas hinaus. Das ist bei den anderen Beispielen nicht anders. Und so ermüdet die Doku erstaunlich schnell. Einmal ärgert sie sogar: die Sequenzen über die Ödnis in den Weiten von Botswana kommen gefährlich in die Nähe von Gutmenschen-Kitsch: da guckt einer mit großen staunenden Augen, wie pittoresk Armut doch wirken kann – und will deren Schrecken möglichst nicht wahr haben.

Hinreißend hingegen: manche Bildfolge von wirklich beeindruckenden Naturschauspielen. Die Nebelbänke über dem Baikalsee beispielsweise, die verfolgt werden, wird wohl niemand jemals vergessen können. Weil mit Gespür für Wirkung eingefangen, bleibt hier auch jeder Anflug von Postkarten-Idylle aus. Und das ist auch mehrdeutig. Kossakovsky gelingt es hier, wie auch an anderer Stelle, das Gefährliche im Schönen aufblitzen zu lassen. Da bekommt sein Film dann gelegentlich die faszinierende Kraft eines düsteren Poems.

Peter Claus

¡Vivan las Antipodas!, von Victor Kossakovsky (Deutschland, Argentinien, Niederlande, Chile 2011)

Bilder: farbfilm (Barnsteiner)

Hugo Cabret (ab 16. Februar)

Grad erst hat „The Artist“ alle Filmverrückten in Verzückung geraten lassen. Und nun „Hugo Cabret“. Auch Martin Scorsese beschwört die Kraft des Kinos von einst. Allerdings auf sehr, sehr anderem Weg, und das nicht nur, weil der Regie-Star auf 3D-Technik setzt.

Martin Scorsese, bekennender Kino-Narr, setzt Georges Méliès, einem der Pioniere des Kintopp, der zwischen 1896 und 1912 mehr als fünfhundert Filme gedreht haben soll, ein Denkmal. Méliès, der 1902 mit der Jules Verne-Verfilmung „Die Reise zum Mond“ das Science-Fiction Genre begründete, war ein Mann, der schon zu seinen Lebzeiten lange vergessen wurde, ein klägliches Leben fristete, und erst in den letzten Jahren, nachdem sein Werk wiederentdeckt worden war, ein wenig zur Ruhe kam.

Die irrwitzige, verrückte Handlung spielt im Winter 1931 in einem Pariser Bahnhof und drumherum. Kern des Märchens: der 12-jährige Hugo Cabret (Asa Butterfield) lüftet nach einigen Abenteuern das Lebensgeheimnis des betagten Spielzeughändlers Georges (Ben Kingsley) – und führt das Publikum so in die Wunderwelt des frühen Kinos.

Martin Scorsese nimmt sich wunderbar viel Zeit, um die Zuschauer in die Welt seines Märchens das viele Bezüge zur Realität hat zu geleiten. Manchmal grüßen da „Die fabelhafte Welt der Amelie“, der Rausch des Musicals „Can-Can“ und der Charme von Colettes „Gigi“. Die 3D-Technik ermöglicht – fern von krachender Effekthascherei – wirklich magische Tableaus, vor allem der Szenerie des Bahnhofs. Hier macht die Technik mal wieder, selten genug kommt’s vor, wirklich Sinn. Diese Bilder, die Kostüme, der Musikeinsatz, das Schauspiel – kurz: alles – ergeben ein berauschend schönes Kino-Kunstwerk – dessen Finale wohl alle, die die siebte Kunst wirklich lieben, zu Tränen rührt.

Das exzellente Schauspielteam wird vom 13-jährigen Asa Butterfield in der Titelrolle angeführt. Ebenso bravourös: Chloe Moretz, Ben Kingsley und Jude Law. Sie spielen mit ihm und ihm zu. Der Clou: Sacha Baron Cohen. Der Mann, der mit „Borat“ und „Brüno“ wohl einige verschreckt hat, darf auf die Pauke hauen, Slapstick vom Feinsten hinlegen und – Überraschung – völlig unerwartet auch auf der Klaviatur der Gefühle spielen, und das sehr fein. Rundum also ein Vergnügen – für alle, die’s märchenhaft schön mögen, und die einem Schlüsselsatz des Films gern misstrauen: „Ein Happy End gibt’s nur im Kino.“

Peter Claus

Hugo Cabret, von Martin Scorsese (USA 2011)

Bilder: Paramount

Sommer auf dem Land (ab 16. Februar)

Klingt durchgedreht: Ein Witwer entdeckt in einer Kuh die Seele seiner verstorbenen Frau. – Ist auch durchgedreht – auf schönste Art.

Trauer nicht in Schwarz, sondern in grellbunt. – So ließe sich diese herrliche Farce überschreiben. Die Geschichte des Pianisten Bogdan, der auf dem Land nur mühsam über den Tod seiner Frau hinwegkommt, bis er dann mit einer Kuh eine höchst merkwürdige „Lovestory“ erlebt, überrascht nicht nur durch das, was erzählt wird, sondern auch dadurch, wie. Der Ton der Erzählung trumpft nämlich klugerweise nicht mit „Verrücktem“ auf, sondern mit fast konventioneller Schlichtheit. Und genau deshalb, nimmt man den Film im Handumdrehen an.

Der polnische Regisseur Radek Wegrzyn, der an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg studiert hat, verbindet Elemente des Dramas, des Schwanks, der Komödie und Satire zu einer wirklich originellen Anleitung, wie man selbst in schwersten Momenten dem Leben Gutes abgewinnen kann. Da wird’s auch mal derb und deftig, bleibt jedoch durchweg hintergründig.

Mich hat der Film an turbulente Dorf- und Sitten-Komödien aus dem Italien der 1950er Jahre erinnert. Wie in ihnen, wird hier unbekümmert, auch mal frech, immer mit Liebe zum Menschlich-Allzumenschlichen die Lust am Leben gefeiert. Das haut die Filmgeschichte nicht um. Aber diese Lust überträgt sich eins-zu-eins auf den Zuschauer. Ein Geschenk in diesen wahrlich nicht sehr lustigen Zeiten!

Peter Claus

Sommer auf dem Land, von Radek Wegrzyn (Deutschland, Polen, Finnland 2011)

Bilder: Farbfilm (24 Bilder)

Die Thomaner (ab 16. Februar)

Seit 800 Jahren gibt es die Thomasschule und den Chor dazu, die Thomaner. Das Jubiläum, klar, wird kräftig gefeiert, auch mit diesem Film. Pure Lobhudelei also? Nein, erfreulicherweise nicht. Paul Smaczny und Günter Atteln, die den Chor ein Jahr lang begleitet haben, gelingt es, in ihrer Dokumentation bei aller spürbaren Zuneigung zum Objekt ihrer Betrachtung auch Momente kritischer Distanz zu bieten.

Das Hauptthema: die Förderung der Individualität von rund einhundert Jungen und jungen Männern, die ihre Kunst aber allein im Team entfalten können. Wobei von Anfang an klar wird: Individualität ist bei den Thomanern vor allem auf die Gesangskunst ausgerichtet, nicht unbedingt auf alle Aspekte der Persönlichkeit. Sensible Naturen haben es äußerst schwer, mit dem Internatsleben, den Hierarchien, dem sich Ein- und Unterordnen-Müssen. Chorleiter Georg Christoph Biller etwa räumt das vor Kamera und Mikrofon offen ein.

