The Place Beyond The Pines (Derek Cianfrance)
von Henryk Goldberg+ in Film, Filmspiegel, Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 16. Juni 2013
Die Sünden der Väter und die Chancen der Söhne
Ein nackter Oberkörper, ein Butterfly-Messer. Ein Mann. Er zieht die Lederjacke über die Tätowierungen und er geht seinen Weg und er tut, was er tun muss. Motorradfahren in einem runden Käfig aus Stahl, auf dem Rummelplatz. Hochgeschwindigkeit im Kreis, ohne Ziel, ohne Ankommen.
Dann wird er eine Frau treffen und erfahren, dass sie die Mutter seines Kindes ist. Er wird dem Sohn ein Vater sein wollen, er wird sagen „Er ist mein Sohn und ich sollte für ihn da sein“, er wird ihm das erste Eis kaufen um das Gesicht des Kindes dabei zu sehen. Er wird Banken ausrauben für Mutter und Kind und glauben, er habe hier, auf dem Platz hinter den Pinien, so heißt der Ort in der Sprache der Indianer, seinen Platz im Leben gefunden. Wird glauben, er sei doch angekommen.
Er wird ein Familienfoto machen und dieses Foto wird 17 Jahre später in der Brieftasche des Mannes sein, der den Bankräuber jetzt jagt. Dieser Mann, ein Polizist, wird das Baby des Bankräubers aus dem Bettchen heben, um unter der Matratze die Beute zu suchen. Und das Baby, das der Polizist in den Armen hält, wird 17 Jahre später eine Pistole auf ihn richten.
Darüber, über Schuld und Verstrickung, über Buße und Sühne hat Derek Cianfrance einen der bemerkenswertesten Filme gemacht, die das Kino in diesem Jahr bislang zu bieten hat. Und wenn Ryan Gosling nicht nach einer Stunde aus der Geschichte verschwinden würde, dann wäre er ein ernsthafter Kandidat für den Oscar. Zum Rest des Beitrags »
ShareOben ist es still (ab 13. Juni)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 12. Juni 2013
1994 wurde der Film „Il Postino“ zum Vermächtnis des viel zu früh an Herzversagen gestorbenen Schauspielers Massimo Troisi. Nun wird es „Oben ist es still“ für Jeroen Willems. Er spielt Helmer van Wonderen. Der war immer ganz braver Sohn. Jahre lang hat er nicht nur auf dem Bauernhof geschuftet, er hat auch den kranken Vater (Henry Garcin) aufopferungsvoll betreut. Doch eines Tages macht er Schluss damit und versucht, sich zu emanzipieren.
Neffe Henk (Martijn Lakemeier) kommt als Knecht auf den Hof. Den drohenden Tod des nicht geliebten Vaters vor Augen, muss sich Helmer nun auch noch Anderem stellen: der Frage, ob er überhaupt fähig ist, eine wirklich intensive Bindung mit einem anderen Menschen einzugehen. Doch das ist leichter gesagt als getan.
Genau davon erzählt Regisseurin Nanouk Leopold in ihrer Romanverfilmung, für die sie wesentlich am Drehbuch mitarbeitete, auf so subtile wie originelle Art. Kitsch bleibt außen vor. Schneller Trost wird verweigert. Der Titel ist böse, er deutet auf die Hoffnung, dass der im ersten Stock liegende Vater nun bitte endlich stirbt. So böse ist der ganze Film, besser gesagt: schonungslos in der Milieu- und Charakterzeichnung. Wozu Kameramann Frank van den Eeden mit eiskühlen Bildern wesentlich beiträgt. Der Film geht durch seine Ehrlichkeit erfreulicherweise weit über Michael Hanekes Mainstream-Altersdrama „Liebe“ hinaus. Hier wird wirklich gezeigt, wie elendig es ist, nur noch auf den Tod hin zu leben, wird nicht verschwiegen, dass das Miteinander von Schwerkranken und pflegenden Angehörigen oft ein Gegeneinander ist, mehr geprägt von Hass und Abscheu denn von Zuneigung. Und dennoch: Jeroen Willems spielt sich in der Rolle des Sohnes in die Herzen der Zuschauer. Denn mit kleinen Gesten bewahrt er die Figur des Helmer im Wahrhaftigen, lässt ihm eine schöne starke Würde. Doch damit entlässt der den Betrachter nicht aus der Verantwortung, sich selbst einzubringen, sich anhand dieses Films zu fragen, wie es um die eigene Menschlichkeit steht. Erst dadurch wird der Film zum Ereignis.
Peter Claus
Oben ist es still, von Nanouk Leopold (Niederlande/ Deutschland 2012)
Bilder: Circe Films (NL)/Isabella Films (NL)
ShareThe Place Beyond The Pines (ab 13. Juni)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 12. Juni 2013
Das, was zwischen den Bildern zu sehen ist und zwischen den Worten zu hören, das ist oft das Entscheidende. Berühmte Filme, „Mädchen in Uniform“ etwa oder „Die Brücken von Madison County“, um zwei aus sehr unterschiedlichen Kulturen zu nennen, beziehen daraus ein Großteil ihrer enormen Wirkung. Und nun dieses Drama.
Motorradstuntman Luke (Ryan Gosling) hatte einst eine Nacht mit Romina (Eva Mendes). Lange wusste er nicht, dass ein Sohn die Folge ist. Luke will sich der Verantwortung nicht entziehen. Geld wird gebraucht. Also macht er, was Mann so macht: er klaut es. Einige Zeit hat er mit Kumpel Robin (Ben Mendelssohn) ziemlichen Erfolg als Dieb. Doch schließlich kommt das eine Mal, das kommen muss. Der Bruch geht daneben. Auf der Flucht vor Recht und Ordnung verschanzt sich Luke in einem Haus. Polizist Avery Cross (Bradley Cooper) wittert die Chance, durch einen tollen Erfolg dem Gleichmaß seines Lebens mit Jennifer (Rose Byrne) und Sohn zu entkommen, und sich
dazu aus der Macht korrupter Kollegen befreien zu können. Doch das Eigentliche ereignet sich Jahre später: Die zwei Söhne der (Dane DeHaan und Emory Cohen) Kontrahenten werden Freunde. Als sie entdecken, wo, wann und wie sich ihre Lebenswege schon einmal gekreuzt haben, kommt es nicht nur zu einem Chaos der Gefühle.
Autor und Regisseur Derek Cianfrance hatte vor drei Jahren einen Riesenerfolg mit „Blue Valentine“, seinem da erst zweiten abendfüllenden Spielfilm, und gilt seitdem als einer der besten Protagonisten des US-amerikanischen Independentkinos. Tatsächlich überzeugt er mit dem Schuld-und-Sühne-Drama auf ganzer Linie. Dabei unternimmt der Regisseur und Drehbuch-Mitverfasser etwas, was bisher in der Filmhistorie nur selten gelang: nach etwa einem Drittel der Laufzeit des Films bekommt die Story eine völlig neue, bis dahin unerwartete Wendung. (Hitchcock hat das in „Psycho“ brillant gemacht, aber sonst ging so etwas bisher wohl fast jedes Mal schief.) Nicht genug damit, wird nach dem zweiten Drittel noch einmal ein harscher (Erzähl-)Schnitt gemacht. Und wieder bleibt die Spannung erhalten, ja, sogar noch gesteigert. Rasanter Krimi samt Action, kritisches Polizei-Drama und einfühlsame Coming-of-Age-Story werden höchst raffiniert und wirkungsbewusst miteinander vereint. Was nicht heißt, dass hier Episode an Episode gereiht wird. Derek Cianfrance versteht es meisterhaft, die drei Ebenen ineinander zu verschränken, um davon zu erzählen, wie sich menschliches Handeln und Nicht-Handeln jeweils aus Vorausgegangenem ergibt. Allein das ist ein Genuss! Dazu kommen exzellente Schauspieler, die durchweg überzeugen. Am meisten erfreut dabei die Präsenz von Bradley Cooper, der bisher insbesondere durch die Hauptrolle in den „Hangover“-Klamotten (Teil drei läuft gerade in den Kinos) bekannt geworden ist. Natürlich: das zeugt auch von der Klasse der Schauspielerführung durch den Regisseur. Der auch ein exzellenter Manipulator des Publikums ist. Denn es gelingt ihm geradezu brillant, die Zuschauer auf das Nicht-Gesagte und Nicht-Gezeigte zu stoßen. Das gibt dem Film eine seltene Klasse.
