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Ein brillanter Kurator

Der Radikalste, der Originellste, der Streitbarste. Selten waren die Reaktionen auf die Benennung eines Kurators für die Kunstbiennale von Venedig so einhellig enthusiastisch. Und selten waren sie so gerechtfertigt. Denn Okwui Enwezor ist etwas geglückt, was in der Kunstwelt selten geworden ist. 2002 visualisierte er mit der von ihm geleiteten Documenta 11 einen überfälligen Paradigmenwechsel. Endlich war auch in der Kunst der Postkolonialismus angekommen.

Aufmerksam geworden war die Kunstwelt auf den 1963 in Nigeria geborenen Seiteneinsteiger – Enwezor hat Literaturwissenschaften und Politologie studiert – 1996. Damals hatte er die Ausstellung „African Photographers, 1940 – Present“ kuratiert, im gleichen Jahr folgte die Johannesburg-Biennale. Wie wenig es dem brillanten Intellektuellen dabei um einen politischen Kampfbegriff oder kulturelle Stereotype ging, zeigte er fünf Jahre später. Im Berliner Martin Gropius-Bau breitete er mit der Ausstellung „The Short Century“ das facettenreiche Bild einer afrikanischen Moderne aus. Enwezors charakteristische Verbindung von Zeitkritik, globalem Bewusstsein und poststrukturalistischer Theorie hatte ihn zuletzt auf den Direktorenposten des Münchener Hauses der Kunst katapultiert, wo er unter anderem die Fotografie-Ausstellung „Aufstieg und Fall der Apartheid“ präsentierte.

Mit Enwezors Nominierung setzt die Urmutter der Biennalen wieder auf programmatisches Profil. Die Versuche mit den Kuratoren Daniel Birnbaum 2009 und Bice Curiger 2011 waren eher lau ausgefallen. Und als Massimiliano Gioni in diesem Jahr die starren Hierarchien mit „Außenseiterkunst“ aufbrechen wollte, hatte dies einen problematischen Retrocharme. Enwezors Wahl ist die beste Garantie dafür, dass die Biennale 2015 wieder zu einem aufregenden Ort der Gegenwartsdiagnose wird. Sein Statement, dass er Venedig als „den idealen Ort“ sehe, „um die dialektischen Referenzfelder Kunst, Politik, Technologie und Ökonomie zu erforschen“ zeigt, dass er den Triumph von Kassel nicht einfach wiederholen, sondern einem flüssig gewordenen Kunstbegriff zum Durchbruch verhelfen will.

 

Ingo Arend, taz 6.12.2013

Bild: screenshot website hausderkunst.de

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