Kunst und Herkunft – Die Ausstellung „12 im 12.“ im Kunstraum Tanas
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 10. Februar 2012
Auf der Suche nach der zweiten Heimat
In der Ausstellung „12 im 12.“ im Kunstraum Tanas demonstrieren junge Künstler türkischer Abstammung eine distanziert-ironische Distanz zum Dauerreizthema nationale Identität
Wie geht man eigentlich mit Rollenerwartungen um? Es fällt nicht schwer, Ergin Cavusoglus Video-Installation „Backbench“ mit dieser Frage im Hinterkopf zu lesen. Auf fünf Bildschirmen sieht man eine Truppe von Menschen bei dem Versuch, ein von dem türkischen Künstler geschriebenes Skript nachzuspielen. Je länger sie sich jedoch mit den Charakteren zu identifizieren versuchen, desto mehr wachsen ihre Zweifel am Sinn des Geschehens.
Natürlich geht es in der Arbeit um mehr. Aber mit dem Inhalt des 47-minütigen Videos wäre zugleich eine allgemeine künstlerische Haltung beschrieben. Denn wenn die zwölf Künstler, die der Kunstraum Tanas zu seiner 12. Ausstellung versammelt hat, etwas gemeinsam haben, dann die Abneigung, sich auf so etwas wie (nationale) Identität festlegen zu lassen. Selbst wenn alle von ihnen türkischer Abstammung sind. Viel eher zeugt sie von der beeindruckenden ästhetischen Spannbreite zeitgenössischer junger Kunst, die ihre Wurzeln in der Türkei hat.
Zwar werden auch bei ihnen Fragen nach der Herkunft wieder virulent. Der 1965 in Malatya geborene Vahap Avsar beispielsweise ging 1995 nach New York. Seine jüngste Werkserie „Chief Commander“ besteht aus vergrößerten Postkarten, die aus einem Fotogeschäft stammen, in dem Avsar als junger Kunststudent gearbeitet hat. Die Ansichten von Denkmälern des Staatschefs Atatürk in türkischen Städten sagen etwas über die nachwirkende Prägekraft eines nationalen Identitätssymbols aus. Zugleich sind sie ein Dokument der Alltagsgeschichte der sechziger Jahre, als sich die Türkei an westeuropäischen Städten mit ihren Reiterstandbildern orientierte. Zum Rest des Beitrags »
Crazy Clown Time – David Lynchs Soloalbum
von Georg Seeßlen in Kritik, Kunst, Musik am 27. Januar 2012
Wie man der Zeit beim Verrücktwerden zuhört
David Lynch macht Filme, okay, und für seine Filme ist er berühmt geworden. Aber eigentlich ist er einfach ein Künstler, der optisches, akustisches und haptisches Material verwendet. Pop und Avantgarde. Räumlichkeit, Zeitlichkeit, Subjekthaftigkeit und vor allem: Auflösungen von alledem. Kindliche Naivität, Surrealismus, Americana, Rock’n’Roll, Industriedesign, Mode & Meditation. Die ersten Arbeiten von David Lynch, damals noch auf der Kunsthochschule, waren Klang- und Raumskulpturen, seine ersten Filme benutzten Musik und Geräusche und gerade das, was zwischen beidem liegt, dieses „kosmische“ Atmen und Rauschen, die extrem verlangsamten und repetitiven Songs wie „In Heaven“ etc. nicht bloß als Illustration, sondern, ziemlich direkt, als Herz der Bilder. Als arbeitendes Herz, um genau zu sein.
Trailer
Denn eigentlich funktioniert die Kunst des David Lynch stets nach einem einfachen Prinzip, nämlich der Erzeugung der Energie eines Kurzschlusses zwischen der Innenwelt und der Außenwelt, dem Mikrokosmos in einem Menschenhirn und dem Makrokosmos von, äh, allem anderen. Etwas will hinaus, und kann es nur als Wahn, etwas will hinein und kann es nur als verzweifeltes Entleeren. So ein Kurzschluss tut weh, auch wenn er gleichzeitig so schön ist; im richtigen Leben würden wir Paranoia dazu sagen, wenn der Begriff nicht so elend vernutzt worden wäre. Auch David Lynchs Musik, mit oder ohne Bilder, kann man mit einem Begriff beschreiben: Schöne Paranoia.
Zur Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“
von Mario Scalla in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 25. Januar 2012
Ordnung und Unordnung
Ein Risiko bleibt
Die Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“ im Frankfurter Kunstverein thematisiert Formen von Macht und Protest
Schleichend hat sich hierzulande die Meinung eingebürgert, Demonstrationen seien etwas Gutes. In der Abkürzung ‚Demo‘ liegt der ganze Charme einer gelegentlichen Verrichtung, der immer noch die Aura der Renitenz anhaftet. Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein bricht sehr schnell mit dieser Konvention, die die Demo zum Teil des gewöhnlichen Alltags macht. Denn sie zeigt zum einen Demonstrationen der Macht. Sie bietet aber auch bewegte Bilder aus dem arabischen Frühling, auf denen leblose Körper auf der Straße liegen, die wie Müllsäcke von Polizisten beiseite geschleift werden.
Um zu erkennen, was genau eine Demonstration ausmacht, werden in der von Britta Peters, Fanti Baum und Sabine Witt kuratierten Ausstellung zuerst die Formen dargestellt, die sie im Verlauf der Geschichte annahmen: Von Prozessionen, Aufmärschen, über Blockaden und Online-Demos bis hin zu Flash-Mobs. Das Ganze auf drei Stockwerken, bunt gemischt von der Malerei über Video bis zur Installation.

MARCELLO MALOBERTI „The Ants Struggle on the Snow“ Performance, Performa, New York (US), 2009 Foto/ Photo: Gisella Sorrentino Courtesy of the artist and Performa 2009, New York
Ordnung und Unordnung sind das entscheidende Begriffspaar, um eine Struktur in die Vielzahl der Exponate zu bringen. Auf Zeichnungen und Gemälden der Französischen Revolution, des Hambacher Festes und der Revolution von 1848 ist es meist eine enthusiasmierte Bürgermenge, die – von heute aus betrachtet – einen recht ordentlichen demokratischen Zug unternimmt. Oder es herrscht zwar ein chaotisches Treiben unter den Barrikadenkämpfern wie in der Darstellung der Kämpfe 1848 am Köllnischen Rathaus in Berlin oder am Alexanderplatz. Innerhalb des Bildes ist aber alles an seinem Platze – unten das angreifende Militär, in der Bildmitte die Barrikadenkämpfer und oben die Paläste der Macht. Ohne Probleme kommt hier das Ganze in den Blick. Zum Rest des Beitrags »
6. Kunstmesse Contemporary Istanbul
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 29. November 2011
Auf der Suche nach dem Imperium
Die 6. Kunstmesse Contemporary Istanbul lieferte interessante Einblicke in die Umbrüche in Nahost
The Empire Project. Das heruntergekommene Eckhaus vis-à-vis von Istanbuls zentralem Taksim-Platz sieht nicht so aus, als ob man von hier auszöge, ein Weltreich zu erobern. Der Fahrstuhl ist zerbeult, die Marmortreppe schiefgetreten. Doch schäbig das Ambiente auch sein mag. Das neu gegründete Kunsthaus im ersten Stock, das diesen ungewöhnlichen Namen gewählt hat, hat sich etwas vorgenommen, das am Bosporus ganz offenbar in der Luft liegt.
