Michael Hardt/Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen

Michael Hardt und Antonio Negri wollen die Krise ohne die Eliten lösen und setzen auf selbstverwaltete Gemeingüter

Überrascht und wie elektrisiert reagierten selbst professionelle Beobachter des Weltgeschehens auf die Ereignisse des Jahres 2011. Beginnend mit der Jasminrevolution in Tunesien fegte eine Serie von Protesten über den Globus. Im Winter brach der arabische Frühling aus, im meteorologischen Frühjahr besetzte die rebellische Jugend zentrale Plätze in Israel, Spanien und Griechenland, und im Herbst zeltete die Occupy-Bewegung in New York, Frankfurt und Auckland.

Erfreut darüber zeigten sich auch die Philosophen Michael Hardt und Antonio Negri. Das kann nicht überraschen. Seit langem plädiert das Autoren-Gespann für jene Selbstermächtigung der Bürger, die in diesen Protesten zum Ausdruck kam. Schnell griffen Hardt und Negri den Impuls auf. Bereits im Mai des folgenden Jahres legten sie eine schmale Streitschrift vor, die sie anders als ihre Empire-Trilogie nicht bei einem großen Wissenschaftsverlag veröffentlichten. Ihr neues Buch erschien, wohl um nicht zu viel Zeit nach Ausbruch der Proteste vergehen zu lassen, direkt bei Amazon. In ihm fragt das amerikanisch-italienische Duo, welches Potenzial die weltweiten Proteste für den Aufbau einer neuen Gesellschaft haben können. Zum Rest des Beitrags »

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Demut & Deutung, oder Die Kunst, die Kunst in Bewegung zu bringen (wenigstens im Kino)

aus: Gerhard Richter Painting

BILDER AUF BILDERN AUF BILDERN

Die Kunst und das Kino, das ist, rundheraus gesprochen, eine der schönsten und der furchtbarsten intermedialen Liebesgeschichten der letzten hundert Jahre. Die küssten und die schlugen sich, dass es eine wahre Pracht ist. Als im Jahr 1970 der Künstler John Baldessari seinen Studentinnen und Studenten am CalArts in Los Angeles zum Eingang seiner Lecture den Satz entgegen schleuderte: „Nicht Andy Warhol ist der wichtigste Künstler des Jahrzehnts, sondern Jean Luc Godard“, gab’s noch kräftig Widerspruch, innerhalb und außerhalb des Seminarraums.  Vierzig Jahre später begegnen sich in dem Film „Atelier“ der Künstler Michael Dreyer und der Filmemacher Peter Ott zu einem Spiel, in dem sie gegenseitig die Grenzen ihrer Ausdrucksformen, von Fiktion und Non-Fiction, dem Fotografischen und dem Malerischen ausloten und nebenbei eine prächtige Parodie auf filmische Künstlerbiographien abliefern. Ein ziemlich angesagtes Genre, derzeit. Und was am Ende dieses großartigen kleinen Filmes herauskommt ist, dass das Spiel gescheitert ist. Die beiden Spieler, der Filmemacher und der Künstler, haben nach unterschiedlichen Regeln gespielt, so haben sie sich nicht einmal gegenseitig hereinlegen oder umarmen können. Kino und Kunst verhalten sich zueinander wie Männer und Frauen (wenigstens nach einem berühmten Loriot-Satz): Sie passen einfach nicht zueinander.

Das radikale Negativ und zugleich ein wichtiges Seitenstück des Kunst-Films über die Unmöglichkeit des Kunst-Filmes wie „Atelier“ ist die Verweigerung. In „Jeremy Y. Call Bobby O. – Morgenthau without Tears“  steht ein Künstler im Mittelpunkt, dessen Werke nie zu sehen sind. Regisseur und Kameramann René Frölke besucht den deutschen Künstler Bernd Naber in New York. Der Mann hat, scheint’s, viel zu tun, ist ständig unterwegs und ständig connected, aber was er eigentlich macht, bleibt eher vage. Er ist mit sich selbst und mit der Welt beschäftigt, die Schnittstellen, eben die Kunstwerke, werden aber nicht sichtbar, und auch der Filmemacher selbst hat nie ein Bild des Künstlers zu Gesicht bekommen. Für den frustrierten Zuschauer hat er einen Rat. Das kann man ja googlen.

Die besten Kunst-Filme sind jene, in denen Kunst und Film

sich gegenseitig aus der Fassung zu bringen versuchen.

Machen wir: Neben einem besonderen Interesse für Schamanismus können wir Ausstellungslisten studieren und sehen ein paar hübsche, einfache Dinge, die allerdings ihrerseits nach einem größeren Zusammenhang zu gieren scheinen. Und: „There is currently no Blog entry available.“

Und schon haben wir die erste These: Die besten Kunst-Filme sind jene, in denen Kunst und Film sich gegenseitig aus der Fassung zu bringen versuchen. Sie handeln vom Verschwinden. Die kreative Reaktion auf die Einsicht, aneinander gescheitert zu sein. Lücken aufreißen, you know. Keine Vereinfachungen, keine Mythen. Aber natürlich lassen wir uns von so etwas nicht den Spaß daran verderben, immer mehr Kino in die Black Cube des Museums zu bugsieren, und immer mehr Kunst in die schließlich Arthouse benannten Kinos. Wir doch nicht. Zum Rest des Beitrags »

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Salz in die Wunden der Marktwirtschaft

Streuerhinterziehung am Küchentisch

Salzstreuer erzählen viel  vom Wesen des Kapitalismus

Alle reden von Steuerhinterziehung, von politischer und sonstiger Moral, von Verteilungsgerechtigkeit, Finanzkapitalismus, schleichender Enteignung der kleinen Sparer und von Merkelismus. Vom Ende oder von der Unbeendbarkeit unseres famosen, auf Wettbewerb, Wachstum und Wirrnis beruhenden Wirtschaftssystems.