Wie sich das Leben unter solcher Prämisse gestaltet, wird anhand eines Schuljahres versucht zu erkunden. Als Nicht-Thomaner kriegt man da gelegentlich Schweißausbrüche, wenn man nur die Härte der Proben mitbekommt. Fußballspiel und Kissenschlacht muten einem als Außenstehenden nicht sehr aufbauend an. Andererseits: da ist dann die Musik, Bach natürlich vor allem, deren Schönheit. Wenn dann, etwa auf Tournee, die Begeisterung der Sänger und der Zuhörer eingefangen wird, relativiert sich der Preis, der für diese Schönheit gezahlt werden muss.

Trotzdem bleibt am Ende ein Nachgeschmack: Ein Thomaner, so der Einruck, hat nur eine Familie, den Chor. Doch aus dem muss er nach dem Abitur gehen. Was dann? Was hat das für Folgen für die Persönlichkeit? Wie geht es weiter? – Die Fragen werden nicht wirklich beantwortet. Damit bleibt eine Beunruhigung – und die Musik Bachs klingt einem plötzlich auch bedrohlich im Ohr.

Peter Claus

Die Thomaner, Paul Smaczny und Günter Atteln (Deutschland 2011)

Bilder: NFP (Filmwelt)

Black Gold (ab 09. Februar)

Die Werbung spricht vom „Neuen ‚Lawrence von Arabien’“ – und verhebt sich damit kräftig. Die Klasse des vor einem Vierteljahrhundert herausgekommenen „Wüstenepos“ von Regisseur David Lean erreicht Jean-Jacques Annaud mit seinem Film nicht. Aber: Fans von saftigen Abenteuerschinken bietet er pralle Unterhaltung. Und das ist ja auch was.

Die Story blickt auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zurück. Auf der Arabischen Halbinsel herrschen noch fast ausschließlich die archaischen Regeln kriegerischer Stammesgesellschaften. Doch der Kapitalismus hält Einkehr: Erdöl wird entdeckt – und verändert die Welt. Ein Politdrama also? I wo! Es geht um Liebe, Träume, Hass: Prinz und Prinzessin und der Sturm ihrer Gefühle sind das A und O. Alles andere ist nur Zutat.

Vorlage des Films ist der 1957 erschienene Roman „Der schwarze Durst“ von Hans Ruesch. Das Buch wurde sicher auch deshalb ein ziemlicher Erfolg, weil der Schweizer Autor als Rennfahrer einige Popularität genoss. Er jedoch hatte durchaus einen klaren Blick auf soziale Fragen und spiegelte die in seiner Erzählung. Im Film spielen sie kaum eine Rolle. Hier geht es mehr um ein wohliges „1000 und eine Nacht“-Flair. Die Botschaft von der Notwendigkeit des Zusammenkommens verschiedener Kulturen wirkt lediglich als Zutat.

Der Unterhaltungswert ist aber, wenn man den Film als Märchen betrachtet, nicht klein. Was auch prominenten Schauspielern zu danken ist, vor allem Antonio Banderas und Mark Strong in den (Neben-)Rollen zweier Widersacher. Freida Pinto hingegen, die in „Slumdog Millionaire“ begeisterte, hat als Prinzessin zu wenig Spielraum, um wirklich mehr denn Schönheit zu entfalten. Tahar Rahim, der in „Ein Prophet“ begeisterte, hat als Prinz schon mehr Möglichkeiten. Doch auch seine Figur bleibt mehr Typ als dass sie zum Charakter reifen könnte. Große Ansprüche also werden nicht bedient. Der nach gefälliger Traumfabrik jedoch mit ziemlichem Geschick.

Peter Claus

Black Gold, von Jean-Jacques Annaud (Frankreich, Katar 2011)

Bilder: Universal Pictures

Der Junge mit dem Fahrrad (ab 09. Februar)

Der Gewinner des Großen Jurypreis’ von Cannes ist nicht immer ein großer Publikumsfilm. Dieser schon!

Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne blicken erneut auf Menschen am Abgrund. Wieder gelingt dem belgischen Regie-Duo damit eine Milieustudie fern von Kitsch. Die Geschichte des halbwüchsigen Cyril (Thomas Doret), der mit seinen elf Jahren nichts wie weg will aus dem Kinderheim, zurück zum Vater (Jérémie Renier) ist von satter Dramatik, rührt einen an, balanciert aber geschickt an allen Untiefen drohender Sentimentalität vorbei. Die Spannung erwächst weniger aus der Frage, ob es dem Kind gelingt, den Vater zu finden, als daraus, ob er es verkraften kann, wenn er einsehen muss, dass dieser Vater nichts mit dem erträumten Ideal gemein hat. Mehr sei hier zur Handlung, die wirklich originell ist und mit viel Herzenswärme packt, auch mit Witz und Dramatik, nicht verraten.

Luc und Jean-Pierre Dardenne, die vielen Szenen wieder eine dokumentarische Anmutung verliehen haben, arbeiten das schwere Thema „Schuld und Sühne“ verblüffend leicht auf. Cyril ist dabei keineswegs ein unentwegt liebes Kind, sondern ein höchst schwieriger, eigenwilliger, kaum zu bändigender Querkopf. Man staunt, was der Schüler Thomas Doret alles in seinem Gesicht, vor allem den Augen, spiegelt. Wobei, ganz klar: kluge Kameraführung und sensible Inszenierung tragen dabei viel.

Interessant: die Brüder Dardenne setzen, das ist nicht üblich bei ihnen, stark auf Hoffnung. Dafür gibt es die Figur der Samantha, eine Frau, die so etwas wie der rettende Engel für Cyril wird. Cécile De France bewahrt auch diesen Charakter vor falschen Tönen, trägt so wesentlich zur Glaubwürdigkeit bei. Und sie ist so etwas wie eine Lichtgestalt in der doch recht düsteren Ballade von der Einsamkeit der Verlorenen. Mancher im Publikum wird sich wohl wünschen, so hingebungsvoll für das Gute eintreten zu können, wie Samantha. Ohne Träume kommt halt niemand aus.

Peter Claus

Der Junge mit dem Fahrrad, von Luc und Jean-Pierre Dardenne (Belgien, Frankreich, Italien 2011)

Bilder: Alamode

Die Unsichtbare (ab 09. Februar)

Regisseur Christian Schwochow hat 2008 mit seinem Debüt „Novemberkind“ nachhaltig auf sich aufmerksam gemacht. Da ist das Interesse an seinem neuen Film groß, beim Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken vor gut zwei Wochen etwa war der Andrang der Zuschauer enorm, das Echo überaus positiv.

Dabei lockt das vermeintliche Thema, die Identifikationssuche einer jungen Schauspielerin, erst einmal vielleicht nicht sonderlich. Die Stichworte lassen einen egozentrischen Seelentrip vermuten. Aber so, wie die Stichworte nicht wirklich den Film treffen, werden entsprechende Befürchtungen auch nicht erfüllt.