Peter Claus
The Place Beyond The Pines, von Derek Cianfrance (USA 2013)
Bilder: Studiocanal
ShareBerberian Sound Studio (ab 13. Juni)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 12. Juni 2013
Wer von der Magie des Kinos schwärmt, meint fast immer vor allem jenen Zauber, der klug gestalteten Bildwelten innewohnt. Kino ist Schauen. Wie faszinierend (und wichtig für die Wirkung!) das Hören sein kann, belegt dieser kleine Film – und entfachtet zugleich eine wahrlich wundersame und wunderbare Visualität.
Freaks wissen es: so vor vierzig, fünfzig Jahren hatte der Horror im italienischen Kino Konjunktur. Unter dem Begriff „Giallo“ ist die tatsächlich recht spezielle Melange aus Sex- und Psychothrill in die Geschichte der siebten Kunst eingegangen. Anklänge daran fanden sich auch in bundesdeutschen Produktionen, beispielsweise einigen Edgar-Wallace-Adaptionen. Doch die Show mittels Kultivierung von Schmuddel erlebte ihre Blüte in Italien. Der
britische Regisseur Peter Strickland hat sich offenkundig nicht nur davon faszinieren und schulen lassen, wie wohl auch von David Lynch, er belebt das Sub-Genre des Horrorkinos nun auf höchst originelle Weise, indem er es zum Thema macht.
Die Story führt ins Jahr 1976. Der englische Soundmaler Gilderoy (Toby Jones) wird zur Vertonung eines neuen Werks in ein italienisches Studio eingeladen. Während der Produzent Francesco (Cosimo Fusco) und der Regisseur Santini (Antonio Mancino) stets mit großer Geste und Machogehabe auftreten, hält sich der äußerlich sehr unauffällige Ton-Mann immer und überall gern zurück. Er sieht nicht nur so aus, er ist ein Muttersöhnchen. Doch nun muss er zum Mann reifen. Denn der Film, den er zu vertonen hat, ist harte Kost. Viel schlimmer noch: Der Schrecken auf der Leinwand stürzt scheinbar in die Realität ein. Gilderoy gerät in einen Strudel des Wahns. Ein Entrinnen erscheint mehr und mehr unmöglich.
Der Film-im-Film, er hat den Titel „Il Vortice Equestre“, ist kaum zu sehen. Das Arsenal des Schreckens erschließt sich über den Ton. Und das auf höchst effektvolle Weise. Strickland feiert die von der Digitalisierung längst verdrängte Kunst des Vertonens mit großer Hingabe. Wenn da Obst und Gemüse gemartert werden, stellt sich bei allem Witz doch immer auch Grusel ein. Der wird durch raffinierte Bilder verstärkt, vor allem dann, wenn Detailaufnahmen mehr ahnen lassen als sie zeigen. Die erzählte Geschichte hat dadurch Rasanz, dass die Grenzen zwischen Kintopp, Wirklichkeit und Irrsinn immer mehr verwischen. Am Ende weiß man als Zuschauer nicht mehr, ob nicht alles, was man sieht und hört, allein dem Kopf von Gilderoy entspringt. Da geht der Film, eine der Entdeckungen des letztjährigen Festivals von Locarno, dann über die Giallo-Hommage hinaus und wird zum handfesten Schocker, den man so schnell nicht vergisst.
Peter Claus
Berberian Sound Studio, von Peter Strickland (Großbritannien 2012)
Bilder: REM
ShareKader Attia in den Berliner Kunst-Werken: „REPARATUR. 5 AKTE“
von Ingo Arend+ in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 6. Juni 2013
Versteckte Gewalt
Als die Moderne Afrika entdeckte: In den Berliner Kunst-Werken breitet Kader Attia, Geheimtipp der letzten Documenta, seine „Weltentstehungslehre der Reparatur“ aus
Reparaturen sind praktisch. Manchmal sogar unumgänglich. Trotzdem haftet ihnen ein Makel an. Ob es sich nun um einen gestopften Strumpf, ein ausgebessertes Automobil oder einen notdürftig zusammengeflickten Menschen handelt - Repariertes wirkt unschön, final lädiert. Spätestens mit Kader Attia gilt nun auch das Gegenteil. Denn bei dem französisch-algerischen Künstler wird diese Notoperation gleichsam zur Basis der Schönheit.
Das Werk des 1970 in Frankreich Geborenen war einer der Geheimtipps auf Carolyn Christov-Bakargievs Documenta 13 im Sommer letzten Jahres. Die versteckte Gewalt in seiner Installation “The Repair”, im ersten Stock des Fridericianums saß den Besuchern im Nacken. In einem Stahlregal standen große Holzbüsten mit verdrehten Nasen, eingedrückten Augen und zerschnittenen Lippen.
Dass Attia mit ihnen aber nicht nur vor den Gräueln des Krieges warnen wollte, konnten sie auf einer Videoleinwand verfolgen. Denn neben den Bildern schwer verwundeter Soldaten im 1. Weltkrieg, von denen diese Büsten inspiriert waren, tauchten dort auch solche afrikanischer Masken auf. Auf denen ganz ähnliche Wunden plötzlich vollkommen normal wirkten.
Attias vielgelobte Arbeit war ein komplexer Metaphernmix mit einer dialektischen Ästhetik. Er holte einen Fetisch aus dem Fundus, ohne den die Klassische Moderne nicht zu dem Kapitel der Kunstgeschichte geworden wäre: Die afrikanische Maske. Mit ihr verarbeitet er eine kulturenübergreifende Gewalterfahrung. Daraus entsteht ein Kunstwerk. Das aber wieder das klassische Schönheitsideal in Frage stellt. Zum Rest des Beitrags »
ShareAfter Earth (M. Night Shyamalan)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. Juni 2013
M. Night Shyamalan wurde 1999 mit „The Sixth Sense“ zum Regie-Star erklärt. An diesen großen Erfolg konnte er bisher nicht anknüpfen. Ach dieses Science-Fiction-Drama erreicht nicht die handwerklich-künstlerische Höhe von „The Sixth Sense“. Doch aus der Flut mittelmäßiger Dutzendware ragt das Kammerspiel durchaus heraus.
Das Hauptdarsteller-Duo Will und Jaden Smith führen in die ferne Zukunft, irgendwann weit nach dem Jahr 3000. Die Umweltzerstörung hat schon vor langem dafür gesorgt, dass die Menschheit die Erde verlassen hat. Der Planet Nova Prime wurde erobert und besiedelt. Dort sorgen blinde Bestien, sogenannte Ursas, gegen die mit menschlicher Kraft und Intelligenz kaum etwas auszurichten ist, für Angst. General Cypher Raige (Will Smith) gilt als Held des Kampfes gegen die schrecklichen Widersacher. Ein toller Typ also. Das sieht sein Sohn Kitai (Jaden Smith) allerdings anders. Das Verhältnis der Beiden ist gespannt. Doch sie geraten nach einem Raumschiffabsturz, der sie ausgerechnet auf der öden Erde stranden lässt, in eine Situation, in der sie sich zusammenraufen müssen. Gelingt das nicht, droht ihnen der Tod. Klar also, dass für Spannung gesorgt ist.
Ja, es gibt Action, auch ein paar Technik-Tricks, aber die bewusst bedächtig erzählte Geschichte setzt nicht auf Äußerlichkeiten. Die Mahnung, weltweit den Raubbau an der Natur und deren willentliche Zerstörung zu stoppen, ist unüberseh- und unüberhörbar. Die uralte Mär von einem Knaben, der sich auf macht, um sich selbst und die eigenen Ängste zu überwinden, wird attraktiv aufgewärmt. Auch der Vater-Sohn-Konflikt sorgt für filmische Kraft. Das ist gut gemachte Unterhaltung. Und doch grummelt es in einem. Denn tatsächlich lässt sich der Film als Werbung für die Ideologie der höchst umstrittenen Organisation Scientology lesen. Erzählt wird nämlich davon, dass es unbedingt notwendig ist, Gefühle zu unterdrücken, ein heldenhafter Mensch zu sein, um über sich selbst hinaus zu wachsen. Will Smith gilt als Scientology-Anhänger. Da er entscheidend an der Entwicklung der Story beteiligt war, erscheint es nicht abwegig, den Film mit Skepsis zu betrachten.
