Red-Bull-Kapitalismus

Red Bull ist mehr als ein Getränk, ein Energiespender, ein Lebensgefühl. Ja, es ist mehr als nur ein Produkt. Es verkörpert die aktuellste Form des Kapitalismus

Getränke eignen sich als Prophezeiungen des jeweils neuesten Stadiums des Kapitalismus besonders gut. In ihnen sind die Aspekte von Lebens- und Genussmittel, Differenz und Mainstreaming, Image und Illusion besonders ausgeprägt – und das umso mehr, als sich die Welt gerade das Rauchen abgewöhnt. Die meisten von ihnen kokettieren damit, mehr als ein Getränk zu sein, Lifestyle und Lebensfreude auszudrücken oder auch einen besonderen Status zu haben: die legale Droge. Wenn im Folgenden also vom verflüssigten Kapitalismus im weiteren Sinne und den Red-Bull-Kapitalismus im engeren Sinne die Rede ist, dann um zu beschreiben, wie die Macht vom Produzenten auf den Distribuenten übergegangen ist. Zum Rest des Beitrags »

Kleinigkeiten aus dem Georg Seesslen Blog

Jede Hoffnung auf Aufklärung basiert auf der Annahme, dass die Ordnung einer Gesellschaft nicht identisch ist mit der Ordnung des Denkens (in ihr). Man mag das umkehren: Um Aufklärung zu verhindern muss die Ordnung der Gesellschaft mit der Ordnung des Denkens gleichgesetzt werden. Wie man in der Science Fiction weiß: Das beste Mittel, eine solche Übereinstimmung zu erzielen, ist die Virtualisierung der gesellschaftlichen Prozesse, bis zu jenem Grad, wo zwischen dem Symbol und der Handlung kein Unterschied gemacht wird. Die Praxis der sozialen Übereinstimmung ist nicht nur wichtiger, sondern vor allem „wirklicher“ als die Wirklichkeit, die man mit einem Akt des einfachen Denkens erkennen könnte. Die Maschinen zur Rechtfertigung sind mächtiger als das zu Rechtfertigende erscheint, und so kehrt sich um, was Bronislav Malinovski einst zum Mythos schrieb, nämlich dass er ins Spiel gebracht werden, „wenn Ritus, Zeremonie oder eine soziale oder moralische Regel Rechtfertigung verlangt“.

Nach dem Unglück des Kreuzfahrtschiffs vor der italienischen Küste beobachten wir vor allem eins: eine ungeheure Zunahme von Reklame für Kreuzfahrten. Das könnte man zunächst als hysterische, ökonomische Reaktion der Branche abtun, als propagandistische Übertünchung des Unglücks und der damit verbundenen Kritik an den Unternehmungen selber. Aber es handelt sich offenbar um mehr: Die symbolische Ordnung wird wieder hergestellt, die durch das Bild des umgekippten Schiffes gestörte Ornamentik einer Welt-Erfahrung buchstäblich wieder aufgerichtet. Natürlich verzichtet man auch nicht auf die „Traumschiff“-Phantasien des Fernsehens. Kurzum: die Traumschiffe sind wichtiger als reale Havarien. So wie die Jury des Dschungelcamps „entscheidender“ ist  als das Parlament.

Es wird also nicht mehr „gerechtfertigt“.  Vielmehr geht es um die Besetzung der Wahrnehmungsfelder. Sie macht, dass es zwischen der Ordnung des Denkens und der Ordnung der Gesellschaft einen Bereich gibt, der von Aufklärung nicht mehr zu durchqueren ist. Traumschiffe kentern nicht. Es gibt keine Klimakatastrophe und keinen Oil Peek, indes Lust und Zwang, den Traum zu „verwirklichen“. Hatte man einst den Mythos, die Wirklichkeit zu erklären, so nun eine Wirklichkeit, den Traum zu rechtfertigen. Die beiden Aspekte des Mythos, die in den unterschiedlichsten Theorien immer wieder aufeinander treffen, der Mythos als Wunscherfüllung (das Traumschiff) und der Mythos als (apokalyptisches) Abbild der Welt (der Untergang), vereinen sich („Titanic“ als globalen industriellen Mythos hatten wir ja schon); ist der reale Untergang eine Episode des „Traumschiff“-Mythos, oder ist das Traumschiff eine Episode des Mythos vom Untergang? Nichts jedenfalls deutet darauf hin, dass wir der Traumschiffhaftigkeit unserer Ordnung von Welt und Gesellschaft derzeit etwas entgegen zu setzen beabsichtigen.

Georg Seeßlen

Bild: Costa Kreuzfahrten Mittelmeer Kundenmagazin Abenteuer und Reisen via horizont.net

Weitere Kleinigkeiten im Georg Seeßlen Blog DAS SCHÖNSTE AN DEUTSCHLAND IST DIE AUTOBAHN mehr lesen 

Stan Back – aus seinem Nachlass (III)

Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.

 

In der Hölle sonnen (Stan Back, Club der Höllen-Dichter, 2006)

(Episode aus: Schriften aus der Hölle)

Die Personen:

- Heiner Müller (der linke Theatermann des Fragments, der Montage und der Überschreibung von Klassikern)

- Christoph Maria Schlingensief (der christlich-messianische Bürgerschreck)

- Stanley Back (der ideale, weil tote Künstler)

- gelegentliche Einspielungen von Radiohack und Diktiergerät

Abstract:

Ein aktueller Witz über den Eintritt eines Gestorbenen in die Hölle dient als Einstiegsanekdote. Stanley Back und Heiner Müller erfahren über Radio Hellsound, dass Christoph Schlingensief gestorben ist; sofort setzen sie sich dafür ein, dass er in den atheistischen Teil der Hölle kommt.

Die Drei sitzen nun an einer Theke in der Hölle und sprechen über die falsche Kunst für das falsche Publikum in einer falschen Welt.