Der Ausgangspunkt der Erzählung liegt im Theater: Regisseur Kaspar Friedmann (Ulrich Noethen) will das Stücks „Camille“ mit Schauspielstudenten inszenieren. Für die Hauptrolle wählt er die scheue Fine Lorenz (Stine Fischer Christensen). Sie wirkt zunächst blass, geradezu uninteressiert. Gerade das scheint Kaspar zu reizen. Er will mit (psychischer) Gewalt, das Tier in Fine aufwecken, ihre Lust am Sex, am Frausein. Fine begreift zunächst gar nicht, was der Mann von ihr will. Doch je mehr sie sich ergibt, umso stärker wird sie scheinbar – und zugleich zerbrechlicher. Bald sieht es so aus, als würde sie ernsthaft seelischen Schaden nehmen. Es stellt sich die Frage, ob eine Katastrophe unausweichlich ist, oder ob es die Beteiligten schaffen, wirklich zu sich selbst und damit zu einem guten Leben zu finden.

Der Plot ist nicht neu. Robert Aldrichs „Große Lüge Lylah Clare“ hat ihn 1968 auf die Spitze getrieben. Christian Schwochows Film wirkt dagegen leise, zurückhaltend, angenehm verhalten. Das trifft auch zu, wenn der von vielen Kritikern bemühte Vergleich zu Darren Aronofskys „Black Swan“ angestellt wird. Wie dort, so wird auch hier der Zusammenhang von Körper und Seele ins Visier genommen. Doch in diesem Film so, dass auch Menschen, die nichts mit Theater, Film oder dem Showgeschäft an sich zu tun haben, sich einklinken können. Für Theaterfans freilich sind die Szenen um die Mühen der Arbeit an einer Inszenierung sicherlich Highlights.

Das ist in großem Maß der aus Dänemark stammenden Hauptdarstellerin Stine Fischer Christensen zu danken. Sie wirkt – und das ist in diesem Fall positiv gemeint – absolut durchschnittlich. Sie entfacht die vielen Facetten der Geschichte und von Fines Persönlichkeit mit einer sehr für die Figur einnehmenden Ruhe, fast Gelassenheit – und mit einer großen Wandlungsfähigkeit. Besonders spannend ist das, wenn sich die Persönlichkeiten Fines und Camilles „mischen“.

Christian Schwochows stimmige Inszenierung lädt jeden Zuschauer ein, eigene Fragen an die Figuren und damit an sich selbst zu stellen. Das ist von großem Reiz. Denn es gibt wohl niemanden, dem sich nicht schon einmal die Frage aufgedrängt hat, „Wer bin ich eigentlich?“

Peter Claus

Die Unsichtbare, von Christian Schwochow (Deutschland, Frankreich 2011)

Bilder: Falcom

Der schwarze Abt (Franz Josef Gottlieb)

 

Keine banalen Zirkelschlüsse

Im deutschen Nachkriegskino der fünfziger Jahre floss viel abgestandenes Heldenblut, weil Filmemacher wie Bernhard Wicki (Die Brücke) die Westfront ad hoc nicht verlassen wollten. Die Wagen sollten noch weiter westwärts ziehen, um zumindest einen Hauch von John Ford Point und rollenden Steppenläufern zu erhaschen. Da aber die rauchenden Colts eines James Stewart oder der coole Salon-Marshall-Charme von Ronald Reagan im fransengeschmückten Lederanzug nicht wirklich zur Schwäbischen Alb passten, besannen sich die „Anti-Trümmer“-Pioniere auf einen Achsensprung zwischen good old-germany und new frontier land » dem deutschen Film brachte man sein Publikum zurück. Heinz Rühmann, Freddy Quinn und Heinz Erhardt allein machten nicht genug Appetit auf das große Telehor-Fressen.

Alexander Kluge und seine Leidensgenossen begannen zu schwitzen, da der intellektuelle Zerfall der ‚crowds‘ weiter voran schritt. Bisher ergötzten wir uns immerhin an seelenheilenden Bilderbuchlandschaften und waren stolz darauf Kernseife zu besitzen, wenn Grethe Weiser damit ihre Hände wusch und nebenbei ihr‚ na wat se nich saj’n‘ berlinerisch-schnäuzisch trällerte. Trivialer konnte es kaum kommen – sogar auf flott-derbe Deputy-Sprüche a’ la Whiskyglas-Verschütt konnte getrost verzichtet werden!

Das Edgar-Wallace-Filmgenre öffnete den Deutschen ihr Fenster zur Welt. Mit Pappkulissen und synthetisch erzeugtem Big Ben-Geläut entstanden in Berliner Filmstudios künstliche Londoner Lebenswelten. Zwischen 1959 und 1972 bescherten uns Regisseure wie Alfred Vohrer, Dr. Harald Reinl (war mit Karin Dor liiert) oder Jürgen Roland (Polizeirevier Davidswache) unzählige ‚Huch-Peng-Plumps‘-Konstruktionen aus der gesegneten Mottenkiste naiver Geisterbahn-Fabulas jener Epoche. Ganze Karnevalsvereine staunten Bauklötze, wenn der geheimnisvolle Schlächter im Gorilla-Kostüm ziemlich feige von hinten mit seinen Pranken die faltigen Hälse seiner Opfer umschlang und ihnen mit infantilen Handgriffen die Sauerstoffzufuhr abdrehte.

Die aus heutiger Sicht lächerliche Fang-die-Maus-Causa offenbarte sich bereits nach der ersten Wallace-Klappe 1959 zu DER FROSCH MIT DER MASKE. Damals waren es Siegfried Lowitz (Der Alte), Joachim Fuchsberger, Dieter Eppler und Karl Lange, die die dubios-finsteren Charaktere aus dem „King of crime“-Talmud um Rialto Film, Kurt Ulrich-Film oder CCC-Film einem Phoenix aus der Asche gleichwerden ließen.

Weitere Vögel wie DIE TOTEN AUGEN VON LONDON, DAS GASTHAUS AN DER THEMSE, DER ZINKER, DER FÄLSCHER VON LONDON oder DER HEXER flogen empor und verschlissen Unmengen an Pappkameraden, Sonnenbrillen, Platzpatronen, Genussmitteln und „Bobby“-Uniformen aus dem hiesigen Theaterfundus von Hannelore Wessel » Horst Wendlandts unverschonte weil spendable Geldbörse soll nicht unerwähnt bleiben. Eingereiht in diesen pointierten Zoom- und Schnitt-Adaptionskanon hatten sich stets die Schlagergruselkompositionen von Martin Böttcher oder Peter Thomas; ihres Zeichens tüchtige Absorber des Jazz- und Twist-Klamauks á la „Übermut im Salzkammergut“, die sich als unfreiwillige Anti-Helden für Auftritts- und Erfolgsmöglichkeiten von Quick-Musikern wie Gus Backus oder Billy Mo gerierten.