Und ich? Ich rede von Salzstreuern.

Der Salzstreuer war ursprünglich eine geniale Idee; ein abgekantetes Glasfässchen mit metallenem Schraubverschluss. Fein gemahlenes Salz hinein, drei, vier Reiskörner dazu, das bindet die Feuchtigkeit (wenn sie’s nicht übertreibt, die Feuchtigkeit), ab und an mit einem Zahnstocher die Löcher von verklumptem Salz befreien, fertig ist die sowohl praktische als auch mehr oder weniger hygienische Art des Salzens. Spülmaschinenfest ist die Sache obendrein, aber auch die Handspüler müssen nicht an einem traditionellen Salzstreuer verzweifeln. Zum Rest des Beitrags »

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on tour: Hong Kong & Macao

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Sharkjets & more hybrids in an east side story

Together with Anthony Hopkins. Within a dark wooden hotel. It was all about pain.When he woke up it was as if he had given his father's golden pocket watch to all the young students, opening a d'or here & there. A-Ma. Macao.

Ich dachte zurück an Mandorla, zwei Kreise, die sich überschneiden. Ein Blick vom 16. Stockwerk des Ponte 16 über unberechenbare Patchworkdächer der Altstadt im Teppichgeflecht verwoben mit ihren eigenen schwarzschimmelig übersäten Fassaden. Fassaden portugiesischer Bauart, Dächer, wild überwuchert von Gestrüpp hier & dort, nicht unbedingt Dachbegrünungen wie wir sie von Deutschland kennen. Morgendliche Kontemplation eines Hybrids. Tat tvam asi. Das bin ich. Glaslose Ruinen. Da hinten im engen Grau irgendwo Meer. Ein Strauss kantigem Grand Lisboas wächst monströs wie ein Giantrobot über den vor mir liegenden transmigratorischen urban mix scheusslich schreiend hinaus, ist in der Dämmerung illuminiert wie dauerspritzender Candy, Verlockungen ausspeiend, mich zutiefst abweisend in seinem obszön gespreizten Materialismus.

"Shadowlands" mit Hopkins in Oxford verglüht im Vormittags-TV. "We read to know we are not Aloen", verdreht mein Rechner das zentrale Shadowlandszitat.

A23H
@ CIA Hong Kong

Anson Ng begleitete mich per Schüttelbus vom Venue zum Hotel, Casino inbegriffen. Ach, es könnten diese Gründe sein & jene, dass nicht so viel Publikum zusammenkam am Abend des 1. Mai, wo doch eigentlich Einiges geboten worden war:
 Der lange & schlaksige Scorpiø Loi aus China hatte sich lange, silbrige Fingernägel appliziert, stand da wie Karl Valentin vorm Mikrophon, hinter ihm Pyramiden aus Videos. 
Mei Zhiyong riss metallicamässig seinen Körper über die Stage, liess es donnern & krachen. Ja Alk kostet hier so gut wie nichts, tax free. Eine Flasche Jack Daniels ist gut für Sherman Ho & seinen Kumpel zum Rumpeln als Yellow Crystal in der Abfolge der Events. Mein Duo mit Sin:ned crasht vorüber. Zum Rest des Beitrags »

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Fußnote (3) zu Marx` Non-Ökomomie

Zur Industrialisierung des Gebrauchswerts

Neben der Unterscheidung zwischen der überhistorischen Dimension des Gebrauchswerts, die darin ihren Ausdruck findet, dass es überhaupt Objekte gibt, die Bedürfnisse befriedigen (eine schlechte Abstraktion), und der Dimension des durch und durch kapitalistisch strukturierten Gebrauchswerts qua Wertabstraktion (der von Adorno in seinen kulturkritischen Schriften ständig als Schein denunziert wird: Gebrauchswertsorientierung als Ideologie im “totalen Verblendungszusammenhang”), sollte man eine weitere Dimension vor allem darin sehen, dass jenseits der Wertbestimmung der Ware, die ja einer ganz speziellen Formatierung von Objekten gleichkommt, der Ware noch etwas weiteres aufgepropft wird, ein Par-Ergon im Derridaschen Sinne 1), das „durch eine formale, allgemeine und prädikative Struktur“ charakterisiert ist; es handelt sich hier um ein Supplement, mit dem der Ware als sinnlich-übersinnlichem Ding zusätzlich noch weitere Eigenschaften zugeschrieben werden, unter anderem ästhetische, kulturelle, phantasmatische und soziale „Qualitäten“, mit denen die Waren designt werden, beispielsweise als Bild, Image, Kunst, Diskurs, Visiotype oder Schmuck. Man darf hier Propfung aber nicht im Sinne eines nachträglichen Zuschreibens verstehen, sondern man sollte sie als eine direkte Affizierung der Ware oder als Einschreibung in die Ware auffassen, als das Un-Unsinnliche der Warenform, das jedoch vom Objekt in keinster Weise abgetrennt werden kann 2). Hier spielt die Prädikation eine wichtige Rolle, insofern die Waren schon mit ihrem bloßen Angebot bzw. mit ihrer Ausstellung ein Prädikat oder ein Urteil über sich anbieten, und dies nicht im Sinne einer Aussage S ist P, sondern im Sinne des Designs oder Arrangements von P selbst. 3) Benjamin war es, der eines der Geheimnisse des Geldfetischs nicht im Gold, sondern in der „Ornamentik der Banknoten“ entdeckt haben wollte, deren drucktechnische »Echtheit« wiederum nur insofern funktioniert, als Banknoten auf dem Markt akzeptiert werden, womit sie weitergegeben werden können und zwar unter endlosem Aufschub ihrer Einlösung, die ja stets durch die Hyperinflation gefährdet bleibt.