1. Ankunft – der Witz

Ziemlich guter Empfang hier unten. Gerade meldet Radio Hellsound den Tod des Film- und Theaterregisseurs Christoph Schlingensief. Elfriede Jelinek wird zitiert: »Er war der größte Künstler aller Zeiten.«

Den werden sie auf glühenden Kohlen schmoren, meint Heiner Müller mit einem tiefen Zug an seiner Zigarre, und bläst eine riesige Wolke aus, in die sich die Worte schmunzelnd einnisten.

Aber wir können was unternehmen, wirft Stanley Back schon zum Höllentor losgehend ein.

Gerade rechtzeitig am Höllenportal: Der Wächter liest Schlingensief seine Vergehen vor, und es gibt keine Hoffnung, dem christlichen Gericht zu entkommen: denn fortgesetzte Gotteslästerung – und das auch noch auf der Theaterbühne und mit Multimedia in alle Welt reproduziert – hat zweifellos ewige Höllenqualen zur Folge. Richtig, der arme Theatermann völlig geknickt, mit angeklatschten Haaren und von tiefen Kummerfalten entstellt, soll auf glühenden Kohlen schmoren.

Mit erstickter Stimme versucht Schlingensief sich gerade zu verteidigen, dass er schließlich mit den elend langen Leiden des Krebstodes schon genug bestraft sei. Noch bevor der Wächter ihn jedoch mit einem Tritt in das höllenheiße Portal befördern kann, intervenieren Müller und Back. Sie nehmen ihn zwischen sich mit in IHREN Teil der Hölle: Willkommen im Club der Höllen-Dichter.

Geblendet von gleißendem Licht, glaubt Schlingensief auf eine Bühne zu treten; doch er kann es nicht fassen: Ein weißer Strand liegt vor ihm, Menschen aus aller Herren Länder sonnen sich, spielen Beachvolleyball, tanzen johlend, schwimmen oder sitzen, Caipis schlürfend, in Strandbars und lesen sich gegenseitig vor. Überwältigt von diesem Kunstfreizeitidyll geht Schlingensief plötzlich völlig befreit von den Erdenqualen zum glasklaren Wasser, schwimmt einige Runden und schlendert den Strand auf und ab. Später trifft er – nun wieder mit hoch toupierten Haaren – auf Müller und Back in einer Strandbar.

CS: Das ist ja unbeschreiblich hier, wenn ich das früher gewusst hätte… wie eine grandiose Kombination von endloser Theateraufführung und Gelage. Ich war so erschrocken, als ich starb: nichts gab es mehr, nur Schwarz. Bis ihr mich geholt habt.

SB: Du bist hier in der Kultur-Hölle gelandet. Alles, was du siehst, ist reine Projektion. Nur Vorstellung. Jede/r erlebt etwas anders, und doch sind wir im gleichen Stadium des Nichts.

Man plaudert über die letzten Jahre, resümiert die politischen Ereignisse, bis Schlingensief sich irgendwann traut zu fragen:

CS: Habt ihr das gesehen? Was ist denn da hinter dieser großen Düne? Da werden Menschen auf Rosten gegrillt und mit glühenden Eisenstangen gequält. Kommen wir da später auch hin?

(HM) Ach das, meint Müller, sich mit einem notorischen Zug an der Zigarre umwendend, nö, das ist nur für die Christen, die wollen das so – bis in alle Ewigkeit werden sie gequält. Wenn wir dich nicht abgefangen hätten, wärst du auch da gelandet. Das hast du deinen kläglichen Inszenierungen »Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« und »Mea culpa« zu verdanken. Du musst nicht denken, dass die hier nicht deine Stücke kennen. Das war nichts als Gotteslästerung, weil du einen Gottesdienst für dich selbst gehalten hast.

CS: Dann habt ihr mich davor gerettet, in der Hölle zu schmoren?

HM: Ja, obwohl du dich selbst auf der Bühne als Jesus-Christus mit allem Brimborium inszeniert hast, haben wir dich rüber geholt.

CS: Ich habe es als Beleidigung empfunden, dass da plötzlich klammheimlich der Krebs versuchte, mich abzuschalten. Ich dachte immer, ich bin eigentlich eine liebenswürdige Person.

HM: Ja, aber in deine Ministrantenzeit zu regredieren, komm schon. Wenn das Ziel des Künstlers ist, von allen geliebt zu werden, dann hast du das ja geschafft. Aber was kam dann?

CS: Vielleicht war ich vom Humor des Größenwahns befallen? Ja, und ich wollte mein Scheitern vorführen. weiterlesen

Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner

Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht:    stan-back.tumblr.com

Freier download des pre-release des Stücks: “2nd Class Life” auf   soundcloud.com

Stan Back auf facebook

Fiji (Reisewelten)

Samstag, 29. September 2007

Fiji

Wir landen auf dem internationalen Flughafen von Nadi. Obgleich „Nadi“ geschrieben, wird der Städtename „Nandi“ ausgesprochen. Am Ende der Gangway spielen bunt gekleidete Fijianer Ukulele und schmettern den Besuchern ein kräftiges „Bula“ entgegen. Bastian Pastewka hat vor Jahren mal in einem Interview erzählt, dass „Bula“ auf Fiji sowohl „Willkommen“ als auch „Hallo“ als auch „Bitte fahren Sie Ihren Wagen in Parkbucht Nummer 17“ heißen kann. Und damit hat er vollkommen Recht. Denn in den kommenden fünf Tagen höre und sage ich jede Stunde mindestens fünfzig Mal „Bula“.

Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren.

Die rote Handelsflagge von Fiji zeigt den Union Jack, um die Zugehörigkeit zum Commonwealth zu unterstreichen, sowie das Wappen von Fiji mit einer Friedenstaube und den wichtigsten Anbauprodukten Bananen, Zuckerrohr und Kokospalmen. Die Nationalflagge sieht genauso aufgeteilt, hat aber einen blauen Untergrund, um das Meer zu symbolisieren.

Zum Glück muss ich mich im Urlaubsparadies der 330 tropischen Inseln um gar nichts kümmern, weil ich schon in Neuseeland das „Awsome Adventure“-Paket mit allen Transfers, Hotels, Mahlzeiten und Fährverbindungen gebucht habe. Kostenpunkt: 832 Neuseeland Dollar für fünf Tage und vier Nächte. Das sind rund 430 Euro. Mein Shuttlebus bringt mich zum Aquarius Fiji Hotel.

