Steve McQueen – Filmemacher und Konzept-Künstler (eine Ausstellung im Schaulager Basel)
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Kunst am 30. April 2013

Steve McQueen, Bear, 1993, Videostill, Courtesy the Artist _ Marian Goodman Gallery, New York _ Paris and Thomas Dane Gallery, London © Steve McQueen
Körper, Kamera & Raum
Eine große Ausstellung in Basel zeigt Steve McQueen als Filmemacher und Konzept-Künstler
Mama McQueen muss eine merkwürdige Art von Humor gehabt haben, ihren ziemlich schwarzen und ziemlich britischen Sohn nach dem ziemlich weißen und ziemlich amerikanischen Schauspieler zu nennen. Aber vielleicht treffen sich die beiden ja auch in einer besonders entspannten Entschlossenheit, den Herausforderungen ihrer Zeit standzuhalten. Und übrigens auch in einem Foto von „Steve McQueen with Pistol at his Hollywood Hills Home“, das Steve McQueen (der Künstler) entwendet und neu autorisiert hat. Britischer Humor eben.
Aber ansonsten gehört Steve McQueen zu den eher ernsthaften und nachdenklichen Vertretern der Young British Artists (Zweite Welle), zweifellos ein „thinking man’s artist“, bei dem nichts entsteht, was nicht sorgfältig durchdacht und konzeptionell durchdekliniert wurde. Wenn man seine ersten Filme aus den neunziger Jahren ansieht, bekommt man nicht nur die Liebe für ein altes, längst vergangenes (kinetisches, natürlich schwarz/weißes, stummes) Kino mit, sondern sieht einem Projekt beim Wachsen zu: Der Körper und die Kamera. Die Kamera und der Körper. Nicht eines als Mittel oder Objekt des anderen, sondern ein direkter Austausch, manchmal so buchstäblich wie in „Catch“ (1997), wo die Kamera zwischen zwei Leuten – McQueen und seine Schwester, um genau zu sein - hin und hergeworfen wird, und der dabei aufgenommene Film also diese Bewegungen zwischen ihnen dokumentiert (und auch den merkwürdigen Ernst, mit dem sie da bei der Sache sind). Die dabei entstandenen Bilder-Bewegungen sind so kompliziert, fließend und zufällig, dass man beim Zuschauen den Glauben an einen Standpunkt verliert. Überhaupt ist McQueen zu dieser Zeit der Filmemacher, der seine Kamera losschickt, um Sachen zu sehen, die keine Kameraperson sehen kann wie in „Drumroll“ (1998), wo drei Kameras in einem leeren Ölfass durch New York rollen, gezogen vom Künstler in pinkfarbener Jacke, der sich einen Weg durch die Menschenmenge sucht, und die Passanten um Entschuldigung und Platz ersucht.
„Exodus“, entstanden 1992 und fertiggestellt 1997 zeigt zwei (afro-karibische) Männer mit Hüten, die Palmen durch London tragen und dann mit ihnen in einen Bus steigen. Eine dieser Straßenszenen, die man gelegentlich sieht, und sich fragt, ob man sie sonderbar, poetisch oder komisch finden darf. Und das ist wahrscheinlich das Konzept der ersten Filme von Steve McQueen: Es gehen sonderbare und poetische Dinge vor sich, Körper bewegen sich nicht so, wie sie es sonst tun, oder man sieht sie sich nicht so bewegen, wie man es sonst tut. Das Staunen wird durch kein Aha aufgelöst. Nun scheint es aber so, dass die beiden Männer bemerken, dass jemand sie mit der Kamera aufnimmt, und das Spiel mitspielen. Sogleich entsteht wieder eine ganz andere Frage nach dem Bewusstsein und der Gegenwart des Körpers. Die Zwei Zimmerpalmenträger in London und die Kamera erspielen sich einen ganz eigenen Raum. Es ist nicht das wirkliche London, es ist nicht der illusorische Bildraum des Mannes mit der Kamera. Es ist irgendwas dazwischen und darüberhinaus.

Steve McQueen, Exodus, 1992_97, Videostill, Courtesy the Artist _ Marian Goodman Gallery, New York _ Paris, and Thomas Dane Gallery, London © Steve McQueen
Der Körper, die Kamera und der sich wandelnde Raum. Steve McQueens offiziell erster Film, „Bear“ (1993), die Abschlussarbeit am Londoner Goldsmith College (das er nach dem Chelsea College of Art and Design besuchte) ist sehr viel radikaler als dieses hübsche kleine Film-Spiel, das aber doch schon den ganzen McQueen enthält. Zwei nackte schwarze Männer, einer von ihnen der Künstler selber, führen ein Ringkampf-Spiel auf, so ziemlich alles zwischen Aggression, Sexualität, Tanz und Ritus ist darin. Und es ist eine Art Exorzismus des Kinos; eine typische Kino-Situation, das Duell, der Voyeurismus, die Ambiguität, wird durch Reduktion des filmischen Raums (eine Aktion, die nicht aus Handlung entsteht, keinen Grund und keinen Zweck hat) isoliert und neu besetzt. Vielleicht machen Steve McQueens frühe Filme mit dem Kino nichts anderes als Andy Warhol mit Suppendosen oder Robert Rauschenberg mit Comics gemacht hat. Aber McQueen geht in seiner Appropriation einen Schritt weiter: Denn das Kino-Klischee wird ja durch neue Inhalte gefüllt: durch Kunst, durch Intimität, durch Blackness und durch eine sexuelle Ambivalenz, die womöglich den weißen, heterosexuellen Mann verlegen machen kann (zumal es ja hier auch das nicht gibt, was eine solche Verlegenheit im Kino verschwinden lässt, den Ton oder gar Musik). Zum Rest des Beitrags »
ShareRELAUNCH – In den Kunst-Werken Berlin (27. April bis 25. August 2013)
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst am 27. April 2013
RELAUNCH: Am Samstag eröffnen die Kunst-Werke unter der neuen Leitung von Ellen Blumenstein
Risse in der Wand. Wer genau hinschaut, erkennt die feinen Furchen, die die beige Fassade des Atelierflügels im Innenhof der Kunst-Werke (KW) durchziehen. Die instabilen Fundamente des Loft-Hauses direkt nebenan, in dem der Kunstsammler Thomas Olbricht seinen “me Collectors Room” untergebracht hat, drücken so stark auf die angrenzenden KW, dass sich deren Wände verzogen haben. Ein Bauschaden wie eine Metapher: Sinnbild für die prekäre Lage progressiver Kunst in Berlins Mitte: Zwischen Privatmuseen und Nobelshopping.