Benjamin schafft es den sich zu den Banknoten ähnlich verhaltenden Grünton des Schaufensters als stets prekäre Parallelität der beiden Inflationsspiralen des Begehrens und des Geldes quasi von außen, quasi mit fremden Augen zu beobachten. 4)

Um nun von hier aus einen Bogen zu Klossowski zu schlagen: Während man in der Epoche der handwerklichen Produktion die Instrumente und Werkzeuge der sog. Suggestion, seien es nun Buch, Bild oder Theater, noch wesentlich höher veranschlagte als die Suggestion selbst, egal, ob sie nun das Schöne, das Hässliche oder gar das Groteske entbirgt, wobei das letztere schließlich jeder manichäischen Beurteilung enträt, so kehrt sich Klossowski zufolge im Zeitalter des industriellen Kapitalismus aufgrund der massenhaften, standardisierten und seriellen Produktion von Waren das Verhältnis von Werkzeug und Suggestion komplett um: Zum Rest des Beitrags »

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STAN BACK – “LEFT ON A LITTLE FARM”

Aktuell ist Andreas Menn’s Video „Left On A Little Farm“ 
mit Musik von STAN BACK auf den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen für den Mu-Vi Preis nominiert.

Bis zum 3. Mai kann abgestimmt werden:

link zum video

 

Stan Back, der vor Jahren in Costa Rica verschwundene Künstler und Musiker, ist getidan Leserinnen und Leser kein Unbekannter.

Siehe die Texte: normaler Bürger

Stan Back – aus seinem Nachlass (I)

Stan Back – aus seinem Nachlass (II)

Stan Back – aus seinem Nachlass (III)

Stan Back – aus seinem Nachlass (IV) Zum Rest des Beitrags »

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Werner Spies las in der Kunsthalle Karlsruhe aus seinen Lebenserinnerungen

Alles Freunde

Wie er denn den Feuerbach fände, fragte Andreas Platthaus zum Auftakt der Veranstaltung mit Werner Spies im Feuerbachsaal der Kunsthalle Karlsruhe. „Das Verhältnis wird besser“, entgegnete der mit Texten über Picasso und Max Ernst bekanntgewordene Kunstschriftsteller diplomatisch und verriet, dass er gerade die Kunst des 19. Jahrhunderts für sich entdecken würde. Platthaus, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, moderierte das Gespräch mit „seinem Freund“, und überhaupt schien der durch die Beltracchi-Affäre beschädigte Kunsthistoriker an diesem Abend umgeben von Freunden. Robert Walter vom Centre Culturel hatte mit Peter Weibel, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), die Vorstellung der 2012 erschienenen Lebenserinnerungen „Mein Glück“ in Karlsruhe angeregt. Pia Müller-Tamm, die Direktorin der Kunsthalle hatte den Vorschlag dankbar aufgegriffen. Und Erwin Teufel, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, entpuppte sich in der Laudatio als Schulkamerad des prominenten Wahlfranzosen. Zum Rest des Beitrags »

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Die sogenannte „Realität“ ist nur ein Teil der Fantasie

Over the Rainbow

 

Die sogenannte „Realität“

Ist nur ein

Teil der Fantasie.

 

Kreationisten, Intelligenztests, Bandagen...

Das unsagbar Böse...

Echte Schweine, Menschenopfer...

Kiemen... Ein „grosser

Schelm“ spricht

Zu einem „mittelgrossen

See“ und

Einem „kleinen Teiche“

(Die er

Beide kennt): „‚Mittelgrosser

See‘ und ‚kleiner Teich‘:

Ihr seid euch gleich!“ Zum Rest des Beitrags »

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Unsterbliche Khmer-Rockmusik

Nur wenige Schallplatten der 1960er haben die Zeit der Roten Khmer überstanden.

Stars der 60er

Ende der 60er Jahre dominierte die Garage-Rockmusikszene die Radios, Kinoleinwände und Tanzflächen Kambodschas. Musiker ließen sich von US-Vorbildern inspirieren und mischten deren Lieder mit traditioneller Khmer-Musik. So entstand ein unverwechselbarer Stil, der vom Westen lange Zeit unbeachtet blieb, doch in Kambodscha, anders als die Interpreten selbst, die Schreckensherrschaft der Roten Khmer überlebt hat.

Fragt man Kambodschaner nach Ros Sereysothea, Pan Ron oder Sinn Sisomouth, wird man meist mit einem Lächeln beschenkt. Fast jeder Khmer, ob alt oder jung, ist auch heute noch mit der Musik von Ros Sereysothea aufgewachsen. Lieder wie „Chnam Oun Dop Prum Mouy“ (Ich bin 16) oder „Oh, snaeha euy!“ (Oh, Liebe!, zusammen mit Sinn Sisomouth), werden von vielen Khmer als Nationalerbe betrachtet und laufen bis heute im Radio rauf und runter.
Ros Sereysothea, die von König Norodom Sihanouk sogar als „Goldene Stimme der königlichen Hauptstadt“ geehrt wurde, überlebte die Herrschaft der Roten Khmer nicht.  Um ihren Tod ranken sich viele Mythen, doch nach offizieller Version wurde sie 1977 mit ihrer Familie nach Kampong Som verfrachtet und getötet. Auch die Sängerin Pan Ron, die mit Hits wie „Bong Kom Prouy“ (Mach dir keine Sorgen, Schätzchen) berühmt wurde, fiel dem Pol-Pot-Regime zum Opfer. Sinn Sisomouth starb ebenfalls gegen Ende der 70er Jahre.

The Cambodian Space Project knüpft an die Kultmusik vergangener Zeiten an.