Ankunft mit Air New Zealand auf dem Flughafen von Nadi.

Ankunft mit Air New Zealand auf dem Flughafen von Nadi.

Von hier soll jede Stunde ein Bus Richtung Stadtzentrum fahren. Schon auf dem Fahrplan steht ausdrücklich, dass er mal zehn Minuten früher, aber auch durchaus zehn Minuten später eintreffen kann. Man soll sich entsprechend auf diese „Fiji Time“ einstellen. Mit acht Minuten Verspätung tuckert das alte fensterlose Gefährt um die Kurve. Ich lasse mich in die verschlissenen Polster fallen. Nach 15 Minuten Fahrt durch grüne Wiesen, vorbei an Zuckerrohrfeldern und einem McDonald’s-Drive-In, der an der Einfahrt mit „Bula“ grüßt, erreiche ich die halbwegs moderne Innenstadt. Hier reihen sich nicht nur die Shops und Supermärkte aneinander, hier müssen Touristen auch erdulden, alle fünf Sekunden mit Verkaufsabsichten angequatscht zu werden. Dieser Spießroutenlauf nervt mich schnell.

Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln.

Der indische Einfluss in Nadi ist unverkennbar und zeigt sich auch in kunterbunten hinduistischen Tempeln.

Ich will mich am Ende der Hauptstraße in den kunterbunten Hindu-Tempel retten. Doch der begrüßt einen am Eingang mit dem handgeschriebenen Hinweis, dass man ihn nur mit Tourguide und zum Preis von 35 Dollar besuchen darf. Fotos vom Zaun aus seien außerdem verboten. Diese offenkundige Touristenabzocke veranlasst mich dazu, den Tempelbesuch zu streichen. Weil keiner guckt, mache ich schnell meine Fotos. Vom Zaun aus. Zum Rest des Beitrags »

Hitler im Vogelkäfig sorgt für Debatte

Nur in einem Zimmer darf Sebastian Hertrich sein Kunstprojekt "Your Brown Cage" - einen Käfig mit Hitlerfigur - im Landtag zeigen. Foto: Sascha Fromm

MELDUNG Ein kleiner Adolf Hitler in Uniform, der grüßend in einem Vogelkäfig eingesperrt ist. Die provokante Plastik des Weimarer Bauhaus-Studenten Sebastian Hertrich werden die Gäste der Ausstellungseröffnung am Donnerstag auf dem Fraktionsflur der Grünen im Landtag nicht gleich sehen. Das Kunstwerk steht in einem Beratungsraum. (Kai Mudra, Thüringer Allgemeine,  26.01.12)

 

KOMMENTAR von Henryk Goldberg: Braune  Vögel

Natürlich, streiten kann man immer. Ob das Kunst ist? Der kleine Hitler im Vogelkäfig, wir stellten ihn gestern vor. Aber im Grunde ist das die falsche Frage, denn was Kunst ist, das kann niemand dekretieren. Die Frage heißt allenfalls, wie überzeugend diese Kunst ist.
Aber darum geht es nicht. Es geht darum, ob man so etwas in einem sensiblen politischen Raum zeigen darf. Die Präsidentin des Thüringer Landtages entschied: nein. Und so darf das Objekt nicht in einem Korridor des Parlamentes gezeigt werden, sondern nur hinter einer verschlosssenen Tür, hinter der die grüne Fraktion einen Raum hat.
Wieso?
Die grundlegende Haltung hinter diesem Kunstobjekt ist vollkommen unmissverständlich. Und wenn der Betrachter assoziiert, es liege an ihm, an jedem Betrachter, „Your Brown Cage“ geschlossen zu halten, es liege an ihm, wie er das braune Gezwitscher empfindet, dann ist das nicht falsch.
Diese Entscheidung steht für die große Unsicherheit der regierenden Politik, gerade im atmosphärischen Umfeld der Nazi-Terror-Szene. Nur nicht provozieren. Indessen, ich mindestens sehe in einem Hitler-Käfig keine Provokation. Was ist daran falsch?
Eine Provokation ist jetzt die Beobachtung der Linkspolitiker. Exakt durch jenen Dienst, dem es nicht gelang, die kleinen Hitlers einzusperren.

Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 27.01.2012

Kunstaktion der Berlin Biennale (II)

Die Berlin Biennale übt eine neue Semantik, und Chantal Mouffe verteidigt Sarrazin-Sammelstelle

Künstler wie Journalisten

Abgabepunkte. Die neutrale Vokabel, mit der die Berlin Biennale zwischenzeitlich das Wort „Sammelstelle“ ersetzt hat, zeigt: Der Vorwurf, die Kunstaktion „Deutschland schafft es ab“ des tschechischen Künstlers Martin Zet für die 7. Ausgabe der Biennale erinnere an die „Bücherverbrennung“ der Nazis, hat sie doch stärker getroffen. Attraktiver hat die neue Semantik das Projekt aber nicht gemacht.

Thilo Sarrazins umstrittenen Bestseller massenhaft zum Altpapiercontainer zu tragen wie ein abgelaufenes Telefonbuch, formuliert nämlich keine Antwort auf den selbst ernannten Rassentheoretiker, die über formale Ablehnung hinausginge. Da ist es ein wenig schleierhaft, warum Chantal Mouffe diese lahme Geste zur „visuellen“ Reaktion einer „kritischen Kunstpraxis“ nobilitiert. So hat die belgische Politologin dieser Tage das Projekt auf der Biennale-Website verteidigt. Artur Zmijewski, ihr gleichfalls in die Schusslinie geratener Kurator, musste sich offenbar intellektuelle Schützenhilfe organisieren.