Mit dem Versuch, Kunst aus den Ländern zu zeigen, die einst „auf den imperialen Platz, den wir heute Istanbul nennen“ ausgerichtet waren, wirkt die Non-Profit-Institution des progressiven türkischen Kurators Kerimanc Gülerüyüz, dem Inhaber von The Empire Project, plötzlich wie ein ästhetisches Pendant der Ambitionen des konservativen türkischen Premiers Erdogan. Ob er nun im Machtvakuum der Arabellion die Türkei als muslimische Hegemonialmacht etablieren oder sein Land innerhalb von zehn Jahren unter die Top-Ten der Weltökonomien katapultieren will.
Zwar lässt sich die 6. Internationale Kunstmesse Contemporary Istanbul (CI), die am Wochenende im Lütfi Kirdar-Kongresszentrum zu Ende ging, nicht umstandslos als Barometer für die imperiale Macke einer Regierung nehmen. Schließlich wird sie nicht von der Regierung, geschweige denn von der AK-Partei Erdogans finanziert. Doch es war schon mehr als ein Zufall, dass CI-Generalkoordinator Hasan Bülent Karaman zur Eröffnung der „New Art Destination“ Istanbul als „Hauptstadt dreier Imperien“ pries. Und der britische Entrepreneur Stephen Stapleton, Gründer einer Initiative zur Promotion saudi-arabischer Kunst namens „Edge of Arabia“ in der Messe-Zeitung Istanbul zu einem „ideologischen Zentrum“ erhob.
Dazu schien die Expansion der bislang eher unbedeutenden Schau zu passen: Die Ausstellungsfläche war auf 12.000 Quadratmeter verdoppelt worden, 90 Galerien präsentierten rund 3000 Kunstwerke von über 500 Künstlern, es gab kuratierte Sonderschauen und jede Menge cooler Partys. Und mit dem Luxemburger Galeristen Stephane Ackermann wurde erstmals ein künstlerischer Direktor berufen.
Gemessen an den etablierten Altimperien Basel, Paris oder Dubai ist der Newcomer Istanbul trotzdem noch auf dem Weg zur Schwellenmacht. Sieht man von dem diesjährigen Schwerpunkt „Golfstaaten“ und ein paar Galerien aus Teheran ab, suchte man solche aus Ländern des alten osmanischen Einflussgebietes: Aserbeidschan, dem Libanon oder Ägypten etwa, vergebens – den Ländern, die die Messe eigentlich an sich binden will. Zum Rest des Beitrags »
Fiktion Okzident – Künstlerische Positionen zwischen Deutschland und der Türkei
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst, Leben, Rundgang am 7. November 2011
Wir schaukeln in der Luft
Versuchte Blickumkehrung: Aus Anlass des 50. Jubiläums des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens beleuchtet die Istanbuler Ausstellung „Fiktion Okzident“ die wechselseitige Wahrnehmungsgeschichte der beiden Kulturen
Im Anzug auf einem Ottomanen. So saß der französische Schriftsteller Pierre Loti 1879 im Istanbuler Stadtteil Eyüp und genoss den Blick auf das Goldene Horn. Der Fin-de-Siecle-Literat ist ein klassisches Beispiel für das, was der Literaturwissenschaftler Edward Said als den orientalistischen Blick geißelte. An seinem Boheme-Sitz fantasierte sich der Palästina-Reisende, der in China einst den Boxer-Aufstand mit niederschlug, eine Welt aus Harem, Krummschwert und Palästen zusammen. Doch dieser Orient habe weder gestern existiert, noch werde es ihn morgen geben, erboste sich der türkische Schriftsteller Nazim Hikmet einst über seinen französischen Kollegen.
Nur weil es diese imaginären Welten gar nicht gibt, sind sie nicht weniger wirkmächtig. Tagtäglich pilgern die Touristen durch die steilen Pfaden des moslemischen Friedhofs hinauf zu dem Café, wo Loti seine geliebte Nargile schmauchte. Auch das Hotel Pera, in dem Agatha Christie zu Beginn der dreißiger Jahre ihren „Mord im Orient-Express“ geschrieben haben soll, ist ein Touristenmagnet. Dass der deutsche Steuerzahler am Bosporus ein „Orient-Institut“ unterhält, ist vermutlich den Wenigsten bekannt. Immerhin verstehen sich seine Insassen auch auf die Postcolonial Studies.
Am Entstehungsort der Fiktionen vom Orient ausgerechnet eine Ausstellung mit dem Titel „Fiktion Okzident“ in Szene zu setzen, wirkt so unkorrekt wie waghalsig. Jetzt, wo mit den Feiern zum 50. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbe-Abkommens eine unerklärte Abbitte für den herablassenden Blick geleistet werden soll. Mit ihm musterte der Okzident, Abteilung Deutschland, in den sechziger Jahren die Männer in den zu engen Anzügen und dem tiefen Bartschatten, die plötzlich mit einem ramponierten Koffer und Gebetsketten in der Hand auf deutschen Bahnhöfen standen.
Doch Saids Theorem versuchsweise umzukehren, macht Sinn. Denn zu dem projektiven Blick, der sich den Orient erschaffte, gehörte auch sein Pendant. Die islamischen Schriften durchzieht seit Jahrhunderten die Vorstellung von einem fiktiven Westen. Der ebenso verzerrte wie märchenhafte Züge trug. Und auch wenn der naive Blick, mit dem die „Gastarbeiter“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts gen Westen zogen, wenig gemein hatte mit Exotik und Bedrohung – den Bestandteilen, aus der sich der Orientalismus „seinen“ Orient braute – beide Seiten imaginierten sich ihr Gegenüber. „Für uns war vor 50 Jahren Deutschland ein Traum“ erinnerte sich der Maler Yalcin Karayagis, Rektor der Istanbuler Mimar-Sinan-Universität der Künste, am vergangenen Wochenende zur Eröffnung der Ausstellung. Zum Rest des Beitrags »
Fotoausstellung von Ai Weiwei
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 21. Oktober 2011
Manischer Knipser
Im Berliner Martin-Gropius-Bau hat eine Fotoausstellung zu der Jugend des chinesischen Künstlers Ai Weiwei begonnen. Die Fotos zeigen die Ursprünge seiner jetzigen Kunst.
Ein verbogener Kleiderbügel, der auf dem Boden liegt, in das leere Drahtgeviert eine Handvoll Sonnenblumenkerne geschüttet: In der Fotografie, die der damals noch unbekannte chinesische Künstler Ai Weiwei 1983 in New York aufnahm, meint man, eine Vorahnung jener Installation zu sehen, die der weltbekannte Künstler 27 Jahre später in die Turbinenhalle der Tate in London platzieren ließ: Millionen von Sonnenblumenkernen aus handgefertigtem Porzellan – ein spektakuläres Sinnbild für das Verhältnis von Individuum und Masse, ein Tribut an die Heimat China.