 

Sie alle lieferten den Soundtrack jener unbeschwerten Zeit nach dem Abzug der französischen Kolonialmacht und unter der Regierung des jungen Königs Norodom Sihanouk, der selbst ein Freund der schönen Künste war. Die Roten Khmer ächteten später die Musik als imperialistisches Sprachrohr und verboten sie. Die Platten und Filme sollten ebenso vernichtet werden wie die Sänger selbst. Doch manche Khmer riskierten sogar ihr Leben, um die geliebten Schallplatten zu verstecken und für nachfolgende Generationen zu erhalten.
Heute kommen auch junge Kambodschaner durch ihre Eltern und Großeltern mit der „Vorkriegsmusik“ in Berührung. Sie wird auf Hochzeitsfeiern und Familenfesten gespielt und oft grölen und tanzen alle mit. Durch Bands wie „The Cambodian Space Project“ und die kalifornische Gruppe „Dengue Fever“ haben die schmissigen Rhythmen auch das Interesse Expats  in Kambodscha und einer wachsenden Fangemeinde im Rest der Welt geweckt. Live-Konzerte, CDs, Mitschnitte auf Youtube und Dokumentarfilme lassen Gassenhauer wie „Chnam Oun Dop Prum Mouy“ weiterleben und sorgen dafür, dass die Erinnerung an die ermordeten Stars der Garage-Rockmusik niemals stirbt.

Farid Wilhelm Zimmermann

 

The Cambodian Space Project auf youtube:

 

The Cambodian Space Project auf Facebook:

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Reisewelten: Papua-Neuguinea (5)

Donnerstag, 30. August 2007

Goroka

Anstelle des Nissan-Busses fährt heute ein Toyota-Pick-up vor dem Pacific Gardens Hotel vor. Der bietet nur vier Plätze, weshalb sich Caspar und Felix auf die Ladefläche hocken. Fahrer Anthony ist heute kein Fahrer, sondern Tourguide. Am Steuer sitzt David und auf der Rückbank neben mir eine Touristin: Karyn, eine seit 23 Jahren in Japan lebende Amerikanerin, die in Kyoto Jura lehrt und bislang 127 Länder bereist hat.

Karyn erzählt, dass ihr gestern in Goroka die Kamera geklaut wurde. Sie saß im Auto und fotografierte aus dem offenen Fenster heraus, als ein Dieb blitzschnell in den Wagen griff und ihr die Kamera aus den Händen riss. Ihr Tourguide habe daraufhin mit dem Umfeld des Diebs verhandelt und ihr vorgeschlagen, dass sie 50 Kina Lösegeld für die Beute zahlen solle. Das habe sie jedoch abgelehnt, um die Kriminellen nicht zu weiteren Taten dieser Art zu ermuntern. Nach langen Verhandlungen und unter Mithilfe der Polizei habe sie die Kamera dann doch wiederbekommen. Allerdings ist jetzt der Zoom defekt. Halb so wild. Karyn ist gut versichert und hat noch drei weitere Kameras dabei: eine kleine digitale, eine große Spiegelreflex und eine Polaroid.

Der Greis Barakove führte im Zweiten Weltkrieg US-Soldaten im Kampf gegen die Japaner auf den Berg Grupoka.

Der Greis Barakove führte im Zweiten Weltkrieg US-Soldaten im Kampf gegen die Japaner auf den Berg Grupoka.

Nach halbstündiger Fahrt erreichen wie das Dorf Korekoreto. Schnell scharen sich die Schaulustigen um uns herum und begrüßen „Papa Michael“ und „Mama Karyn“. Aus der ersten Rundhütte kommt der Greis Barakove gekrochen, der Häuptling des 1200 Einwohner zählenden Dorfes. Er umarmt uns mit seinen zittrigen Ärmchen. Sein genaues Alter kennt keiner, es dürfte aber gut 90 Jahre betragen. Als junger Mann hat er im Zweiten Weltkrieg australische und amerikanische Soldaten auf den Berg Grupoka geführt, damit sie von dort japanische Flugzeuge abschießen konnten. Das Dorf verehrt Papa Barakove als Held. Zum Rest des Beitrags »

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Fußnote (1) zu Marx` Non-Ökomomie

Arbeit ist Dienst  

Es geht hier in diesem durchaus polemisierenden Abschnitt vor allem um die therapeutisierte und zugleich therapeutische Arbeit der neuen prekären Mittelklasse, die vielleicht eine Art Extremsport darstellt, und es geht damit weniger um jene krankmachende Verarmungsmaschinerie für Billigarbeitskräfte und Sozialhilfeempfänger, die heute durch den Besuch der „stalinistischen“ Zwangsernährungs-, Bekleidungs- und Ein-Euro-Ketten (Seeßlen) ihr Leben phasisch sichern müssen; also nicht um arbeitende und nichtarbeitende Objekte, bezüglich derer sowohl die Finanzunternehmen, Industriekonzerne als auch die neoliberalen Regierungstechniken des Staates jene Durchführung des Experimentes „coporate identity“ für wenig hilfreich oder aussichtsreich halten – „corparate identity“ im Sinne einer unbedingten Verpflichtung, sich mit den jeweiligen Unternehmenszielen zu identifizieren, als sei das Unternehmen eine überdimensionale Großfamilie (dort, wo es nicht um Identifizierung oder Gegenidentifizierung, sondern nur um Entidentifizierung gehen kann). Sozialhilfeempfänger von heute werden integriert, indem sie an den Staat eine Garantie zur Rückzahlung ihrer Alimente geben, dies allerdings nicht in der Form von Geld, sondern durch die permanente Abgabe von Aktivitätsprotokollen, der kontinuierlichen Anstrengung, die darin besteht, seinem Status als Schuldner zu entkommen, indem man selbst noch die vageste Einsatzbereitschaft zu jeder Art von Beschäftigung affirmiert -, es geht hier um die permanente Bereitschaft zur freien Disponibilität, eine Art Vollzeitaktivität oder verkehrter Autonomie, die ihren Sinn darin findet, alle Zwänge auszuhalten, so zum Beispiel die konstante Beratung durch Coaching, E-Mails der Jobcenter und Fortbildung; Maßnahmen, die im besten Falle so etwas wie die Erfahrung der Sinnlosigkeit hervorbringen. Was Lazzarato bezüglich der Verwendung elektronischer Chips bei Schafherden bemerkt hat, könnte man in Bezug auf die tatsächliche stattgefunden Ausstattung von Hartz 4 Leuten mit Schrittzählern zur Körperertüchtigung dann folgendermaßen formulieren: “Der Schrittzähler verwandelt die Akteure in Fleischströme, deren Zahlen, Verteilung, Gesundheitszustand etc. in Echtzeit bekannt ist. Das industrielle in Bewegung-Halten der Menschenströme (bei so gering wie möglicher Lagerhaltung) transformiert die Akteure in Datenbanken und die Jobcenteraufseher in Kontrolleure technisch ökonomischer Prozesse, die sie im Auftrag des Staates durchführen.” Zum Rest des Beitrags »