Die unmotivierten Komparsen und Laiendarsteller, denen man ansah dass sie auf Handzeichen durch die biedere, häufig von den Bühnenarchitekten und Baumeistern Walter Kutz oder Wilhelm Vorwerg erschaffene Kulisse schlenderten, bildeten den stummen Kontrast zu einer vergilbten Gut-Böse-Narration, die moralinsaurer kaum sein konnte. Da half es auch nicht viel, wenn hin und wieder zeig-freudige Go Go-Girls in unseriösen Barspelunken ihre nackten Beine hochwarfen, oder Heinz Drache (Tatort) aus einem Geheimversteck die hübschen Beine von Corny Collins in DAS INDISCHE TUCH beäugte.

Um den Witz endlich herauslassen und umzingeln zu können, bedienten sich Vohrer & Co  einem munteren Pausenclown wie Eddi Arent und dem epochalen wie monumentalen Neurotiker Klaus Kinski, deren sukzessive sowie simultane Implikation gelegentlich in Äquivalenz steht zu einem Günter Grass, der im Oktoberfest-Bierzelt einen Literaturvortrag hält.

Ein wirkliches Juwel in diesem mit lauter Altherrenregenmänteln und schrillem Weibergeschrei besetzten Filmgenre, bietet sich dem Cineasten in DER SCHWARZE ABT.

Die 15. Wallace-Adaption unter der fürsorglichen Aufsicht von Franz-Josef Gottlieb ist schon allein deshalb ein Augenschmaus, da sie im bildvisuell ästhetischen anamorphotischen CinemaScope-Verfahren inszeniert wurde. Deutlich feinsinniger und prästabiliert harmonischer greifen hier die ikonographischen Assoziationsimpulse, die die Diegese für den Rezipienten in einer sehr analen Weise erfahrbar machen.

Die erste Dialogszene zwischen Butler Thomas Fortuna (Klaus Kinski) und Dick Alford (Joachim Fuchsberger) enthält zentrales Wirkungspotential. Thomas macht den smarten Schlossverwalter von Fossaway – nachdem er in den Ruinen der Abtei des Adelsanwesens einen Mann erstochen vorfand – auf dessen am Tatort verlorengegangener Pfeife aufmerksam und überreicht sie Alford. Unter sichtlicher Erklärungsnot und Hast stehend, antwortet dieser in aufgeregten Worten: „Beim Nachhause gehen bin ich fast über diese Leiche gestolpert, ja und dabei muss ich sie verloren haben.“ Thomas entgegnet: „Das ist sehr peinlich Sir!“ „Nicht peinlicher als für Sie, Thomas!“, herrscht Alford zurück. Ein sehr asymmetrisches Einfluss- und Machtverhältnis!

Das Motivationsniveau der handelnden Akteure pflegt einen stark emotional geprägten und reflexiven Umgang mit den im Sujet implementierten Kommunikationsinhalten. So fokussiert sich die lineare Erzählstruktur sukzessive auf kulturelle Entwicklungshöhepunkte, wie etwa dem Ersten Adel Englands oder Scotland Yard als absolut seriöse und unparteiische staatliche Institution über Recht und Gesetz. Dieter Borsche als neurotischer Lord Harry Shelford und Charles Regnier als Gentlemen-Scotland-Yard-Inspektor Puddler bilden diese normativen Erwartungskonstanten sinnhaft ab. Der Rezipient kann sich entspannt zurücklehnen wenn er erfährt, dass es Joachim Fuchsberger ist, der sich rührend um die Anwaltsschwester Leslie Gine (Grit Böttcher) kümmert. Entspricht er doch so ziemlich allen Erwartungen, die das Kinopublikum jener Zeit an ein deutsches Plagiat oben erwähnter Westernhelden hegte.

Der Aktionsradius mit seinen dicht auf die Schlossgemächer, dem Abtei-Areal und ein paar Londoner Nebenschauplätzen beschränkten Determinanten, macht den B-Film zum Kammer-Kriminalspiel » ein plot-struktureller Effekt, vom Rezipienten bzw. Cineasten kaum negativ sanktionierungsbedürftig da situationsadäquat. Auf diese Weise gelangen die Perzepte stets in den jeweils vorgesehenen Kognitionskanal der Bezugsgruppen. Die Aufsummierung der Handlungsintentionen von Gottliebs Figuren folgt weniger einer tautologischen Konstruktion und ist mehr anspruchsvoll da sujetgeleiteter als das in anderen Wallace-Adaptionen der Fall ist. Die im Bett an schwerer Krankheit leidende Alice Treff als Lady Shelford oder der größenwahnsinnige weil im Banne seiner Mutter stehende Harry Shelford – streckenweise unfreiwillig komischer Dieter Borsche – stehen in enger Analogie zur gespenstischen Fabula.

Die Titelfigur ist insofern designativer Bedeutungsträger, als dass sie nicht so anarchisch und sozialrevolutionär daherkommt wie etwa DER GRÜNE BOGENSCHÜTZE oder ‚Der Hai‘ in DAS GASTHAUS AN DER THEMSE » als klerikales Ikon verfolgt er fast schon sittlich-einzelgängerisch da ambivalent seine Intention. Zumal ihn der „point of attack“ als steten Verfolger eines Prismas vorsieht.

Wir freuen uns, dass F. J. Gottlieb sich nicht mit banalen Zirkelschlüssen getreu einer ‚Töten weil gierig und böse‘-Konklusion zufriedengab » ein wahrer German Holly seiner Klasse!

© Stefan Bußhardt

Bilder: Universum Film

 

Dame, König, As, Spion (ab 02. Februar)

Seit Jahrzehnten gehört John le Carré zu den Erfolgsautoren im Genre-Thriller. Sein Hauptthema: der Kalte Krieg. Doch der ist aus. Bedeutet dies auch das „Aus“ für die Romane? Mitnichten. Das beweist die Verfilmung von „Dame, König, As, Spion“, ein meisterliches Bild Europas der 1970er Jahre, das auch Schlaglichter auf die Gegenwart wirft.

Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson hat sein US-Debüt mit der Präzision eines altmodischen schweizer Uhrwerks inszeniert. Sämtliche Szenen sind in sich klug arrangiert und genauso klug miteinander verwoben. Das damit geschaffene Gespinst aus Lüge und Verrat bekommt so eine wahrlich mörderische Dichte. Kameraführung, Ausstattung und Musik unterstützen das prächtig. Die sepia-getönten Tableaus in schönstem Breitwandformat werden vom üppigen Soundtrack geradezu umschmeichelt. Der Zeitgeist von vor etwa vierzig Jahren feiert auf geradezu unheimliche Art seine Wiederauferstehung.

Ost und West in Konkurrenz: Spione hier, Agenten da, von den eigenen Leuten jeweils als Helden gefeiert, von den anderen verteufelt. Der Kalte Krieg kannte keine Gnade. Aber er kannte Schlupflöcher für die Demokratie. Da passt die hier erzählte Geschichte von der verzweifelten Suche nach einem Doppelagenten wie die Faust aufs Auge. Tomas Alfredson folgt der Vorlage von John le Carré, wenn er sein Augenmerk auf den Ungeist richtet, der alles Tun der Protagonisten bestimmt. Moralische Wertungen bleiben dabei aus. Was den Gänsehauteffekt noch verstärkt. Je mehr die Handlung voranschreitet, umso mehr beschleicht einen das ungute Gefühl, auch heutigentags ist nichts sicher, was uns die politischen Hüter von Staatsräson und -ordnung als sicher anpreisen, nichts ist wirklich weiß, was uns weiß gemacht wird.