Wer das Foto von damals genau anschaut, wird bemerken, dass das unscheinbare Drahtgestell die Umrisse des Kopfs von Marcel Duchamp hat – auch ein Künstler, der es in New York zu Weltruhm brachte. Insofern soll man das alte Gelegenheitsfoto wohl auch wie ein Schlüsselbild lesen: In der Neuen Welt fand der Mann, der 1981 eigentlich von Peking ausgezogen war, um ein “neuer Picasso” zu werden, zu seiner wahren Bestimmung: Aus dem Maler wurde ein Konzeptkünstler, der die westliche Formensprache mit östlichen Inhalten füllte.
Ais Hang zum Konzeptuellen belegt schon die Ausstellung selbst. Wer die 227 von ihm selbst ausgewählten Fotos betrachtet, fragt sich unwillkürlich: Welche der insgesamt 10.000 Aufnahmen, die der 1957 Geborene in seiner New Yorker Zeit auf- und 1993 mit zurück nach Peking nahm, hat er eigentlich weggelassen? Zum Rest des Beitrags »
Carolyn Christov-Bakargievs dOCUMENTA (13)
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 19. Oktober 2011
Ein Apfelbäumchen pflanzen
Carolyn Christov-Bakargievs 13. dOCUMENTA nimmt langsam inhaltliche Konturen an
Eine Hommage an Beuys. Die Documenta-Astrologen waren sich einig, was es zu bedeuten hatte, als Carolyn Christov-Bakargiev im letzten Jahr in der Kasseler Karlsaue einen bronzenen Baum des italienischen Künstlers Giuseppe Penone aufstellte, in dessen Krone ein Stein lag. Schließlich hatte der Übervater der Kunst 1982 in der weltbekannten Provinzstadt in einer Aufsehen erregenden Aktion 7000 Eichen samt dazugehörigen Basaltsteinen aufstellen lassen.
Bei historischen Reminiszenzen wird es die Chefin der 13. Documenta, die am 9. Juni 2012 in Kassel öffnet, nicht belassen. Auch wenn sie sich in den letzten zwei Jahren tief in deren Geschichte vertiefte, „Zusammenbruch und Wiederaufbau“ als deren DNA ausgemacht und Nutzern der Website als Login das Passwort „Bode55“ verpasst hatte – sanfte Erinnerung an den Erfinder und das Geburtsjahr der Superschau.
Wie sehr nämlich auch diese Documenta-Chefin daran arbeitet, mit der 13. Ausgabe des wichtigsten Kunstereignisses der Welt mehr als eine kunsthistorische Fußnote zu hinterlassen, konnte man am Montag dieser Woche sehen, als die 53-jährige Kuratorin vor Leipziger Kunststudenten die ersten Appetithäppchen ihres Konzepts unters Volk streute: Auftakt einer PR-Tournee durch deutsche Kunsthochschulen.
Zwar warf sie die üblichen Nebelkerzen, als sie dem andächtigen Nachwuchs in der Hochschule für Grafik und Buchkunst einschärfte, die Documenta als Prozess zu sehen, nicht als Produkt, „Scepticism“ und „Maybe“ als ihr kuratorisches Credo beschwor und auf die drängenden Fragen, was es denn zu sehen gebe, mit gespielter Verzweiflung „Ich weiß es wirklich noch nicht“ seufzte. Zu viel darf ein Kurator vorher natürlich nie verraten. Denn nur zu einem geheimnisumwitterten Mythos strömen die Massen.
Nur strategische Koketterie war das nicht. Dass die Kuratorin nicht viel anfangen kann mit fertigen Etiketten, fixen Ideen und statischen Einteilungen, weiß man nicht erst seit gestern. Den Hang des Kunstbetriebs zur „Verwaltung der Kreativität“ verabscheut sie. Weshalb sie und ihre Mitstreiterin Chus Martinez kürzlich in einem Gespräch schon mal mit dem Gedanken liebäugelten, einfach „den Dingen ihren Lauf zu lassen“: „In der Documenta“ abzutauchen wäre am besten, besser als sie zu handhaben und sich ihrer somit bemächtigen zu wollen“ überlegten die beiden laut. Was nun wirklich ein Novum in der Documenta-Geschichte wäre. Aber die Öffentlichkeit will Bilder, Skulpturen, Installationen sehen. Deswegen trommelt Christov-Bakargiev nun doch für ihr Projekt. Zum Rest des Beitrags »
Taryn Simons neue Weltordnung
von Simone Meier in Kritik, Kunst am 14. Oktober 2011
Sie ist zurzeit der größte Star der Fotoszene. Und erst 36 Jahre alt. Das aktuelle Werk der New Yorkerin ist jetzt in London und Berlin zu sehen: gleichzeitig.
Taryn Simon ist der Star. Also der Star. Zu ihrer Vernissage in der Tate Modern kamen Steven Spielberg, Cameron Diaz und Gwyneth Paltrow (gut, Taryn Simon ist auch mit Gwyneth Paltrows jüngerem Bruder verheiratet, die beiden leben in Manhattan). Anfang September ist ihre Ausstellung in eine viermonatige Verlängerungskurve eingebogen, noch immer ist sie überlaufen. Und am letzten Wochenende wurde die identische Schau in der Neuen Nationalgalerie in Berlin eröffnet. London und Berlin laufen nun parallel bis Januar 2012, das ist frech, das gehört sich eigentlich nicht in der Kunstwelt, auch nicht in der Fotografie, die doch die Möglichkeit der Vervielfältigung immer schon in sich trägt. Es ist die Ungeniertheit einer Vielgefragten, die den Moment ganz für sich auszuschöpfen wagt.
Die in London ausgestellten Abzüge gehören natürlich nicht irgendwem, sondern Englands grösstem Fotografie-Sammler, nämlich Michael Wilson, und der ist wiederum der Bruder und engste Mitarbeiter von Barbara Broccoli. Gemeinsam produzieren die Geschwister die «Bond»-Filme. Und dann ist da auch noch Taryn Simons Galerie in New York, und die ist auch nicht irgendeine, sondern die gigantomane Gagosian Gallery, die Damien Hirst und den Nachlass von Andy Warhol vermarktet. Im nächsten Mai gehört Taryn Simon das New Yorker Moma, mehr kann eine Künstlerin nicht erreichen. Und dabei ist Taryn Simon erst 36 Jahre alt.
