FILMWISSEN

Demut & Deutung, oder Die Kunst, die Kunst in Bewegung zu bringen (wenigstens im Kino)

aus: Gerhard Richter Painting

BILDER AUF BILDERN AUF BILDERN

Die Kunst und das Kino, das ist, rundheraus gesprochen, eine der schönsten und der furchtbarsten intermedialen Liebesgeschichten der letzten hundert Jahre. Die küssten und die schlugen sich, dass es eine wahre Pracht ist. Als im Jahr 1970 der Künstler John Baldessari seinen Studentinnen und Studenten am CalArts in Los Angeles zum Eingang seiner Lecture den Satz entgegen schleuderte: „Nicht Andy Warhol ist der wichtigste Künstler des Jahrzehnts, sondern Jean Luc Godard“, gab’s noch kräftig Widerspruch, innerhalb und außerhalb des Seminarraums.  Vierzig Jahre später begegnen sich in dem Film „Atelier“ der Künstler Michael Dreyer und der Filmemacher Peter Ott zu einem Spiel, in dem sie gegenseitig die Grenzen ihrer Ausdrucksformen, von Fiktion und Non-Fiction, dem Fotografischen und dem Malerischen ausloten und nebenbei eine prächtige Parodie auf filmische Künstlerbiographien abliefern. Ein ziemlich angesagtes Genre, derzeit. Und was am Ende dieses großartigen kleinen Filmes herauskommt ist, dass das Spiel gescheitert ist. Die beiden Spieler, der Filmemacher und der Künstler, haben nach unterschiedlichen Regeln gespielt, so haben sie sich nicht einmal gegenseitig hereinlegen oder umarmen können. Kino und Kunst verhalten sich zueinander wie Männer und Frauen (wenigstens nach einem berühmten Loriot-Satz): Sie passen einfach nicht zueinander.

Das radikale Negativ und zugleich ein wichtiges Seitenstück des Kunst-Films über die Unmöglichkeit des Kunst-Filmes wie „Atelier“ ist die Verweigerung. In „Jeremy Y. Call Bobby O. – Morgenthau without Tears“  steht ein Künstler im Mittelpunkt, dessen Werke nie zu sehen sind. Regisseur und Kameramann René Frölke besucht den deutschen Künstler Bernd Naber in New York. Der Mann hat, scheint’s, viel zu tun, ist ständig unterwegs und ständig connected, aber was er eigentlich macht, bleibt eher vage. Er ist mit sich selbst und mit der Welt beschäftigt, die Schnittstellen, eben die Kunstwerke, werden aber nicht sichtbar, und auch der Filmemacher selbst hat nie ein Bild des Künstlers zu Gesicht bekommen. Für den frustrierten Zuschauer hat er einen Rat. Das kann man ja googlen.

Die besten Kunst-Filme sind jene, in denen Kunst und Film

sich gegenseitig aus der Fassung zu bringen versuchen.

Machen wir: Neben einem besonderen Interesse für Schamanismus können wir Ausstellungslisten studieren und sehen ein paar hübsche, einfache Dinge, die allerdings ihrerseits nach einem größeren Zusammenhang zu gieren scheinen. Und: „There is currently no Blog entry available.“

Und schon haben wir die erste These: Die besten Kunst-Filme sind jene, in denen Kunst und Film sich gegenseitig aus der Fassung zu bringen versuchen. Sie handeln vom Verschwinden. Die kreative Reaktion auf die Einsicht, aneinander gescheitert zu sein. Lücken aufreißen, you know. Keine Vereinfachungen, keine Mythen. Aber natürlich lassen wir uns von so etwas nicht den Spaß daran verderben, immer mehr Kino in die Black Cube des Museums zu bugsieren, und immer mehr Kunst in die schließlich Arthouse benannten Kinos. Wir doch nicht. Zum Rest des Beitrags »

Share

Der „woman’s director“ George Cukor

Gemachte Frauen

Ein „Frauenregisseur“ in Hollywood, was mag das schon sein? Einer, der lieber von Frauen erzählt, die sich befreien, als von Männern, die sich totschießen? Einer, der die Kamera dort hin stellt, wo sie möglicherweise normalerweise nur mehr oder weniger lüstern späht, in die weiblichen Räumen und Sphären der sozialen Architektur? Einer, der es gar schafft, einen Film ganz ohne Männer zu drehen und ihn einfach „The Women“ nennt? Ein Regisseur von Filmen, in deren Titeln immer irgendeine Woman, irgendein Girl oder irgendeine Lady auftaucht, „von „Tarnished Lady“ über „Two-Faced Woman“ bis „Les Girls“? Oder auch einer, der Licht und Farben, Schnitt und Ton in so sanften Wellen gestaltet, als wäre die Filmkamera ein Schneider, der den Körpern der Frauen eine zweite Haut verpassen will. Als wollte er dienend und eifernd „herausholen“, was verborgen in ihnen steckt, an Schönheit und Selbstbewusstsein. Vielleicht hat so ein Kerl auch einfach einen ausgemachten Pygmalion-Komplex. Einer, der sich nicht nur eine Frau, sondern eine ganze weibliche Hälfte der Welt erfindet.

Audrey Hepburn als Eliza Doolittle in My Fair Lady

George Cukor (1899 bis 1983), der Screwball-Comedies (wie „Die Nacht vor der Hochzeit“), Musicals (wie „Les Girls“), Thriller (wie „Das Haus der Lady Asquith“), Melodramen (wie „Die Frau mit der Narbe“) gedreht hat, erzählt meistens die gleiche Geschichte: Wie eine Frau gemacht wird, durch die Hilfe eines Mannes, der aber dann, wenn die Fair Lady ganz zu sich gekommen, und ein Star geboren ist, mehr oder weniger freiwillig einen Schritt zurück tritt. Zum Rest des Beitrags »

Share

Steven Soderbergh – ein Film-Verrückter

Steven Soderberghs vorerst letzter Kinofilm ist ein Thriller über Geld, Mord und Pillen, die das Glück versprechen.
Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen (USA, 2013)
© Senator Film Verleih

 

Kino bis zur Erschöpfung

Steven Soderbergh scheint seinen Kampf gegen die Traumfabrik erst einmal aufzugeben

Ein Film-Verrückter, zweifellos. Wie eines seiner Vorbilder, Steven Spielberg, war Steven Soderbergh schon als 13jähriger mit der Super 8-Kamera unterwegs; er lernte Filme wie „Der weiße Hai“ gleichsam auswendig, Einstellung für Einstellung, Schnitt für Schnitt. Daneben erwarb er sich in Animationskursen grundlegende Fertigkeiten und begann, nach eher glücklosen Erfahrungen als Cutter beim Fernsehen, mit dem Verfassen eigener Drehbücher. Sein Entrée in die Filmwelt waren schließlich Konzertfilme für die Bombast-Rocker Yes; „9012Live: The Solos“ brachte ihm 1986 immerhin eine Nominierung als bester langer Musikfilm bei den Grammy-Awards ein.