Die Erzählung begeistert neben aller Spannung, die aus der Suche nach dem „Bösewicht“ resultiert, insbesondere durch die vielen Szenen, in denen der Kampf der Anti-Helden wie ein Ballett der Blicke und ein Gemetzel der Gesten wirkt. Lautstarke Action haben die Männer an den unsichtbaren Fronten der rivalisierenden Geheimdienste immer vermieden, und der Film vermeidet sie also auch. Selten gab es einen Thriller, in dem das lauernde Misstrauen von jedem gegen jeden derart intensiv zu spüren war, ohne dass es erklärender Worte oder ausufernder Materialschlachten bedarf. Auch das lässt einen Gruseln: Hört und sieht man das, fragt man sich sofort, ob die letzte Beurteilung, die man bekommen hat, nicht doch mit heimlichen, von einem selbst nicht zu entschlüsselnden Informationen Gespickt war.

Der jugendlich wirkende Benedict Cumberbatch als Peter Gilliam und der gestandene Gary Oldman in der Rolle des George Smiley führen das mit aufregender Gelassenheit agierende Schauspielensemble an. Populäre Akteure wie Colin Firth und Ciarán Hinds unterstützen sie mit nicht unbedingt großen, aber äußerst wirkungsvollen Auftritten. Sie lassen einen frösteln, wenn sie ganz locker und nebenbei beweisen, wie tödlich ein charmantes Lächeln sein kann. Und sie zeigen, dass der Kalte Krieg keine Angelegenheit war, die allein „die da oben“ betraf, sondern eine politische Katastrophe, die das Leben unzähliger so genannter kleiner Leute auf oft dramatische Weise geprägt hat.

Die Verfilmung des 1974 veröffentlichten Romans beginnt übrigens mit einem inszenatorischen Coup: John Hurt, zweifellos ein Weltstar, spielt den Chef von „Circus“, wie der geheimste innere Verbund der britischen Spionage heißt. Er setzt das Geschehen in Gang. Und schon tritt er ab. Die Figur stirbt. Damit ist im Handumdrehen die Spannung angeheizt. Denn keiner im Parkett mag so recht glauben, dass ein Schauspieler vom Format eines John Hurt wirklich nur einen derartig kurzen Auftritt absolviert. Jeder rechnet damit, dass hier die erste Finte gelegt wurde, und der populäre Akteur irgendwann noch einmal mit sardonischem Lächeln auf der Spielfläche erscheint. Ob diese Erwartung erfüllt wird, sei hier selbstverständlich nicht verraten. Aber deutlich gesagt sei, dass dies nicht die einzige trickreiche Überraschung der exzellenten Literaturverfilmung ist!

Peter Claus

Dame, König, As, Spion, von Tomas Alfredson (Frankreich, England, Deutschland 2011)

Bilder: Studiocanal

Die Summe meiner einzelnen Teile (ab 02. Februar)

Der Autor und Regisseur Hans Weingartner, der vor elf Jahren mit „Das weiße Rauschen“ bekannt wurde, der Physik und Neurowissenschaften studiert hat, erzählt in expressiven Bildern vom Mathematiker Martin (Peter Schneider), den ein Burn out umhaut. Nach einer Zeit in einer psychiatrischen Klinik will er wieder „normal“ leben. Doch die Umstände, die sind nicht so. Erst die Freundschaft mit einem kleinen Jungen (Timur Massold), der nur russisch spricht, bringt ihn wieder auf die Beine – aber nicht unbedingt in die normierte gutbürgerliche Gesellschaft zurück.

Der Zusammenhang und das Wechselspiel von Einzelschicksal und Gesellschaft wird höchst spannend beleuchtet. Der Film zeigt sehr genau, tatsächlich schmerzlich, wie schwer es der Einzelne heutzutage im Bannstrahl eiskalten globalen Profitstrebens hat. Die kluge Erzählung bietet einige Überraschungen, was die Spannung zusätzlich anheizt. Das Entscheidende: Weingartner fühlt sich der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Da haben falsche Töne, hat pure Effekthascherei, keine Chance.

Hauptdarsteller Peter Schneider konnte während des Drehens viel improvisieren, ausprobieren, die Dialoge mit gestalten. Das trägt natürlich wesentlich zum Eindruck von großer Authentizität bei. Was aber auch verstörend wirkt. Man gewinnt manchmal fast den Eindruck, eine Dokumentation zu sehen.

Hans Weingartner schließt mit diesem Film an „Das weiße Rauschen“ an, stilistisch und inhaltlich. Mit dem Finale (das hier nicht verraten werden kann) provoziert der Film viele Fragen, die einen dazu bringen, über die eigene Konstitution nachzudenken. Was wiederum den Mut anheizt, sich gegen die allgemeine Uniformität des Lebens zur Wehr zu setzen. Bravo!

Peter Claus

Die Summe meiner einzelnen Teile, von Hans Weingartner (Deutschland 2011)

Bilder: Wild Bunch

The Artist (Michel Hazanavicius)

Das Schweigen hören

„The Artist“ rekonstruiert die Ästhetik des Stummfilms mit Raffinesse und Sensibilität. Dafür wird es Oscars geben. Wer diesen perfekten Film genießen will, sollte allerdings ein Cineast sein

„Ich sage nichts. Ich sage kein Wort“, sagt der Mann, den sie foltern, aber wir hören es nicht. Wir sehen, was er sagt, es steht auf dem Zwischentitel. Wir sehen einem Stummfilm zu, die Leinwand, das Orchester, das premierengeschmückte Publikum, die Stars hinter der Leinwand. Der Film heißt „The Russian Affair“, der nächste wird „The German Affair“ heißen. Dann der Applaus, doch auch den sehen wir nur, und das ist einen Augenblick lang fremd und irritierend. Denn jetzt sehen wir nicht einem Stummfilm zu, jetzt sehen wir einen Stummfilm. „The Artist“, der Künstler, ist ganz gewiss einer der merkwürdigsten Filme der letzten Jahre. Diese französische Produktion des Regisseurs Michel Hazanavicius, die nach den Golden Globes einer der beiden großen Favoriten für den Oscar ist, rekonstruiert mit handwerklicher Perfektion und künstlerischer Sensibilität die Ästhetik des Stummfilms. Und damit das einen Grund in sich findet, erzählt er in den Formen dieser versunkenen Ästhetik davon, wie sie versank. George Valentin (Jean Dujardin), der Stummfilmstar, ist mit seinem Produzenten bei einem Soundtest, 1929. The Artist, der Künstler, lacht und geht. Er lacht, weil er dieses neue Mittel, den sprechenden Film, für etwas Unkünstlerisches hält. Er lacht über seinen Untergang. Zum Rest des Beitrags »

The Artist (ab 26. Januar)

Die „Oscar“-Verleihung steht an – und alle reden über einen französischen Film, erwarten dass er der große Abräumer werden wird: „The Artist“. Bei der Vergabe der „Golden Globe“ kam er schon sehr gut weg – und das heizt die Spekulationen an, gelten die „Golden Globe“ doch als Barometer für die „Oscar“. Wir werden sehen. In jedem Fall: Das ist ein großartiger Film!