Blutlinien, StammbäumeAber was tut der viel zu schöne Star der Fotoszene, über den Salman Rushdie voller Pathos sagt: «Taryn Simon hat den Todesstern gesehen und lebt, um darüber zu berichten», denn nun eigentlich? Sie ist streng. Zum Rest des Beitrags »
Eine Frage der Form (12. Istanbul-Biennale)
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 22. September 2011
Bei der 12. Istanbul-Biennale scheren Adriano Pedrosa und Jens Hoffmann die Gegenwartskunst über den Gonzales-Torres-Leisten

TAYSIR BATNIJI: Watchtowers, 2008. 26 black and white digital prints. Courtesy Coleção Teixeira de Freitas, Lisbon, Portugal and Galerie Sfeir-Semler, Beirut, Lebanon/Hamburg, Germany
„Untitled – Ohne Titel“ So kann man vielleicht ein Bild nennen. Aber eine Biennale? Wer im Vorfeld der 12. Istanbul-Biennale nach Informationen stocherte, stieß immer nur auf genau diesen geheimnisvollen Titel. Sehr viel mehr gab die Biennale-Website des Unternehmens nicht her. Philosophische Exkurse, die den Titel hätten erhellen können, suchte man vergebens. Nachfragen nach Künstlerlisten wurden abschlägig beschieden. Und genau in dieser Verweigerung dürfte schon ein Erfolg von Adriano Pedrosa und Jens Hoffmann gelegen haben, dem Kuratoren-Team aus Lateinamerika, das diesmal die Geschicke der einzigen türkischen Biennale leiten durfte.
Die Kritik des ausufernden Biennalen-Unwesens, dem Stadtmarketing mit ästhetischen Mitteln, gehört quasi zum Programm der beiden Ausstellungsmacher. Zusammen mit dem italienischen Künstler Maurizio Cattelan lockte Hoffmann mit den üblichen Reklamesprüchen und Werbung auf allen Kanälen 1999 Scharen von Biennalen-Fans auf die Karibikinsel St. Kitts, bei der die Besucher erst merkten, dass es gar keine Biennale war, als sie mit den Füßen im Sand steckten: Institutionenkritik mit den Mitteln der Biennale, sozusagen.

KRIS MARTIN: Obussen II, 2010. 700 found objects. Courtesy Sies+Höke, Düsseldorf, Germany. Photography: Achim Kukulies
Ganz so weit mit der Kritik des Betriebssystems Kunst ging es in Istanbul diesmal nicht. Denn im Istanbuler Hafen gibt es durchaus jede Menge Kunst zu sehen. Nur auf ein schmissiges Thema oder eine spektakuläre Inszenierung mussten die Besucher verzichten, die zur Eröffnung in das Antrepo gekommen waren. Dafür erwartete sie eine Schau, die so mustergültig kuratiert wie eine Museumsschau war und so penibel gehängt wie eine Schmetterlingssammlung. Shop-in-shop könnte man die Hütten aus glänzendem Aluminiumwellblech nennen, die der japanische Architekt Ryue Nishizawa in die zwei Lagerschuppen hinein gebaut hatte. Und einen Reim auf das Gesehene, sollten sie sich, so die unausgesprochene aber offenkundige Idee der Kuratoren, schon selbst machen. Zum Rest des Beitrags »
Images of the Mind (Ausstellung)
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 14. September 2011
Das Display der Seele – Denkprozesse im Hygiene-Museum
Wer denkt, wenn wir denken? Die Ausstellung “Images of the Mind” im Deutschen Hygiene-Museum Dresden präsentiert Antworten, auf diese ewige Frage.
“Ich denke, also bin ich.” Nichts geht philosophischen Sonntagsrednern heute so leicht über die Zunge wie der Satz, den René Descartes 1641 in seinen “Meditationes de prima philosophia” formulierte. Wie dieser Prozess genau vor sich geht, außer dass man dabei die Stirn in Falten zieht oder den Kopf in Denkerpose bringt, war vermutlich auch seinem Urheber nicht recht klar.
Und je mehr die Wissenschaft ihn zu entschlüsseln beginnt, desto vager wird das, was der französische Philosoph damit begründen wollte: die Idee eines souveränen Individuums. Wer oder was denkt da eigentlich?

Selbstbildnis mit erstauntem Blick: Rembrandt Harmensz van Rijn, 1630, Radierung. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung, München)
Descartes war Mathematiker. Doch wenn er sich ein Bild davon gemacht hätte, wie das Denken aussehen könnte, das er philosophisch zu definieren suchte, wäre es vielleicht so ausgefallen wie Rembrandt van Rijns “Selbstbildnis mit erstauntem Blick” aus dem Jahr 1630.
Die Verwunderung, die da über das Gesicht des – damals noch jungen – alten Meisters huscht, wirkt wie ferngesteuert, so als ob höhere Wesen es ihm befahlen.
Ein nicht geringer Anteil der bildenden Kunst, das zeigt die spannende Ausstellung “Images of the mind” im Deutschen Hygiene-Museum, in Dreden, bezieht ihren Antrieb aus dem Versuch, das Geheimnis des Denkens dadurch zu bannen, dass sie seinen Verursacher porträtiert – den Geist.
Die Linie lässt sich von Rembrandts Selbstporträts bis zu Edvard Munchs “Angst” von 1896 ziehen, von Bohumil Kubistas “Epileptikerin” von 1911 bis zu Bill Violas “Silent Mountain” aus dem Jahr 2001.
Die Seele auf dem Display
In diesem Farbvideo winden sich ein Mann und eine Frau eine knappe Minute lang in anscheinend kaum erträglichen Schmerzen. Überall in diesen Werken spürt man das Echo der antiken Idee des Dualismus von vergänglichem Körper und unsterblicher Seele, dem Letztere nur als Zwischennutzer innewohnt. Das Display, auf dem sich die Seele zeigte, war das Gesicht. Auch Descartes hing dieser Idee an.
213 Objekte haben die Kuratoren Colleen Schmitz vom Dresdner Hygienemuseum und Ladislav Kesner von der Mährischen Galerie Brünn in vier systematischen Abteilungen zusammengetragen. Sie belegen, wie nahe sich Kunst und Wissenschaft bei den Versuchen immer waren, den unfassbaren Urheber des Denkens zu kartieren.
Die sechzehn Gemütszustände vom gleichmütigen über das traurige bis zum wütenden Gesicht, die der französische Theoretiker Charles Le Brun 1668 zu typisieren suchte, stehen den Schwarzweißfotografien, auf denen die Künstlerin Isabell Heimerdinger 2002 den Schauspieler Martin Glade unterschiedliche Emotionen und Charaktere nachstellen lässt, in nichts nach.

Strömungsfeld der Gedanken, Alfred Anwander, Carsten H. Wolters und Xavier Tricoche , 2006. Computersimulation. (Foto: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig)
Im Fadenkreuz
Von außen ging der Weg der Erkenntnis nach innen: Spätestens seit der Renaissance geriet das Gehirn ins Fadenkreuz der Geistessucher. Das kann man an ein paar kostbaren Anatomiestudien sehen, auf denen Leonardo da Vinci Schädel, Augen und Nerven zeichnerisch sezierte. Diese Naturalisierung gipfelte schließlich in den modernen Neurowissenschaften.
Spätestens seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird das “Ich-Sein”, das auch die westlichen Demokratien mit begründet, wie “Gehirn-Sein” buchstabiert: Das autonome Subjekt ist vor allem ein zerebrales.
Distanz zur Neuroreligion
Nur die Kunst bewahrt ironische Äquidistanz zur alten Metaphysik wie zur neuen Neuroreligion. Radikaler und ironischer als auf der Röntgenaufnahme, die Meret Oppenheim 1963 von ihrem Kopf anfertigen ließ, kann man sich die Absage an die Idee nicht vorstellen, darin hause ein erhabener Geist.