Peter Claus
After Earth, von M. Night Shyamalan (USA 2013)
Bilder: © Sony Pictures Releasing
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Before Midnight (Richard Linklater)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. Juni 2013
Richard Linklater, Julie Delpy und Ethan Hawke können’s nicht lassen. Nun schon zum dritten Mal plaudern sie über das Miteinander von Celine und Jesse. Fast ein Jahrzehnt ist nach dem letzten Kino-Streich vergangen. Die Beiden sind verheiratet und haben zwei Töchter, ein Zwillingspaar. Friede, Freude, Eierkuchen. Würze bringt ein Urlaub in Griechenland, zu dem auch Jesses Sohn Hank (Seamus Davey-Fitzpatrick) aus erster Ehe kommt. Was Papa Jesse daran erinnert, dass er nicht gerade ein guter Vater ist, und wiederum Celine, made in Paris, Gewissensbisse einbringt, weil sie ein Leben in den USA ablehnt. Doch die Liebe überstrahlt alles mit sanfter Schönheit. Und wo der davon ausgehende Glanz nicht genug wärmt, richten sich Celine und Jesse in einem Kuschel-Bett vieler Gespräche ein.
Viele Kritiker jubeln und attestieren dem Film brillante Dialoge, Scharfzüngigkeit, Romantik. Ich finde ihn nur banal und geschwätzig. Alles ist nett anzusehen und der Redefluss von einschmeichelnder Musikalität. Über eine oberflächliche Bebilderung geht es für mich nicht hinaus. Julie Delpy nervt, wie eh und je, mit aufgesetzt anmutendem Groß-Mädchen-Charme und Ethan Hawke mit Bubi-Männlichkeit. Entwicklungen der Charaktere sind nicht auszumachen, die soziale Wirklichkeit lugt allenfalls mal um die Ecke. Das ist Boulevard-Theater auf Sparflamme.
Peter Claus
Before Midnight, von Richard Linklater (USA/ Griechenland 2013)
Bilder: © Prokino Filmverleih
ShareNach der Revolution (Yousry Nasrallah)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. Juni 2013
Nachrichten aus dem Chaos: 2011, Ägypten, die Revolution gärt und tost. Ein unbescholtener Mann, Mahmoud (Bassem Samra), wird dazu überredet, mit einem Reiter-Trupp auf dem Tahrir-Platz in Kairo gegen Demonstranten vorzugehen. Der Einsatz ist unglaublich brutal. – Berühmt-berüchtigt als „Schlacht der Kamele“ hat es die Untat wirklich gegeben. Sie löste eine enorme Welle an Gewalt aus. Und Abscheu vor den Herrschenden. Nach der Revolution muss Mahmoud schließlich erkennen, dass er auf der falschen Seite gestanden hat. Sein Leben in Schande, auch für die Kinder, ist der Preis, den er zahlen muss. Journalistin Reem (Mena Shalaby) nimmt Kontakt zu der Familie auf, doch die Menschen kommen nicht zusammen. Die Unterschiede in Bildung und Klassenzugehörigkeit erscheinen weiterhin, wie vor der Revolution, als unüberwindbar.
Yousry Nasrallah schaut auf die einfachen Menschen, die in die Ereignisse hinein gezogen wurden, die zwar die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, die jedoch keinerlei Macht haben.
Leider aber wurde der Film wohl mit zu heißer Nadel gestrickt. So ehrenvoll es ist, die Realität spiegeln zu wollen, so wenig bringt das, in einem Spielfilm, der künstlerisch nicht überzeugt. Holprige Storyführung und damit auch Erzählweise, die von einem Übermaß an Didaktik geprägt wird, stehen dem Erfolg im Wege. Besonders arg fällt ins Gewicht, dass die Geschichte, je länger sie dauert, in Kitsch versandet. Behaupte da niemand, hier würden ägyptische Sehgewohnheiten bedient. Wer etwa das ägyptische Gegenwartskino der 1960er Jahre erinnert, weiß, wie vielfältig die Möglichkeiten des Erzählens sind. Dennoch: Der Film macht klar, wie dumm solche Slogans wie „Ägyptischer Frühling“ sind, die im Westen Europas seit dem Abtritt Mubaraks Konjunktur haben. Gut immerhin, dass dies einmal deutlich gesagt wird.
Peter Claus
Nach der Revolution, von Yousry Nasrallah (Ägypten/ Frankreich 2012)
Bilder: Polyband
ShareFernando Spiner: Aballay – Der Mann ohne Angst (auf DVD)
von Alf Mayer+ in DVD, Film, Filmspiegel, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik am 2. Juni 2013
Gott und Teufel im Land der Sonne
Über den argentinischen Rache-Western „Aballay “ und dessen Wurzeln
Eingestaubte, ungewaschene Männer mit wilden Bärten, Hüte, Kopftücher, Ponchos, schöne Pferde, lange Messer, dünnläufige Revolver, manche Einstellungen für unsere Sehgewohnheiten (zu) lange, die Blicke überdeutlich, die Bildsprache opernhaft und „uneuropäisch“. Der aus der Zeit gefallene Goucho-Western „Aballay – Der Mann ohne Angst“ war Argentiniens Oscar-Kandidat für den besten ausländischen Film 2012, in seiner Haltung und Bildsprache knüpft er an das lateinamerikanische „Cinema Novo“ der 60er und 70er. Ich fühlte mich an Glauber Rocha und das Cinema Novo erinnert.
„Aballay“, der bei uns in einer „ab 18“-Fassung als DVD vertrieben wird – woran man sehen kann, welche ökonomischen Interessen wohl bei einer „ab 16“-Freigabe für den deutlich und ausgiebig brutaleren Tarantino-Film „Django Unchained“ im Spiele sind –, kreist um das Motiv der Rache. „Ich bin vergiftet“, seufzt irgendwann der jungenhafte Held, der als Kind mitansehen musste, wie sein Vater von Banditen umgebracht wurde und irgendwann wieder in jene Augen schaut, die ihn damals in seinem Versteck in der überfallenen Kutsche erspähten und dann wegsahen, die ihn verschonten, ihm aber auch ein Leben voller Suche nach Rache bescherten. In diese Augen wird Julián (Nazarnea Casero) wieder schauen, lange und tief. Sie gehören dem Banditen Aballay (Pablo Cedrón), der getötet hatte, aber Reue empfindet und zu einem Heiligen wurde. In der Tradition der frühchristlichen Säulenheiligen steigt er nun nicht mehr vom Pferd, um Gott zu ehren. (Auch dazu weiter unten mehr.) „Wie die Ungebildeten unterschreiben …“
Die Eröffnungssequenz zeigt Reiter in Zeitlupe, in einer wild erodierten grandiosen Landschaft wirbeln sie Staubwolken auf, der Ort des Films ist die argentinische Provinz Tucuman und vor allem das Amaicha-Tal. Schnitt zu Nahaufnahmen eines Hahnenkampfes, den ein gezücktes Messer und ein abgetrennter Hahnenhals abrupt beenden. Zwei Männer starren sich mit all ihrem Machismo in die Augen. Der Kampfhahntöter, es ist El Muerto, der Anführer der Bande, dreht sich um und geht, der andere, es ist der Mann, dessen Augen wir wiederbegegnen werden, zückt sein Messer, um sich auf ihn zu stürzen, wird aber von einer flink gezogenen Pistole in Zaum gehalten und erstarrt. „Willst du mitkommen? Oder für immer hier bleiben?“, knurrt der Tod. Und dann reiten sie. Landschaftstotale. Gegenschnitt. Andere Landschaft. Eine eskortierte Kutsche. Gegenschnitt. Landschaftsbilder mit Zusammenführung der Geschehnisse. Überfall mit Schusswechseln und Toten. „Du ungebildeter Gaucho“, sagt der gutgewandete Mann zu dem Banditen, der ihn festhält. „Ich zeige dir mal, wie die Ungebildeten unterschreiben“, lacht der und schneidet ihm die Kehle durch. Der unter der Kutschenbank versteckte Junge muss all das mitansehen. „Haben wir alles Wertvolle?“, einer der Gaucho-Banditen, es ist der Unterlegene aus dem Hahnenkampf, mustert noch einmal die Kutsche, sieht in die Augen des Jungen. Langer Blickwechsel, die Zeit steht still. Schnitt. Dann Insert. „Zehn Jahre später.“
Ein junger, gut aussehender Mann reitet auf die Ranch „La Malaria“, sucht vorgeblich Arbeit, sagt, er komme aus Buenos Aires, was ein Lachen provoziert. Zum Rest des Beitrags »
ShareDie Lebenden (ab 30. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 30. Mai 2013
Mit „Nordrand“, ihrem Debüt als Regisseurin eines abendfüllenden Spielfilms, wurde die Österreicherin Barbara Albert 1999 weithin berühmt. Hier und auch 2003 in „Böse Zellen“ bestach die Autorin, Regisseurin und Produzentin mit einem klaren Blick auf soziale Realitäten und mit einem guten Gespür für eine packende formale Gestaltung fern linearer Erzählmuster. Dagegen sieht sich ihr neuer Spielfilm geradezu plump an. Leider wird auch die Story, die Barbara Albert entwickelt hat, dem gewichtigen Kern der Erzählung, einer Auseinandersetzung mit den Folgen des Nationalsozialismus, nicht gerecht.