Drei Jahre später war Soderberghs „Sex, Lies & Videotapes“ eine kleine Sensation bei den Filmfestspielen in Cannes. Da zeigte sich, vielleicht, der Beginn eines neuen US-amerikanischen Kinos zwischen Independent und Mainstream, intelligent aber unterhaltsam, kritisch aber nicht radikal, ein wenig postmodern aber nicht zu sehr. Und ziemlich ehrlich, was das Leben der Generation anbelangte, die nach den viel zitierten Baby-Boomern kam. Soderbergh kehrte mit einer „goldenen Palme“ nach Amerika zurück. Ein neues Wunderkind für die Traumfabrik war geboren. Eine Menge Erwartungsdruck, eine Menge Neider, eine Menge Fallstricke warteten dort.

Soderbergh hat das Kino, seine Zuschauer und seine Kritiker

(und natürlich vor allem sich selbst)

immer an den Rand der Erschöpfung geführt.

„Sex, Lies & Videotapes“ zeigt, eher quer als längs erzählt, eine Gruppe von Menschen in den Netzen ihrer Begierden und ihrer Hemmnisse. Dabei spielt der Film gekonnt mit dem Motiv des Voyeurismus in der Handlung wie dem zwischen Leinwand und Zuschauern. Es war eine Momentaufnahme der sexuellen Ökonomie und der Ratlosigkeit am Ende der achtziger Jahre. Und er machte diese unhierarchische, sich eher über Raum und Zeichen als über Aktion und Reaktion entwickelnde Erzählweise wieder populär, in der vordem Robert Altmans größte Filme geprägt hatte und die Paul Thomas Anderson in „Magnolia“ (1999) zu einer Meisterschaft entwickelte, die Steven Soderbergh nie erreichen sollte. Dessen Stärke liegt woanders.

Es ist die Leichtigkeit, mit der er Dinge zu verknüpfen versteht, die auf den ersten Blick nicht zusammen gehören, das Jonglieren mit verschiedensten Charakteren und Handlungspartikeln, die, einmal in die Luft geworfen, noch ein paar unerwartete Drehungen vollführen, bevor sie vom Drehbuch an unvorhergesehener Stelle wieder aufgefangen werden. Steven Soderbergh hatte von Beginn seiner Arbeit an zwei große Gegner: Die Traumfabrik, die sein Talent zu absorbieren trachtete, und sich selber. Er war stets davor auf der Flucht, einen „ganz normalen Hollywood-Film“ zu machen, oder aber einen „Soderbergh-Film“. Filmemachen auf der Flucht kann sehr kreativ sein, manchmal. Anstrengend ist es aber immer.

OCEAN'S THIRTEEN © Warner Bros.

Seit dem Erfolg von „Sex, Lies & Videotapes“ arbeitet Soderbergh ziemlich rastlos in einem Business, das er zugleich von erzen liebt und verabscheut. Für das Kino, zwischendurch auch für das Fernsehen, als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent. Und nicht genug damit: Als Kameramann bei den eigenen und manchen anderen Filmen, unter dem Pseudonym Peter Andrews, und beim Schnitt als Mary Ann Bernard. Und im Jahr 2000 gründete er zusammen mit George Clooney die Section Eight Productions. Ein Versuch, die Unabhängigkeit auch ökonomisch zu fassen. Die freundschaftliche Zusammenarbeit mit Clooney endete 2006; man blieb durch die Erfolgsserie der „Ocean’s“-Filme miteinander verbunden.

Eine geradlinige success story ist die Karriere des nächsten Wunderkindes in der Traumfabrik nicht geworden. Nach dem Erfolg von „Sex, Lies & Videotapes“ kamen für Steven Soderbergh ein paar deftige Flops. Offensichtlich war es sein Hauptanliegen zuerst einmal, sich auf keinen Fall zu wiederholen oder zum Spezialisten sarkastischer Mehrpersonenstücke zu werden. Das Leben von Franz Kafka in einen Thriller zu verwandeln und die Titelrolle Jeremy Irons zu übertragen, war möglicherweise nur auf dem Papier eine gute Idee, und die Verfilmung von „König der Murmelspieler“ (1993) zeigte durch ein paar allzu schöne, nostalgische Tableaus und ein sonderbares Happy End eine Schwäche dieses Filmemachers. Von den Wunderkinder-Vorgängern Spielberg und George Lucas scheint Soderbergh eine Angst geerbt zu haben, es mit Experiment, Provokation und unangenehmer Wahrheit zu übertreiben. Zum Rest des Beitrags »

Share

Klassenunterschiede: Wenn Django auf Lincoln trifft

Die Oscars, die Sklaverei und Tarantino vs. Spielberg, Christoph Waltz vs. Tommy Lee Jones

Nein, die Oscars sind nicht das Maß aller Dinge. Aber an keinem anderen Datum im Filmjahr reiben sich Kunst & Kommerz, Integrität oder Nuttentum, Spekulatives oder ewigere Werte so aneinander wie bei dieser künstlerischen Bilanzkonferenz der globalen, von Hollywood dominierten Filmindustrie. Der gut 90 Jahre alte Satz des UFA-Produzenten Erich Pommer gilt mehr denn je: „Ein Film ist nicht erfolgreich, weil er gut ist. Sondern höchstens obwohl.“ Empfehlenswert übrigens die eher kleine, in der Zusammenschau jedoch erhellende Oscar-Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum (noch bis zum 5. Mai 2013).

 

 

Zweimal das Thema Sklaverei

Zweimal dieses Mal das große Thema Sklaverei, zwei Oscar-Filme, wie sie von ästhetischem Ansatz, Erzählweise und innerer Haltung her unterschiedlicher nicht sein könnten: Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (165 Min) und Steven Spielbergs „Lincoln“ (150 Min). Beide haben sie Monumentalfilmlänge und Zeit genug für ihre Figuren, beide hatten sie Ressourcen und Geld genug zur Verfügung, ihr filmisches Credo zu formulieren. Hätte ich je gedacht, dass ich eines Tages Spielberg und seine eher biederbrave Erzählweise verteidigen würde?