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Zombies: Die etwas andere Auferstehung

Das große Spektakel: „World War Z“; © Paramount

"They're us."

(George A. Romero)

 

I

Zombies sind ein kolonialer Mythos, der in den Untergrund des kapitalistischen Grauens abgewandert ist. Auf der einen Seite eine Unterstellung des christlich-kolonialistischen Blicks gegenüber den „Eingeborenen“: die Entseelung des Menschen durch Gift und Trance, als Bestrafung vielleicht, und dann für eine spirituelle Reise. Die Opfer werden durch einen Trank so gelähmt, dass man sie für tot halten kann, und dann steigen sie wieder aus dem Grab. Als willenlose Werkzeuge in den Händen der Magier. Und daraus wird der feuchte Traum des Kolonialisten: Sind solche willenlose, schlafwandlerischen Menschen nicht die idealen Arbeitssklaven? Wo sich die beiden Mythen treffen, entsteht die Legende vom „Aufstand der Zombies“. Der willenlose und doch nicht beherrschbare Mensch. Der Mensch ohne Bewusstsein, der nicht einmal mehr „gehorchen“ kann. Die ebenso nutzlose wie gefährliche Leerstelle der Transzendenz im Realen. Die Auferstehung des Menschen als seine eigene Negation. Nicht einmal mehr ein „Monster“, das etwas „demonstrieren“ könnte, nicht einmal ein Ungeheuer, das etwas Böses wollen könnte. Der Zombie ist eine irreale Zahl in der Rechnung der Schöpfung, der Religion, der Ordnung, der Ökonomie. Ein vernichtendes Nichts, mit dem gleichwohl zu rechnen ist.

Kapitalisten sind Vampire;

ihre Opfer werden zu Zombies, so wird es kommen.

Es sind Menschen, die nicht tot und nicht lebendig sind, weil es keinen würdigen Abschied, keine Trauer, keine Erinnerung gibt. Menschen, die schon gleichgültig waren, als sie noch „lebten“. Sie  konnten sich nicht erlösen durch die Arbeit, und sie konnten nicht erlöst werden durch die Liebe. Sie konnten nicht einmal davonkommen durch die Macht des Kapitals. Kapitalisten sind Vampire; ihre Opfer werden zu Zombies, so wird es kommen.

Und der Zombie ist das Gespenst des Sklaven mit seinem entwendeten Leben. Diese Wanderung aus den traurigen Tropen der Sklaverei ins Herz der postindustriellen Gesellschaft des Westens ist daher nur zu konsequent. Das nicht mehr richtig sterben können und die Entwendung der Seele durch die innere Landnahme des Kapitals sind in die Gesellschaften der ehemaligen Kolonialisten und Sklavenhalter eingekehrt. Die grausame Wahrheit nun: Jeder kann ein Zombie werden. Die einen freilich leichter als die anderen.

II 

Neben die Wiederkehr des Verdrängten in allen Untoten und die Gespenster der Geschichte treten nun die Schatten der Ökonomie. In den vampirischen Grafen und den adeligen Menschenbastlern des viktorianischen Schauerromans spiegelte sich die Schuld der Bürger gegenüber dem entmachteten Adel und zugleich die Angst vor dessen Widerkehr. Im Zombie spiegelt sich von Beginn an, neben der Schuld gegenüber dem unterdrückten und entrechteten Opfer des Kolonialismus, auch die Schuldangst vor dem Proletariat und dem Subproletariat. Zur Bedrohung wird der Zombie, weil er als Masse erscheint, und weil er sich vermehrt, Zum Rest des Beitrags »

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Über Kritik

Auftritt der Hofnarren

Kritik ist aus der Mode gekommen. TV-gängige Politikertalks oder Shitstorms können sie nicht ersetzen

The Critic, 1817 Buchillustration von Allen Robert Branston

Wir wollen einen kritischen Artikel von Ihnen haben, sagte der Redakteur. Dann gab er ihn mir zurück: Aber doch nicht sooo kritisch! Lieber eine Kritik, die die Leute mögen: „Wir müssen umdenken!, das liest man gern. Aber wer oder was uns daran hindert – ach, das ist gleich politisch einseitig. Man darf die Leute doch nicht verschrecken.“ Kritik ist eine Frage des Maßes, und offenbar haben verschiedene Menschen ziemlich verschiedene Vorstellungen davon, was das richtige Maß von Kritik ist.