Ellen Blumenstein zeigt keine Anzeichen von Panik, wenn sie von dem ewigen Desaster erzählt. Nur ein paar Tage ist es noch bis zur Eröffnung “ihrer” Kunst-Werke. Dass quasi das halbe Haus noch eine hässliche Baustelle ist, macht sie trotzdem nicht depressiv. Wer sich mit der neuen Kuratorin in den leergeräumten Kunst-Werken trifft, trifft eine Frau, die weiß, was sie will. Zwischendurch gibt sie dem Maler Tipps, der das neue Design auf die Wände pinselt.
In den Kunst-Werken ist die neue Chefin keine Unbekannte. Die 38-jährige, in Hessen geborene Kuratorin, hat hier schon von 1998 bis 2005 gearbeitet. Zusammen mit Klaus Biesenbach und Felix Ensslin organisierte sie damals die heftig umkämpfte RAF-Ausstellung “Zur Vorstellung des Terrors”. International machte sie auf sich aufmerksam, als sie 2011 als freie Kuratorin den isländischen Pavillon auf der Venedig-Biennale kuratierte.
In Berlin richtig bekannt wurde sie als eine der Galionsfiguren des Aufrufs “Haben und Brauchen”. Mit dem Berliner Kulturschaffende 2011 Front gegen Klaus Wowereits prestigefixierte Kulturpolitik machten. Und auf dessen Geheimrezept scheint sie sich auch für den Relaunch des Hauses besonnen zu haben, Zum Rest des Beitrags »
Share„Daumier ist ungeheuer!“ – Eine Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst am 13. April 2013
Revolutionärer Karikaturist und unbestechlicher Beobachter, Avantgardist der Moderne und Vorläufer des zeitgenössischen Kreativ-Prekariats: Eine hervorragende Ausstellung würdigt Honoré Daumier
Ein nur in Umrissen erkennbarer Mann in Ocker, der Kopf ist verwischt. Er hängt an einem Seil vor einer weißen Wand und rudert mit den Beinen. Rechts daneben deutet ein leuchtend blaues Rechteck den Himmel an. Vor Honoré Daumiers Arbeit „Der Mann am Seil“ aus dem Jahr 1864 steht man noch heute sprachlos ob seiner Modernität. Denn das Werk aus der Mitte des 19. Jahrhundert erinnert mehr an die Farbfeldmalerei des 20. Jahrhunderts als an einen gut abgehangenen „Alten Meister“.

Honoré Daumier
Mann am Seil (L'homme à la corde),
um 1858/60, Öl auf Leinwand, 110,5 x 72,3 cm
Museum of Fine Arts, Boston
Das Bild ist, wie viele Werke des 1808 in Marseille geborenen Malers, nicht genau zu datieren. Lässt sich jedoch unschwer als Allegorie auf die existentielle Gefährdung des Menschen deuten. Doch wenn der prekäre Schwebezustand auf einen konkreten Menschen zutrifft, dann auf den Künstler selbst. Mit seiner „unvollendeten“ Malerei war Daumier nicht nur ein Vorläufer der Moderne. So, wie er zeitlebens selbst materiell zwischen Himmel und Erde „schwebte“, war er auch ein Vorläufer des modernen Kreativ-Prekariats.
Das hat etwas mit dem radikalen Republikanismus des Künstlers zu tun. Der im Alter von dreiundzwanzig Jahren wegen Majestätsbeleidigung sechs Monate Gefängnis ins Gefängnis wanderte. 1831 hatte der Teilnehmer der Julirevolution von 1830 den Bürgerkönig Louis-Philippe in der Zeichnung „Gargantua“ als gefräßiges Ungeheuer karikiert: Darauf verdaut der royale Krisengewinnler die Steuern, die ihm mit einer Maulrampe in den Schlund geschoben werden, zu Gunsten der Schützlinge und Minister unter seinem Stuhl. Bis heute ist das Werk eine Inkunabel der politischen Grafik von zeitloser Metaforik.
Bis zu seinem Tod nahm Daumier mit nie nachlassender satirischer Schärfe das „juste milieu“ seiner Zeit aufs Korn. In der ausgezeichneten Ausstellung, die Claude Keisch, der ehemalige Kustos von Berlins Alter Nationalgalerie, dem Künstler und Bildhauer jetzt im Berliner Liebermann-Haus, dem Sitz der Stiftung Brandenburger Tor, ausgerichtet hat, sind auch einige der rund 40 berühmten Terrakotten zu sehen, mit denen er das politische Personal seiner Zeit verspottete.
Wer sich dieses „Narrenhaus der Julimonarchie“, die Phalanx der Hasardeure, Spekulanten und Mitläufer mit ihrer intriganten Verlogenheit und dem falschen Pathos anschaut, fühlt sich instinktiv an das Personal einer anderen, nicht weniger revolutionären Umbruchzeit erinnert: das, mit dessen Hilfe sich die von den Finanzmärkten geschüttelte Welt des 21. Jahrhunderts dem Zustand der Postdemokratie annähert.
Der Ort für die mit Ausstellung ist kein Zufall. Max Liebermann, der Wortführer der deutschen Impressionisten und Präsident der Berliner Akademie der Künste, machte aus seiner Bewunderung für Daumier nie einen Hehl. „Daumier ist ungeheuer“ – der Ausstellung stammt von dem Künstler, der in dem Palais neben dem Brandenburger Tor wohnte. Der liberale Großbürger aus Deutschland hielt den Revolutionskünstler aus Frankreich für „den größten Künstler des 19. Jahrhunderts“. Zum Rest des Beitrags »
ShareDas Rijksmuseum in Amsterdam öffnet nach einer Rundumrenovierung
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst am 11. April 2013
Das glänzend wiedereröffnete Rijksmuseum in Amsterdam soll die Niederlande als Kulturnation definieren. Tut sich aber schwer mit der Kolonialgeschichte
Als im Juli 1885 in Amsterdam das Rijksmuseum eröffnete, waren nicht alle Niederländer begeistert. Jahrelang hatte die Nation heftig über den Bau gestritten, den der Architekt Pierre Cuypers damals noch am Rande der Amsterdamer Altstadt hochzog. Angesichts der kathedralenartigen Fenster und gotischen Anklänge des rot-weißen Backsteinbaus witterten viele eine römische Verschwörung. Der katholische Architekt war durch seine Kirchenbauten bekannt geworden.