Auf dem Schwarzweißbild sind als einziges persönlichkeitsbildendes Attribut die großen Metall-Ohrringe der Künstlerin zu sehen.
Wie berechtigt die Skepsis gegen allzu viel Rationalismus ist, lässt sich an den schönen, bunten Computerscans und Elektroenzephalogrammen von heute demonstrieren. Denn auch sie können nur anzeigen, dass sich im Gehirn etwas bewegt. Wer diesen Vorgang wie “lenkt”, bleibt auch bei diesen Vorzeigeobjekten der neuronalen Ästhetik unklar.
Dafür gebären sie ungeahnte ästhetische Effekte. Diese reichen von den Zeichnungen, mit denen der spanische Mediziner Santiago Ramón y Cajal 1903 als Erster die filigrane Feinstruktur des Nervensystems aus Synapsen und Neuronen kartierte, bis hin zu dem “Strömungsfeld der Gedanken”, das drei Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften 2006 aus magnetresonanztomografischen Aufnahmen gewannen.

Self-Portrait Helen Chadwick (1953-1996) 1991, Dia, Glas, Aluminiumrahmen und Licht, 50,9 x 44,6 x 11,8 cm © The Helen Chadwick Estate, Foto: Edward Woodman
Rot-weiß-blaue Wellen
Die wunderbar psychedelischen Wellenformen in Rot-Weiß-Blau sagen über den Inhalt des Denkprozesses oder das Individuum, das sie hervorbrachte, nichts aus. Sie zeigen nur an, wie die Ausbreitung der Gedanken von den Gewebearten abhängt. Eines aber wird klar: Denken ist schön! Von Kunst ist dieses “Neuroimaging” kaum mehr zu unterscheiden.

Darstellung der Seele als präzise zugeschnittene Reihe von Vermögen. Unbekannt, aus Gregor Reisch (1470-1525), Margarita philosophica nova, 1512, Holzschnitt, (Foto: Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek / Deutsche Fotothek, Dresden/ Regine Richter)
Dabei hat sich das Verständnis der geheimnisvollen grauen Masse unendlich ausdifferenziert – von einer starren Topologie, in deren Mitte der der Mediziner und Esoteriker Robert Fludd 1619 hin den Satz “Hic anima est – Hier ist die Seele” schrieb, zu einem hochsensiblen Netzwerk komplizierter Interaktionen.
So narzisstisch getroffen reagiert der Betrachter dann doch auf die Dresdner Zumutung, sein “Selbst”-Bewusstsein, nur noch als “bewusstlose” Rechenleistung eines 1,5 Kilo schweren, gräulichen Gewebeklumpens zu sehen. Bin ich denn nur ein evolutionsgesteuerter Bioautomat?
Ein freies Gehirn
Das “Self-Portrait”, das die britische Künstlerin Helen Chadwick 1991 schuf, wirkt da wie der Versuch, den Zerebralismus, der die Bewusstseinsphilosophie derzeit erschüttert, zu relativieren: Das freigelegte Gehirn, das auf dem Lichtdia zu sehen ist, wird von zwei menschlichen Händen gehalten.
Ohne seinen Träger, denkt sich das souveräne Individuum unserer Tage beim Blick auf Chadwicks Aufnahme erleichtert, ist auch das allmächtige Gehirn nichts. Cartesisch gesprochen: Nur mit meinem Körper bin ich.
Ingo Arend, taz 14.09.2011
“Images of the Mind”, Deutsches Hygiene Museum, Dresden
bis zum 30. Oktober 2011
Katalog: Hrsg. von Colleen Schmitz und Ladislav Kesner, Wallstein-Verlag, 304 S., mit ca. 200 farbigen Abbildungen, 24,90 Euro

Josef Váchal: Traum über meinen Traum. 1916, Öl auf Papier. (Foto: The Museum of Czech Literature (PNP), Prag)
Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst 2011
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 14. September 2011
Endstation Hype
Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt Arbeiten der für den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst nominierten Künstler.

Andro Wekua : Ohne Titel, 2011, Wachs, Holz, Metall, Stoff und andere Materialien, © Andro Wekua, Courtesy Gladstone Gallery, New York
Das Schönste an vielen Städten ist bekanntlich der Bahnhof. Für Berlin gilt das nicht. Denn die vielen tausend Künstler, die dorthin strömen, wollen ja nicht weg aus der Stadt, sondern nach oben. In den Olymp der Kunst gelangen sie aber eher über den U-Bahnhof Kottbusser Tor, mitten in der Kreuzberger Subkultur, als über den Hamburger Bahnhof. Die Kunst der Zukunft sucht man in dem edlen Kopfbahnhof oft genug vergebens. Auch wenn er sich “Museum der Gegenwart” nennt.
Schon bemerkenswert, dass das Antizipatorische an den vier Positionen junger Kunst, die dort jetzt präsentiert werden, ausgerechnet das Historische ist. Zumindest gilt das für Cyprien Gaillard und Andro Wekua. In seinem Film “Artefacts” filmt der französische Berliner Gaillard einen Trupp amerikanischer Soldaten, der während des Irakkrieges durch die antike Stadt Babylon streift. Und in dem Streifen “Never sleep with a strawberry in your mouth” des georgischen Berliners Wekua gleitet ein androgynes Wesen durch eine fantastisch-reale Erinnerungslandschaft.

Klara Lidén : Self Portrait with Keys to the City, 2005, Digital print, Courtesy: The artist and Reena Spaulings Fine Art, New York
Gaillard, Jahrgang 1980, und Wekua, Jahrgang 1977, sind in diesem Jahr neben zwei Künstlerinnen für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert, über den es in den zehn Jahren seines Bestehens regelmäßig Streit gab. Die Anziehungskraft seines Londoner Vorbildes, des Turner-Preises, entwickelte er nie, die Auswahl der Künstler ist meist vorhersehbar. Im Gegensatz zu der verunglückten Gruppenausstellung “Based in Berlin” in diesem Sommer ist er aber immer noch die reflektierte Variante des Versuchs, Talente herauszuheben, die die Stadt zur Kunstmetropole Nummer eins gemacht haben: Die Teilnehmer dürfen von überall herkommen, müssen aber in Berlin leben und unter 40 Jahre alt sein.
Exzessiver Konsum
Verglichen mit “Based in Berlin”, der Bastelwerkstatt im Monbijoupark, kann sich diese Kunst qualitätsmäßig sehen lassen. Wirklich aufregende Entdeckungen sucht man aber vergebens. Dass Gaillard die mit seinem iPhone aufgenommenen Bilder ins analoge 35-mm-Format rückübersetzt, ist so neu nicht. Erosionsprozesse in der Kultur hatte er schon im Frühjahr in den Berliner Kunst-Werken an einer Pyramide aus Bierkästen demonstriert, die seine Besucher durch exzessiven Konsum derselben ruinierten. Der als Dauerloop sich langsam selbst zerstörende “Artefacts”-Film hingegen langweilt mit einem Déjà-vu-Effekt.