Die wird er brauchen können: Der Arbeit seines Gastes gebricht es nämlich deutlich an Fantasie. Mit Musik, Malerei, Performance, Theater, Video oder Film Sarrazins krude Mixtur aus Rassismus und Eugenik zu konterkarieren, könnte eine der spannendsten ästhetischen Herausforderungen unserer Zeit sein. Doch Zet entledigt sich ihrer mit Hilfe des Komposthaufens. Zum Rest des Beitrags »

Kunstaktion der Berlin Biennale (I)

So unterkomplex wie Sarrazin

An verschiedenen Orten in Deutschland werden Depots für die Abgabe des Buches „Deutschland schafft sich ab“ eingerichtet. Es handelt sich um ein Kunstprojekt.

„Deutschland schafft sich ab“. 1,3 Millionen Exemplare hat Thilo Sarrazin von seinem umstrittenen Bestseller verkauft. Angesichts dieses sensationellen Erfolgs quält viele die Frage, welches Kraut gegen dieses antimuslimische Dossier eigentlich gewachsen ist.

Der Berlin Biennale dürfen wir zumindest für die Erkenntnis dankbar sein, wie dieser Geisteshaltung auf keinen Fall zu begegnen ist. „Deutschland schafft es ab“ heißt die „raumgreifende Installation“, mit der sich der Bildhauer und Videokünstler Martin Zet an der 7. Ausgabe der Schau beteiligen will, die die Kunst-Werke in der Hauptstadt im April veranstalten.

An unterschiedlichen Orten in Berlin und in ganz Deutschland werden in den nächsten Tagen Depots für die Abgabe des Buches eingerichtet. Aus den gesammelten Exemplaren will der 1959 in Tschechien geborene Künstler eine Installation bauen, wenn die Biennale eröffnet. Wenn sie endet, sollen die Bücher recycelt werden. Zum Rest des Beitrags »

Zur Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“

Ordnung und Unordnung

Ein Risiko bleibt

Die Ausstellung „Demonstrationen – Vom Werden normativer Ordnungen“ im Frankfurter Kunstverein thematisiert Formen von Macht und Protest

Schleichend hat sich hierzulande die Meinung eingebürgert, Demonstrationen seien etwas Gutes. In der Abkürzung ‚Demo‘ liegt der ganze Charme einer gelegentlichen Verrichtung, der immer noch die Aura der Renitenz anhaftet. Die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein bricht sehr schnell mit dieser Konvention, die die Demo zum Teil des gewöhnlichen Alltags macht. Denn sie zeigt zum einen Demonstrationen der Macht. Sie bietet aber auch bewegte Bilder aus dem arabischen Frühling, auf denen leblose Körper auf der Straße liegen, die wie Müllsäcke von Polizisten beiseite geschleift werden.

Um zu erkennen, was genau eine Demonstration ausmacht, werden in der von Britta Peters, Fanti Baum und Sabine Witt kuratierten Ausstellung zuerst die Formen dargestellt, die sie im Verlauf der Geschichte annahmen: Von Prozessionen, Aufmärschen, über Blockaden und Online-Demos bis hin zu Flash-Mobs. Das Ganze auf drei Stockwerken, bunt gemischt von der Malerei über Video bis zur Installation.

MARCELLO MALOBERTI „The Ants Struggle on the Snow“ Performance, Performa, New York (US), 2009 Foto/ Photo: Gisella Sorrentino Courtesy of the artist and Performa 2009, New York

MARCELLO MALOBERTI „The Ants Struggle on the Snow“ Performance, Performa, New York (US), 2009 Foto/ Photo: Gisella Sorrentino Courtesy of the artist and Performa 2009, New York

Ordnung und Unordnung sind das entscheidende Begriffspaar, um eine Struktur in die Vielzahl der Exponate zu bringen. Auf Zeichnungen und Gemälden der Französischen Revolution, des Hambacher Festes und der Revolution von 1848 ist es meist eine enthusiasmierte Bürgermenge, die – von heute aus betrachtet – einen recht ordentlichen demokratischen Zug unternimmt. Oder es herrscht zwar ein chaotisches Treiben unter den Barrikadenkämpfern wie in der Darstellung der Kämpfe 1848 am Köllnischen Rathaus in Berlin oder am Alexanderplatz. Innerhalb des Bildes ist aber alles an seinem Platze – unten das angreifende Militär, in der Bildmitte die Barrikadenkämpfer und oben die Paläste der Macht. Ohne Probleme kommt hier das Ganze in den Blick. Zum Rest des Beitrags »

Daniel Erk: So viel Hitler war selten

Hitler – der populärste Tote der Postmoderne

Daniel Erks unterhaltsames Aufklärungsbuch über den ewigen Frühling des Führers  

Nein, den marktreißerischen Superlativ im Titel haben sie klugerweise vermieden.  Zwar heißt es im Klappentext des Random House-Ablegers Heyne über Daniel Erks Hitler-Aufklärungsbuch raunend: „Der Umgang mit dem ‚Führer’ wird immer sorgloser.“ Doch der Titel selbst ist eher zurückhaltend: „So viel Hitler war selten.“ Hier schwingt wohl die Ahnung mit, dass „Springtime for Hitler“, um den legendären Refrain von Mel Brooks’ Filmklassiker „The Producers“ zu zitieren, nunmehr seit Jahrzehnten  währt. Zu allen Jahreszeiten, bei jeder Gelegenheit begegnen uns Hitler und die Seinen. Der Mann aus Braunau ist  zum populärsten wie prominentesten Untoten der Postmoderne geworden. Ein mächtiges Gespenst in einem vorgeblich säkularen Zeitalter. Mit der modernen Medien-Figur Hitler verbindet sich ein unablässiger Strom von Humor, Witzen, Persiflagen, und Parodien.