Prompt boykottierte der protestantische König Wilhelm III. die Eröffnung, weil ihm der voluminöse Bau „wie der Sitz eines Erzbischofs“ vorkam. Was der Neugier der Holländer keinen Abbruch tat. In den ersten drei Monaten nach der Eröffnung vor 130 Jahren hatte bereits eine Viertelmillion Menschen das Haus besucht. Nicht gerade wenig für ein Land mit damals vier Millionen Einwohnern.
Eine nationalkatholische Renaissance muss die Niederlande aber nicht befürchten, wenn Königin Beatrix diesen Kulturbunker nach zehnjährigem Umbau an diesem Samstag neu eröffnet. Auch wenn das Museum das jahrzehntelang protestantisch weiß übertünchte Bildprogramm Cuypers‘ in dem von riesigen Buntglasfenstern dämmrig erleuchteten Entrée wieder freigelegt hat: Wandbilder mit Szenen aus der niederländisch-fränkischen Mythologie von König Wilhelm dem Guten bis zum Friesenbekehrer Willibrordus. Der generalüberholte Bau symbolisiert eher den Glauben an die Kunst, die profane Religion unserer Tage.
Denn wer von hier zu der „Ehrengallerie“ ein Stockwerk höher aufsteigt, gelangt nicht in eine niederländische Walhalla, sondern zu einer Kunst, in der der Alltag der einfachen Menschen dominiert. Wie man an Meisterwerken wie Vermeers „Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster“ von 1660 eindrucksvoll studieren kann, an Frans Hals‘ „Fröhlichem Trinker“ von 1628 oder Pieter de Hoochs „Menschen im Hof hinter dem Haus“ von 1663. Am Ende der Halle mit den Inkunabeln der „Goldenen Epoche“ schreitet der Besucher frontal auf das Prunkstück des Hauses zu, Rembrandt van Rijns „Nachtwache“ von 1642 - das Auftragsbild einer Bürgerwehr. Als einziges der 8000 Objekte ist dieses Werk an seinen ursprünglichen Platz zurückgekehrt.
Zwar sind auch jede Menge Waffen und Militaria wie ein Modell des Kriegsschiffes „William Rex“ von 1697 zu sehen. Ins Zentrum ihres kulturellen Herzens rücken die Niederlande aber kein militärisch-dynastisches Display, sondern die Zeugnisse einer Zeit, in der in dem Land mehr als 700 Maler lebten, die um die 70.000 Bilder schufen. Das Moment der „Identitätsstiftung“, das Tacco Dibbits, der eloquente Sammlungsleiter des Hauses, schon Monate zuvor in einer europaweiten Marketingkampagne beschworen hatte, muss also niemand fürchten. Zum Rest des Beitrags »
ShareEl Gran Sur – 1. Montevideo Biennale
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 17. Februar 2013
Verwunschenes Herz der monetären Kreisläufe
Uruguays Hauptstadt Montevideo präsentiert nach Banken- und Finanzkrise seine neue und lebendige Kunstbiennale: El Gran Sur
Im großen Süden spielte die Kunst eine andere Rolle als in Europa
In der Altstadt von Montevideo gibt es einen gewaltigen, wennzwar ein wenig ramponierten Palast. Der Gott, dem hier einst gehuldigt wurde, hieß vermutlich nicht "Mammon", dazu ist hier alles zu bürgerlich gediegen, zu würdevoll, zu gemessen und zu offen.
Es war ein Gott des Wohlstandes immerhin, und sein Tempel, die "Bank der Republik", erzählt noch heute vom einstigen Glanz der Republik Uruguay, die von Emigranten aus Italien, von den Kanarischen Inseln und auch aus ein paar nördlicheren Regionen wie Deutschland begründet wurde und sich ein paarmal fand und wieder verlor. In diesem Tempel des gut angelegten Geldes wird der Gründerväter neoklassischer Kapitalismen gedacht, die auf einem langen Seitengang im ersten Stock von Ölgemälden auf uns herniederblicken, als wollten sie uns fragen, was zum Teufel wir in ihren heiligen Hallen zu suchen hätten.
Und natürlich gibt es die Erinnerung an jene Zeiten, da die Hohepriester des uruguayischen Wohlstandes ihre Entscheidungen trafen, auf eine magische Weise, nämlich indem sie schwarze oder weiße Kugeln in eine unter jedem Sitz an dem gewaltigen Konferenztisch verborgene Schublade kullern ließen.
Freundliche Herren
So erklärt es uns jedenfalls einer der freundlichen Herren, von denen man nicht genau weiß, ob sie diesen Geldtempel der Bank der Republik in den Seitentrakten noch in Betrieb halten oder sich schon als Museumswärter einer grandiosen, aber definitiv vergangenen Epoche verstehen. Heute gibt es hier auch schon Security-Leute, die dich auffordern, die Mütze vom Kopf zu nehmen. Aus Ehrfurcht, wie nebenan in der Kirche? Geld, das man unter der Kopfbedeckung davontragen kann, gibt es jedenfalls nicht mehr.
Aber Kunst gibt es. Und sogar ein Kunstgeld; der italienische Künstler Luca Vitone verteilt es an den alten Schaltern in der Mitte des gewaltigen Raumes, die er zugleich von Efeu hat überranken lassen. Verwunschenes Herz der monetären Kreisläufe. Wir sind auf der ersten Biennale von Montevideo, unter den Besuchern Menschen, die aussehen, als wären sie Zeugen jener Zeit, zu der die Bank der Republik nur in tadellosester Kleidung betreten wurde, und andere, die diesen Ort zum ersten Mal betreten, Zum Rest des Beitrags »
ShareKriegsbilder von Steve McCurry im Kunstmuseum Wolfsburg
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst am 27. Januar 2013
"Im Fluss der Zeit"
Unkommentiert zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg Aufnahmen des Magnum-Fotografen Steve McCurry von den Krisengebieten dieser Welt.
Zwei Männer in einer Wolke aus weißem Dampf. Einer trägt einen roten Turban, einer ein weißes Käppchen. Sie sitzen auf dem Stahlgehäuse einer rußigen alten Dampflok, einem jener echsenartigen Ungetüme des fordistischen Zeitalters. Aus dem schweren Gestänge des klapprigen Gefährts quillt weißer, aus dem Schornstein schwarzer Rauch. Im Hintergrund schimmert, elfenbeinern und erhaben, das berühmte Grabmal Tadsch Mahal.