Dasselbe gilt für die schwedische Berlinerin Klara Liden, Jahrgang 1979. Eine melancholische Metapher auf die Künstlerexistenz mag in ihrem knapp zweiminütigen Video sehen, wer will. Eher hat man das Gefühl, die 1979 Geborene befestige ihren eigenen Mythos, wenn sie in einem Mülleimer verschwindet: Liden, die Geheimnisvolle. Wekua ist auf den Kunstkniff verfallen, die Melancholie angesichts des Niedergangs seiner Heimatstadt Sochumi in einer schillernden Animationstechnik zu neutralisieren. Seine Arbeit, die schon in Wien zu sehen war, hat er mit der Skulptur eines Liegenden, dessen Kopf in einem Haus steckt, aufgepeppt. Aber Surrealismus war schon. Und für den Raum, der das Kunstwerk umgibt, wurde man auch schon raffinierter sensibilisiert als mit den gedehnten Glasskulpturen der deutschen Berlinerin Kitty Krauss.
In Berlin hat es Gegenwartskunst leicht und schwer zugleich. Noch gibt es genug Platz für alle. Doch ihr Weg nach oben führt wahlweise über das Repräsentationsbedürfnis der Macht, durch den Wildwuchs des Marktes oder über Privatsammlungen. Eine Instanz, die dem Willkürlichen, Verkäuflichen und Geschmäcklerischen objektivierend entgegenwirkt, wäre da besonders wichtig. Das Zeug zu dieser Korrekturfunktion hätte der Preis. Nicht nur wegen des gestuften Auswahlverfahrens mit zwei Jurys, sondern auch weil er zur Ästhetik der Gegenwart aufschließt: In diesem Jahr wird er um einen Preis für junge Filmkunst erweitert. Er hat sich auf eine kleine Kampfansage eingelassen: Dass sich unter den vier Positionen keine Malerei befindet, darf als Replik auf die gerade zu Ende gegangene Kunstmesse abc art berlin contemporary gewertet werden, die unter dem Motto “about painting” die ideologisch verdächtige, aber lukrative Malerei neu zu promovieren suchte.
Dieser Mut hätte die Juroren nicht verlassen sollen. Zwar gehört es nicht zur Aufgabe des Preises, krasse Außenseiter zu entdecken wie den, mit dem das Künstlerhaus Bethanien derzeit den Kunstherbst bereichert: Eine Ausstellung zeigt den aufregenden DDR-Grenzgänger zwischen Poesie und Kunst, “Mathias” Baader Holst. Als er 1990 mit 28 Jahren überraschend bei einem Verkehrsunfall starb, war er im besten Preisalter. Doch mit Gaillard, Liden, Krauss und Wekua haben sich die Königsmacher der Kunst auf ein paar gut vernetzte Angesagte verlassen. Womit der Hamburger Bahnhof in diesem Jahr nur die Endstation Hype bleibt.
Ingo Arend, taz 12.09.2011

Kitty Kraus: Ohne Titel, 2009, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin; Foto: Lepkowski Studios, Berlin
Die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011 findet im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin statt. Die vier nominierten Künstler präsentieren dort ihre neuen Arbeiten vom 9. September 2011 – 08. Januar 2012. Am Mittwoch, den 28. September 2011 wird der Gewinner gekürt.
Ai Weiwei – Der chinesische Schmerzensmann
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst, Leben am 10. August 2011
In Bregenz sind Ai Weiweis Architekturprojekte zu sehen, in Winterthur werden frühe Fotoarbeiten von ihm gezeigt. Sein Blog ist gerade als Buch erschienen. Eine Annäherung.
Als Pablo Picasso von Spaniens Regierung den Auftrag bekam, für den Pavillon der Weltausstellung 1937 in Paris ein Bild zu malen, hatte er eigentlich an eine Variation des Motivs Maler und Modell gedacht. Doch dann machten am 26. April 1937 Flugzeuge der deutschen Legion Condor Guernica, die heilige Stadt der Basken, dem Erdboden gleich. Spontan widmete er sein Bild diesem Verbrechen. Später begründete er die Entscheidung damit, dass sich der Künstler angesichts eines Konflikts, in dem Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen, „nicht gleichgültig“ verhalten kann. Zum Rest des Beitrags »
„Über die Metapher des Wachstums“ im Frankfurter Kunstverein
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 11. Juli 2011
Unerträgliche Schönheit
Humus: Die ambitionierte Frankfurter Schau „Die Metapher des Wachstums“ greift das Tabu-Thema schlechthin auf
Hunderte, Tausende von Handys. Alle Größen, alle Formen, alle Farben. Ein Meer von leicht gekrümmten Ovalen aus Leichtmetall mit den charakteristischen Druckknöpfen liegt in einem riesigen Haufen. Der kleine Schönheitsfehler dieser Miniatur-Fetische: Sie sind alle längst ausrangiert.
Leider findet sich das Bild des amerikanischen Fotografen Chris Jordan nicht gleich im Eingang des Frankfurter Kunstvereins. Man muss ein Magazin mit dem Titel „Denkanstöße“ im zweiten Stock durchblättern, um auf es zu stoßen. „Cell Phones“ bringt das ganze Drama, um die die Ausstellung „Die Metapher des Wachstums“ kreist, auf den Punkt: Die wahnwitzige Verschwendung von Rohstoffen auf der Welt. Der Abfall, den der technische Fortschritt produziert. Der Rausch des viel, mehr, unendlich viel mehr. Bezeichnenderweise hat Jordan der Serie, der das Bild entstammt, den Titel „Intolerable Beauty“ gegeben.
Stattdessen trifft man im Foyer auf einen riesigen Haufen Kaffee. 400 Pfund davon hat der Künstler Thomas Rentmeister auf den Boden des Hauses geschüttet. Darüber leuchtet einsam eine rote Glühbirne. Ein Hauch von Coffee-Shop liegt in der Luft. Kaffee als sorgsam austariertes Sinnbild der Globalisierung, des exzessiven Genusses und als wachstumsfördernder Humus. Wir haben verstanden. Die gleiche Durchschlagskraft wie Jordans Bild hat Rentmeisters Installation aber nicht.
Trotzdem: Angesichts der Bedrohung, zu der sich das zivilisatorische Konzept „Wachstum“ ausgewachsen hat, ist es gar nicht genug zu loben, dass die drei Kunstvereine in Frankfurt am Main, Hannover und im schweizerischen Baselland mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes gemeinsam eine innovative Themenausstellung aus der Taufe gehoben haben, wie man sie sich häufiger wünschte.
In jeder Bundestagsdebatte wird der Fetisch des Wachstums noch immer mit einer Inbrunst beschworen, als habe es vor 40 Jahren nicht den Bericht des Club of Rome über die „Grenzen des Wachstums“ gegeben. Aber wahrscheinlich nützt es nichts, der Politik immer nur den Spiegel der exakten Wissenschaften vorzuhalten. Jetzt muss die Ästhetik ran.