Auslöser für den Versuch der filmischen Vergangenheitsbefragung ist die Entdeckung der Germanistikstudentin Sita (Anna Fischer), dass ihr Großvater (Hanns Schuschnigg) offenbar bei der SS war. Ein Foto des inzwischen
95-Jährigen bringt sie darauf. Die junge Frau will, etwa gegen den Willen ihres Vaters (August Zirner), das Schweigen brechen. Sie versucht, das Gestern und Vorgestern zu erforschen – und stößt natürlich bald auf Probleme der Gegenwart. Die Fragen, die sich für sie ergeben, sind umso drängender, da Sita sich gerade in den israelischen Fotokünstler Jocquin (Itay Tiran) verliebt hat. Wie aber soll sie, so ihre Angst, als Enkelin eines Nazi-Mörders mit einem Israeli unbelastet leben können?
Barbara Albert betont gern, dass der Film einen autobiografischen Hintergrund habe. Was erstaunt. Denn die Story wirkt ungemein konstruiert. Zudem wird nicht wirklich klar, warum Sita, doch wohl das alter ego von Barabra Albert, die Wahrheit über die Verstrickung ihrer Vorfahren in den faschistischen Wahnsinn ergründen möchte. Und es wird regelrecht peinlich, wenn klar wird, dass ein Onkel (Winfried Glatzeder) von Sita bereits in diversen Videointerviews die Familiengeschichte erforscht hat. Da suggeriert der Film sogar, dass sich die heute Jungen nicht mehr um das Gewesene scheren müssen, ist doch längst alles klar. Eine fatale Schlussfolgerung, die sich hier aufdrängt. Ganz sicher will Barbara Albert genau das nicht sagen. Doch die Unbekümmertheit, mit der sie erzählt, hat sie ins Abseits tappen lassen. Diese Unbekümmertheit wird durch einen flotten Sound und ebenso schnittige Bilder untermalt. Die Hauptdarstellerin sieht gut aus und nimmt für sich ein. Doch die Naivität der Erzählhaltung, das Platte des Plots, nerven mehr und mehr je länger der Film dauert. Je weiter Sita kommt, umso mehr ertrinkt aller ganz bestimmt vorhandene Anspruch von Barbara Albert und ihrem Team in kitschigem Gutmenschen-Getue.
Peter Claus
Die Lebenden, von Barbara Albert (Polen/ Österreich/ Deutschland 2012)
Bilder: Real Fiction
ShareDie wilde Zeit (ab 30. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 30. Mai 2013
68 und die Folgen – das Thema ist bei Romanautoren sowie Theater- und Filmemachern gleichermaßen beliebt. Vor allem die gesellschaftliche Entwicklung der bürgerlichen Welt nach den Studentenunruhen von 1968 wurde schon in vielen Spielfilmen beleuchtet. Nur wenige davon kommen über oberflächliche Betrachtungen hinaus. So tief, wie der neue Film von Olivier Assayas ging wohl keiner bisher.
Nostalgischer Schnickschnack wird nicht geboten. Die Sicht auf das Leben in Paris vor etwa vierzig Jahren ist relativ kühl. Gerade dadurch kann sich die mit Emotionen aufgeladene Geschichte reich entfalten. Diese Geschichte erzählt vom Stundenten Gilles (Clément Métayer). Angeregt von den vielen breit geführten Diskussionen um den Zustand der bürgerlichen Welt und Möglichkeiten, diese zu verändern, versucht er gemeinsam mit einigen Mitstreitern, Wege in eine neue gerechtere Welt zu finden. Doch sehr viel mehr als das Kleben von Plakaten ist nicht drin. Die wie Gilles aufmüpfige Christine (Lola Créton) ist nicht nur Kampfgefährtin, sie ist bald auch Gilles’
Geliebte. Sie pocht darauf, sich ganz dem Eintreten für soziale Neuordnungen zu widmen. Gilles aber hat sehr persönliche Träume. Vor allem die Malerei zieht ihn von jeher an und treibt ihn nun mehr und mehr zum Film. Doch wird er nicht zum Verräter, wenn er sich der Welt der Künste verschreibt? Diese Frage wird für ihn existentiell. Und die Suche nach einer Antwort, verändert einige Lebenswege.
Seinen bisher größten Erfolg hatte Olivier Assayas mit dem Thriller „Carlos – Der Schakal“ (2010). Zuvor hatte er schon einige Filme inszeniert, die von der Kritik gefeiert wurden. Das waren Filme, die von eigenem Erleben, Erfahrungen und auch Enttäuschungen geprägt worden sind. So ist es auch dieses Mal. Zu jung, um zu denen zu gehören, die etwa in Paris im Mai 1968 auf die Straße gingen, Assayas ist Jahrgang 1955, gehört er zur Generation derer, die als Erben der Weltverbesserer – und damit auch der Anarchos und Radikalen – gelten. Das Einrichten im Privatleben und damit in einer Partnerschaft wurde von dieser Generation in hohem Maße als Politikum verstanden. Schließlich wollte man „den Alten“ in nichts nachstehen. Doch die drifteten, wenn sie nicht als Terroristen den radikalen Weg des Verbrechens einschlugen, schneller als erwartet, in satte Bürgerlichkeit ab. Leute wie Gilles reiften also in einer Stimmung zwischen hohen Erwartungen einerseits und schleichender Ernüchterung andererseits heran.
Der Film heißt im Original „Après Mai“, „Nach dem Mai“, was nicht nur auf die Zeit der Handlung zielt. Der Titel meint auch all das, was von den revolutionären Idealen der Studenten und ihrer Mitstreiter übrig geblieben ist beziehungsweise eben nicht. Die Trotzkisten, die Maoisten und all die anderen -isten treten auf, hitzige Diskussionen werden gespiegelt, die Unbekümmertheit der Jugend trifft auf die Verbitterung der eben noch gefeierten „Helden der Revolution“, die längst abserviert worden sind. Gilles ist dabei deutlich als das alter ego des Regisseurs zu erkennen. Der ist zum Glück nicht der Versuchung erlegen, üppiges Ausstattungskino oder einen gewaltgeladenen Reißer zu inszenieren. Sehr leicht im Ton, der gelegentlich fast ironisch anmutet aber nie in vordergründige Komik gleitet, entwirft Olivier Assayas anhand der bitter-süßen Geschichte von Gilles und Christine und Gilles erster Liebe Laure (Careole Combes) ein vielfarbiges Zeitbild und Generationenporträt. Das Auf und Ab der Emotionen wird dabei gern auch mal mit cineastischer Verve und Lust am Überschwang inszeniert. Doch als Grundstimmung ist eher eine leichte Melancholie auszumachen. Ein, zwei Szenen erinnern übrigens in ihrer Schönheit an den legendären Spielfilm „Jules und Jim“, in dem François Truffaut Anfang der 1960er Jahre anhand einer Dreiecksgeschichte den Geist der Zeit im Europa der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beleuchtet. Auch Truffaut erzählte von Privatem und spiegelte damit eine Epoche. Das gelingt nun Olivier Assayas. Die Intelligenz und die emotionale Wahrhaftigkeit machen den Film zu einem Erlebnis – und garantieren einen sehr unterhaltsamen Kinoabend.