Die bloße Feststellung einer grassierenden Hitler-Mania birgt also keinen großen Erkenntniswert – und doch ist Daniel Erks Buch verdienstvoll. Erk, der unter dem Dach der taz seit Jahren das Hitlerblog betreibt, listet in „So viel Hitler war selten“ mit  Eifer und Geduld auf, wie sich die Kulturindustrie Hitlers und seinem Gedenken angenommen hat und zu welch verbalen Entgleisungen die Analogien mit Hitler und dem Nationalsozialismus zuweilen geführt haben. Die Medienskandale von gestern und vorgestern ziehen im Zeitraffertempo vorbei. Etwa Philipp Jenningers unbeholfene Rede vom „Faszinosum des Nationalsozialismus“, Hertha Däubler-Gmelins im Wahlkampf geäußerter Vergleich von George W. Bush mit „Adolf Nazi“, der Auftritt von DJ Tomekk im RTL-Dschungelcamp mit Hitler-Gruss und erster Strophe des Deutschlandlieds. Bizarre Funde kommen auch zutage, wenn sich Erk der Werbeindustrie annimmt, Zum Rest des Beitrags »

Bundespräsident Christian Wulff auf der Bühne des ‘Berliner Ensembles’:„Typisch deutsch?“

Ein Mann von stupender Monochromie

Bundespräsident Christian Wulff folgte der Gesprächseinladung des ZEIT-Herausgebers Josef Joffe. Seine klare Botschaft: Er hat sich fürs Durchhalten entschieden.

Lügner. Das Wort stand unsichtbar im Raum. Manchmal sah man am Sonntagmorgen ängstlich in den Schnürboden des Berliner Ensembles, ob es in Form einer Guillotine herniedersausen würde. Seit Stefan Wenzel, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Niedersächsischen Landtag, Bundespräsident Christian Wulff mit dieser gezielten Provokation herausgefordert hatte, hängt es wie ein Schatten über dem Präsidenten.

Kann ein mutmaßlicher Lügner die Wahrheit über Deutschland sagen? Auf diese Frage lief das Gespräch hinaus, zu dem sich Wulff vor sechs Wochen hatte überreden lassen. „Typisch deutsch?“ war die Matinee betitelt, zu der ZEIT-Herausgeber Josef Joffe ihn ins Haus am Schiffbauerdamm geladen hatte.

Die Zuhörer im voll besetzten Saal erlebten keinen Arturo Ui oder eine der Brecht-Figuren, die die Lüge rechtfertigen, weil anders kein Fortkommen ist im System. Sondern die bekannte Mischung aus unauffällig und pseudogravitätisch. Ein Mann von solch stupender Monochromie, dass man sich fragt, wie der auf die Idee mit der “bunten Republik” kommen konnte. Ein angegrauter Schülersprecher im dunkelblauen Anzug, der mitunter etwas belegt redet, damit seine Banalitäten bedeutsam klingen: “Ich denke, die Menschen sind zufrieden mit der parlamentarischen Demokratie.” Zum Rest des Beitrags »

Sahra Wagenknecht: Freiheit statt Kapitalismus

Von Ulbricht zu Erhard

Brutto, Tara, Netto

In ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ äußert Sahra Wagenknecht nichts Falsches und kaum Neues, aber viel Vernünftiges und verbindet dies alles mit einer Marketing-Idee, über deren Nutzen und Nachteil man sich dann halt ein paar Gedanken machen wird. Dem Vernehmen nach soll in Teilen ihrer Partei die neue Position der Autorin mit einigen ihrer älteren Auffassungen verglichen und die dabei festgestellte Differenz ihr vorgehalten worden sein. Diesen Effekt wird sie als Werbe-Nutzen einkalkuliert haben. Wer sich für das interessiert, was sie der Sache nach zu sagen hat, sollte sich von solchem Geräusch nicht ablenken lassen, sondern nachsehen, was im Buch drin steht. Erzählen wir es also erst einmal nach.

 

Diagnose

Das Buch ist gut lesbar geschrieben und didaktisch eingängig aufbereitet. Hinter jedem Abschnitt steht ein Fazit. Es empfiehlt sich aber, sich nicht in erster Linie an diesen Zusammenfassungen festzuhalten. Lehrreicher sind die zahlreichen Details, die ihnen vorangehen.

Laut Sahra Wagenknecht ist der Kapitalismus mittlerweile in eine Phase des Mangels an Produktivität eingetreten. In der hochkonzentrierten Finanzindustrie, in der sich die Institute vor allem wechselseitig Geld leihen, fungieren „Banken als Investitionsverhinderer“ und als „Innovationsbremse“. So werde „Schaum statt Wert“ erzeugt. An die Stelle einstmals produktiver Industrien sei nunmehr eine „ausgezehrte Welt-AG“ getreten, in der die Unternehmen nur noch „am kurzfristigen Shareholder Value ausgerichtet“ seien und ihre Substanz „durch hohe Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe“ beeinträchtigt werde. Die Leistungsgesellschaft werde viel beschworen, sei aber unter solchen Umständen nur ein Mythos. Kaum mehr als ein Prozent der Bevölkerung kontrolliere die großen Vermögen. Über die Zugehörigkeit zu diesem exklusiven Club entscheide häufig die Geburt. Sei einst – laut Joseph Schumpeter – kreative Zerstörung ein Merkmal des Kapitalismus gewesen, gebe es jetzt vor allem zerstörte Kreativität. Zum Rest des Beitrags »

Stan Back – aus seinem Nachlass (II)

Der Künstler und Musiker Stan Back ist vor drei Jahren in Costa Rica verschwunden.

 

Die neue Mitte (Stan Back, Paris ca. 2002)

Plot:

Dies ist eine Geschichte über die neue leere Mitte. Aus einem indischen Restaurant auf der Berliner Oranienburger Straße heraus beobachtet der Ich-Erzähler vorübergehende Menschen: E-Business-Leute, die von der Arbeit kommen, die Künstlerbohème, die bei der Arbeit ist, Huren, die zur Arbeit gehen, und Menschen, die hier schon immer leben. Dabei liest der Erzähler in einem Buch, das er zuvor auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft hat, und lauscht seinen Tischnachbarn. Dieses Zentrum schneller urbanistischer und ökonomischer Entwicklung bei den Hackeschen Höfen, wo er seit der so genannten Wiedervereinigung gewohnt hatte, dient ihm zur Lokalisierung einer Leere: Die neue leere Mitte.