Es gehört zu den Paradoxa des Wachstums-Diskurses, dass sein Leitbegriff ausgerechnet der Biologie entlehnt ist. Der passt aber so gar nicht zu dem Stoffwechsel mit der Natur, den sich die Menschheit zu Zwecken massenhafter Konsumbefriedigung angewöhnt hat. Dort endet Wachstum bekanntlich. Aber Natur-Metaphern haben den Vorteil, dass gegen sie immun gegen Gesellschaftskritik sind: Es muss halt alles immer wachsen.
Dabei gönnt der Mensch der Natur das organische Recht, das die Metapher aufruft, kaum irgendwo. Mit ihm sucht sich auch die große Fantasie von der Nachhaltigkeit zu legitimieren. Die Bilder unmerklich konturierter Nadelholzgewächse, die der Fotograf Ulrich Gebert in öffentlichen Parks in England aufgenommen hat, sind ein fast unheimliches Sinnbild für den tatsächlichen Umgang mit ihr: Kontrolle, Verformung und Selektion.
Die Frankfurter Ausstellung überzeugt, weil Kurator Holger Kube Ventura seinen Parcours nicht alarmistisch eng führt. Zwar verteilt das Künstlerkollektiv Mindpirates ein paar didaktische Denkanstöße. In seiner raumfüllenden Installation „Verschwendung ist die größte Energiequelle“ plakatiert es Zahlen und Fakten zum weltweiten Ressourcenverbrauch an die Wand: Weltweit werden pro Jahr 600 Milliarden Plastiktüten produziert.
Natürlich geht es nicht ohne politische Kunst: In der Videoinstallation „All that is Solid Melts into Air“ des Amerikaners Mark Boulos stehen sich zwei Schauplätze der wachstumshungrigen Globalisierung direkt gegenüber: Rechts tobt der Parkettkrieg an der Chicagoer Börse. Links proben nigerianische Fischer den Aufstand gegen die dort gehandelten Ölmultis. Deren Absturz thematisiert das Duo bankleer in seiner Arbeit „Headfonds“: Hinter dem Schutzwall seiner Computer mit abgestürzten Aktienkursen steigt die Figur eines Mannes steil mit dem Kopf zuerst durch die Glasdecke.
Die Ausstellung lotet aber auch die Ambivalenzen eines in Misskredit geratenen Begriffs aus. Indem sie zwei profane Alltagsgegenstände wie eine Leiter und einen Papierkorb mit 23,5 Karat Gold belegt, markiert die amerikanische Künstlerin Sylvie Fleurie den Wechsel vom Gebrauchswert zum Tauschwert, der Triebkraft hinter dem Prinzip Wachstum. Der Lockung von Luxus und Glamour kann man sich aber genauso wenig entziehen wie dem Bild der pink wuchernden Orchidee auf einer Wandtapete der Mindpirates.
Der hypertrophe Parasit ist Verschwendung pur. Ohne ihn gäbe es womöglich keine Evolution. Gerade deren unnütze Auswüchse produzieren Schönheit. Als negatives Pendant dazu fungiert Peter Buggenhouts Skulptur „The Blind leading the blind“. In den von dicken Staubschichten überzogenen Skulpturen aus nicht beschreibbaren Resten und Formen wird das Prinzip Werden und Vergehen endgültig zu der abstrakten Metapher, die der Ausstellungstitel verspricht.
So klug und assoziationsreich diese Ausstellung zusammengestellt ist. So sehr vermisst man den Blick der Kuratoren über den prekären Ist-Zustand hinaus. Folgt dem Zeitalter des Wachstums das der Askese, geht es um kreative Verschwendung oder doch eher auf Verzicht? Die zeitgenössische Kunst geriert sich gern als die bessere Wissenschaft. Da muss es doch irgendein Bild geben, das konkret macht, was der Ökonom Hans-Christoph Binswanger im Katalog zum Überleben empfiehlt: Mäßigung, intelligent schrumpfen.
© Ingo Arend
Bild oben: Mark Boulos „All that is solid melts into the air“, 2008, 2-Kanal Video / 2 channel video © and Courtesy the artist
Frankfurter Kunstverein. Noch bis zum 31. Juli. 2011.
Katalog, Christoph Merian Verlag
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Keine Natur, nirgends
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 28. Juni 2011
Die Ausstellung „Paradise Lost“ im Istanbul Modern widmet sich einem der drängendsten Probleme der Menschheit
Ein Büffel in einem gewässerten Reisfeld, Wolken am Himmel, Krähen über der Landschaft, Kleinbauern mit einem Handkarren auf dem Weg zum Markt, irgendwo steht einsam ein Tempel auf einem Hügel: In „Minguo Landscape“, einer Videoarbeit des chinesischen Künstlers Qiu Anxiong, sieht die Natur auf den ersten Blick noch genau so aus, wie man sie sich wünscht: Friedlich, still, nahezu unverbraucht. Und selbst da, wo Menschen ins Bild kommen: im Einklang mit sich selbst. Zum Rest des Beitrags »
Der Mythos Krupp lebt
von Michael André in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 23. Juni 2011
Mit einer einzigartigen Foto-Ausstellung aus dem eigenen Archiv feiert der Konzern sein 200jähriges Jubiläum – Industriefotografie zwischen Propaganda und Zeitdokument
Krupp wird 200 Jahre, und die Krupp-Stiftung feiert dieses Jubiläum mit einem Gang ins Firmenarchiv. Das Ergebnis dieser Reise ist geeignet, die in aller Welt kursierenden Vorurteile über die Deutschen, ihre Ordnungsliebe und ihren Sammelwahn auf das Schönste zu bestätigen. „Krupp. Fotografien aus zwei Jahrhunderten“ heißt die Ausstellung in der Essener Villa Hügel, und sie fördert rund 350 – weitgehend unveröffentlichte – Bilder empor. Ein Klacks, wenn man bedenkt, dass im Historischen Archiv im Keller der Villa Hügel neben vielen anderen Dokumenten rund zwei Millionen Bilder lagern. Mutmaßlich ebenfalls perfekt erhalten. Damit ist der Mythos Krupp um eine Facette reicher. Krupp war nicht nur weltweit größter Rüstungsproduzent und Lokomotivbauer oder mächtiger Gruben- und Hüttenbesitzer im Ruhrrevier. Zum Kruppschen Sonderweg gehörte bekanntlich der Bau von mustergültigen Arbeitersiedlungen, Krankenhäusern und Konsumanstalten. Die Familie kümmerte sich halt um die (politisch restriktiv verstandene) Wohlfahrt ihrer Arbeiter. Doch der hegemoniale Anspruch von Krupp reichte viel weiter. Die Essener Waffenschmiede besaß seit 1861 auch eine Lithographische Abteilung, die in ihren besten Zeiten bis zu 500 Angestellte zählte. Der damalige Fabrikherr Alfred Krupp hat die Fotografie sehr früh als Mittel der politischen Selbstdarstellung, aber auch der innerbetrieblichen Kommunikation entdeckt. Mit der Konsequenz: Die Krupp-Bilder oszillierten von den Gründungsjahren an zwischen Propaganda und Dokumentation. Zum Rest des Beitrags »
54. Kunst-Biennale in Venedig: Sakral aufgeladener Kreuzgang
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 7. Juni 2011
Sakral aufgeladener Kreuzgang
In Venedig wurde der mögliche GAU geradeso vermieden: dass die Schlingensief-Installation den Deutschen Pavillon zum Fascho-Fluxus adelt
“Ein bisschen Hitler.” Man wundert sich, dass diese beiläufige Antwort ihrem Urheber damals nicht um die Ohren geflogen ist. Lars von Trier hat man die Koketterie mit dem Nazismus übel genommen. Obwohl auch er vermutlich im Sinn hatte, das Erstaunen über das Fremde in ihm zu artikulieren, bevor die Lust an der Provokation über Hand nahm. Christoph Schlingensief hat man sie durchgehen lassen. In einem Gespräch aus dem Jahr 2008, in dem der Kunstkurator Hans-Ulrich Obrist den “Künstler” Schlingensief nach seinen “Heroes”, seinen Vorbildern, fragte. Da kam dann neben Mutter Teresa, Luis Buñuel und seinem Vater auch “ein bisschen” der Übelste aller Deutschen vor.