„Im Fluss der Zeit“. Der Titel der Ausstellung, die das Kunstmuseum Wolfsburg seiner jüngsten Schau gegeben hat, hat durchaus etwas für sich. Denn wenn der Fotograf Steve McCurry heute nach Uttar Pradesh zurückkehren würde, würde er nichts von dem wiederfinden, was er antraf, als er 1983 zum ersten Mal Indien bereiste.
Insofern ist er durchaus der „Zeuge einer verschwundenen Welt“, als den ihn Markus Brüderlin, der Direktor des Museums, preist. Doch das ist noch die glaubwürdigste These einer Schau, mit der er den 1950 in Philadelphia geborenen Mann einem breiteren Publikum nahebringen will. Der wurde weltberühmt, als er 1979, zur Zeit der sowjetischen Invasion, die Grenze von Pakistan nach Afghanistan überwand. Zum Rest des Beitrags »
ShareAusstellung Roberto Matta
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 28. Dezember 2012

Matta (1911-2002): La Vertu noire (Black Virtue), 1943, Tate, London, ©Tate, London 2012 / ©VG Bild-Kunst, Bonn 2012
Roberto Matta wird derzeit in Hamburg und bald in Baden-Baden mit einer großen Einzelschau gewürdigt. Der Chilene stand im Zentrum der Tragödien der Moderne.
Roberto Matta – er wollte nur Matta genannt werden, als wäre er kein Mensch, sondern eine Idee – war ein Künstler auf der Suche nach der großen Einheit, der Einheit von Biografie und Werk, von Politik und Kunst, von Aussage und Form. Und zugleich erlebte er das unentwegte Auseinanderbrechen dieser Elemente. Kurzum, er stand im Zentrum der großen Tragödie der Moderne. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Künstler Erik Schmidt verarbeitet seine Begegnung mit den Occupy-Demonstranten in New York
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 13. Dezember 2012

Erik Schmidt, Stop and make your own sign, 2012, Courtesy: Galerie carlier | gebauer, Foto: Bernd Borchardt
Battlefield des Postkapitalismus
Eine Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee
New York ist ein schweres Pflaster für die Kunst. Als der Schriftsteller Ulrich Peltzer im September 2001 in der Stadt am Hudson weilte, verhagelte ihm der Angriff auf das World Trade Center ein literarisches Projekt. Statt seine Familiengeschichte zu recherchieren, schrieb er ein Buch darüber, wie sich plötzlich seine Wahrnehmung der Welt verschiebt. Wer in den Big Apple Manhattan beißt, so sangen schon die Rolling Stones 1978 in ihrem Song „Shattered“, muss immer mit Maden rechnen.
Seinem Berliner Kollegen Erik Schmidt ging es ähnlich. Als der Künstler im September 2011 in New York zwei Monate lang für ein Kunstprojekt über Gentrifizierung recherchierte, geriet er in die Demonstrationen der Bewegung von Occupy-Wallstreet, die gegen die Machenschaften der Finanzindustrie auf die Straßen ging. Shattered von der unerwarteten Begegnung hatte auch dieser Künstler plötzlich ein ganz anderes Thema.
Downtown hat Schmidt seine neueste Ausstellung genannt. Doch sie ruft alles andere als die leichtfüßige Euphorie auf, die Petula Clark in ihrem gleichnamigen Song von 1964 zum Kennzeichen des New Yorker Lebensgefühls erhob. „Just listen to the music of the traffic in the city. Forget all your troubles, forget all your cares“. Zum Rest des Beitrags »
ShareKunstmesse Contemporary Istanbul 2012
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 1. Dezember 2012
Plötzlich haben alle Blut geleckt
Begehrtes Drehkreuz zwischen Europa und Asien: Die Kunstmesse Contemporary Istanbul lebt von der Hoffnung auf zukünftige Profite.
Resident Evil. Manche Besucher stutzten, als sie die holzschnittartige Arbeit aus schwarzem Glas am Stand der Istanbuler Galerie Alan sahen. Eine Frau in Trekking-Hosen mit Hammer und Sichel in der Hand, links von ihr ein umgestürztes Straßenschild mit der Aufschrift Wall Street, rechts ein umgestürztes Sparschwein. Stürmt die Occupy-Bewegung jetzt auch Istanbul?
Dergleichen steht nicht zu befürchten. Zwar war die Arbeit des türkischen Künstlers Turgut Yüksel, der auch als Kolumnist der einst linksliberalen Tageszeitung Radikal arbeitet, nicht die einzige, die sich kritisch mit der Rolle des Geldes in der Kunst auseinandersetzte.
Denn wenn eine Botschaft von der 7. Kunstmesse Contemporary Istanbul (CI) ausging, auf der Yüksels Arbeit gezeigt wurde, dann die, dass der Angriff des Marktes auf eine der spannendsten Kunstszenen Europas in eine heiße Phase tritt.
An den Preisen und der Qualität lässt sich das am Bosporus noch nicht ablesen. Auch wenn die CI in diesem Jahr mit der Londoner Galerie Haunch of Venison und dem New Yorker Nobelladen Marlborough zwei Topadressen auf die Messe locken konnte.
Die 400.000 Euro, die ein türkischer Sammler für ein Bild Andreas Gurskys hinblätterte, machen Istanbul aber noch nicht zum Hot Spot der Blue-Chips.
Und die Länderschwerpunkte zu Osteuropa und den Niederlanden eröffneten deutlich weniger ästhetische Horizonte als die zu den Golfstaaten und zum Iran in den letzten beiden Jahren. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Wackelpudding der Erinnerung (Martin Honert: Ausstellung „Kinderkreuzzug“)
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 23. November 2012

Martin Honert: Kinderkreuzzug. 1985-87. Polyesterharz, Acrylfarbe, Öltubenfarben, Leinwand. © VG Bild-Kunst, Bonn 2012. Foto: David von Becker Courtesy Johnen Galerie, Berlin und Matthew Marks Gallery, New York
Martin Honert legt in seiner Ausstellung „Kinderkreuzzug“ im Hamburger Bahnhof die Kraftquellen und Muster der kindlichen Einbildungskraft frei. Er zeigt uns die wahren Kreuzritter, freilich die der Fantasie
Kinderkreuzzug. Ein scheußliches Wort. Sofort öffnet sich ein Raum zwiespältiger Assoziationen. Ob man nun an die Fabel von den Tausenden Kindern denkt, die sich um das Jahr 1212 zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufgemacht haben sollen. Oder an die Kinderschar, die in Bert Brechts gleichnamigem Gedicht durch das kriegsverheerte Polen irrt, „suchend nach einem Land mit Frieden, ohne Donner, ohne Feuer“. Zum Rest des Beitrags »
ShareUnd die ganze Erde wird Kunst (Ausstellung „Ends of the Earth”)
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst, Leben am 3. November 2012

Hrein Fridfinsson „House Project“, 1974 Sixteen color photographs and two texts Photographs: 7 7/8 × 11 7/16 in. (20 × 29 cm) each | texts: 11 5/8 × 8 1/4 in. (29.5 × 21 cm) each | Moderna Museet, Stockholm
München zeigt die erste große Ausstellung über die radikalen Träume der Land Art.