Inzwischen ist der Artikel erschienen. Und es erhebt sich Kritik. Nicht mehr von der einen Seite, der der Autorität, sondern vielstimmig, teilweise anonym oder maskiert, im Internet, man nennt das heute so drastisch wie oft treffend „Shitstorm“. Einen Shitstorm erntet in der Regel, wer die festen Überzeugungen ­einer Szene oder eines Milieus angreift: Red Bull kein großartiges Lebensgefühl, sondern ein gewaltiger Konsumschwindel! Steve Jobs kein Heiliger des elektronischen Zeitalters! Lady Gaga völlig falsch interpretiert! Das bringt die Fans in Rage. So eine Art von Kritik, zu der niemand stehen muss, gegen die man sich nicht wehren kann, so eine Kritik kann ich nicht vertragen. Und ich nehme mir vor, solche Kritik (an der Kritik) nicht mehr zur Kenntnis zu nehmen. Aber ich weiß schon jetzt, dass ich es auf Dauer nicht durchhalten werde. Zum Rest des Beitrags »

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Fußnote (2) zu Marx` Non-Ökomomie

Ansätze für ein kleines ABC der Maschinen:

1) Dunkle Maschinen sind Entitäten, die vollkommen abgeschottet gegenüber anderen Maschinen existieren; es sind Maschinen, die ohne jegliche Relationen bestehen, so dass es ihnen auch kaum möglich erscheint, irgendwelche Anziehungskräfte zu entwickeln, um sich selbst manifestieren zu können. Ontologisch sind diese Maschinen zwar möglich, aber wir besitzen keinerlei Kenntnis von ihnen.

2) Bei den trüben Maschinen handelt es sich um Entitäten, die in aller Vagheit existieren und die sich stets in Gefügen manifestieren, aber dennoch üben sie sehr wenig Einfluss auf andere Maschinen oder deren Relationen aus. Man könnte hier sagen, dass die trübe Maschine innerhalb der sozialen Relation per se als quer erscheint, sozusagen als der Teil, der in den sozialen Gefügen kaum etwas zählt, z.B der Arbeiter, Immigrant, Obdach- und Arbeitslose etc., und obwohl diese trüben Maschinen in den sozialen Gefügen manchmal sogar äußerst auffällig agieren bzw. hyper-sichtbar erscheinen, besitzen sie keinerlei Stimme, die sich in irgendeinem Milieu oder Feld politisch zu manifestieren vermag und manchmal verzweifeln sie deswegen an ihrer Einflusslosigkeit. Es gibt zahllose politische Strategien, die sich darauf konzentrieren, diese Maschinen etwas heller zu gestalten, damit sie vielleicht etwas mehr an Anziehungskraft entwickeln. Zum Rest des Beitrags »

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Die Clowns. Oder: Die Tragödie einer lächerlichen Opposition

Le trio Fratellini

Wenn Politik nur dazu dient, Reiche reicher und Arme ärmer zu machen, helfen nur noch Clowns

In einem meiner Lieblingsfilme unter den Western all’ italiano, „La collina degli stivali“ wird die Herrschaft eines babygesichtigen Erzkapitalisten geschildert, der mit seiner terroristischen Bande und mithilfe windiger Advokaten und korrupter Gesetzeshüter alle Leute von ihrem Grund und Boden vertreibt. Wer sich seinem Willen nicht beugt, wird umgebracht, gefoltert oder verjagt. Die Organe von Gesetz und Ordnung sind schwach, korrupt oder profitieren ohnehin von der Herrschaft des Kapitalisten. Niemand kann sich seiner Gewalt entgegensetzen, die Karl Marx wohl als Muster der „ursprünglichen Akkumulation“ anerkannt hätte.

Niemand? Ein Zirkus kommt in die Stadt, mit Akrobaten, schönen Frauen und vor allem, mit Clowns. Und mit dem Zirkus kommen ein Pistolero, ein Haudrauf und ein befreiter Sklave. Der Kapitalist, der gerade wieder einem eingeschüchterten Landbesitzer seinen Boden abgenommen und ihn durch Drohungen mundtot gemacht hat, um ihn sogleich als mies bezahlten Lohnarbeiter wieder einzustellen, zeigt sich großzügig und lädt alle, seine Opfer, seine Mittäter und die ohnmächtigen Zeugen, zu einer Vorstellung des Zirkus ein.

Doch die Clowns spielen ein derbes Stück. Sie spielen das Stück vom Terror-Kapitalisten und seinen Methoden der mörderischen Akkumulation. Sie sprechen im Namen der Opfer. Und sie spielen den Aufstand, so lange, bis der Terror-Kapitalist sein wahres Gesicht zeigt. Dann kommen der Pistolero, der Schlagdrauf und der freie Sklave zum Einsatz. Das Volk, das in der Zirkusarena endlich nicht mehr ratlos war, befreit sich. Was nach der Revolte kommt, muss offen bleiben. Denn der Zirkus und der Pistolero verschwinden im Abendhimmel. In verschiedene Richtungen. Nur so viel ist klar. Ohne die Clowns würde der babygesichtige Terror-Kapitalist noch heute herrschen. Beziehungsweise genau das tut er.

Wenn staatliche Gewalt, ökonomische Interessen, das Gesetz und der Alltag eine Einheit gebildet haben, um die Menschen von ihrem Land, aus ihrem Leben und aus ihren Rechten zu vertreiben, wenn ein unbarmherziger Merkantilismus dafür sorgt, dass die Bank den Ruin ihrer Kunden überlebt, und nicht umgekehrt, wenn Leute, die sich ihre Rechte nicht nehmen und ihre Solidarität nicht abkaufen lassen wollen, mit Gewalt bedroht werden, wenn der Umbau der Demokratie mit freiem Markt in eine staatskapitalistische „marktkonforme Demokratie“ mit lebens- und menschenfeindlichen Großprojekten vorangetrieben wird, wenn Gesetz und Politik nur noch einem einzigen Ziel dienen, die Reichen reicher und die Armen ärmer zu machen, dann – ja, dann helfen nur noch die Clowns. Zum Rest des Beitrags »

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In der Hölle geht’s uns gut (“Club Inferno” – Theaterkollektiv Signa)

„Club Inferno“ – die neueste Produktion des Theaterkollektivs Signa für die Berliner Volksbühne zeigt die Grenzen des Realitätstheaters

Ein violett flackerndes Reklameschild im Flur, hinter einer Metalltür öffnet sich ein rotes Plüschboudoir, in dem ein schmieriger Mann im Seidenhemd seine Gäste empfängt. Zumindest von der Ausstattung passte der temporäre „Club Inferno“ hervorragend in den versifften Hinterhof der „Gerichtshöfe“ im Berliner Wedding. Doch nur site-specific soll das Theater von Signa und Köstler und Thomas Bo Nilsson ja nicht sein. Denn im Kern leben die Aufsehen erregenden Produktionen des dänisch-österreichischen Theater- und Performancekollektivs Signa von der Aufgabe der Grenze zwischen Kunst und Leben.