Schwärmen ist angesagt: eine mit vielen Überraschungen gespickte Story voller Gefühl. Bezwingend schöne Bilder, einschmeichelnde Musik und tolle Schauspielerleistungen prägen die romantische Liebeserklärung an die Filmkunst.

Die Geschichte spielt Ende der 1920er Jahre: George Valentin ist ein Star. Die Premiere seines jüngsten Films ist für den Charmeur ein Riesenerfolg. Die Frauen himmeln ihn an, stehen Schlange am roten Teppich, auch Peppy Miller. Zufällig entsteht ein Foto von ihr und George. Das landet in der Zeitung und macht einen Produzenten auf die Unbekannte aufmerksam. Peppy sieht nicht nur gut aus, sie hat auch Talent, und wird zum neuen Stern am Himmel der Traumfabrik aufgebaut. George hingegen fällt tief. Die Einführung des Tonfilms markiert das Ende der Karriere auch dieses Stummfilmidols. Das Publikum, das ihm eben noch zu Füßen lag, vergisst ihn. Peppy aber vergisst George nicht. Und inzwischen weiß sie ja ziemlich gut, wie man geschickt ein Happy End bastelt.

Regisseur Michel Hazanavicius sprudelt nur so vor Einfällen. Die erlesen schönen Bilder bieten jede Menge zu entdecken. Doch die optische Opulenz dominiert nicht. Sie illustriert die Geschichte, die das A und O ist, bestens. Fans alter Filme können vielen Anspielungen auf unvergessliche Momente des Kinos der 1920er und 1930er Jahre entdecken: Chaplin, Laurel & Hardy, der Filmhund Rin-Tin-Tin und die Garbo grüßen, Szenen zitieren Klassiker wie „A Star is Born“, „Sunrise“ und „Metropolis“. Kintopp-Romantik pur.

Das Spiel der Akteure folgt dem Schlüsselsatz aus Billy Wilders Filmdrama „Boulevard der Dämmerung“, der berühmten, Ende der 1940er Jahre herausgekommenen, tiefschwarzen Auseinandersetzung mit Licht und Schatten der Traumfabrik, die inzwischen erfolgreich als Musical für die Bühne adaptiert wurde. Da sagt die gestürzte Stummfilm-Diva Norma Desmond (im Film gespielt von der damals nicht mehr sehr bekannten Gloria Swanson) über die Ära der Stummfilmstars: „Wir brauchten keine Worte, wir hatten Gesichter“. – Was Jean Dujardin als George und Bérénice Bejo als Peppy befolgen. Sie sagen mit ihren Gesichtern alles. Ganz dem uns heutzutage überlebensgroß anmutenden Stil des Stummfilms entsprechend, spiegeln sie in Blicken, Lächeln, Schmollen – aber ohne Worte – nahezu die gesamte Skala menschlicher Empfindungen.

Michel Hazanavicius bringt die Bilder elegant, raffiniert, charmant zum Sprechen. Eine Wonne. In einer Szenenfolge geht es um die Ängste des Stummfilmstars vor der neuen Technik. Da kommt augenzwinkernd auch der Tonfilm zu seinem Recht. Und im Publikum dürfte mancher Schneuzer zu hören sein. Das Schmunzeln aber überwiegt – und eine wunderbare Leichtigkeit, die einen schließlich beinahe tanzend aus dem Kino entlässt.

Peter Claus

The Artist, von Michel Hazanavicius (Frankreich 2011)

Bilder: Delphi

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten (ab 26. Januar)

Alexander Payne hat sich mit „About Schmidt“ als kluger Beobachter US-amerikanischer Spießermentalität erwiesen. Vorschnelles Verurteilen ist seine Sache nicht. Diesmal ist er gnadenloser. Doch die Liebe zu den Figuren behält die Oberhand.

Hauptfigur ist der Anwalt Matt King (George Clooney). Ein Sunny Boy. Doch der Schein trügt. Hawaii ist für ihn und seine Frau Elizabeth (Patricia Hastie) und die zwei Töchter Alex (Shailene Woodley) und Scottie (Amara Miller) kein Paradies. Matt steht dauernd unter Druck, ist nicht wirklich für die Seinen da. Stress bringt auch ein wertvolles Stück Land, das der Familie seit ewigen Zeiten gehört. Die Erbengemeinschaft drängt Matt, als Treuhänder, auf Verkauf. Er wehrt ab. Unentwegt. Dabei merkt er gar nicht, wie ihn das in Schach hält. Zum Innehalten kommt er erst durch ein Unglück: Elizabeth hat einen Unfall und fällt ins Koma. Sein Leben verändert sich dadurch radikal. Was noch verstärkt wird, weil er herausfindet, dass seine Frau eine Affäre mit einem jüngeren Mann (Matthew Lillard) hat und für sie die Ehe nur noch auf dem Papier bestand. Matt muss raus. Zusammen mit den Töchtern und dem Freund der einen (Nick Krause) tritt er eine Reise an, die einiges klären soll – was den Landverkauf angeht, die Ehe, Matts Lebensplanung. Der Ausgang ist absolut ungewiss.

Endlich mal wieder eine Story, die nicht schon in den ersten Szenen das Ende ahnen lässt. Spannung ist angesagt, und die hält den ganzen Film über an. Der musikalisch ausgefeilte Rhythmus der Erzählung, die sensible Inszenierung und das großartige Spiel der Akteure geben der Tragikomödie einiges an Gewicht – und Attraktivität. Wenn es hier zur Sache geht, dann richtig: die tragischen Momente, in denen mitunter geradezu ein Höllenfeuer emotionaler Verwirrung entfacht wird, gehen einem unter die Haut. Die schönen Landschaften und Interieurs, in denen sich das abspielt, betonen die Brutalität des Geschehens enorm.

George Clooney bietet wieder eine facettenreiche Charakterstudie. Der Mann ist einfach gut. Das menschliche Drama, in das der von ihm verkörperte Matt gestürzt wird, verlangt aber auch einen Schauspieler der Spitzenklasse. Ein falscher Ton, und nichts ginge mehr. Bei Clooney aber sitzt jeder Ton, stimmt jede Geste. Einerseits immer vom Glamour Hollywoods umweht, hat er andererseits die Ausstrahlung des Kumpels von nebenan. Wenn er die geistige  und emotionale Beschränktheit der Figur, die überall als hochintelligent durchgeht, aufscheinen lässt, ohne den Mann zu denunzieren, ist das schlichtweg grandios. Freilich: Da wird’s dann auch Kino, wenn Matt schließlich über sich hinauswächst. Aber: Ein dämliches Happy End in rosarot gibt es nicht!