(Die Lesung wird mit einem Videoloop, der einen kleinen Rundgang von der Rosenthalerstraße in die Oranienburgerstraße und zurück projiziert, und Dias von Berlin-Mitte hintermalt, die einzeln vom Leuchttisch genommen und eingelegt werden.)

Gerade war ich in einem indischen Restaurant angekommen. Ich setze mich an einen Tisch unmittelbar an den aufgeschobenen Türen der Straßenfront, neben dieses Pärchen, das irgendwie aussieht als wären beide separat vor einem Jahr aus Kreuzberg nach Mitte gezogen. Mein Platz erlaubt mir mit dem Restaurant im Rücken, die Oranienburgerstraße panoptisch zu betrachten. Alle vier Minuten rumpelt eine Straßenbahn in Richtung Friedrichstraße vorbei. Von rechts nach links. Menschen gehen in beide Richtungen. Hier warte ich bei einem Essen auf eine Freundin, die mich später abholen wird.

Ich bin übers Wochenende in Berlin, um meine Fotoausstellung in der Galerie Kapinos zu eröffnen. Meine Bilder zeigen meist einfache Dinge. Dinge, die man schon zu kennen glaubt, aber mit einem anderen Blick. Vor drei Jahren war ich von Köln nach Paris gezogen, um aus der Bedrängnis des neuen deutschen Zentralismus rauszukommen. Dieses paranoische System, dieses sich gegenseitige Taxieren, ob man nun nach Berlin geht oder sich dagegen entscheidet. Und überhaupt, alles was damit zusammenhängt. Was gab es da noch zu entscheiden? Ich habe meine Assistentenstelle an der Kunsthochschule gekündigt und mich in Paris mehr auf Fotografie konzentriert.

Das Restaurant heißt Tagore. Die Speisekarte zeigt das bärtige Porträt des indischen Künstlers Rabindranath Tagore in einem ovalen Mandala, das durch seine Verzierungen wie ein plattgedrückter Kronkorken aussieht. Rabindranath Tagore war ein früher Popmodernisierer des indischen Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde erst spät zum Poeten, Maler und Bildhauer – das ganze Programm. Er gründete ein Künstlerdorf in der Nähe von Kalkutta, wo er die durch die Kolonisation unterdrückte indische Musik und den traditionellen Tanz wiederbelebte.

In diesem, wie ich finde, libertär gestimmten Restaurant, ziehe ich ein Taschenbuch aus der Jacke, das ich morgens für eine Mark auf dem Büchermarkt der Museumsinsel gekauft habe.

Nur dunkel erinnere ich mich noch an den Philosophieunterricht in der Schule. Machiavelli, der hatte etwas Abstoßendes in meiner Erinnerung hinterlassen. Deshalb hatte ich mich vermutlich für das Buch entschieden: »Bücher des Wissens. Macchiavelli [sic]. Auswahl und Einleitung: Carlo Schmid« – ein harter Gegensatz zum modernistischen Tagore.

Nachdem ich bei einer jungen deutschen Bedienung ein rund gewürztes Thali bestellt habe, sehe ich schemenhaft Passanten vorbeigehen und schlage das Kapitel »Was ist der Mensch?« auf:

»31] Die Menschen sind immer schlecht, wenn sie nicht durch den Zwang der Notwendigkeit gut gemacht werden.«

Ich muss lachen. Ja, eine solche Menschenverachtung fehlt mir gerade noch. Mein Blick schweift über die Straße.

Ein junger Schnösel geht auf das gegenüberliegende Schaufenster eines Optikers zu, scannt es mit interesselosem Blick und dreht sich soweit um, dass er mich sieht, geht langsam auf das Restaurant zu, um dann abzubiegen. Einige Sekunden blicken wir uns in die Augen. Wie kann er nur so direkt sein, meinen Blick so erwidern. Habe ich ihn angestarrt?  weiterlesen

Stan Back, © Stefan Römer, Fotograf: Franz Wanner

Die Texte von Stan Back werden auf diesem Blog veröffentlicht:    stan-back.tumblr.com

Freier download des pre-release des Stücks: “2nd Class Life” auf   soundcloud.com

Stan Back auf facebook

Verzeih’n Sie mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?

Meldung Die Bahnstation Radebeul-West soll ab 2014 wieder Radebeul-Kötzschenbroda heißen. Die Station ist durch den Nachkriegsschlager „Verzeihn Sie mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda“ bekannt. Das Lied sang der Westberliner Künstler Bully Buhlan 1946 nach der weltbekannten Swing-Melodie „Chattanooga Choo Choo“ von Glenn Miller. © dapd. 19.01.12

Alte Platten

Es muss so ungefähr die gleiche Zeit gewesen sein. Ich hörte damals dieses Lied auf einer alten Schallplatte meines Fräulein Mutter, der dazugehörige Abspielapparat wurde von der Energie einer zu drehenden Kurbel angetrieben. Später, als das Grammophon keine Töne mehr von sich gab, diente die Kurbel, im Zusammenspiel mit einer alten Kaffeemühle, zur Simulation eines Straßenbahnführerstandes.
Und ich las damals diese Bücher, auf Vermittlung der nämlichen Dame. Es gab in der DDR meiner Kindheit noch private Leihbüchereien, so hieß das. Karl May, wunderbar, die große, die weite Welt . 
Noch weiter als Kötzschenbroda, wovon dieses prima Lied erzählte. “Verzeih’n Sie mein Herr, fährt dieser Zug nach Kötzschenbroda?“ Und in Wusterhausen ließ man sich entlausen. Behauptete jedenfalls Bully Buhlan, und der Gedanke, dass es nicht mehr so sehr viele gibt, die diesen Namen noch kennen, ist schon etwas melancholisch. Jahre zuvor ging es zu dieser Melodie nach Chattanooga, Jahre später in einem Sonderzug nach Pankow. 
Was ich nicht kannte , war der Zusammenhang von Karl May und Bully Buhlan: Kötzschenbroda war nämlich Radebeul-West, und Radebeul ist Karl-May-Stadt. Jetzt nennen sie es wieder Kötzschenbroda. Kurz vor dem Ableben der letzten Kenner von Karl May und Bully Buhlan.

Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeien 20.01.2012

Bild: Bahnhof Radebeul West, CC-BY-SA-3.0 Jbergner

Transparenzforderungen ohne Relevanzfilter sind Augenwischerei

Voyeuristen, nicht Aufklärer

In der Finanzkrise, in der Eurokrise, beim Klimawandel, ach, bei all diesen großen Fragen der Zukunft verhaspeln sich die Medien gern mal bei der Fehleranalyse. Alles so komplex hier. Dieser Tage aber weiß die Presse, zumal die Hauptstadtpresse wieder, worum es geht, dieser Tage ist sie siegesgewiss und schießt aus vollen Rohren: Transparenz for President! Diesmal kann nichts schiefgehen.

400 Fragen wurden Christian Wulff bereits vorgelegt. Sie alle und noch mehr müssten beantwortet werden, darauf habe die Öffentlichkeit ein Anrecht. Denn jetzt wird nicht mehr geschummelt. Jetzt wollen wir alles: die Abschrift, das Tondokument, jetzt wird durchleuchtet, jetzt wollen wir die Kontrolle und die Durchsicht und das Datum deines Hochzeitstages und die Herkunft des Bobbycars für deinen Sohn, dann haben wir nämlich wieder den Überblick. Zum Rest des Beitrags »

Die Arroganz der Macht -”Gutmensch”

Meldung Das „Unwort des Jahres 2011“ heißt „Döner-Morde“. Auf Platz 2 landete das Wort “Gutmensch”. Mit dem Ausdruck werde “insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des guten Menschen in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren”, urteilte die Jury und sprach von einem Widerspruch gegen die “Grundprinzipien der Demokratie”.

Henryk Goldberg würde gern den „Gutmensch“ begraben

Mein Unwort des Jahres 2011 wäre es nicht gewesen. Allein mit dem mir dafür verfügbaren Instrumentarium, mit dem Gefühl für Moral und Sprache also, hätte ich die „Döner-Morde“ nicht als einen anstößigen Begriff empfunden.

Mag sein, man muss ein Gutmensch sein dafür.

Und genau dieses Wort, der diesjährige zweite Platz, ist seit Langem mein Favorit für ein Unwort des Jahres. Denn es wird in der Regel so gebraucht, wie ich es, zur Demonstration, hier gebraucht habe: Als polemischer Kampfbegriff.

Es ist ein Wort, in dem sich Arroganz und Anmaßung manifestieren. Zum Rest des Beitrags »

Bunker in Polen

Also, in Thüringen wird das ja immer schwieriger. Wenn unsere demokratischen Nazis irgendwo ein Stückchen Land pachten oder eine hübsche Immobilie erwerben wollen, dann kommt jetzt neuerdings immer irgendjemand vom System und macht ihnen das link unter irgendeinem Vorwand. Dabei wollen unsere braunen Freunde doch nur ein bisschen das Liedgut pflegen (deutsche Texte!) und sich, mit fest geschlossenen Reihen, ein paar lustige Trickfilme anschauen, mit Panthern oder so.

Also, die deutschen Landsleute machen da jetzt immer so ein Gedöns wegen dieser harmlosen Kameradenabende, das ist ärgerlich. Aber diese streng pluralistische Kolumne ist für alle da, und deshalb hat sie einen Tipp für die Kameraden an der Heimatfront.
Nämlich in Ostpreußen, oder Polen wie sie heute meistens sagen, genauer, in Rastenburg, das die heute dort Einheimischen Ketrzyn nennen.
Na? Genau!
Die Polen suchen nämlich einen Pächter für die Wolfsschanze. Sie wissen schon, Führerhauptquartier, Barbarossa. Heiliger Boden, deutsche Erde. Die könnten die Kameraden doch pachten. Und dort einige passende Informationen anbringen über diese ehrvergessenen Offiziere um diesen Oberst, der die Ehre des deutschen Waffenrocks beschmutzte.
Die Ausschreibung endet am 27. Januar.

Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 19.01.2012

Bild: Ruine des Hitlerbunkers in der Wolfsschanze, CC-BY-SA-2.0 Buschaot

Occupy und Demokratie

Die Weisheit der Vielen

Prostestbewegungen sind populär – das Jahr 2012 verspricht mehr davon. Derweil kürte das “Time Magazine” den Demonstranten zur Person des Jahres 2011.

Erinnert sich noch jemand an die Jahre, als Engagement hierzulande wenig galt? Wer Aktivisten damals als wohlbehütete Naivlinge abtat, brauchte keinen nennenswerten Widerspruch fürchten. Das scheint vorbei, seit Protestbewegungen in der arabischen Welt Diktatoren gestürzt, in Südeuropa Plätze besetzt und vor der Wall Street Zelte errichtet haben. Kürzlich hat das Time Magazine den Demonstranten zur Person des Jahres 2011 gekürt.

 

 

Viel wohlwollende Aufmerksamkeit erfährt auch die deutsche Occupy-Bewegung. Das mag überraschen: Bleibt sie nicht programmatisch sträflich vage? Werden ihre Demonstrationen nicht von Mal zu Mal kleiner? Auch am Sonntag kam der Protest zwar vielfältig und kreativ daher.

Aber der Andrang auf dem Berliner Boulevard Unter den Linden hielt sich deutlich in Grenzen. Dennoch bleibt zu erkunden, woher die Sympathien für diese Proteste rühren – und worin die Verdienste dieser Bewegung bestehen.