Es war eigentlich keine schlechte Idee, die Kunst in Natur zu verwandeln. Womöglich steckte darin eine utopische Hoffnung: Die Natur sollte wahrhaft menschlich werden und der Mensch wahrhaft natürlich. Viele Künstler zog es damals, in den sechziger und siebziger Jahren, hinaus ins weite Land, in die Berge, auf die Wiesen und am liebsten in jene Art von Natur, die am reinsten und am endgültigsten scheint, in die Wüste. Sie wollten frei sein von Besitznahme, Unterwerfung und Ausbeutung. Frei auch vom Kunstbetrieb, von den Museen. Von jenen Museen, in denen sie heute zu besichtigen sind.
Wohl noch nie wurde die Land-Art so breit und umfänglich in einem Museum gezeigt wie jetzt im Münchner Haus der Kunst. Hier, im Schutzraum der Institution, soll noch einmal der Himmel aufgehen, hier soll sich einmal mehr der weite Horizont zeigen, nach dem sich so viele Land-Art-Künstler einst sehnten. Zu besichtigen ist die Geschichte einer ungewöhnlich radikalen Kunst.
Land-Art ist ja eine Art der gegenseitigen Verletzungen. Verletzungen, wie sie sich nur Liebende gegenseitig antun. Die eine verletzt die Haut und das Fleisch der Erde, und die andere verschlingt und überwuchert den Angreifer. Land-Art ist, wo sie wirklich schön wird, eine schmerzhafte Begegnung zweier Welten, die sich sehr grausam und sehr zärtlich zueinander verhalten können. Und im schönsten Augenblick ist das erhebend und zugleich erhaben sinnlos.
Daher steckt die Groteske so sehr wie die Tragödie in diesem Unterfangen. Und neben der Liebes- immer auch eine Kriegserklärung wie in den zerstörerischen Arbeiten der Land-Art. Zum Rest des Beitrags »
ShareAusstellung: “Friedensreich Hundertwasser: Gegen den Strich”
von Georg Seeßlen+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 31. Oktober 2012

Friedensreich Hundertwasser
132/IX Radfahrer im Regen, aus: Rotaprint-Portfolio für den Art Club
Wien, 1951; © 2012 NAMIDA AG, Glarus/Schweiz
Gerechtigkeit für Friedensreich!
Mainstreamkunst
Eine Ausstellung in Bremen will den Künstler Hundertwasser jenseits seiner Medienverwertung sichtbar machen
Es gab durchaus Gründe, Hundertwasser zu hassen. Und bei Gott, Friedensreich Hundertwasser wurde gehasst. Der Kitsch. Das Geschäft. Die Medien. Und zu alledem noch das verblasene, esoterische Geblubber. Die Selbstinszenierung. In der Pop Art hatte sich die Kunst Ikonen und Strategien der populären Kultur angeeignet. In einem wie Hundertwasser, so schien es, kam der Rückschlag; da hatte sich die Kunst den Regeln des Showbusiness und der Bewusstseinsindustrie unterworfen. Nieder mit Friedensreich Hundertwasser!
Aber andrerseits: Ein Spaß war das schon. Dieser postpsychedelische Griff in die Farbtöpfe. Die wirklich unnachahmliche Hundertwasser-Linie, die so tat, als hätte sie das Geheimnis gelüftet, wie man einen Kreis quadriert oder doch wenigstens ein Viereck rundet. Das Hundertwasser-Haus in Wien, in dem man eben doch eine neue Idee vom Leben in ent-eckten Formen bekommen konnte, auch wenn man es mit den ersten Hippie-Spießern teilen musste. Zum Rest des Beitrags »
ShareFotografien von Dennis Hopper: «Das Leben ergreifen»
von Georg Seeßlen+ in Kritik, Kunst am 8. Oktober 2012

Double Standard, 1961 Location: Los Angeles, Ca USA 6.87 x 9.79 inch
© The Dennis Hopper Art Trust Courtesy of The Dennis Hopper Art Trust
Grandiose Fotografien des Schauspielers und Regisseurs Dennis Hopper (1936-2010). Nach 40 Jahren wiederentdeckt und im Martin-Gropius-Bau in Berlin jetzt endlich zu sehen. Zurück ins Jahr 1970.
Zurück ins Jahr 1970. Das war eine komische Zeit. Die sechziger Jahre waren nicht nur numerisch vorbei, und die siebziger liessen noch nicht erkennen, was sie an Aufregung, Restauration und schlechtem Geschmack zu bieten haben würden. In diesem Jahr war Dennis Hopper, als Regisseur und Schauspieler mit Easy Rider berühmt geworden und längst eine fixe Grösse auch in der Kunstszene, mit einer großen Fotoausstellung im texanischen Fort Worth Art Center vertreten. Man möchte sich vorstellen, wie sich hier zahnlückige Biker, betrunkene Kunstkritiker und zugedröhnte Hippies trafen, weil sie alle zu Recht dachten, es sei ihre Ausstellung. Es war ein großer Erfolg, aber zu dieser Zeit hatte Hopper das Fotografieren auch schon wieder aufgegeben. Nach der Ausstellung waren die 400 Fotografien verpackt worden und verschwanden erst einmal. Hoppers Leben war zu dieser Zeit gerade ein wenig, hm, unstet. Nach seinem Tod im Jahr 2010 wurde die grosse Kiste im Nachlass gefunden, unversehrt, wenn auch mit leichten Altersspuren. Und jetzt wird die Ausstellung des Jahres 1970 sozusagen nachgestellt, einschließlich der kargen und direkten Präsentationsweise, kleine Formate auf Karton, ohne Rahmen und ohne Glas, mit Holzleisten an der Wand befestigt. Weiter zurück, in die Jahre zwischen 1961 und 1967, in denen die Fotografien entstanden. Es ist die große Epoche von Beat, Pop und Kunst, deren Ende, ob sie’s nun vorhatten oder nicht, Dennis Hopper, Peter Fonda und Jack Nicholson in Easy Rider vorwegnahmen.
