Coupable – Schuldig (Laetitia Masson)

Liebe als Leichenfledderei
Alles Verräter

Ein gehäuteter Hase im Eisblock. Über die ganze große Kinoleinwand gezogen liegt das tote Hasentier da. Eine Hand mit Eispickel macht sich an der dicken Eisschicht zu schaffen. Beim Kadaver angelangt, hackt sie erst den Kopf ab, dann die Vorderfüße und drapiert sie. Schließlich kommen die Hinterläufe dran. Gleiches Spiel. Es ist grausam, aber hübsch anzusehen.

„Coupable – Schuldig“ von Laetitia Masson erzählt vom Arbeitsalltag der Mittelschicht und ihrer Obsession, ein Paar zu bilden, von der Sehnsucht nach Liebe als Leichenfledderei. Damit bleibt die 1966 in Frankreich geborene Regisseurin ihren Themen treu. Ihr neuer Film konzentriert sich auf die selbst gebastelten Geschichten von: Auf den ersten Blick, damals. Ihre Protagonisten erinnern sich an den Glücksmoment und die Fassungslosigkeit, wenn das mühsam erhaschte große Gefühl sich in Verrat verwandelt, am Gegenüber und an sich selbst. Es gibt einen lausigen Detektiv, einen blond gefärbten Anwalt, die vernachlässigte Hausfrau, noch eine Hausfrau, dumpf-naive Eltern, eine verträumte Köchin, die ihre Messer liebt, schließlich einen Toten. Am Ende werden es zwei Tote sein. Die Handlung wird zerstückelt. Dialoge sind Mangelware. Dafür gibt es Slapstick – und zwar guten. Die Musik bleibt von den mitunter bedrückenden Szenen unbeeindruckt beschwingt.

In wilden Farben und mit großer Präzision baut Masson romantische Bildwelten auf. Um sie in der nächsten Szene grausam platzen zu lassen und in der übernächsten ungerührt von vorn anzufangen. So wie ihre Protagonisten. Die blamieren sich bis auf die Knochen. Aber an der Geschichte, dass sie einmal Teil der großen Geschichte gewesen sind, einmal das ganz große Gefühl besessen haben, krallen sie sich unbeirrbar fest. Sie haben keine Kraft, sich von der Wirklichkeit kirre machen zu lassen. Und das wissen sie.

Masson liebt ihre Figuren, und sie macht sie fertig. Gnadenlos werden sie ins Groteske überzeichnet, dürfen anschließend unbeschadet und wunderschön ins Bild treten, um sich zu zauberhaften Kussszenen zusammenzufinden. Hat der Kinosaal gerade noch gelacht, fällt er angesichts von schwerelos tanzenden Paaren ins Schweigen.

Schade nur, dass die Überzeichnung der Figuren den Zuschauer letztlich allzu sehr entlastet. War man anfangs noch auf die eigenen Phantasmen zurückgeworfen, machen am Ende mal wieder die anderen die Fehler. Das ist zu freundlich. Zu falsch. Zu harmlos.

Text: Ines Kappert

Zuerst erschienen in taz (08.02.2008)

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