Im Vergleich der beiden Filme wirkt „Django“ wie aus dem Kindergarten, ist ein Lehrstück der Infantilisierung der Gesellschaft, während „Lincoln“ das Außergewöhnliche schafft – nämlich für eine gesellschaftliche Idee und Haltung, die von Menschenwürde und Gleichheit der Menschen, zu begeistern und eine für ein breites Publikum nachvollziehbare menschliche Dimension zu geben. Demokratie- und Humanismus-Erlebnis der schönsten Sorte, ohne Zeigefinger. Und was bleibt von Tarantinos „Django“? Ein etwas schuldiges Vergnügen an Blutspritzereien? Zu welchem Behufe? Zur Steigerung des globalen Popcornverzehrs? Zum Rest des Beitrags »

Share

¡No! (Pablo Larraín)

Widerstand und Werbung 

„¡No!“ erzählt vom Ende der Pinochet-Diktatur durch eine Medien-Kampagne

Chile im Jahr 1988. 16 Jahre hat Pinochet das Land terrorisiert, eine ganze Generation ist mit Folter, Mord und Vertreibung in die Jahre gekommen, aber auch mit den Segnungen eines rücksichtslosen, modellhaft neoliberalen und medienverbrämten Kapitalismus, der einem neuen Mittelstand Autos, Häuser und gefüllte Kühlschränke bescherte. Zu diesen Nutznießern gehört der Werbedesigner René Saavedra, dargestellt von Gael García Bernal. Er hilft, absurde Soap Operas ebenso zu verkaufen wie ein Cola-Getränk namens „Free“, und jedesmal macht er seine Arbeit den Auftraggebern mit den selben hohlen Worten von „sozialem Kontext“ und Chiles Zukunft schmackhaft. Irgendwann war das vielleicht anders; Renés Vater war ein Gegner der Diktatur, seine Frau hat ihn wegen seines Opportunismus verlassen, Freunde von einst werden von ihm halbherzig verleugnet. Einer von ihnen tritt mit einem besonderen Anliegen an ihn: Unter internationalem Druck hat Pinochet in ein Referendum eingewilligt, das darüber entscheiden soll, ob er weitere 8 Jahre im Amt bleibt oder Gegenkandidaten bei einer Wahl akzeptieren muss. 15 Minuten billigt er der in sich zerstrittenen Opposition an TV-Sendezeit zu. Und René soll sie mit der Kampagne für das „No!“ füllen. Das macht er schließlich mit all seinem professionellen Wissen, indem er statt politischer Wahrheit und Anklage Glücks- und Tanzbilder, Jingles und ein Markenzeichen (den Regenbogen) und ein neues Lebensgefühl, „Alegría“ etabliert.  Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die historische Wahrheit, die Erinnerung an das Unrecht, das politische Bewusstsein. „Das verkauft sich nicht“, sagt er, und das heißt an die Stelle der Bilder vom Terror, an die Stelle der Mütter und Frauen, die ihre verschwundenen Männer beklagen, an die Stelle der Zahlen von Toten und Gefangenen treten Tanz-Einlagen, lachende Gesichter, Kinderglück. René verkauft den Wandel, so und so.

Trotz aller Einschüchterungen und Gegenkampagnen setzt sich das „No!“ durch. Aber der Preis dafür ist die weitere Entmündigung; an die Stelle der Diktatur tritt das Fernsehen, es gibt weder einen Bruch noch einen Prozess, Pinochet selber bleibt unbehelligt und darf sein Leben als Millionär genießen. Und in der Nutznießer-Klasse machen die Leute weiter, als wäre nichts geschehen. Auch René kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück und verkauft Schwachsinn mit den gleichen Worten. „Alegría“, „sozialer Kontext“, die „Zukunft Chiles“.

Die Geschichte klingt sarkastischer als der Regisseur Pablo Larraín sie erzählt. Er gibt seinem Protagonisten Zeit, die eigene Zerrissenheit zu erleben, fügt seine privaten Dramen, die Sorge um seinen kleinen Sohn hinzu. Bernal hat diese Fähigkeit, seine Figur ganz leer zu machen, zwischen Treuherzigkeit, Triumph und Selbsthass. Dieser Mann, der vielleicht das Land vor einer Diktatur erlöste, ist selber moralisch nicht zu retten.

Der eigentliche Schurke, Renés Chef, der alle die propagandistischen Phantasmen der Pinochet-Regierung verinnerlicht hat, versucht mit einer Mischung aus Verlockungen (er bietet ihm die geschäftliche Partnerschaft an) und Drohungen (man weiß, wo seine Familie zu finden ist) den Mitarbeiter von seinem Plan abzuhalten. Zum Rest des Beitrags »

Share

Film-Chat: Regisseur John Boorman

Wolf Jahnke

Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

Regisseur John Boorman

Michael Scholten: Für heute haben wir im Vorfeld kein Thema festgelegt. Zu welchem Film willst Du befragt werden?

Wolf Jahnke: Kein Film. Aber Regisseur John Boormann ist kürzlich 80 Jahre alt geworden. Der hat verdient, dass wir ihn mal würdigen.

Michael Scholten: Super. Da erwischst Du mich auf dem falschen Fuß. Für mich gehört er zu den großen unbekannten Regisseuren, deren Namen ich mal gehört habe, aber zu denen mir spontan keine Filmtitel einfallen.

John Boorman at the
2006 San Sebastian International Film Festival

Wolf Jahnke:  Boorman ist vermutlich etwas in Vergessenheit geraten, weil seine ganz großen Filme wie Point Blank, Beim Sterben ist jeder der Erste und Excalibur etwas her sind und er sich nie auf ein einziges Genre festgelegt hat. Wie Stanley Kubrick drehte er Kriegs-, Gangster-, Science-Ficition-Filme und schuf bahnbrechende Werke.

Michael Scholten: Kann ein Regisseur gleichbleibend hohe Qualität bieten, wenn er sich im Laufe der Jahrzehnte durch alle Genres arbeitet?

Wolf Jahnke: Prinzipiell schon. Kubrick hat das ja mit viel Aufwand vorgemacht, und Peter Weir halte ich in dieser Hinsicht für unschlagbar. Boorman hat allerdings mit Der Exorzist 2 einen der schlechtesten Filme des Horror-Genres gedreht, obwohl der Film durchaus gewagte Momente enthält.

Michael Scholten: Ich muss gestehen, dass ich soeben parallel zum Chat mal einen Blick in Boormans Vita und Filmographie geworfen habe. Ich war überrascht, dass er auch Der Schneider von Panama gedreht hat, den ich sehr gut fand und den ich mir während meines Aufenthalts in Panama City gleich nochmal auf DVD angesehen habe. Ich wusste, dass John Le Carré den Roman und das Drehbuch geschrieben hat, ich wusste, dass Pierce Brosnan und Geoffrey Rush die Hauptrollen spielen. Aber warum wusste ich nicht, dass Boorman Regie geführt hat? Zum Rest des Beitrags »

Share

Gibt es ein Kino für Barak Obama?

Seal Team Six: The Raid on Osama bin Laden, the first film on Osama bin Laden’s killing, has reached 2.7 million viewers and achieves top ranking in NGC

 

YES, WE CAN (SOMETHING, ANYTHING, MAYBE, PLEASE!) 

 

„Geschichte beginnt als Farce und endet als Tragödie. Oder umgekehrt“.