Vielleicht war die Öffentlichkeit schon an Schlingensiefs radikalen Exhibitionismus gewöhnt, seine rigorose ästhetische Selbstausbeutung, die nicht zwischen körperlichen und geistigen Furunkeln unterschied. Und bei dem Gespräch waren ja auch keine Kameras dabei. Vielleicht war sie aber auch einfach davon überzeugt, dass der Erfinder des Slogans “Tötet Helmut Kohl” politisch auf der sicheren Seite zu verorten ist. Für diesen, erkennbar im Kunst-Kontext – auf der documenta 10 – deklamierten Satz, wurde er 1997 angeklagt, die klitzekleine Hitler-Marginalie rutschte durch. Zum Rest des Beitrags »
Schlingensief in Venedig geehrt
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 7. Juni 2011
Kirche der Angst
Die Jury verleiht dem deutschen Schlingensief-Pavillon der Kunstbiennale in Venedig den Goldenen Löwen – das geht in Ordnung.
Gehören Form und Inhalt zusammen? Muss Form nicht immer mehr sein als bloß Form, nämlich Form von etwas sein, also von Inhalt? Vor dieser unentrinnbaren Dialektik der Kunst wird die Frage nach der Qualität von Christoph Schlingensiefs Arbeit „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ auch nach der Entscheidung der Großen Jury der 54. Kunstbiennale in Venedig, der Präsentation im Deutschen Pavillon den Goldenen Löwen zu verleihen, weitergehen. Zum Rest des Beitrags »
54. Kunst-Biennale von Venedig: Jenseits des Regenbogens
von Ingo Arend in Gesellschaft, Kritik, Kunst am 6. Juni 2011
Aufklärung: Auf der 54. Kunst-Biennale von Venedig bemüht sich Bice Curiger um eine überfällige Kurskorrektur
Time-Capsule, Zeit-Kapsel. Roman Ondáks Arbeit ist eine Metapher wie sie stärker kaum sein könnte. In tiefstem Dunkel steht die Skulptur, die einer Rakete zu ähneln scheint, zu Beginn der Arsenale, Venedigs immer wieder großartigem Ausstellungs-Parcours durch die leeren Hallen des ehemaligen Marine-Hauptquartiers. Der 1966 geborene Künstler aus der Slowakei hat zwar nur den schlanken Stahlkörper Fénix 2 nachgebaut, der im vergangenen Jahr 33 chilenische Bergarbeiter nach ihrer zweimonatigen Gefangenschaft aus 700 Metern Tiefe wieder an die Erdoberfläche gehievt hat. Aber natürlich muss man das Werk auch programmatisch lesen, so wie es zum Auftakt der 54. Biennale platziert wurde. Zum Rest des Beitrags »
Gerwald Rockenschaub, Angela Bulloch und Joachim Grommek – Antimalerische Malerei
von Ingo Arend in Kritik, Kunst am 10. Mai 2011
Das Ende der Gefühlsduselei
Mit Gerwald Rockenschaub, Angela Bulloch und Joachim Grommek feiern das Kunstmuseum Wolfsburg und die Städtische Galerie Wolfsburg derzeit gleich drei avancierte Maler.
“Hört auf zu malen”, rief Jörg Immendorff 1966 und strich ein halbfertiges Gemälde durch. Dass er sich an seine Aufforderung, die Lüge namens Malerei auf den Misthaufen der Geschichte zu befördern, selbst nicht hielt, nahm dem Maoisten niemand übel. Doch seit dieser Zeit liegt ein Schlachtruf in der Luft, der immer neu, immer anders aufgenommen wird. Um am Ende dann wieder in einen Triumph der Malerei zu münden.
Eine neue Drehung dieses ewigen Kreislaufs lässt sich dieser Tage in Wolfsburg besichtigen. Denn mit den Ausstellungen von Gerwald Rockenschaub im Kunstmuseum und von Angela Bullock und Joachim Grommek in der Städtischen Galerie der Stadt sind dort derzeit gleich drei avanciert antimalerische Maler zu sehen. Auch wenn sie mit dem linken Malerfürsten sonst nichts gemein haben.
Die spektakulärste der drei Schaus ist zweifellos Gerwald Rockenschaubs Installation für die große Halle des Wolfsburger Kunstmuseums. In den 1.600 Quadratmeter großen Raum hat der 1952 im österreichischen Linz geborene Künstler, der heute in Berlin lebt, eine rund 70 Meter lange und elf Meter hohe Wand gestellt, die schon aufgrund ihrer schieren Größe wie ein Manifest wirken muss. Zum Rest des Beitrags »
Leipzig. Fotografie seit 1839
von Ingo Arend in Kritik, Kunst am 9. Mai 2011
Städtische Museen, Leipzig
Ausstellung bis 15. Mai 2011
Boomtown. Seit der Wende 1989 klebte dieses Etikett an Leipzig. Zusammen mit dem noch aus DDR-Zeiten stammenden Rubrum „Messestadt“ war die Stadt in der Wahrnehmung einer breiten (westdeutschen) Öffentlichkeit auf das Bild einer aus dem Boden gestampften Brache reduziert. So wie sie der Fotograf Andreas Gursky 1994 abbildete, als er die Baustelle der neuen Leipziger Messe vor den Toren der Stadt ablichtete: Eine riesige, umgepflügte Sandwüste, aus der ein Heer von Kränen ragt. Das Bild des fotografischen Meisters der Totalen hätte genauso gut von den neuen Retortenstädten am Persischen Golf stammen können.
Dieses ebenso verengte wie geschichtslose Bild könnte bald der Vergangenheit angehören. Jedenfalls für den, der die dreiteilige Großschau „Leipzig. Fotografie seit 1839“ besucht. Denn wie kaum in einer anderen Ausstellung, Aktion oder einem Neubau in dieser Stadt zuvor ersteht in dieser erstmaligen Präsentation des fotografischen Bestandes dreier Museen das Bild einer bürgerlichen Stadt neu, die nicht erst nach der Wende von 1989 als verschollen galt. Zum Rest des Beitrags »








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