Ein Rührstück, das nie rührselig ist, weil Regie und Schauspiel die Geschichte mit genauem Blick auf die Realität servieren. Paynes genialer Trick: Die Sozialsatire ist scharf, aber mit einer so raffinierten Mischung aus Tragik und Komik gewürzt, dass man die bitteren Pillen über die ganz durchschnittliche Dummheit von uns allen mit Genuss schluckt. Später, wenn das Aufstoßen kommt, entdeckt man, wie viel einem hier zum Nachdenken über das eigene Leben angeboten wird.

Peter Claus

The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten, von Alexander Payne (USA 2011)

Bilder: Fox

Michael (ab 26. Januar)

Kindesmisshandlung – eines der Stichwörter des Schreckens nun schon seit ein paar Jahren. Immer wieder wird in den Medien über grausame Fälle berichtet. Regisseur Markus Schleinzer nähert sich dem schwierigen Thema in seinem gerade beim Max Ophüls Festival in Saarbrücken erfolgreichen Debütfilm mit kühlem Realismus, der alles Spekulative vermeidet. Gut so. Dadurch rutscht der Film nie ins Schmuddelige ab.

Michael (Michael Fuith) ist ein Durchschnittstyp. Der Angestellte einer Versicherung führt scheinbar ein ganz unauffälliges Leben. Doch der Mittdreißiger hält im Keller einen Jungen, Wolfgang (David Rauchenberger), als Gefangenen. Das Kind kann das düstere Versteck nur verlassen, wenn er zum Essen in den von der Außenwelt blickdicht abgeschotteten Raum geholt wird. Gesprochen wird kaum. Der Peiniger und sein Opfer haben eine fast nonverbale Kommunikation entwickelt. Schockierend sind jene Szenen, in denen alles nach üblichem Familienleben aussieht: der Zehnjährige legt ein Puzzle zusammen mit Michael, die Beiden schmücken einen Weihnachtsbaum… Fast sieht es so aus, als habe sich der Halbwüchsige mit seiner Situation abgefunden. Die Hölle sieht nicht anders aus als Tausende Wohnhöhlen braver Bürger. Ist ein Entrinnen möglich?

Markus Schleinzer zeigt den Ablauf fast eines halben Jahres. Die äußere Gelassenheit, mit der er das umsetzt, schnürt einem fast den Atem ab. Horrorbilder, etwa von sexuellen Akten, braucht es da nicht. Die Position von Schleinzer ist eindeutig: Er zeigt, wie Michael die Abhängigkeit seines Opfers genießt, und möchte doch nichts als „normal“ wirken. Die Intensität, mit der Inszenierung und Spiel des Hauptdarstellers das vermitteln, ist beängstigend.

Das Psychogramm eines Täters und eines Opfers werden nicht gegeneinander ausgespielt. Eine griffige Aburteilung, schnelles Moral-Verteilen, Punktevergaben bleiben aus. Das provoziert. Als Zuschauer ist man gezwungen, auch wenn es einen noch so schmerzt, über Möglichkeiten und Grenzen der Gesellschaft zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch nachzudenken und einen eigenen Standpunkt zu beziehen. Angeregt zum Film wurde Markus Schleinzer durch ein Projekt der Berliner Charité, in dem Menschen, die in sich eine sexuelle Sehnsucht nach Minderjährigen verspüren, dieser aber nicht nachgegangen sind, Hilfe angeboten wurde. Dies wissend, drängt sich natürlich die Frage auf, wie eine solche Hilfe aussehen kann. Dadurch, dass Michael nicht als Monster gezeigt wird, empfindet man die Suche nach Lösungen als besonders dringlich.

Peter Claus

Michael, von Michael (Österreich 2011)

Bilder: Fugu

The Black Cat (Edgar G. Ulmer 1934 / Lucio Fulci 1980)

Allerhand Rätsel

Poe-Verfilmungen zeigen nicht nur die filmische Darstellung der Perversität, sondern auch die Perversion des Filmischen. Edgar G. Ulmer, Emigrant in Hollywood, Dekorateur und B-Film-Regisseur, drehte 1934 einen Horrorfilm mit den beiden Stars Bela Lugosi und Boris Karloff. Die Handlung hat mit Poe zunächst gar nichts zu tun, da hilft es auch nicht, ein paarmal eine schwarze Katze vor die Kamera zu jagen. Aber dann sieht man die Poeschen Motive, die schöne Frau, eingeschlossen zwischen Leben und Tod, die Musik als Vorspiel des Grauens, das Schlafwandlerische im Grausamen. Hinter dem Poe-Horror erzählt Ulmer von dem Kommandanten eines Forts im Ersten Weltkrieg, der über den Gräueln der Schlacht wahnsinnig wurde und nicht wieder zurückkehrte in die Gemeinschaft der Menschen. Jeder Albtraum ist hier nur die Hülle eines noch größeren Albtraums.

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Edgar G. Ulmer: The Black Cat, 1934  (gesehen bei Youtube)

Auch Lucio Fulcis Film The Black Cat ist eine freie Poe-Adaption: In der englischen Provinz stellt eine mysteriöse Unfallserie die Behörden vor allerhand Rätsel. Eine Reporterin macht die Entdeckung, dass sämtliche Todesopfer Narben von Katzenkrallen tragen. Hauptsächlich sieht man Nahaufnahmen von kätzischen und menschlichen Augenpaaren, manchmal Krallenwunden und Blut und gelegentlich die Welt, wie sie eine Katze sehen mag. Außerdem spielt hier Dagmar Lassander eine Nebenrolle, eine deutsche Schauspielerin, die ohnehin so wirkt, als habe sie Edgar Allan Poe nach drei, vier Gläsern Amontillado erfunden.

Georg Seeßlen

erschienen in DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02

Edgar G. Ulmer: The Black Cat (1934)

Lucio Fulci: The Black Cat (1980)

J. Edgar (ab 19. Januar)

Das Porträt des Bösen? Ja, das bietet dieser Film. Und sonst?

J. Edgar Hoover (1895 – 1972), hat fast ein halbes Jahrhundert, 48 Jahre, der US-amerikanischen Bundespolizei FBI, vorgestanden. Sein enormer Kommunistenhass ist berühmt-berüchtigt. Auch seine Skrupellosigkeit. Er soll selbst US-Präsidenten bespitzelt, Dokumente gnadenlos für seine Vorhaben gefälscht, engste Freunde ans Messer geliefert haben. Die Geheimakten, die er über die angeblichen Feinde der Demokratie anlegen ließ, und die er, wenn es ihm nutzte, eiskalt mit Erfundenem ausschmückte, füllen riesige Archive. Sein persönliches Leben aber ist nahezu unbekannt. Gerüchte gibt es, ansonsten fast nichts. Regisseur Clint Eastwood und Autor Dustin Lance Black , der für sein Drehbuch zu „Milk“ einen „Oscar“ bekam, hatten also alle Freiheit im Erzählen. Die nutzen sie klug, verlieren sich jedoch nicht in reißerischen Spekulationen.