ARGO (Regie: Ben Affleck)

 

Die United States of America werden, glauben wir der kulturellen Repräsentation in Romanen, Filmen oder Comics, von unerlösten, dynamischen und neurotischen Menschen bewohnt, die dazu tendieren, mal das Beste und mal das Schlechteste einer Gesellschaft in Demokratie und Kapitalismus zu verkörpern. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch jede einzelne Seele kennt den tiefen Riss zwischen den beiden Tendenzen der amerikanischen Geschichte, den Kampf zwischen den fundamentalistischen, bigotten und militanten und den liberalen, weltoffenen und humanistischen Kräften, die sich nicht erst seit dem schrecklichen, großen Bürgerkrieg gegenüberstehen. Lange nicht so übersichtlich ist das, wie man es gerne hätte. Und jeder neue Wahlkampf um das Präsidentenamt machte es erneut deutlich, wenn auch die Kommentare tun, als wäre es jeweils eine ganz neue Erkenntnis: Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten, und die Spaltung wird immer tiefer. Es gibt Orte, an denen sich diese Spaltung offen zeigt, in den Kirchen, in den Bibliotheken, in den Parteiräumen, und es gibt Orte, in denen sie sich weniger zeigt, im Starbucks, beim Baseball, oder im Kino. So nimmt es nicht Wunder, dass in einem Film wie „Das Leben des David Gayle“ (2002) des Briten Alan Parker, jemand über den scheinbar amerikanischsten der mehr oder weniger vereinigten Staaten sagt: „Never trust a state with more churches than Starbucks ..." Auf dem Weg über den Ozean verliert sogar diese Aussage an Eindeutigkeit, war uns nicht immer die Einheit von Religion und Kapitalismus so unheimlich? Eine so widersprüchliche Gesellschaft mag für den einzelnen manchmal recht anstrengend sein, to say the least, für das Kino zwischen populärer Kunst und Industrie ist es der perfekte Nährboden. Aus Gesellschaften, die mit sich selbst zufrieden sind, nicht wahr, Deutschland, kommen selten gute Filme. Aus Gesellschaften, die vor sich selbst erschrecken können, schon.

Das Kino, je größer desto mehr, ist eine langsame Industrie, und seine Kultur ist entsprechend asynchron. Wenn es so etwas gibt wie den richtigen Film zur richtigen Zeit, dann hat es irgend eine Vorahnung gegeben, oder der traditionell auch nicht gerade aktuelle Zeitgeist hat so seine ein, zwei Jahre gebraucht, um zu bemerken, was los ist. In aller Regel aber scheint das Kino der Politik (und ihrer Stimmung) hinterher zu sein, so dass allenfalls seine zweite Amtszeit einem Präsidenten wie Barack Obama zu Kinofilmen verhelfen kann, die zu seiner politischen Agenda passen.

Wenn ein Demokrat im weißen Haus sitzt, gibt es mehr Vampirfilme,

und wenn es ein Republikaner ist, dann gibt es mehr Zombiefilme.

Schon immer gibt es in der Sozialgeschichte des amerikanischen Films die Analogie von Präsidentschaft und Grundton der Mainstream-Filme: Die Roosevelt-Filme wie die New Deal-Komödien, die Eisenhower-Filme des stählernen Lächelns, die Kennedy-Filme mit ihren Erneuerungsträumen, die finsteren Reagan- und später die Bushistischen, revanchistischen Filme, dazwischen: Clintonianismus als soziale Rückbesinnung. Die entsprechenden Nerds haben es statistisch berechnet: Wenn ein Demokrat im weißen Haus sitzt, gibt es mehr Vampirfilme, und wenn es ein Republikaner ist, dann gibt es mehr Zombiefilme.

Einer näheren Nachprüfung halten solche Zuschreibungen in der amerikanischen Filmgeschichte allerdings nicht immer stand. Die „eindeutigen“ Beispiele sind eher in der Minderheit: Wir konnten zweifellos „Reaganistische“ Filme beobachten, und in manchen von ihnen, denken wir zum Beispiel an „Iron Eagle“  aus dem Jahr 1986, in dem explizit davon die Rede war, dass nun, rechtzeitig zum militärischen Schlag, nicht mehr „Schlaffi“ Carter, sondern „Cowboy“ Reagan im Weißen Haus regiere, wurde in der Tat auf die liberale und skeptische Hälfte der amerikanischen Gesellschaft so gepfiffen wie Mitt Romney auf die Armen pfeift. Zum Rest des Beitrags »

Share

Filmchat: Hänsel und Gretel – Hexenjäger

Wolf Jahnke

Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

Hänsel und Gretel – Hexenjäger

Wolf Jahnke: Fantasy war lange Zeit „out“. Als Terry Gilliams im Jahr 2005 Matt Damon und Heath Ledger als The Brothers Grimm auf Hexenjagd schickte, war das alles andere als ein Welterfolg. Nun kommen Hansel & Gretel: Witchhunter in die Kinos. Hat Dir der Film Spaß gemacht und ist das was für die Ewigkeit, so wie die Vorlage?

Michael Scholten: Ich fand den Film großartig. Schon jetzt eine der schönsten Überraschungen des Kinojahres 2013. Die Märchenvorlage wird schnell in der Pre-Title-Sequenz abgefrühstückt und stark verknappt, dann beginnt der Spaß mit perfekten Drehbuchideen und hervorragenden Darstellern. Gemma Arterton als Gretel ist heißer als der Ofen im Knusperhaus, Famke Janssen ist mit und ohne Hexenmaske gut, Jeremy Renner mimt lakonisch den coolen Hänsel, der als Kind mit zu viel Süßem gemästet wurde und jetzt unter Diabetis leidet. Mit einer abenteuerlichen Spritze muss er sich ständig Insulin in die Venen jagen, damit er beim Hexenjagen nicht schwächelt.

Wolf Jahnke: Klingt ja nach gutem Pfefferkuchen-Popcorn-Kino. Ist es denn "nur" oberflächliche Action oder hat der Film, wie auch die Grimmschen Märchen, eine Moral? Die Original-Märchen sind in ihrer „Aussage“ oft sehr hart und haben mich im besten Sinne an die Twilight Zone und deren Pointen erinnert.

© Paramount Pictures Germany

Michael Scholten: Und die Moral von der Geschicht: es gibt keine! Es geht wirklich nur um Wald-und-Wiesen-Gaudi und das ungehemmte Abfeuern von Ideen, die irgendwo zwischen Horror, Grusel, Märchen und Splatter liegen und gekonnt mit den Jahrhunderten spielen. Seit Ritter aus Leidenschaft ist das der erste Film, der alte Zeiten mit modernen Gimmicks mischt und dabei nicht dumm und aufgesetzt wirkt. Die Waffen der Hexenjäger wirken modern, bestehen aber aus Material, das es auch zu Zeiten der Grimm-Brüder gegeben hat. Man hätte nur drauf kommen müssen, sie zum Maschinengewehr oder zur seitwärts schießenden Armbrust zusammenzubasteln. Zum Rest des Beitrags »

Share

Film-Chat: Oscars 2013

Michael Scholten

Rüdiger Meyer

Rüdiger Meyer und Michael Scholten arbeiteten viele Jahre zusammen bei TV Spielfilm in Hamburg. Scholten ging auf Weltreise und wanderte nach Kambodscha aus, Meyer blieb dem Medium treu und bloggte in der vergangenen Nacht live über die Oscar-Verleihung, die sich Ex-Kollege Scholten zeitgleich in Phnom Penh – durch die Zeitverschiebung als Vormittagsprogramm – anschaute.