Die Geschichte? Junge Leute, die auf der Suche nach dem wahren Amerika sind, fahren Motorrad und werden am Ende von Leuten, die sich für wahre Amerikaner halten, erschossen. Vor allem aber geht es um Bilder. Oder um Augenblicke, wie man es nimmt. Denn der Film Easy Rider sieht sich im Nachhinein wie eine farbige, aufgedrehte Fortsetzung von Hoppers Fotografien an. Die gleichen Symbole, die gleiche Vorliebe für Schattenspiele, die gleiche Suche nach dem «amerikanischen Raum». Den «letzten Western» haben manche Kritiker Easy Rider genannt. Hoppers Fotos könnte man unter demselben Titel zusammenfassen. Hopper fotografierte in den Jahren vor Easy Rider, wie man so sagt, wie besessen. Nachdem seine Freundin (und spätere Ehefrau) Brooke Hayward ihm zum Geburtstag eine Nikon geschenkt hatte, hängte er sich das Ding um den Hals und legte es nicht mehr ab. Hopper fotografierte beinahe alles und jeden, und das ist schon die erste, unfassbare Qualität des Fundes: Hopper wurde zum Chronisten einer Zeit, in der die Szenen und Impulse noch wundersam durcheinandergingen, Kunst und Pop, Drogen und Poesie, Straße und Glamour, das Politische und das Private, Hippies und Hell’s Angels. Doch diese große Qualität eines radikalen Dabeiseins mit der Kamera wäre nicht so viel wert ohne eine zweite Qualität von Dennis Hopper, nämlich ein untrügliches Gespür dafür, ob ein Bild etwas taugt. Dieses Gespür für das Bild hatte Hopper als Kunstsammler, als Fotograf und dann als Filmemacher. Was er indes nicht hatte, war das Talent, sich zurückzuhalten, als Schauspieler, als Trinker und Drogenvernichter und als Bildermacher. Auch seine ruhigsten und poetischsten Fotos haben etwas Nacktes und Inständiges, es sind die Bilder von einem, der keine Ruhe gibt. Sie wurden alle mit natürlichem Licht aufgenommen, und sie blieben unbeschnitten; umso mehr erzeugt sich der Eindruck, es nicht mit einem inszenierten Kunstwerk zu tun zu haben, sondern mit einem Ausschnitt der lebendigen Wirklichkeit, so als erwarte man, dass jemand mit dem Finger schnippt, und die Szene, die angehalten wurde, um einen tiefen und verborgenen Gehalt preiszugeben, würde einfach weitergehen. Niemals ist es ein Blick von aussen, immer ist es einer von mittendrin, und in dieser zugleich schüchternen und schamlosen Haltung bewahren die Bilder den Geist der sechziger Jahre, in denen es keine Trennung von Leben, Kunst und Politik geben sollte. Das macht die Unverschämtheit dieser Bilder im Nachhinein eben doch ganz anders als die Bilderbeuten unserer Tage. Das waren Menschen in einem Raum, in dem es diese strikte Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten eben nicht gab. Und genau dies macht die kolossale Spannung in Hoppers Bildern aus, Zum Rest des Beitrags »
ShareSchwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst.
von Mario Scalla+ in Kritik, Kunst am 5. Oktober 2012

Julien Adolphe Duvocelle (1873–1961)
Totenschädel mit hervortretende Augen, 1904
Bleistift und Kohle auf Papier, 36 × 25 cm
© Musée d’Orsay, Paris
Als das Böse die Bühne betrat
Den Ahnen des Gothic Chic und dem Schrecken der Erkenntnis gilt eine großartige Schau im Frankfurter Städel
Am Beginn der Ausstellung lauert das Urbild gruftiger Schauerromantik, Johann Heinrich Füsslis "Der Nachtmahr" von 1790. Das Gemälde soll den Zeitgenossen so zugesetzt haben, dass weniger abgebrühten Seelen geraten wurde, sich ihm besser nicht zu nähern.
Das Bild mit dem von oben hereinblickenden Pferdekopf und dessen pupillenlosen Riesenaugen, dem kleinen Dämon, der auf dem verrenkten, leblosen Frauenkörper hockt, hat aber nicht nur durch seine Motivik verschreckt. Das Auge des Betrachters findet hier keine festen Haltepunkte, keine Fenster oder Säulen; orientierungslos irrt der Blick durch einen undefinierten Raum. Naheliegende Erklärungen existieren nicht - der Schrecken, das Böse betritt unvermittelt die Bühne, zu seiner Bannung sind weder Begriffe noch Rituale zur Hand.
Wer nun das Bild im Frankfurter Städel-Museum umrundet, findet sich in einer schwarzen Röhre wieder. Quasi auf der Rückseite von Füssli läuft ein Ausschnitt aus dem "Frankenstein"-Film von 1931, in dem Boris Karloff seinen kantigen Schädel in die Landschaft hält. Der Kurator Felix Krämer hat genau die Szene ausgewählt, in der die missgestaltete Kreatur der vornehmen Lady nachsteigt. Entsetzt schreit sie auf, Beschützer rütteln an der Tür, die Kreatur flieht. Zurück bleibt die Frau, hingestreckt auf dem Bett - in der Pose, die Füssli 140 Jahre früher malte. Womit schlagend bewiesen ist, dass die Schauerromantik der Aufklärungszeit das Arsenal für die Popkultur des 20. Jahrhunderts liefert.
"Die Welle" Carlos Schwabes von 1907 mit ihren somnambulen Typen, die dem Betrachter entgegenlaufen, führt in direkter Linie zu George A. Romeros Zombies. Goyas "Kannibalen beim Vorbereiten ihrer Opfer", wo die Hingemordeten an Stricken auf ihre Verwertung warten, stand Pate für Tobe Hoopers "Texas Chainsaw Massacre". Dabei ist die Erkenntnis nicht neu, dass die Romantik mit ihrem Gothic Chic, ihren Vampiren, Dämonen und einstürzenden Tempeln das Setting für die Popkultur kreierte. Zum Rest des Beitrags »
ShareBerlin Art Week 2012
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst, Rundgang am 14. September 2012

Berliner Kunstherbst: Ein Nachbarschaftssystem. Werk von Ekachai Eksaroj aus Wolle, 2012, auf der Preview Berlin. Foto: Tanja Jürgensen
„Mit wem muss man hier ficken, um ausgestellt zu werden?“ Die Frage haben sich womöglich schon manche Kunststudierende insgeheim auf den Kunstmessen der Welt gestellt. Ekachai Eksaroj darf sie öffentlich stellen. Auf der Berliner Kunstmesse Preview prangt der Satz derzeit in einem niedlichen kleinen Stickrahmen, Kostenpunkt: 250 Euro. Die Karriere kann beginnen.