Peter Claus
Die wilde Zeit, von Olivier Assayas (Frankreich 2012)
Bilder: NFP
ShareTo the Wonder (ab 30. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 30. Mai 2013
Terence Malick macht es dem Publikum nie leicht. Schlichte Kost ist seine Sache nicht. Da wundert’s, mit welcher Leichtigkeit er seine Stars Ben Affleck und Olga Kurylenko auf eine assoziationsreiche Entdeckungstour zu den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe schickt. Freilich: eine Lovestory in kinoüblichem Maß ist das nicht.
Terence Malick offeriert ein filmisches Gedicht, ein Hohelied auf die Schönheit der Liebe, das die Schatten nicht ausspart. Seine Protagonisten sind der aus den USA stammende Neil (Ben Affleck) und die aus der Ukraine kommende Marina (Olga Kurylenko). Aus einer früheren Beziehung hat sie eine zehnjährige Tochter, Tatiana (Tatiana Chiline). Die allein erziehende Mutter und der Single haben sich in Paris kennen gelernt. Die Bucht von Saint-Malo, die wegen ihres ungewöhnlichen Spiels der Gezeiten als eines der Naturwunder der Erde gilt, ist zunächst Symbol des Glücks für das Liebespaar. Dann gehen Neil und Marina und Tatiana in die USA. Sie leben in
einem kleinen Ort in der Provinz. Hier zeigt sich auch bei ihnen, was sich bei allen Paaren zeigt: es ist harte Arbeit, will man das Wunder der Liebe im Alltag halten. In Episoden mit einer früheren Freundin Neils (Rachel McAdams) und mit einem katholischen Prieser (Javier Bardem) wird das eindringlich gespiegelt. Je länger Neil und Marina beobachtet werden, umso intensiver muten die Bilder an. Traumsequenzen und Assoziationen feiern die Zweisamkeit. Doch mehr und mehr wird die banale Erkenntnis bestätigt, dass die Liebe an sich überaus zerbrechlich ist.
Überraschung des Films für Malick-Fans: er verzichtet auf die bei ihm sonst übliche Präsentation von philosophischen Gedankengängen. Tatsächlich? Er konzentriert sich auf die Frage, ob der Zauber der ersten Liebe auf immer und ewig zu halten ist, konzentriert sich damit auf die kleinste gesellschaftliche Zusammenkunft, ein Paar, und ist damit von vornherein sehr wohl in einem Spannungsfeld philosophischen Nachdenkens. Keine Überraschung: etablierte Erzählmuster werden nicht bedient. Malick verzichtet darauf, die Protagonisten als vielschichtige Charaktere zu zeichnen, die Handlung ist klein, von einer Story weit und breit keine Spur. Es geht um Seelenzustände, um Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte. Sie prägen die Bilder. Dialoge gibt es kaum. Oft ist das Gesprochene nicht zu verstehen. Malick will offenkundig Gefühle erfassen. Bei Zuschauern, die keine klare Linie des Erzählens brauchen, funktioniert das prachtvoll. Die geradezu intime Reflexion vom Lieben und Geliebtwerden, bei der das Thema Sex erstaunlich wenig vorkommt, mutet an wie ein Plädoyer für eine reine unschuldige Liebe. Malick ist allerdings Realist genug, dieses Plädoyer mit der Erkenntnis abzurunden, dass es eine solche Liebe nicht gibt. Am Ende also: Bitterkeit. Aber keine Verbitterung. Terence Malick beschwört denn doch vor allem die Schönheit des Lebens.
Peter Claus
To the Wonder, von Terence Malick (USA 2012)
Bilder: Studiocanal
ShareBrian de Palma: Passion
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 29. Mai 2013
(No) Passion, oder zehn Bemerkungen eines melancholischen de-Palma-Bewunderers
1. »Passion« ist das Remake eines ziemlich guten Films von Alain Corneau (»Love Crime«), einem der wenigen, die vielleicht etwas wiedergeben von der politischen und sexuellen Ökonomie, die den Weg in die große Krise begleitete. Es gibt nur sehr wenige gute französische Filme, deren amerikanisches Remake wenigstens beinahe genau so gut wurde wie das Original.
2. Die Geschichte ist also bekannt. In der Boom-Ökonomie liefern sich zwei Frauen, die eigentlich hätten Verbündete sein müssen im Kampf um die Verweiblichung des Business, einen brutalen Machtkampf. Zuerst scheint ja auch für die freundliche Isabelle (Noomi Rapace) darin kein großes Problem zu bestehen, dass die gewandte Christine (Rachel McAdams) sich vergleichsweise schamlos an ihren Fähigkeiten und Ideen bedient und sie als die eigenen verkauft. Zweifel sind anfänglich rasch besänftigt. Man ist schließlich Teamplayer, man wird es gemeinsam schaffen. Außerdem gibt es da diese durchaus erotische Spannung zwischen den Frauen. »Alles über Eve« im Neoliberalismus. Aber Christine hat dann doch zu viel Spaß an der Kontrolle der anderen Frau. Sie treibt es zu weit. Der Gegenschlag kommt. Er wird mit den Mitteln der Sexualität geführt. Unter anderen.
3. Brian de Palma hat mit einer Reihe von ziemlich kräftigen und zugleich ziemlich raffinierten Filmen versucht, Alfred Hitchcock ins Körperliche zu verlängern. Dabei ist es ihm in zwei Jahrzehnten gelungen, ein paar echte Coups zu landen, Filme, die mit ihrer Mischung aus sexueller Energie, Maskerade und Stil das Thriller-Genre revitalisiert haben. Lange Zeit freute man sich über einen kleinen Genre-Meister, der das Werk des größeren genussreich zitierte, und dann freute man sich sogar noch über den Größenwahn des kleinen Meisters, der sich dem größeren ebenbürtig fühlte. Warum auch nicht? Mit falscher Ehrfurcht macht man keine guten Filme. Aber dann wurden aus Zitaten des großen Meisters mehr und mehr Selbstzitate des Zitators.
4. Brian de Palma läuft einer erotischen Energie hinterher, die es im Jahr 2013 auf die von ihm angestrebte Art einfach nicht mehr gibt. So wird die Spannung in seinen Filmen immer mehr zu einer bloßen Behauptung. Eine Einstellung sagt: »Es knistert«. Und im Kopf des Zuschauers sagt es: Nö, tut es nicht.
5. Darf man Hitchcock indes zitieren, fortsetzen, ergänzen oder variieren ohne eine Spur von ironischer Distanz dabei? Mittlerweile macht Brian de Palma nicht mehr allein Pseudo-Hitchcock-Filme, er macht Pseudo-de-Palma-Filme. Er rennt einem ›old feeling‹ hinterher, das seine dramatische Schwernis verloren hat. Und Humor hat Mr. de Palma nicht so viel.
6. Noomi Rapace ist ein toller Typ, gewiss. Sie gehört aber nicht zu den Schauspielerinnen, die irgendwie »alles spielen« können.
7. Nicht zum ersten Mal drückt sich de Palma vor den Konsequenzen eines Motivs. Während Corneau etwas zu sagen hatte über Macht, Sexualität und Ökonomie und seine Versuchsanordnung bis zum bitteren Ende durchhielt, löst de Palma sich in der Mitte des Plots von dieser Konstellation und jongliert mehr oder weniger frei mit den »Vertigo«-Motiven von Trauma, Obsessionen und Projektion. Kopfkino, in doppeltem Sinne. Wozu dann aber die Mühe der Versuchsanordnung?