Auf getidan.de chatten sie über ihre frischen Oscar-Eindrücke.

 

Michael Scholten: Die Oscars 2013 sind verliehen. Es wurde viel gesungen, viel getanzt und viel gedankt. War das aus Sicht des Oscar-Fans eine Standardnummer oder gab es für Dich echte Highlights und Überraschungen?

Rüdiger Meyer: Das Überraschendste war, wie wenig überraschend das alles war. Im Vorfeld deutete vieles auf eine außergewöhnliche Verleihung hin. Zum einen weil mit Seth MacFarlane ein Moderator gewählt wurde, dem man zutraute, das Establishment kräftig aufzumischen, zum anderen weil die Nominierungen so überraschend waren. Doch am Ende war es eine Verleihung wie jede andere, sowohl was die Inszenierung betrifft wie auch die Gewinner.

Michael Scholten: Ich hatte den Eindruck, dass die Preise sehr breit mit der Gießkanne gestreut wurden, damit am Ende fast jeder Film etwas abbekam. War unterm Strich Argo ein würdiger Bester Film dieses Jahrgangs?

Rüdiger Meyer: Fakt ist, dass mit Argo ein Film gewonnen hat, den die Academy eigentlich nicht prämieren wollte.

Michael Scholten: Die Academy schien sich in Spielbergs Lincoln verliebt zu haben und – zu meinem Schrecken – in Les Miserables. Warum hat sich diese Liebe zum Monumentalen am Ende nicht in Form eines Oscar-Regens gezeigt?

Rüdiger Meyer: Zwei Worte: Ben Affleck. Die Regisseure der Academy haben in diesem Jahr erstmals ihre Nominierungen gemacht, bevor sie die Nominierungen der Directors Guild of America kannten. Die Academy fand, dass Argo keiner der Top-5-Filme sei und hat deshalb auch Affleck nicht als Regisseur nominiert. Der Aufschrei, der daraufhin folgte, warf das ganze Oscar-Rennen über den Haufen. Alle Gilden trösteten Affleck mit Preisen – und dem konnte sich die Academy dann nicht mehr entziehen. So wurde Argo der erste Beste Film seit 23 Jahren ohne Regie-Nominierung. Tatsache ist aber auch, dass Lincoln gar keine Chance hatte. Er hat keinen einzigen wichtigen Preis im Vorfeld gewonnen, die vielen Nominierungen waren reine Augenwischerei. Ähnliches gilt für Les Miserables. Und so wurde Argo der Beste Film.

Michael Scholten: Teilst Du eigentlich meinen Eindruck, dass die Kategorie Beste Hauptdarstellerin noch nie so schwach besetzt war wie in diesem Jahr und die Kategorie Bester Nebendarsteller so stark besetzt wie nie zuvor? Und hat die Academy in beiden Fällen richtig gewählt?

Rüdiger Meyer: Nein, den Eindruck teile ich nicht. Wenn man mal davon absieht, dass ich mit Kinder-Nominierungen meine Probleme habe, fand ich die Hauptdarstellerinnen alle extrem stark. Und die Nebendarsteller sind ohnehin immer starke Kategorien, weil hier viel getrickst wird. So hat dieses Jahr Oscar-Mogul Harvey Weinstein Hauptdarsteller Christoph Waltz als Nebendarsteller lanciert, weil der nur hier eine Chance hatte. Aber ich finde, mit beiden Siegern kann man gut leben, auch wenn es mir persönlich für Tommy Lee Jones etwas leid tat.

Michael Scholten: Ich glaube, den hat seine unschöne Perücke in Lincoln disqualifiziert...

Rüdiger Meyer: Eher sein grimmiger Blick beim Golden Globe, über den sich Seth MacFarlane gleich zu Beginn lustig machte:

Tommy Lee Jones Is Not Impressed by the Golden Globes

 via mashable.com (siehe mehr dort)

Michael Scholten: War Christoph Waltz in Django Unchained wirklich besser als Robert De Niro in Silver Linings?

Rüdiger Meyer: Ich fand De Niro gut, aber nicht überragend. Waltz kann aber De Niro dankbar sein, denn ohne ihn hätte er den Oscar vielleicht nicht gewonnen. Der clevere Harvey Weinstein hat eine Riesen-PR-Kampagne für De Niro gefahren, Zum Rest des Beitrags »

Share

Die schönen Dämonen – Isabella Rossellini

Isabella Rossellini wurde in diesem Jahr mit einer „Berlinale Kamera“ geehrt. Georg Seeßlen über eine Schauspielerin, die in den meisten ihrer Filme ein Phantom bleibt

Man kann sich das als Segen und Fluch vorstellen – eine solch große Ähnlichkeit ausgerechnet mit der eigenen Mutter zu haben. Die Schauspielerin Isabella Rossellini scheint so etwas wie eine lebende Doppelbelichtung zu sein: Immer ist sie selbst da und zugleich auch ihre Mutter, Ingrid Bergman (zu allem Überfluss gibt es noch eine Zwillingsschwester, Isotta).

Der Regisseur David Lynch, der ein Faible für das Reale des Traums hat, sprach Isabella Rossellini bei irgendeinem Essen einmal mit der Frage an, ob ihr schon mal jemand gesagt habe, dass sie eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Ingrid Bergman habe. Das war der Beginn einer mehr oder weniger wunderbaren Liebschaft, vor allem entstanden daraus die zwei großartigsten Isabella-Rossellini-Filme. Blue Velvet (1986), in dem der Regisseur Lynch mit jenem jungen Mann verschmolz, der so manisch in die Innenräume der geheimnisvollen Frau wollte, und Wild at Heart (1990), wo man schon einen unguten Blick des Abschieds bemerken konnte. Zum Rest des Beitrags »

Share

Filmvorführer – Das kann doch heute jeder!

Aber die technologische Logistik im Vorfeld der Projektion ist komplizierter denn je...

Etwa 400 Filme umfasste das diesjährige offizielle Programm der Berlinale, hinzu kamen 700 Titel innerhalb des Europäischen Filmmarktes. Wie diese riesige Anzahl an Filmen im Vorfeld betreut und innerhalb der 2500 Screenings koordiniert wird – das ist eine technisch-logistische Meisterleistung.