In ihrer vielbeachteten Produktion „Hadesfraktur“ (Köln 2009) gerät der Besucher in die Spiele einer brutalen Unterwelt. In „Hundsprozesse“ (Köln 2011) ist er angeklagt und weiß nicht warum. Gemessen an den Erfolgen der seit ein paar Jahren ebenso gehypten wie gefeierten Truppe löste die Grenzüberschreitung in „Club Inferno“ – der neuesten Produktion des Duos für die Berliner Volksbühne, leider nur ein existenzielles Gähnen aus.

Das lag daran, dass das Kollektiv Dantes Meisterwerk „Inferno“ in eine abgestandene Spießerfantasie übersetzt hatte. Für den, der sich in einer umständlichen Vorprozedur die Karten für die Performance abgeholt hatte, begann es noch einigermaßen dantesk. In einem Pavillon neben der Volksbühne in Berlin-Mitte musste er sich durch ein Spalier von ausgesprochen realistischen Pennern und Nichtsesshaften kämpfen, die ihm ständig einredeten, dass Kunst Scheiße sei. Drinnen angekommen, bekam er die Karten überreicht. Und wenn er sich in dem mit Wurzelholz ausstaffierten Raum umsah, konnte er sich tatsächlich an den Anfang von Dante erinnert fühlen, wo es bekanntlich heißt: „Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, weil ich vom rechten Weg mich abgewandt“.

In Wedding, vier Kilometer Luftlinie entfernt, sah es schon ganz anders aus. Die neun Höllenkreise, vom Stolz über den Zorn, von der Gier bis zur Ketzerei, mutierten da zu liebevoll ausgestatteten Themenzimmern eines Edelpuffs, der sich da hinter der Metalltür einer Werkstatt öffnete. Und in denen der Gefangene dieses Mitspieltheaters die Grenze zwischen Leben und Kunst mehr als einmal quasi hautnah verschwinden sah: Wenn er plötzlich in den Armen somnambuler, debil schwankender Mädchen in kurzen Röcken oder verführerisch lasziver Jungs in Latex-Slips versank und sich zu Techniken veranlasst sah, die dem Institut des Beischlafs gefährlich nahe kamen. Im Dante’schen Sinne schrecken, kathartisch reinigen oder sonst wie läutern konnte das jedoch kaum jemand. Jedes Dschungelcamp funktioniert heute nach diesem Prinzip. Zum Rest des Beitrags »

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Frohe Ostern Euch allen! oder: Hasen braten

Nein, diesmal nicht. Nicht der Vom-Eise-befreit-sind-Strom-und-Bäche-Quark, nicht diesen holden-belebenden-Blick-Mumpitz.

Eher schon, denn Ostern und Pfingsten geht es nicht gänzlich ab ohne ihn, eher schon also das "Sie feiern die Auferstehung des Herrn". Dabei, sie feiern sie gar nicht, wenigstens nicht so gründlich wie seine Geburt. Da gibt es Geschenke & Gefühle, zur Auferstehung aber wird nur Cholesterin in ovaler Form versteckt. Deshalb wollen wir dieses ethische und gesellschaftliche Problem heute einmal einer exakten Analyse unterziehen.

Ihren Ursprung haben Ostern, wie Weihnachten auch, im Glauben, und da haben Symbol und Ikonografie eine zentrale Rolle.

Also, es liegt an den Symbolen. Zum Rest des Beitrags »

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Unsere Mütter, unsere Väter (ZDF)

Fernsehen, stark überschätzt

Das war am Montagabend die Spitzenmeldung: Das Heute-Journal des ZDF begann seine Sendung mit der vorangegangenen Sendung: „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Als würde Deutschland, das deutsche Fernsehen, die deutsche Bevölkerung gerade jetzt,  beim Zweiten Deutschen Fernsehen, den Zweiten Weltkrieg entdecken.
Als würde uns, der deutschen Bevölkerung, eben jetzt spektakulär bewusst, dass damals nicht alles gut gelaufen ist.
Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung  begleitet diesen Dreiteiler mit einer  aufgeregten publizistischen Kampagne, sie sieht einen Film der „Epoche machen“ wird, der nun, endlich, vielleicht die aussterbende Generation der Kriegsteilnehmer dazu bewegen wird, den Kindern und Enkeln zu erzählen, wie es wirklich war.
Sicher, das ist gut gemachtes Qualitätsfernsehen, das ist eine ernsthafte Beschäftigung mit Geschichte, seriös in der Haltung,  gut im Handwerk.
Ein wenig zu "exemplarisch", ein wenig zu sehr auf die Stellvertretung der  Figuren bedacht, auf die "Bandbreite", die sie abzudecken haben, um  wirklich überragend zu sein, um wirklich tief in die Seele zu gehen.
Wenigstens mir.
Ich sehe das mit respektvollem Interesse, aber es geht mir nicht tief ins Herz.
Weil  viele Szenen  und Figuren überdeutlich die dramaturgische Architektur erkennen lassen, die  absichtsvoll auf Wirkung bedacht ist: In der zweiten Abteilung sehen Sie, wie ein junger Mensch mit humanistischen Grundsätzen im Krieg verroht.
Und nun beachten Sie bitte diese Krankenschwester. . .
Als ob es dieses Filmes bedürfte, um die Frage der individuellen Schuld, in die ein Mensch der Kriegsgeneration verstrickt werden konnte, in Deutschland heute neu zu diskutieren.
Nach der amerikanischen Serie "Holocaust" war tatsächlich etwas anders in Deutschland: die Wahrnehmung des Holocaust.
Nach dem ZDF-Zweiteiler „Die Gustloff“ wusste eine Mehrheit in Deutschland etwas über diese Tragödie.
Nach diesen drei Teilen wird nichts anders sein.