8. Wer sich Freiheiten nimmt, muss etwas damit anfangen. So lautet die Regel.
9. Für das, was man zeigt, muss man sich interessieren. Entweder mit Zorn oder mit Zärtlichkeit. Oder mit einer Mischung aus beidem. Sonst fragt sich der Zuschauer: Was soll ich hier?
10. Wer aber eine einst großartige und immer noch nicht wirklich schrottreife Kinomaschine sehen will, die eine Stunde und 45 Minuten lang mehr oder weniger leer durchdreht und dabei durchaus schönen Abfall produziert, kann »Passion« ohne große Erwartungen genießen. Und dem Echo alter Meisterschaft und alten Größenwahns nachspüren. Auch wenn nichts wirklich funktioniert.
Bilder: © Ascot Elite Filmverleih
ShareMutter und Sohn (ab 23. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 22. Mai 2013
Der diesjährige Berlinale-Sieger. Regisseur Calin Peter Netzers erzählt eine unerhörte Geschichte, die den Alltag der bürgerlichen Gesellschaft trefflich spiegelt, einen Alltag, der vom Streben nach Geld und Macht geprägt wird. Schauspielerin Luminita Gheorghiu verkörpert als Monster-Mutter, die ihren erwachsenen Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache) kontrolliert, einen Prototyp: das eigene Ich ist das A und O, Gemeinwohl ein Fremdwort, Nächstenliebe allenfalls noch ein Stichwort für einen Witz.
Auslöser allen Geschehens ist ein Unfall: Barbu, Mitte dreißig, ist schuldig am Tod eines Jungen. Mutter Cornelia versucht alles, um ihn aus der Verantwortung zu nehmen. Selbst vor Bestechung und Erpressung scheut sie nicht zurück. Pointe: Barbu entzieht sich. Statt seine Zuneigung zu halten, zerstört sie genau die. Cornelia wird von ihrer Gier nach Erfolg ins Abseits geschleudert. Beruhigend ist das nicht, auch kein Sieg der Menschlichkeit. Netzer lässt kitschigem Gutmenschengetue keinen Raum. Kühl und trocken wird die Story abgespult. Damit wird sie leicht als Bild der rumänischen (und nicht nur der!) Gesellschaft an sich erkennbar. Barbu gehört zur Generation derer, die sich von den Haltungen der Elterngeneration abnabeln muss, wenn sie eine positive soziale Entwicklung ankurbeln will. Was leicht gesagt ist, sich aber nur mit Schwerstarbeit umsetzen lässt. Die Chance auf der Verliererseite zu landen ist größer als die, bei den Gewinnern zu sein. Wobei Netzer klar zur Diskussion stellt, dass wohl zu fragen ist, was als Gewinn gelten soll. Seine Ansicht ist klar: Bleibt’s beim Pochen auf Profit bis zum Geht-nicht-mehr (materiell und immateriell), dann wird die so genannte westliche Welt schneller den Bach runter gehen als wir es uns in den schwärzesten Alpträumen ausmalen.
Peter Claus
Mutter und Sohn, von Calin Peter Netzer (Rumänien 2013)
Bilder: X Verleih
ShareDer Dieb der Worte (ab 23. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 22. Mai 2013
Dramatik, Romantik und eine Prise Philosophie: dieser Spielfilm bietet in einer verzwickt-verschachtelten Story um den Zusammenklang und das Auseinanderfallen von Kunst und Leben höchst edel gestaltetes Kino. Jedoch: das Regiedebüt der zwei bisher als Autoren bekannten US-Amerikaner Brian Klugman und Lee Sternthal krankt ein wenig daran, dass die Form den Inhalt streckenweise überdeckt.
Der Plot ist trickreich: Rory Jansen (Bradly Cooper) sucht Erfolg als Schriftsteller. Der bleibt aus. Die Liebe zu Dora (Zoe Saldana) tröstet nicht darüber hinweg. Dann aber findet er ein Romanmanuskript. Herkunft unbekannt. Rory gibt sich als Autor aus – und wird prompt berühmt. Genießen kann er das nicht. Er ist geradezu erleichtert, als ein alter Mann
(Jeremy Irons) sich als Urheber des Textes zu erkennen gibt. Der Betrüger schämt sich. Dora ist entsetzt. Das Leben des Paares wird von der Lüge vergiftet. Von all dem erzählt ein Schriftsteller, Clay Hammond (Dennis Quaid). Er hat die Erzählung von Rory und den anderen aufgeschrieben. Wie die Figuren in seinem Text, so gerät er selbst zwischen Kunst und Leben, Wahrheit und Erfindung, Lug und Trug. und gerät damit selbst in einen gefahrenreichen Strudel von Liebe, Leidenschaft und lauter Lügen.
Nein, dies ist keine Neuverfilmung von Martin Suters 2004 erschienenem Roman „Lila, Lila“, der 2009 mit Daniel Brühl in einer der Hauptrollen in die Kinos kam. Brian Klugman und Lee Sternthal sollen schon im Jahr 2000 mit der Entwicklung des Stoffes begonnen haben. Diebstahl geistigen Eigentums, wie ihn Rory begeht, kann man ihnen also nicht vorwerfen. Aber doch, dass ihre Auseinandersetzung mit dem Thema zu oberflächlich bleibt. Der Film hat Charme, die Erzählung Originalität, und es begeistern tolle Schauspieler. Leben aber ist nicht zu spüren. Das Puzzle der verschiedenen Erzähl- und Zeitebenen ist schick. Mehr nicht. Immerhin: Mal keine Action, keine Computerspielereien, kein Kinderkram. Und den Akteuren zuzusehen, das macht schon Spaß. Doch etwas mehr Gehalt und weniger Konstruktion hätten dem Film jene Größe geben können, die er nicht hat.
Peter Claus
Der Dieb der Worte, von Brian Klugman und Lee Sternthal (USA 2012)
Bilder: Wild Bunch
ShareFünf Jahre Leben (ab 23. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 22. Mai 2013
Explizit politische Spielfilme kommen selten heraus in Deutschland. Oftmals hat das sicher mit der Scheu der Autoren und Regisseure zu tun, zu plump zu werden. Und sicher: Auch das scheinbar Unpolitische ist immer politisch. „Fünf Jahre Leben“, der erste abendfüllende Spielfilm von Autor und Regisseur Stefan Schaller, wendet sich einer Geschichte zu, die im Koordinatensystem der internationalen Politik wurzelt. Erfreulicherweise aber ist dies kein Agit-Prop-Pamphlet. Alles vordergründige Politisieren bleibt aus. Schaller weiß, dass das, worauf er verweist, genug Zündstoff für ein Nachdenken über politische Fragen bietet. Da muss er nicht noch mit Effekthascherei das Feuer anheizen.
Stefan Schaller hat sich der Geschichte des Deutsch-Türken Murat Kurnaz (Sascha Alexander Geršak) angenommen. Der saß fünf Jahre in Guantánamo, in jener Folterhölle, die den USA als Hort des Kampfes gegen den internationalen Terror gilt. Vieles deutet darauf hin, dass deutsche und türkische Behörden dem Mann nicht einmal dann geholfen und ihn
da rausgeholt haben, als selbst der CIA ihn 2002 für unschuldig hielt. Deutschlands damaliger Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier hat die Rückkehr von Murat Kurnaz nach Bremen, auch darauf deutet viel, offenbar bewusst verhindert. Die „Schuld“ des jungen Mannes: er hat sich in Bremen dem Islam zugewandt und besuchte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine Koranschule in Pakistan. Von dort kam er, gegen Kopfgeld an die US-Amerikaner weitergereicht, als vermeintlicher „Bremer Taliban“ in die Haft. Der Film zeigt nicht mit den Mitteln eines Krimis, was wahr ist oder nicht, fragt nicht nach Schuld oder Unschuld. Und: er erteilt keine Zensuren. Stefan Schaller streift die Fülle an Geschehenem zum Beispiel in einigen eingeblendeten Schriftzügen am Ende des Films. Doch erzählt er in erster Linie, was es bedeutet, in einem Gefängnis wie Guantánamo festgehalten zu werden, zeigt den physischen und psychischen Terror. In immer kleiner werdenden Bildausschnitten wird spürbar, wie ein dort Gefangener selbst immer kleiner wird, wie er klein gemacht wird, seiner Würde beraubt werden soll, seiner Menschlichkeit. Höhepunkte des Films sind keine Szenen voller deutlicher Gewaltdarstellungen, die es auch gibt. Höhepunkt ist die Folge von Gesprächen und Begegnungen mit einem US-amerikanischen Verhörspezialisten. Dieser Gail Holford (Ben Miles) hat bisher noch jeden zum Reden gebracht, egal ob die Geständnisse der Wahrheit entsprachen oder nicht. Er arbeitet mit allen Tricks. Doch Murat Kurnaz bleibt standhaft, Er hat nichts zu gestehen, also gesteht er nicht. Er hofft auf die Kraft der Wahrheit.