Emile Reynaud in seinem Théâtre Optique (Radierung: Poyet)

Emile Reynaud in seinem Théâtre Optique (Radierung: Poyet)

Um die organisatorischen Herausforderungen eines so großen Festivals zu stemmen, muss sich ein fester Mitarbeiterstab der BERLINALE Filmverwaltung das ganze Jahr über technisch auf den neusten Stand bringen. Die Umstellung vom Zelluloid  auf Digitaltechnik hat die Festivals in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Vor zehn Jahren liefen die Filme noch vom Band oder der 35-mm-Rolle. Man verließ sich auf manuelle Eingriffe und einen Kastenwagen zur Beförderung des Filmmaterials. In diesem Jahr sind bereits 60 Prozent der gezeigten Berlinale Filme sogenannte DCPs (Digital Cinema Packages), erklärt André Stever vom Filmbüro auf Nachfrage. Neben den gewohnten Abläufen innerhalb der 35-mm-Schiene, die vor allem bei den Retrospektiven zum Einsatz kommt, erfordert das digitale Kino völlig andere Kontroll- und Vorbereitungsprozesse. Denn – eigentlich kaum zu glauben – fast 30 Prozent der eingereichten DCPs sind fehlerhaft. Dann muss das technische Team häufig innerhalb kürzester Zeit Formatierungsprobleme lösen, Fehler in den Dateistrukturen beheben, Festplatten reparieren oder zuweilen auch handfeste mechanische Probleme beheben. Obwohl die BERLINALE feststehende Standards einfordert kommt es durchaus vor, dass falsche Gehäuse geliefert werden oder Netzteile nicht passen.

Neben 35mm und DCP kommt als drittes Format mit eigenen Schwierigkeiten das Videoformat hinzu. Hier reicht das Spektrum der eingereichten Trägermedien von HDCAM-Bändern über die Mini-DV-Kassette bis hin zur Blue-Ray. Auch diese Beiträge landen, nachdem sie kontrolliert wurden, verschlüsselt auf  den BERLINALE eigenen Servern. Die festivaleigene Technik hat zwar ihren Preis, aber sie hat sich bewährt, erklärt Ove Sander, der für die digitale Logistik des Festivals verantwortlich ist. Server verschiedener Hersteller auf Mietbasis haben sich in der Vergangenheit nicht ausbezahlt. Wichtig sind einheitliche Systeme und riesige Speicher, welche die BERLINALE komplett selbst nutzen kann um die Abläufe sicherer und schneller zu machen. Da in manchen Kinos täglich fünfmal Programmwechsel stattfinden, deren Server vom Speicherplatz her aber nicht ausreichen, wird für jeden Kinosaal ein bis zwei Tage Tag bevor das Programm läuft eine eigene Festplatte zusammengestellt. Tag und Nacht wird dann in zwei Schichten gearbeitet. 100 Gigabyte braucht allein ein Film, zeitlich nimmt dies 20 Minuten in Anspruch, wenn es gut läuft. Doch die Zukunft liegt nicht auf den Festplatten. Kürzlich wurde der Sponsoring Vertrag mit dem britischen Netzbetreiber COLT Technology bis 2015 verlängert. In Zusammenarbeit mit diesem Giganten der IT-Dienstleister sind bereits zwanzig Berlinale Säle per Glasfaser mit dem zentralen  Filmverwaltungs-Server verbunden. Jüngster Coup: das Cubix Kino am Alexanderplatz wurde extra für die BERLINALE mit Glasfasernetzen versorgt. Das ist das digitale Kino eben auch: ein Riesengeschäft! Zum Rest des Beitrags »

Share

Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich über „Berlin – Ecke Bundesplatz“ (ein Interview)

Georg Ullrich (links) und Detlef Gumm 2002 in Berlin

Mit Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich, den Machern der Langzeitdokumentation „Berlin – Ecke Bundesplatz“ sprach Daniele Kloock

Daniela Kloock: Stimmt es, dass Sie um ihre Protagonisten zu finden über eintausend Zettel in Briefkästen verteilt haben?

Gumm: Ja, das stimmt. Am Ende blieben ungefähr 120 Personen übrig. Von denen haben wir dann 30 ausgewählt.

Wie muss man sich das konkret vorstellen? So nach dem Motto „der kann gut reden“, „die sieht ganz gut aus“, oder so ein Typ hat uns noch gefehlt?

Ullrich: Das lief weniger kopfgesteuert, eher intuitiv und natürlich war auch ganz wichtig, dass man sich sympathisch ist. Denn man kann nicht mit Menschen 25 Jahre drehen oder zusammen leben, die man nicht mag.

Aber „das Mögen“ kann sich gewaltig ändern in so langer Zeit, wie lief es denn wenn es zu Konflikten kam?

Ullrich: Wir hatten ja die Möglichkeit uns immer wieder zurückzuziehen. Die Drehzeit bestand meistens aus zweimal acht Tagen im Jahr. Das war allen Beteiligten klar. Allerdings gab es durchaus Protagonisten, die laufend hier in unser Büro kamen und sagten „Mensch, warum filmt Ihr denn nicht weiter? Wann kommt Ihr denn endlich wieder?“

Gumm (lacht): Ja, oder sogar mit eigenen Regievorschlägen ankamen. Aber das passte natürlich nicht in unsere Dramaturgie! Zum Rest des Beitrags »

Share

Film-Chat: Homeland

Wolf Jahnke

Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

HOMELAND (Sat.1)

Wolf Jahnke: Nach zwei erfolgreichen Staffeln in den USA und etlichen Lobeshymnen aus aller Welt ist Homeland Anfang Februar nun auch in Sat.1 und somit in Deutschland angelaufen. Wie bist Du denn im fernen Kambodscha darauf aufmerksam geworden?

Michael Scholten: Auf sehr vertrackten Wegen. Im Internet und auf Facebook habe ich schon seit Monaten die positiven Meldungen verfolgt, aber richtig neugierig wurde ich erst nach einem gemeinsamen Frühstück mit dem ersten deutschen Botschafter in Kambodscha, als dieser jetzt 20 Jahre später wegen der Feuerbestattung von Königsvater Norodom Sihanouk nach Phnom Penh heimkehrte. Herr Lerke war bei unserem Treffen leicht übermüdet, weil er seinen Wecker auf vier Uhr Ortszeit gestellt hatte, um über irgendeine TV-App auf seinem iPhone live die erste Folge von Homeland in Sat.1 sehen zu können. Ich sagte ihm, dass er künftig nachts durchschlafen könne, weil es in Kambodscha schon beide Staffeln als raubkopierte DVD-Boxen gibt. Also gingen wir ins Einkaufscenter und kauften für eine Handvoll Dollar beide Staffeln für ihn und beide Staffeln für mich.