Henryk Goldberg, TA 19.03.2013

Bild aus: Motion Comic zum Film via www.zdf.de

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Die Öffentlichkeit muss neu erfunden werden (Vasif Kortun im Interview)

Die Hitze des Marktes und das Gute Brot von Istanbul: Vasif Kortun, Kurator und Direktor von "Salt-Istanbul" im Gespräch mit Ingo Arend

Vasif Kortun, Direktor von Salt-Istanbul. Foto: SALT

Vasif Kortun, Direktor von Salt-Istanbul.
Foto: SALT

Getidan: Herr Kortun, erinnern Sie sich noch an das Jahr 1992?

Vasif Kortun: Sehr gut sogar.

Sie kuratierten damals die Istanbul-Biennale. Sie gilt als ein Nukleus der neuen türkischen Kunstszene. Wie sah die damals aus?

Die Kunstszene damals war ganz anders konstruiert. Es gab damals nur sehr wenig Institutionen, die zeitgenössische Kunst unterstützt haben: Ein paar Galerien, eine Akademie für Bildende Künste, die Marmara-Kunsthochschule, die sich am Bauhaus orientierte. Trotzdem war es eine sehr gute Zeit. Ich kam aus Amerika, hatte meine Ausbildung beendet. Hüseyin Alptekin, der 2007 verstorbene Künstler war ganz wichtig. Ali Akay begann in der Stadt als Kurator und Soziologe zu arbeiten.

Heute ist Istanbul eine international gefragte Kunststadt. Wie erklären Sie sich diesen Aufstieg?

Ich bin nicht sicher, ob es wirklich so spezifisch mit Istanbul zu tun hat. Es hatte auch mit der generellen Situation nach 1989 zu tun. Die Mauer in Berlin war gefallen. Es war das Ende vieler Diktaturen. Überall begannen sich die Menschen mehr an der Gesellschaft als am Staat zu orientieren: in Russland, auf dem Balkan. Die Globalisierung hatte einen starken Einfluss.

Die Türkei öffnete sich auch…

Sie hatte sich schon seit einer ganzen Zeit geöffnet. Einige Staatsinstitutionen begannen, sich aufzulösen. Es war vieles in Bewegung damals. Es entstanden viele unabhängige Initiativen.

Ist denn die Akzeptanz für Kunst in der Gesellschaft derart gewachsen?

Sagen wir so: Kunst ist auf jeden Fall mehr zu einer Mainstream-Haltung geworden.

Hatte die damals die Funktion einer Ersatzöffentlichkeit?

Seit der Gründung der Republik zu Beginn der 20er Jahre dominierte der klassische öffentliche Intellektuelle linkshumanistischer Prägung die türkische Öffentlichkeit…

Und in den 90ern änderte sich das?

Ja. Die Essentials der Republik wurden damals in Frage gestellt. Die Leute reisten mehr. In den 70er Jahren war das unmöglich. Es war die Zeit der Ölkrise, des Embargos nach der Zypern-Krise. In den Achtzigern begann sich das zu ändern. Zu Beginn der 90er Jahre kam dann René Block aus Deutschland, Beral Madra kuratierte 1994 ihre wichtige Ausstellung „Iskele“ in Deutschland. Es folgten die Staatsausstellungen für Kunst. Mit dem Beginn der Gespräche über die EU-Beitritt der Türkei normalisierte sich die Situation vollends. Die Kunstszene orientierte sich an feministischen, politisierten und postkolonialistischen Ansätzen, begann Fotografie, Installation und Alltagsgegenstände in ihre Arbeit zu integrieren. Das regte zur Veränderung und zum Dialog an. Es entstand ein neuer, international erfahrener Künstlertypus. Zum Rest des Beitrags »

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Reisewelten: Papua-Neuguinea (4)

Mittwoch, 29. August 2007

Goroka

Ein neuer Tag, ein neuer Reiseleiter: Felix empfängt mich an der Rezeption des Pacific Gardens Hotels. Daniel aus Port Moresby hat ihn abgesandt, um mich in Goroka zu begleiten. Die Führung selbst wird jedoch von Caspar und Fahrer Anthony durchgeführt, die mit einem weißen Kleinbus vorfahren.

Meine drei Begleiter bringen mich zu einem Dorf am Stadtrand von Goroka. Dort sind meinetwegen schon alle auf den Beinen und begrüßen mich feierlich. John stellt mich der Menge vor und macht speziell die Frauen darauf aufmerksam, dass ich trotz meiner 35 Lebensjahre noch nicht verheiratet bin.

Eine Witwe in einem Dorf am Stadtrand von Goroka.

Eine Witwe in einem Dorf am Stadtrand von Goroka.

Um in ein Dorf aus Bambus- und Strohhütten zu gelangen, muss ich jedes Mal über eine kniehohe Vertiefung in den Holzzäunen klettern. Sie soll die vielen Schweine, die drumherum auf den Wiesen grasen und in Papua-Neuguinea Reichtum bedeuten, davon abhalten, in das Dorf zu rennen. Zunächst besuchen wir das Haus einer alten Frau, die sich für meinen Besuch so verkleidet hat, wie es eine Witwe in früheren Jahren tun musste: Die nackte Haut ist mit Lehm und Kalk fast weiß geschminkt, der Körper mit unzähligen Muschelketten behängt und die Haare sind von einem feinmaschigen Netz bedeckt. Früher galt die Regel: Ist der Mann erst einmal tot, darf seine Witwe nie wieder das Haus verlassen. Heute ist das nicht mehr so. Zum Rest des Beitrags »

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