Das Werk des 34-jährigen Künstlers ist kein billiger Werbegag. Die vor acht Jahren in einem Hangar des Flughafens Tempelhof von drei Galeristen gegründete Kunstmesse fördert neue Talente und Formate. In ihrem „Focus Academy“ zeigt sie Absolventen deutscher Kunsthochschulen. In diesem Jahr gehört Eksaroj, der in Kassel Kunst studiert hat, dazu. Sein Auftritt beweist, dass das Bild vom Kunstbetrieb als Exklusionssystem nur begrenzt stimmt.
Denn Offenheit und Vielfalt sind generell Kennzeichen des neuen Berliner Kunstherbstes. Der seinen, Geschlossenheit androhenden Titel „Berlin Art Week“, nur aus Gründen des Marketing trägt. Eine konzertierte Aktion aus Senat und Kunstinstitutionen wollte damit den plötzlichen Tod der kränkelnden Kunstmesse Art Forum im letzten Herbst kaschieren.
Demonstrativ bekennt sich die abc contemporary zu dieser neuen Offenheit. Ihr exklusives Gebaren legt die ebenfalls aus einer neunköpfigen Galeristeninitiative hervorgegangene Messe im Postbahnhof am Kreuzberger Gleisdreieck langsam ab. Nach der Zwangsjacke „Malerei“, in der sie ihre Teilnehmer im letzten Jahr steckte, konnten sich die 129 Galerien in diesem Jahr für Einzelpräsentationen öffnen.
Mit dem, mittels einer mobilen Architektur raffiniert inszenierten Parcours hochkarätiger Positionen von Altstars wie John Armleder bis zum jüngsten Documenta-Liebling Theaster Gates hat die abc ihre neue Rolle als kommerzielles Gravitationszentrum des Kunstherbstes eindrucksvoll bestanden. Und sich mit einem „Basar“ sogar eine Diskursplattform zugelegt, aus dem noch etwas werden kann.
Das schaffte sie, ohne den anderen Beiträgern der „Art Week“ die Schau zu stehlen. Etwa Christian Boros‘ Bunker in der Berliner Mitte. Der Medienunternehmer hat die 3000 Quadratmeter große, vielbesuchte Sammlung in seinem legendären Kunsttempel völlig ummöbliert. Statt Anselm Reyle, Tobias Rehberger und Kitty Kraus hängen nun die Saisonlieblinge Alicja Kwade, Klara Lidén und Ai Weiwei.
Doch auch leere Häuser haben ihren Reiz. Wie die „Open House“-Party von Johann König bewies. Die entweihte Kirche St. Agnes in Kreuzberg, die der Galerist in ein Kunstquartier umbauen will, machte die Besucher der Art Week fast neugieriger als die vier Nominierten des Preises der Nationalgalerie oder Arno Brandlhubers Betonarchipele im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.). Zum Rest des Beitrags »
ShareVerfechter des Museums: Jim Cuno, der Chef des Getty Trust auf Kurzbesuch in Berlin
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 12. September 2012
„Eine Festung, errichtet gegen die Welt“. Mit diesem Bild bedachte Rosalind Krauss 1997 eine Aufsehen erregende Institution. Die amerikanische Kunsthistorikerin störte sich an der Symbolik des gerade eröffneten Getty-Centers. Auf den Hügeln von West Los Angeles erhob sich der weiß schimmernde Komplex des Star-Architekten Richard Meier, der ein Museum mit über 50.000 Kunstwerken, ein Forschungs-Institut mit der größten Kunstbibliothek der USA, ein Konservierungs-Center und die Stiftung des legendären Ölmagnaten und Philanthropen J. Paul Getty beherbergt - weit entfernt von den Menschen, hoch über der Stadt.
Dergleichen Kritik hört man inzwischen seltener. Millionen Besucher konnten inzwischen das Center besuchen, hunderte Stipendiaten zu luxuriösen Bedingungen forschen. Überall in der Welt hilft Getty das kulturelle Erbe sichern: Vom Katharinenkloster am Berg Sinai bis zu Syriens antiken Mosaiken. Und es vernetzt sich auch sonst mit der Welt: In Indien unterrichtet Thomas Gaethgens, der deutsche Direktor des Getty-Research-Institute, junge Kunsthistoriker.
Wie ein Festungskommandant nimmt sich auch der Herr dieses Kunstolymps nicht aus. James Cuno, ein 61-jähriger Kunsthistoriker, seit August letzten Jahres Chef des Getty Trust, gilt als leidenschaftlicher Verfechter des „Enzyklopädischen Museums“. Das er als „Argument gegen nationalistische Essentialismen“ versteht. Das Museum, so schrieb er in seinem letzten Buch „Museum Matter“, ist ein “säkularer kosmopolitischer Raum“. Vergangenes Wochenende kam er für einen Tag nach Berlin, um mit Museumsleuten und Journalisten zu plaudern.
Das hätte er nicht gemusst. So wichtig ist das Marketing Event der „Berlin Art Week“, das diese Woche die aufgelöste Kunstmesse Art Forum Berlin ersetzen soll, auch wieder nicht. Für die etwas vage Ankündigung, dass das Getty eine Nachfolge-Schau für die Kunst-Ausstellung „Pacific Standard Time“ plant, die im Frühjahr auch in Berlin gastierte – dann soll es um die Architektur der Nachkriegszeit in Kalifornien gehen -, hätte es auch eine Pressemitteilung getan. Und für Cunos Eröffnung, dass er einen sozialistischen Urgroßvater aus Deutschland hatte, war der holzgetäfelte Lunchroom in Berlins hippem Soho House der falsche Ort. Trotzdem hatte der Blitzbesuch des Chefs der reichsten Kunststiftung der Welt in der bankrotten Weltkunststadt Berlin Symbolkraft: Das Getty, signalisierte Cuno, kommt zur Kunst. Und nicht umgekehrt.