Wolf Jahnke: Ich habe die ersten Folgen gesehen und muss gestehen, dass ich sie sehr behäbig finde. 24 und manch andere US-Serie gefallen mir deutlich besser.

Screenshot (Detail) Website sat1.de

Michael Scholten: Mir geht es genauso. Ich fand die Pilotfolge sehr sehenswert und die Handlung interessant, auch die Cliffhanger-Rechnung der ersten Folgen ging durchaus auf. Aber inzwischen habe ich die komplette erste Staffel in drei Nachtschichten gesehen und muss sagen: Das letzte Drittel zieht sich enorm in die Länge, viele Ideen wirken halbgar, die Jazzmusik nervt immer mehr und ich wünschte mir eigentlich nur noch, dass es bald vorbei war.

Wolf Jahnke: Ist der U.S. Marine Nicholas Brody denn nun ein Schläfer und Terrorist oder nicht?

Michael Scholten: Das werde ich hier nicht verraten. Aber: Claire Danes wird später durch eine Bombemexplosion bekloppt und ab da wirkt ihr zuvor angenehmes und glaubhaftes Spiel nur noch aufgesetzt und unerträglich. Nach der ganzen Kritik, die vor Jahren die 24-Macher für die völlig überflüssige Amnesie von Jack Bauers Frau einstecken mussten, halte ich es für eine Frechheit, in Homeland mit einer vergleichbar blöden Idee zu nerven. Zum Rest des Beitrags »

Share

The Master (Paul Thomas Anderson)

Joaquin Phoenix in 'The Master'

Über das Prinzip der wilden Freiheit und das der angemaßten Autorität und Ordnung

Was ist ein Paul Thomas Anderson-Film? Es ist, pathetisch gesprochen, eine lange Reise ins dunkle Herz Amerikas, eine Chronik dessen, was alles verloren geht, während sich die mythischen Erfolgs- und Gründungsgeschichten abspielen. Oder es ist eine Frage nach dem Funktionieren des Kapitalismus zwischen Showbusiness, Bigotterie und Größenwahn. Und noch tiefer: Wie verrückt sich Freiheit und Unterdrückung zueinander verhalten, Anarchie und Ausbeutung oder Begehren und Verlust. Andersons Filme sind philosophische Essays. Aber solche, die nach Schweiß, Blut, Öl, Kohl, Schnaps und Sperma stinken. Technisch gesprochen ist es vielleicht das Epos der Intimität. Oder die verzweifelte Begegnung von Enge und Weite. Kammerspiele in Breitwand. Verdichtung und Leerung. Von Orson Welles über Stanley Kubrick und Martin Scorsese geht die Linie: Filme erschaffen einen eigenen Raum, jenseits dessen, was sich Architekten oder Psychologen darunter vorstellen können. Philosophische Essays? Historische Detailaufnahmen? Gewiss. Aber auch reines Kino, Gesichter, Dinge, Licht, Töne, Bewegungen. Vergiss mal die Frage nach den Bedeutungen, und genieß diese blutige, komische, melancholische und rebellische Poesie.

Wie der Film zuvor, „There Will Be Blood“, ist „The Master“ eine Geschichte um zwei Männer, die so gegensätzlich sind, dass sie sich anziehen müssen, ein bisschen familiär, ein bisschen sexuell vielleicht, vor allem aber wie Seelen, die im anderen genau das sehen, was einem selbst fehlt. Und es sind zugleich Prinzipien, Archetypen, Ideen; so wie sich in „There Will Be Blood“ Kapitalismus und Religion begegneten, die zwei Wirkkräfte in der amerikanischen Geschichte, so begegnen sich in „The Master“ das Prinzip der wilden Freiheit und das der angemaßten Autorität und Ordnung.

Zum Rest des Beitrags »

Share

Ägyptische Filmschaffende über die Rolle des Kinos in einem historischen Umbruch (63. Berlinale)

El Cafeteria Forum Expanded EGY 1975 REGIE: Paul Geday

El Cafeteria | Forum Expanded | EGY 1975; Regie: Paul Geday

Der Kampf um die Narrative

Umbruch und Kino. Auf der Berlinale diskutierten ägyptische Filmschaffende über die Rolle des Kinos in einem historischen Umbruch

Der Kampf um den Tahrir Square. Wenn ein Bild die Chance hätte zu einer Ikone wie das Bild der stürzenden Berliner Mauer zu werden, dann das der Menschenmassen auf dem Kairoer Platz. Mehr noch als das Foto des tunesischen Gemüsehändlers, der mit seiner Selbstverbrennung 2011 die Arabische Rebellion auslöste, ist dieses Bild zu ihrem Symbol geworden – eine Region ist in Bewegung.

Tamer El-Said ärgert das. Für den ägyptischen Filmemacher, 1972 in Kairo geboren, verkürzt das Tahrir-Bild den Blick auf die Realität seines Landes. „Die Revolution geht tiefer“, klagte der Regisseur von gut zehn, teils international ausgezeichneten Streifen, am Samstag im Berliner Kunstgewerbemuseum. Schräg gegenüber des Potsdamer Platzes, diskutierte eine Handvoll Cineasten in einem tristen Kellersaal über „Cairo: The City and it’s cinema in Transformation“. Was ja auch etwas darüber aussaugt, wie ernst die Berlinale ihren oft und gern vor sich her getragenen Anspruch nimmt, ein „politisches“ Festival zu sein.

Revolution in 90 Minuten

Beziehungsweise über die ihr nachgerühmte Fähigkeit, sich mehr als andere Festivals den unschönen Realitäten auf dem Globus zu widmen.

Das starke Bild des Umbruchs, das da um den Globus zirkuliert, hängt oft genug wie ein Mühlstein um den Hals unabhängiger Filmemacher vor Ort. „Alle wollen den Film Die Ägyptische Revolution in 90 Minuten“, resümiert El-Said seine frustrierenden Erfahrungen mit westlichen Partnern. Zum Rest des Beitrags »

Share

Film-Chat: The Last Stand

Wolf Jahnke

Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

The Last Stand

Wolf Jahnke: Arnold Schwarzenegger, der vielleicht größte Actionstar aller Zeiten, ist wieder da. In The Last Stand gibt er den Kleinstadtsheriff. Ich habe bislang nur den Trailer gesehen. Da stürzt er in eine Bar, fällt zu Boden und antwortet auf die Frage, wie er sich fühlt, nur lapidar: “Alt!”

Michael Scholten: Die Antwort fand ich das Witzigste am Trailer. Und nachdem ich den Film nun gesehen habe, muss ich sagen, dass das auch leider die witzigste Szene in einem ansonsten unwitzigen und komplett enttäuschenden Film ist.

Wolf Jahnke: Versucht sich der Film als archaischer Neuanfang und als moderner Western oder ist das nur eine vermeintlich lustige Hommage auf Schwarzenegger und seine früheren Filme?