Der Film beginnt in den 1960er Jahren: J. Edgar (Leonardo DiCaprio) diktiert Erinnerungen. Seine Erinnerungen, ganz subjektiv. 1919, noch vor Gründung des FBI, hebt er an. Hier weht ein Hauch Abenteurertum. Der wird bald von Karrieresucht abgelöst. Der Mann will immer nach oben und am liebsten noch höher.

Der Film heißt „J. Edgar“ und nicht „Hoover“, weil der Mann, der im 20. Jahrhundert lange Zeit einer der mächtigsten der USA ist, bis zu deren Tod mit seiner Mutter (Judy Dench) zusammen lebt und nie aus ihrem Schatten heraus kommt. Der folgsame Junge aus bigottem Hause hat nie die Chance, wirklich selbständig zu werden. Neben der dominanten Mutter sind die lebenslange Assistentin Helen (Naomi Watts) und der Vertraute Clyde (Armie Hammer) die wichtigsten Begleiter. Zu ihr gibt es einmal den Versuch einer Annäherung, mit ihm teilt J. Edgar über viele, viele Jahre das Privatleben. Ob es je eine körperliche Beziehung, zu wem auch immer, gab, ist nicht bekannt. Im Film gibt es einmal ein „Ich liebe Dich“. Das Echo darauf wird nicht gezeigt.

Schon sehr bald nach Filmbeginn interessiert nicht mehr, was der Mann nun für eine Sexualität hatte, falls überhaupt. Entscheidender ist eine Frage, die im Verlauf des Geschehens einmal gestellt wird: Was ist wichtiger, der gute Ruf eines Mannes oder der einer Institution? – Hoovers Diktate, die jeweils Anlass für lange Rückblenden sind, geben seine eindeutige Antwort. Eastwood und Co. halten sich zurück. Das ist der Schwachpunkt des Films: Er bezieht keine Position, mit der man mitgehen oder an der man sich reiben könnte. Damit vergibt sich „J. Edgar“ die Möglichkeit, den Lebenslauf J. Edgar Hoovers als Spiegel des von den Herrschenden geförderten öffentlichen Denkens in den USA zu nutzen. Somit gerät der Film über eine der berüchtigten politischen Figuren der westlichen Welt im vorigen Jahrhundert nebulös unpolitisch. Das hinterlässt einen leicht bitteren Nachgeschmack.

Das psychologische fein ziselierte Porträt, das allen voran Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio mit feinnervigem Spiel entwirft, zeigt ein Muttersöhnchen im Rampenlicht. Das ist packend. In manchen Szenen meint man im Kino J. Edgars Angstschweiß zu riechen. Kriechernatur einerseits und Machtmensch andererseits – das zu sehen ist spannend. Ein kluger dramaturgischer Trick, der hier nicht verraten sei, bringt den Zuschauer schließlich dazu, Mitleid, Verachtung und Respekt für J. Edgar Hoover zu empfinden. Er wird sowohl als tragische Figur wie als Monster erkennbar. Das kommt der historischen Wahrheit sicherlich nahe. Alle, die sich für vertrackte Lebensmuster interessieren, werden mit Spannung bedient. Wer aber ein – gerade auch mit Blick auf die Gegenwart – erhellendes Kunstwerk über das Mit- und gegeneinander von Individualität und Gesellschaft erwartet, dürfte das Kino doch etwas enttäuscht verlassen.

Peter Claus

J. Edgar, von Clint Eastwood (USA 2011)

Bilder: Warner

Kriegerin (ab 19. Januar)

Was tun gegen rechte Gewalt? Die Frage steht seit Jahren hierzulande an. Nicht erst die Untaten der rechtsextremistischen Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), in den Medien oft kurz „Zwickauer Zelle“ genannt, haben dieser Frage Gewicht gegeben.

Autor und Regisseur David F. Wnendt hat seinen Film lange vor dem öffentlichen Bekanntwerden der so genannten „Zwickauer Zelle“ konzipiert. Da verwundert es, dass dieser Film derzeit gern in manchen Medien so gehandelt wird, als sei er ein Kommentar zu den Ereignissen. Was auch Angst macht: Schaut, hier haben wir doch einen aufklärerischen Film, wir tun doch was, so die unterschwellige Botschaft manchen Berichts, der damit eine falsche Beruhigung suggeriert.

Der Film selbst taucht mit oft dokumentarisch anmutendem Gestus in die rechte Szene in einer deutschen Kleinstadt: Marisa (Alina Levshin), Supermarktkassiererin, hasst Ausländer, Andersfarbige, Juden, Politiker, Gesetzeshüter. Wenn sie kann, schlägt sie zu. Am wohlsten fühlt sie sich in einer Clique saufender und prügelnder Nazis. Zu Filmbeginn sehen wir sie, wie sie Reisende in einem Zug terrorisieren. Der Anführer, Marisas Sexpartner, wird verhaftet, verurteilt und hinter Gittern verwahrt. Aber nur kurz. Schon bald darf er wieder raus. Zusammen mit Marisa und den anderen lässt er sich unter anderem mit Propagandamaterial aus der Zeit des deutschen Faschismus „schulen“. An einem See tauchen zwei Jugendliche auf, fremd aussehend, Jamil (Najebullah Ahmadi) und Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat). Sie können fliehen. Aber Marisa setzt sich ans Steuer ihres Autos und lässt ihren blindwütigen Hass an den zwei jungen Männern aus: Sie steuert den Wagen gezielt gegen die Beiden, die auf einem Moped fahren. Es kracht. Die Jungen landen im Straßengraben.

Die ausführlichen Recherchen von David Wnendt machen sich bis hierhin bezahlt. Der Film besticht als kühle und kühne Milieustudie. Unterhaltsam ist das nicht, will es auch nicht sein. Aber: Was will der Film? Es gibt nicht einen Moment, in dem die Nazi-Szenerie attraktiv wirkt. Dumpfer, alkoholgeschwängerter Mief und abstoßende Brutalität prägen die Bilder. Doch nach Marisas Gewalttat wird die Story zum Krimi und zum Psychodrama. In der Nazi-Clique bekommt die 20-jährige Marisa in der 15-jährigen Svenja (Jella Haase) erst eine Konkurrentin, dann eine Begleiterin. Und nun, ausgelöst auch durch eine Begegnung mit einem der zwei ausländischen Jungs vom Badesee, beginnt Marisa die Welt mit anderen Augen zu sehen, will gar aussteigen. Wirklich glaubwürdig ist das nicht.

David Wnendt ist der erste hierzulande, der eine Frau ins Zentrum eines Films zum Thema Nazis heute in Deutschland stellt. Das ist interessant, geht aber über bereits Bekanntes nicht hinaus. Beweggründe und Motive dieser Figur werden nicht sichtbar. Und die eingangs gestellte Frage, die gerät völlig ins Aus. Sie kommt gar nicht vor. Einzig ein paar küchentischpsychologische Wahrheiten über die unheilvollen schwierigen Kindheiten kommen ins Spiel. Das ist etwas zu wenig, um mit diesem Film ein weiterführendes Nachdenken über das momentane Erschrecken hinaus zu bewirken.

Peter Claus

Kriegerin, von David Wnendt (Deutschland 2011)

Bilder: Ascot Elite