Ein Jahr wird beleuchtet. Ein Jahr des Grauens. Die Wucht, mit der man als Zuschauer Zeuge dieses Grauens wird, prägt sich unvergesslich ein. Schaller enthüllt mit dem, was er zeigt, die Perfidie des Systems Guantánamo an sich. Er forscht, wie schon angedeutet, nicht, um dieses oder jenes zu beweisen oder zu widerlegen, er attackiert keinen einzelnen verantwortlichen Politiker oder Militärs. Er verdeutlicht, wie das aus blindem Hass geborene fanatische Handeln wider alles Fremde, das a priori als verdächtig gilt, Menschen wie
Murat Kurnaz und Gail Holford zu Protagonisten staatlich sanktionierter Gewalt macht. Gezeigt wird: In Guantanámo geht es oft gar nicht darum, wesentliche Informationen zu sammeln. Es geht um Geständnisse um jeden Preis, egal ob sie von wirklichem Wert sind oder nicht, um im Nachhinein das Vorgehen der US-Sicherheitskräfte und ihrer Helfer, wie etwa des BND, zu legitimieren. Wer nicht mitspielt, wie Murat Kurnaz, soll als Persönlichkeit gebrochen werden. In einer Szene des Films wird Murat Kurnaz in einen Hubschrauber gesetzt, der ihn in die Freiheit bringen soll. Doch es ist eine Finte. Sofort wird er wieder herausgezerrt und geprügelt, muss zurück in eine Zelle, wird neuen Foltern ausgesetzt. Besonders eindringlich ist eine Szene, die zeigt, wie der Gefangene psychisch gebrochen werden soll: Murat Kurnaz wird gezwungen einen kleinen Leguan, der durch die Kanalisation zu ihm gekommen ist, zu töten.
US-Präsident Barack Obama hat zu Beginn seiner ersten Amtszeit, 2008 war das, die Schließung des Lagers Guantánamo versprochen. Seine zweite Amtszeit läuft seit Ende 2012. Das Lager ist nach wie vor in Betrieb. Und nach wie vor können wir nicht sicher sein, ob es nicht auch andernorts ähnliche Lager gibt. Der Film kann uns diese Sorge nicht nehmen. Er offeriert auch keine Patentrezepte, wie der zweifellos notwendige Kampf gegen Terrorismus mit akzeptablen Mitteln geführt werden kann. Aber er kann das Bewusstsein dafür schärfen, dass kein Mensch, im Namen von wem oder was auch immer, das Recht hat, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Eine Wahrheit, die nicht erst in einem Gefangenenlager gilt, sondern allüberall und jederzeit.
Peter Claus
Fünf Jahre Leben, von Stefan Schaller (Deutschland 2012/2013)
Bilder: Zorro Film
ShareDer große Gatsby (Baz Luhrmann)
von Georg Seeßlen+ in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. Mai 2013
Eine pink-weiße Pop-Up-Version von F. Scott Fitzgeralds Roman
Für und mit The Great Gatsby möchte man Englisch gelernt haben, um zu erkennen, dass der Roman nicht zu übersetzen ist. F. Scott Fitzgeralds Buch ist nicht nur unübersetzbar in andere Sprachen, er ist noch mehr unübersetzbar in andere Medien. Das soll nicht heißen, dass man es nicht immer wieder versuchen muss.
Baz Luhrmanns The Great Gatsby ist die vierte Hollywood-Version des Stoffes. Keine ist über eine mehr oder weniger werknahe Illustration hinausgekommen, von einer geschwätzigen Fernsehvariante ganz abgesehen. Mit der bangen Frage, wie die Chemie schauspielerisch und inszenatorisch zu erzeugen sein würde zwischen Tom und Daisy Buchanan und Jay Gatsby, der, wie wir wissen, anders heißt und ein amerikanischer Traum und Albtraum ist. Und welchen Rhythmus die Verfilmung finden würde. Die wohl berühmteste, von Jack Clayton und Francis Ford Coppola mit Robert Redford, Mia Farrow und Bruce Dern, setzte auf eine todessehnsüchtige Verlangsamung; sie stand am Ende der Hippie-Aufbruchsträume und löste eine Mode- und Designmanie aus, die man damals als „Nostalgie-Welle“ medialisierte. Der „Gatsby-Look“ machte die Runde; Robert Redford war schön und unnahbar und doch im Inneren so verletzlich und verletzt durch die Liebe, und Mia Farrow war schön und oberflächlich und litt daran.
Nun also Leonardo DiCaprio und Carey Mulligan, und Baz Luhrmann, der Berserker des Cinema du look, setzt auf Beschleunigung, 3-D-Effekte, Comic- und Musical-Ästhetik; er verfilmt den Gatsby nicht, er lässt uns Partikel des Romans um die Ohren fliegen. An seinem Red Curtain-Filmstil (diesen Begriff wählte Luhrmann selbst einmal) scheiden sich die Geister. Einerseits geht es um die Verbindung von Bühnen- und Filmräumen: Kino als kreisendes und tanzendes Durchmessen radikal künstlicher Räume, die exzessive performative Brechung jeglicher realistischer Filmhandlung, der Schauwert als l‘art pour l’art, eine Design-Attacke am Rand der Obszönität, mehr entfesselte Kamera bei einem überlangen Music-Clip als Spielfilm. Zum Rest des Beitrags »
ShareStarlet (ab 16. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 15. Mai 2013
Eine der Entdeckungen des letztjährigen Festivals von Locarno – endlich hierzulande in den Kinos.
Ein so genannter kleiner Film, der große Emotionen auslöst. Die Story ist schön schräg: 22-Jährige landet mitten im Leben einer Greisin – und damit beginnt eine herzzerreißend-wunderbare Freundschaft. Die darf viele Höhen erleben, muss aber auch Tiefen aushalten. Wie schwer das sein kann,
wird mit hinreißender Leichtigkeit im Ton und dabei vollkommener Ernsthaftigkeit in der Erzählhaltung illustriert.
Dies ist einer dieser immer selteneren Filme, bei denen die Tränen des Lachens und des Weinens beständig zusammen kullern. Regisseur Sean Baker hat die Inszenierung ganz auf seine zwei Hauptdarstellerinnen abgestellt und erreicht mit ihnen das Optimum an nur denkbarer Wirkung. Dree Hemingway, Model und Urenkelin des Schriftstellers Ernest Hemingway in der Titelrolle, und die erstmals vor der Kamera erschienene 85-jährige Besedka Johnson harmonieren großartig miteinander. Es wirkt, als spielten sie nicht, sondern seien in jeder Szene ganz sie selbst.
Der feine Film gehört zu jenen Juwelen des Kinos, die man um Gottes Willen nicht zu Tode analysieren darf. Einzige Empfehlung: Hingehen, ansehen, genießen – und all die kleinen Denkanstöße, die der Film verteilt, aufnehmen.
Peter Claus
Starlet, von Sean Baker (USA 2012)
Bilder: Rapid Eye Movies
ShareParadies: Hoffnung (ab 16. Mai)
von Peter Claus+ in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 15. Mai 2013
Zum dritten und damit letzten Mal: ein Ausflug in die Hölle des Menschlich-Allzumenschlichen – Dank Autor und Regisseur Ulrich Seidl. Komisch ist das wieder, auch bitter, doch vor allem – Überraschung! – geradezu zartfühlend.