Ingo Arend, taz
Bilder via getty.edu
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NEWTOPIA Katerina Gregos‘ große Kunstausstellung zum Thema Menschenrechte
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 5. September 2012
Der Tanz der Wasserwerfer
„Newtopia“ Katerina Gregos‘ große Kunstausstellung zum Thema Menschenrechte im belgischen Mechelen zeigt das ewige Dilemma der politischen Ästhetik
Eine Zelle von zwei mal zwei Meter. So hoch wie ein Mensch, darin ein Stuhl, ein Tisch, eine Kommode. Man könnte den Bretterverschlag am Eingang des Mechelner Kulturzentrums für ein Kunstwerk halten. Doch mit dem Werbemittel will Amnesty International auf das Schicksal von Azimjan Askarov aufmerksam machen. Der 61-jährige Menschenrechtsaktivist und Künstler sitzt seit Juni 2010 in der kirgisischen Hauptstadt Bishkek in einer unterirdischen Zelle in Haft. Könnte irgendetwas besser verdeutlichen, was dieser Mann durchmacht? Wozu brauchen die Menschenrechte da noch die Kunst? Zum Rest des Beitrags »
ShareWael Shawky: “Al Araba Al Madfuna” in den Berliner Kunst-Werken
von Ingo Arend+ in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 30. August 2012
Mit seinem Videoprojekt zur Geschichte der Kreuzzüge begeistert Wael Shawky die internationale Kunstszene. Jetzt stellt er in den Berliner Kunst-Werken aus
Waren die Kreuzzüge etwa ein Kinderspiel? In Wael Shawkys Videoserie "Cabaret Crusades" stehen sich die verfeindeten Lager des Jahres 1095 plötzlich wieder gegenüber. Richard Löwenherz trifft auf Sultan Saladin. Jerusalem steht in Flammen. Schwerter werden gezückt, Köpfe rollen. Doch vor dem Betrachter rollt ein Puppenspiel ab. Versucht sich der neue Liebling der internationalen Kunstszene an einem ägyptischen Remake der Augsburger Puppenkiste?
So naiv ist die Kunst des 1971 in Alexandria Geborenen natürlich nicht. In dem vierteiligen Videoprojekt, das Shawky 2010 begann und 2013 beenden will, ruft der Videokünstler und Regisseur die historischen Ereignisse in ihrer ganzen Brutalität auf: blutrünstige Geschichten von Rittern, die im Namen des Glaubens töteten, von Schlachten und Eroberungen, Henkern und Gehenkten, von Gewinnern und Verlierern.
Doch Shawky will sich nicht noch einmal für die historische Demütigung der Araber durch das Abendland rächen. Deswegen agieren in diesem "Kabarett" nur Marionetten. Ob es Christen oder Muslime sind, Könige, Kalifen oder Päpste, Märtyrer oder Heilige. Und niemand weiß, wer ihre Fäden in der Hand hält. Zum Rest des Beitrags »
ShareÄsthetik des Roten Planeten
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst am 22. August 2012
Eine Träne auf der Wange des Mars
Von der Projektionsfläche zur Wahrnehmungsmatrix hat sich der Mars in der künstlerischen Rezeption gewandelt. Die Ästhetik hat dabei viele Phasen durchlaufen.
Wo steht der Mars in der Kunst? Wer sich auf die Suche nach der Ikonografie des Planeten begibt, trifft stets auf einen geharnischten Gesellen. Von der nackten Blonden, die sich ihm in den Arm werfen will, lässt sich dieser bärtige Berserker ebenso wenig aufhalten wie von einer hageren Alten mit lodernder Fackel in der Hand.
Peter Paul Rubens’ Bild „Die Folgen des Krieges“ von 1637 lässt sich als politischer Kommentar seines Schöpfers zum Dreißigjährigen Krieg lesen – in der Ikonografie der Antike. Zugleich ist es ein Paradigma für den Platz dieses Gottes im europäischen Bildergedächtnis.
Zwar kennen die Menschen den Mars schon seit babylonischen Zeiten. Auf den Keilschriften König Assurbanipals heißt er „Nergal“, der Rötliche. Und diese Farbe bestimmt auch die Allegorie, in der er auftritt: ein Gott des Krieges, ein Sinnbild für Rohheit und Gewalt. Der blutrote Staub aus Eisenoxid war schon den Menschen in der Antike auf dem Erdnachbarn aufgefallen. Die Chinesen nannten den Mars den „Stern des Feuers“. Deswegen glühen im Hintergrund von Rubens’ Bild „Venus entwaffnet Mars“ von 1610 die Öfen einer Schmiede. Zum Rest des Beitrags »
ShareHal Foster: Design und Verbrechen: Und andere Schmähschriften
von Ingo Arend+ in Kritik, Kunst, Literatur am 14. August 2012
Aufstieg des Spektakels
Die Essays des Kunsthistorikers Hal Fosters liegen endlich auf Deutsch vor
Ist das noch Kunst? Oder ist es schon Design? Seit 1997 im baskischen Bilbao das Guggenheim Museum öffnete, steht die Frage im Raum. Natürlich war Frank Gehrys silbern geschupptes Oval am Ufer des Nervión eine Sternstunde der Architektur. Doch bis heute nörgeln viele Kritiker, der spektakuläre Bau tauge mehr zum Stadtmarketing denn als Kunstmuseum.
Dieser schillernde Gestaltwandel ist auch das Mantra von Hal Foster, dem 1955 geborenen Kunsthistoriker und Kunstkritiker, der heute an der Princeton University lehrt. "Design und Verbrechen" - den Titel seiner Aufsatzsammlung darf man durchaus programmatisch verstehen. "Schmähreden", so ihr Untertitel, schreibt Foster aber nicht, sondern kluge Essays, wie man sie auch in Deutschland selten findet. Zehn Jahre nach ihrem Erscheinen 2002 in den USA liegen sie nun zum ersten Mal auf Deutsch vor.
Ob Foster untersucht, wie Frank Gehry erst die versteinerte Moderne erneuert und dann zum Populisten von Bilbao mutiert. Ob er minutiös nachzeichnet, wie sich die amerikanische Kunstkritik zu Beginn der siebziger Jahre in Spätmodernisten und Neoavantgardisten spaltet. Selbst wenn er der neuen Bildwissenschaft vorhält, mit ihrer "unkritischen Begeisterung für die visuelle Kultur" dem Posthistoire in die Hände zu arbeiten - skrupulöser und nuancierter argumentiert kaum einer, nicht nur in der amerikanischen Kunstszene nicht. Zum Rest des Beitrags »
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