Michael Scholten: Das Tragische ist, dass der Film so billig wirkt und vermutlich auch war wie die frühen Schwarzenegger-Vehikel á la Phantom Kommando. Nachdem er in den Jahren vor seiner politischen Karriere immer wieder neue Budget-Rekorde aufgestellt hat (Terminator 2 war ja seinerzeit der erste Film, der über 100 Millionen Dollar kostete), hatte ich gerade für sein Hollywood-Comeback etwas richtig Großes erwartet. Aber The Last Stand wirkt wie ein Low-Budget-Film, bei dem das einzig richtig teure Teilstück vermutlich Schwarzeneggers Gage war.

Wolf Jahnke: Für die Regie wurde immerhin der Südkoreaner Kim Jee-woon geholt. Der Trailer sah nach B-Ware aus, die sich ins Kino verirrt hat. Gibt es denn bemerkenswerte Momente? Zum Rest des Beitrags »

Share

Film-Chat: Django Unchained

Wolf Jahnke

Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

 

DJANGO UNCHAINED

Wolf Jahnke: Django Unchained ist in Deutschland mit Riesenerfolg angelaufen. Du hast ihn in Phnom Penh auch schon gesehen: Warum ist der Film so heiß?

Michael Scholten: Er ist eine großartige Wundertüte voller schöner Überraschungen: Christoph Waltz ist in seiner zweiten Tarantino-Rolle nach Inglourious Basterds mal wieder ein Traum. Und Drehbuchideen wie die völlig sinnfreie Diskussion über die Kapuzen von Don Johnsons Ku-Klux-Klan sind der Hammer schlechthin. Außerdem ist seit Lucy Lius Schwertkampf in Kill Bill in keinem Tarantino-Film so viel Blut gespritzt wie durchgehend in Django Unchained. Das ist Splatter á la früher Peter Jackson. Ich habe einen Western erwartet, aber einen Streifzug durch die Filmgeschichte bekommen.

Wolf Jahnke: Bei Inglourious Basterds rechnete man mit einem Remake der Inglorious Bastards und „Mission-Movies" wie Das dreckige Dutzend, doch dann kam alles ganz anders. Wie verhält sich der Streifen zum Original-Django?

Michael Scholten: Ich kann mich nur noch sehr vage an die Italowestern mit Franco Nero erinnern. Aber da es ja in Django Unchained vorrangig um Sklaverei in den Südstaaten Amerikas geht, dürften die Parallelen eher gering sein. Franco Nero hat einen kurzen Gastauftritt im Film. Er sitzt neben Django (Jamie Foxx) an der Bar und lässt sich dessen Namen buchstabieren. Als Django drauf hinweist, dass das D stumm sei, sagt Nero lapidar: „Ich weiß."

Wolf Jahnke: Trägt der neue Django keinen Sarg mit einem Maschinengewehr hinter sich her?

Michael Scholten: Nö. Er trägt allerlei Waffen, die ihm Christoph Waltz als deutscher Zahnarzt gibt. Und er trägt zunächst alberne Klamotten. Zum Rest des Beitrags »

Share

Teorema (Pier Paolo Pasolini)

Die Wiederkehr von Teorema

Pier Paolo Pasolinis großer Klassiker ist wieder erhältlich

In jenem gesellschaftlichen Schlüsseljahr 1968, das das Ende des Bürgertums beschwören wollte, schuf Pier Paolo Pasolini seine ganz persönliche Vision vom Ende der Bourgeoisie: Er lässt Gott in Gestalt eines schönen Fremden in eine Mailänder Fabrikantenfamilie eindringen. Doch das Göttliche wird den Großbürgern nicht bewusst. Als er verschwindet, bricht ihr System zusammen. Zum Rest des Beitrags »

Share

Film-Chat: Red Dawn

Wolf Jahnke

Wolf Jahnke

Michael Scholten

Michael Scholten

Die getidan-Autoren Wolf Jahnke und Michael Scholten lernten sich in Berlin kennen, lebten von 2008 bis 2010 gemeinsam in einer Neuköllner WG und teilten ihre Filmleidenschaft bei vielen hundert DVD-Abenden und Kinobesuchen. Scholten wanderte nach Kambodscha aus, doch noch immer tauscht das Duo eifrig Informationen über Filme aus und schrieb zuletzt gemeinsam das Buch “Die 199 besten Actionfilme & -Serien”.

AUF GETIDAN.DE CHATTEN JAHNKE & SCHOLTEN ÜBER AKTUELLE FILME, KINOKLASSIKER UND IHRE LIEBLINGSSCHAUSPIELER.

 

RED DAWN

Szenenfoto RED DAWN (1984)

Szenenfoto RED DAWN (1984)

Michael Scholten: Kaum trat ich im 1991 meinen Zivildienst an, zerfiel die Sowjetunion. Du warst drei Jahre vorher bei der Bundeswehr. Mal angenommen, “der Russe” wäre gekommen: Hättest Du Deine Heimatstadt Lengerich erfolgreich verteidigen können?

Wolf Jahnke: Wenn ich Red Dawn glauben darf, hätten wir dafür viel mehr Waffen gebraucht als wir damals bei der Bundeswehr hatten. Zum Rest des Beitrags »

Share

Eine kleine Phänomenologie der Royals im Film

Wer rettet diese Familie?

Na klar. Nicht erst seit The Queen, The King’s Speech und W.E. interessiert sich das Kino für Könige und Königinnen, Prunk und Prinzessinnen. Schließlich lässt sich kaum sonst eine so griffige Beziehung zwischen story und history herstellen, zwischen Schlafzimmer und Völkerschlacht. Elegant und giftig sind die französischen, schmalzig und todessehnsüchtig die deutsch-österreichischen, komisch und infantil die amerikanischen, blutig die italienischen Adelsfilme. Die britischen »Royals«-Filme indes haben mit alledem nichts zu tun, sie bilden ein Genre nach eigenen Regeln.

Eine Grundkonstante ist die Geschichte der starken, von Pflicht und Verantwortung getriebenen Frauen, die Gefühl und Sehnsucht hintenanstellen, und die Geschichte der schwachen, defekten Männer auf dem Thron. Das nächste Kapitel der Royals-Saga, Caught in Flight, um das Leben von Prinzessin Diana (mit Naomi Watts in der Hauptrolle und dem Deutschen Oliver Hirschbiegel als Regisseur) ist bereits in Arbeit. Caught in Flight handelt wie Madonnas Film W.E. vom schwachen Mann. Bei Madonna verzichtet er aus Liebe zu einer Bürgerlichen auf den Thron, um in einem Nirwana von Golf und Party zu verschwinden. In Dianas Melodram versagt er angesichts eines Machtkampfes der Frauen, dem die »Prinzessin der Herzen« nur zum Opfer fallen kann. Zum Rest des Beitrags »

Share