Zunächst kommt einem das Stichwort „Schönheitswahn“ in den Sinn. Der hat ja inzwischen auch Jugendliche ergriffen, wobei’s doch wohl vor allem die Eltern mit ihren Schnapsideen sind, die den Mädels Wespentaillen und den Jungs ’nen Waschbrettbauch verordnen. Ulrich Seidl greift das auf und nimmt’s als Ausgangspunkt des letzten Teils seiner „Paradies“- Trilogie. Wir lernen die 13-jährige Melanie kennen. Sie wird in ein Sommercamp für
Übergewichtige gesteckt. Das Mädchen soll Pfunde los werden. Wichtiger für sie: der das Training begleitende Arzt wird ihr Traummann. Sie verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben.
18 Jahre ist es mittlerweile her, dass der Film herauskam, doch noch immer provoziert Seidls Doku „Tierische Liebe“ mit ihren schonungslosen Beobachtungen von Menschen, die ihre tierischen Hausgenossen als Kind-, Vater-, Mutter-, Partner-Ersatz misshandeln. Seitdem erwartet man von Seidl ein Missbehagen mit auf den Weg zu bekommen, sich irgendwie im Dunkel eigener Schmuddelphantasien ertappt zu fühlen. Bei den zwei ersten Teilen seiner „Paradies“-Trilogie um das biblische Begriffsterzett Glaube, Liebe, Hoffnung war es auch so. Diesmal aber fehlt der Biss. Seidls Film wirkt verblüffend versöhnlich mit einer recht verhaltenen Erzählweise. Seidl karikiert durchaus den Schlankheitswahn und dessen Folgen mit viel Komik und sogar Slapstick. Der Drill, mit dem die Heranwachsenden den stromlinienförmigen Vorstellungen von Schönheit angepasst werden sollen, wirkt nur albern. Damit geißelt der Österreicher sozusagen im Vorübergehen die ganz auf Äußerlichkeiten abonnierte bürgerliche Gesellschaft in der so genannten westlichen Welt. Aber tatsächlich nur im Vorübergehen, husch-husch, nebenbei. Er hätte ruhig spitzer sein dürfen. Es sieht so aus, als habe er ein wenig zu ängstlich alles Provozieren vermieden, um die Würde der Figuren
nicht zu beschädigen. Er beleuchtet die seelische Not von Melanie mit spürbarer Zuneigung zu dem Mädchen. Das Erwachen ihrer erotischen Sehnsucht und die daraus resultierende tiefe Enttäuschung, weil ihre Liebe nicht erwidert wird, fasst Seidl in rührende Szenen.
Melanie ist übrigens die Tochter der Frau, die in „Paradies: Liebe“ die Schatten des Sextourismus unter Kenias Sonne entdeckte und die Nichte der fanatischen Katholikin in „Paradies: Glaube“. Mutter und Tante zeigt Seidl in den Vorgängerfilmen von vornherein als geistig arm und emotional beschränkt. Melanie gesteht er viel Herz zu und durchaus auch Verstand. Irgendwann möchte man das Mädchen einfach mal tröstend in den Arm nehmen. Allerdings wird Ulrich Seidls bittere Botschaft deutlich: Eine Welt, in der die Erwachsenen nur noch in engsten Grenzen leben, geistig und emotional geprägt von Vorurteilen und Geldgier, kann Kindern und Jugendlichen keine Zukunft bieten.
Hauptdarstellerin Melanie Lenz, Schülerin ohne Schauspielerfahrung, zeigt die innere Verzweiflung Melanies klar, schnörkellos, und sehr wirkungsvoll. Mit jugendlich-linkischer Körpersprache und in sehr knappen Dialogen, die meist improvisiert erscheinen, bringt sie die Unsicherheit der Pubertierenden zum, Ausdruck. Nichts wirkt da angeschafft, gar gekünstelt. Sicherlich verkörperte die zur Zeit der Dreharbeiten wirklich 13-Jährige in der Hauptsache sich selbst. Damit beleuchtet sie die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens aufs wirkungsvollste – und wird zum Clou des Films!
Peter Claus
Paradies: Hoffnung von Ulrich Seidl (Österreich/ Frankreich/ Deutschland 2012)
Bilder: Neue Visionen
ShareDemut & Deutung, oder Die Kunst, die Kunst in Bewegung zu bringen (wenigstens im Kino)
von Georg Seeßlen+ in Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs am 15. Mai 2013
BILDER AUF BILDERN AUF BILDERN
Die Kunst und das Kino, das ist, rundheraus gesprochen, eine der schönsten und der furchtbarsten intermedialen Liebesgeschichten der letzten hundert Jahre. Die küssten und die schlugen sich, dass es eine wahre Pracht ist. Als im Jahr 1970 der Künstler John Baldessari seinen Studentinnen und Studenten am CalArts in Los Angeles zum Eingang seiner Lecture den Satz entgegen schleuderte: „Nicht Andy Warhol ist der wichtigste Künstler des Jahrzehnts, sondern Jean Luc Godard“, gab’s noch kräftig Widerspruch, innerhalb und außerhalb des Seminarraums. Vierzig Jahre später begegnen sich in dem Film „Atelier“ der Künstler Michael Dreyer und der Filmemacher Peter Ott zu einem Spiel, in dem sie gegenseitig die Grenzen ihrer Ausdrucksformen, von Fiktion und Non-Fiction, dem Fotografischen und dem Malerischen ausloten und nebenbei eine prächtige Parodie auf filmische Künstlerbiographien abliefern. Ein ziemlich angesagtes Genre, derzeit. Und was am Ende dieses großartigen kleinen Filmes herauskommt ist, dass das Spiel gescheitert ist. Die beiden Spieler, der Filmemacher und der Künstler, haben nach unterschiedlichen Regeln gespielt, so haben sie sich nicht einmal gegenseitig hereinlegen oder umarmen können. Kino und Kunst verhalten sich zueinander wie Männer und Frauen (wenigstens nach einem berühmten Loriot-Satz): Sie passen einfach nicht zueinander.
Das radikale Negativ und zugleich ein wichtiges Seitenstück des Kunst-Films über die Unmöglichkeit des Kunst-Filmes wie „Atelier“ ist die Verweigerung. In „Jeremy Y. Call Bobby O. – Morgenthau without Tears“ steht ein Künstler im Mittelpunkt, dessen Werke nie zu sehen sind. Regisseur und Kameramann René Frölke besucht den deutschen Künstler Bernd Naber in New York. Der Mann hat, scheint’s, viel zu tun, ist ständig unterwegs und ständig connected, aber was er eigentlich macht, bleibt eher vage. Er ist mit sich selbst und mit der Welt beschäftigt, die Schnittstellen, eben die Kunstwerke, werden aber nicht sichtbar, und auch der Filmemacher selbst hat nie ein Bild des Künstlers zu Gesicht bekommen. Für den frustrierten Zuschauer hat er einen Rat. Das kann man ja googlen.
Die besten Kunst-Filme sind jene, in denen Kunst und Film
sich gegenseitig aus der Fassung zu bringen versuchen.
Machen wir: Neben einem besonderen Interesse für Schamanismus können wir Ausstellungslisten studieren und sehen ein paar hübsche, einfache Dinge, die allerdings ihrerseits nach einem größeren Zusammenhang zu gieren scheinen. Und: „There is currently no Blog entry available.“
Und schon haben wir die erste These: Die besten Kunst-Filme sind jene, in denen Kunst und Film sich gegenseitig aus der Fassung zu bringen versuchen. Sie handeln vom Verschwinden. Die kreative Reaktion auf die Einsicht, aneinander gescheitert zu sein. Lücken aufreißen, you know. Keine Vereinfachungen, keine Mythen. Aber natürlich lassen wir uns von so etwas nicht den Spaß daran verderben, immer mehr Kino in die Black Cube des Museums zu bugsieren, und immer mehr Kunst in die schließlich Arthouse benannten Kinos. Wir doch nicht. Zum Rest des Beitrags »
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