Indirekt hat Angela Merkel bereits im vergangenen September eine Antwort auf diese Fragen geliefert. Zum Rest des Beitrags »

Auszüge aus Adolf Hitlers “Mein Kampf” in deutschen Zeitschriftenläden

Meldung Hitlers “Mein Kampf” soll an Zeitungskiosken verkauft werden
Der britische Verleger Peter McGee will ab Ende Januar Auszüge aus dem Buch “Mein Kampf” von Adolf Hitler in deutschen Zeitschriftenläden verkaufen. “Es ist längst überfällig, dass eine breite Öffentlichkeit die Möglichkeit bekommt, sich mit dem Originaltext auseinanderzusetzen”, sagte McGee dem “Spiegel”.
McGees Verlag sorgte bereits 2009 für Debatten in Deutschland, als er Nachdrucke von Nazi-Postillen wie “Der Angriff” oder der “Völkische Beobachter” an die Kioske brachte. Bei “Mein Kampf” soll Hitlers Prosa kritisch kommentiert werden, wie das Magazin weiter berichtet. Veröffentlicht würden zunächst drei Ausgaben einer jeweils rund 15-seitigen Broschüre. Insgesamt 100.000 Exemplare sollen gedruckt werden. dapd  15.01.2012

Die Vergangenheit lässt sich nicht in gut gemeinten Dokumentationen bewältigen, wenn die Konfrontation mit der Quelle aus Furcht unterbleibt. Ein Kommentar von Jörg Magenau

Hitler ist allgegenwärtig. Kaum ein Abend, an dem er nicht irgendwo im Fernsehen erscheint, ob auf dem Obersalzberg mit Hund und Eva Braun und neuerdings auch in Farbe, oder als fuchtelnder, brüllender Redner auf dem Nürnberger Reichsparteitag. Wir kennen nicht nur seine Generalstabschefs und Propagandisten, sondern auch seine Sekretärinnen und seine Friseure. Wir sehen mit Hakenkreuzfahnen geschmückte deutsche Städte und dann die zerbombten Straßenzüge und ausgemergelte Häftlinge in von Alliierten befreiten KZs. Wir wissen um den nationalsozialistischen Irrsinn, der in einer allabendlichen Doku-Wiederholungsschleife volkspädagogisch wertvoll aufgehoben ist. Zum Rest des Beitrags »

Keiichi Tanaami: Pop-Art aus Japan (Ausstellung)

Che Guevara auf den entblößten Brüsten

Pop-Art: Der japanische Künstler Keiichi Tanaami gilt als Vorläufer der japanischen Pop-Art. Seine frühen Werke, die jetzt in Berlin zu sehen sind, schwanken zwischen Gegenkultur und weiblichem Akt

1969 spielt Keiichi Tanaami mit den Zeichen der Revolte. In einer Arbeit des japanischen Künstlers aus diesem Jahr überragt Ho Chi Minh eine Gruppe von westlich gekleideten Menschen. Ihre Körper sind wie für ein Gruppenfoto postiert, aber die Köpfe sind leer. Zwischen Haaransatz und Hals prangt Weißraum, nur von dünnen Wellenlinien durchzogen. Individuelle Konturen verleiht Tanaami allein dem Gesicht des vietnamesischen Unabhängigkeitskämpfers.

Darin mag zwar eine Kritik am Konformismus der westlichen Konsumkultur durchscheinen. Ein dezidiert politischer Künstler ist der 1963 in Tokio geborene Tanaami, der heute noch in seiner Heimatstadt lebt, aber nicht. Eher prägt seine Arbeiten aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren eine Aneignung von zeitgenössischen ikonischen Motiven: Comic-Superhelden und Cola-Werbung, King Kong und Janis Joplin sind auf seinen Collagen versammelt. Sie sind derzeit zusammen mit Zeichnungen und Storyboards aus diesen Jahren in der Galerie Gebrüder Lehmann zu sehen. Tanaami verarbeitet in diesen Werken seine Erfahrungen in den USA, die er 1967 mit Anfang Dreißig erstmals besuchte. Dort traf er Andy Warhol, probierte LSD und lernte die amerikanische Gegenkultur kennen. Zum Rest des Beitrags »

Neuseeland (Reisewelten)

Samstag, 8. September 2007

Auckland und Rotorua

Wo, bitte, geht’s zum Highway Richtung Süden? Ich verlasse das Parkhaus in Auckland, ohne vorher auf die Straßenkarte zu schauen. Immerhin weiß ich noch aus der letzten Woche, wo der Highway Nummer 1 Richtung Norden beginnt. Und dort, denke ich, muss er ja ebenfalls in die Gegenrichtung führen. Das tut er auch, allerdings kann ich partout keine Auffahrt finden. Ich fahre erst einmal nach Norden. Das hat den Vorteil, dass ich erneut die Harbour Bridge überqueren muss und am anderen Ufer die Skyline Aucklands fotografieren kann. Eine großartige Aussicht, die von dem 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.

Autor Michael Scholten vor der Skyline Aucklands, die vom 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.

Autor Michael Scholten vor der Skyline Aucklands, die vom 328 Meter hohen Sky Tower dominiert wird.

Meine Theorie geht auf: Nach kurzer Kurverei entdecke ich die Auffahrt Richtung Süden und folge den Schildern nach Rotorua. Der Ort ist bekannt für seine heißen Thermalquellen. Rund 35 Prozent der 68.000 Einwohner sind Maori, die den Ort zu ihrem Kunst- und Kulturzentrum erhoben haben. Schon von Weitem sehe ich weiße Rauchschwaden aus der Stadt steigen. Was aussieht wie ein Großbrand, ist ein Beleg dafür, dass Rotorua mitten im Vulkangebiet liegt. Überall dampft es aus der Erde, überall blubbert der Schlamm, überall stinkt es nach Schwefel und Sulfat.

Vorsicht, heiß und schlammig!

Vorsicht, heiß und schlammig!

Ich parke meinen Wagen gegenüber der Touristeninformation und buche für den nächsten Tag eine organisierte Tour durch Te Puia, die bekannteste Thermalregion der Stadt. Mein Hotel Kingsgate liegt nur einen Steinwurf davon entfernt. Ich spaziere die Fenton Road zum Stadtzentrum entlang. Unglaublich, wie viele Hotels, Motels und Privatunterkünfte es hier gibt. Wie an einer Perlenkette aufgereiht locken sie Touristen mit Leuchtreklamen. Fast alle bieten Bademöglichkeiten mit Wasser aus den heißen Quellen als besonderes Extra an.

Zum Rest des Beitrags »