Mehr Schein als Sein

Der Dollar ist nicht einfach eine Währung, sondern das Meta-Geld schlechthin, Mythos, Symbol und Projektion.

Mein erste Begegnung mit dem Dollar war ein matter Scherz. (Übrigens bin ich ziemlich überzeugt davon, dass auch meine letzte Begegnung mit ihm ein matter Scherz sein wird.) Der matte Scherz stammt aus meiner bayerischen Heimat und geht so: Jemand fragt einen anderen, ob er Geld habe, und der entgegnet, er habe zwei Dollar.
Dann stülpt er seine Hosentaschen aus, in denen sich nichts befindet, und sagt: »Do laar und do laar.« (Für Menschen, die auch des TV-Bayerischen nicht mächtig sind: Da leer und da leer.) Der matte Scherz erklärte mir, dass es sich bei einem Dollar weniger um Geld als um eine Art Leerstelle handelt. Das Negativ eines Verschwinde-Tricks. Große Erwartungen allemal.

Dass es sich um einen bayerischen Scherz handelt, ist vielleicht auch nicht ganz zufällig. Er reicht in die Inflationszeit zurück. Damals war das Geld nichts wert, aber aller Besitz und alle materiellen Dinge, wie es die Bauern hatten, wuchs ins Unermessliche. Der Reichtum der Bauern setzte sich in mehr oder weniger sinnlosem Luxus um, aber man konnte sich hier auch »gutes« Geld leisten. Das waren Dollar. Für das verarmte Kleinbürgertum, das mit dem Geld auch sein Selbstbewusstsein verlor, bekam der Dollar schon damals etwas Anrüchiges und Ir­reales. Das »gute« Geld war eben dies auf keinen Fall: gutes Geld. Als sich die Verhältnisse wieder änderten, trafen sich beide, der Bauer, der seinen absurden Reichtum verlor, und der Kleinbürger, der seine absurde Verarmung überwand, bei den Nazis wieder. Man kann diese Geschichten zum Beispiel bei Oskar Maria Graf nachlesen.

Dass der Dollar irgendwie »schmutziges« Geld sei, diese deutsche Kleinbürger-Phantasie setzte sich natürlich in der Nachkriegszeit fort, nicht obwohl, sondern weil es den Leuten überall dort am besten ging, wo es Dollar gab. Da kamen die Bilder der populären Kultur gerade recht. In Western und Gangsterfilmen waren Dollar blutig, staubig, schmutzig. Im Ekel vor dem Dollar trafen sich linke und rechte Impulse, wie übrigens auch im Spaß daran. Denn wieder war, trotz der neuen mythischen Währung im Westen und der Abschottung im Osten, der Dollar ein Symbol zugleich für das vollkommen falsche Geld (das schur­kische, das jüdische, das kapitalistische Geld) und für das richtige Geld: das einzige Geld, mit dem man um die Welt kommt. Das Meta-Geld.

Noch eine Begegnung mit dem Dollar: In Indien erklärte mir einer der vielen seltsamen Heiligen, die es dort gibt, er habe gerade eine Klage gegen den amerikanischen Präsidenten in die Wege geleitet. Und zwar wegen des Aufdrucks »In God we trust« auf dem grünen Geldschein, das sei die pure Blasphemie, egal wen oder was man sich nun gerade als »Gott« vorstelle. Denn entweder behaupte der Dollarschein, er selber sei Repräsentant dieses Gottes, dem man gefälligst vertrauen solle, oder aber dieser mehr oder weniger vertrauenswürdige Gott habe selber den Dollar als Zahlungsmittel ausgegeben. Beides sei ein böses Zeichen gegen alle Spiritualität in der Welt. Sprach es, entriss mir den Dollarschein und zerfetzte ihn zornig. Was insofern eine drastische Maßnahme war, als es sich um meinen letzten handelte. Ich sah durchaus ein, dass die Verbindung von Geld und Religion auf dem Dollarschein ein schwerwiegendes Problem für die Welt an sich darstellt. Allerdings hätte ich auch gerne eine warme Mahlzeit gehabt. So ist das Leben.

Working for the Yankee Dollar! Das ist das Dritte: Eine nationale, ja eine imperiale Währung. Der Dollar flitzt um die Welt, und wenn er nicht gerade von bayerischen Bauern gehortet oder von seltsamen indischen Heiligen zerrissen wird, kehrt er früher oder später, angereichert mit Profit und Schuld, in sein Heimatland, eben ins Land des Dollars, zurück. Während man sich mit einer deutschen Mark, zum Beispiel, ein Haus baut oder für das Alter vorsorgt, brennt einem der Dollar schier ein Loch in die Hand. Er will sich bewegen, es ist eine nimmersatte und hibbelige Währung. Die kürzeste Verbindung von Gottvertrauen und Raubmord.

Diese teuflische Ambivalenz des Dollars begründete, bis zum Aufstieg des Euros, eine Weltordnung, die zwar unmoralisch, aber verlässlich war. In Europa funktionierte eine bürgerliche Gesellschaft, in der sich die einzelnen Elemente und ihre Repräsentanten, der Kaufmann, der Politiker, der General, der Künstler, der Pfarrer, einschließlich ihrer modernen Ableitungen und sogar weiblichen Varianten, gegenseitig kontrollierten und stabilisierten. Eine Währung wie die D-Mark war Fundament und Garant solcher Gewaltenteilung, nicht nur durch ihre Härte, sondern auch durch ihre Dezenz. Der Dollar dagegen kennt diese Teilungen nicht, Dollar, das heißt, dass auch der Pfarrer und der Künstler von Geld reden. Ohne sich zu schämen. Dollars docken überall an. Spendendollar. Drogendollar. Petrodollar. Der Dollar besteht auf seiner fetischistischen Materialität. Ein Millionär, der aussieht wie ein Tankwart, zieht Dollar aus der Tasche, die er mit einem Gummi zusammengerollt hat. Die Damen drohen in Ohnmacht zu fallen. Oder sie fahren einfach mit dem Geld davon und können nur zu Bates‘ Motel gelangen. Der Dollar verhält sich auch blasphemisch zu sich selbst. Er entwertet nicht nur die metaphysische Weltordnung, sondern auch eine »kaufmännische« Idee vom Geld; der Dollar erfüllt nicht nur die Beziehung zwischen Protestantismus und Kapitalismus, er führt sie auch ad absurdum. Das ist nicht gut, aber wenigstens nie langweilig.

Die Bilder sind dennoch eindeutig. Reiche Frauen unterschreiben gerne Schecks. Reiche Männer nehmen Dollar in die Hand. Frauen sind reich, weil sie nicht wissen (wollen), was etwas kostet, Männer sind reich, weil sie es genau wissen. Männer, die Schecks unterschreiben, sind schon ziemlich weiblich. Frauen, die Dollar in der Hand halten, schon halbe Männer. Die Verbindung von Frau und Dollar ist noch schmutziger, als das ganze sowieso schon ist. Aber auch sexier. Der Dollar produziert nicht nur eine Gesellschaft, die auf Religion, Verbrechen und Dynamik aufbaut, er produziert nicht nur eine »Nation«, die wiederum eine Welt produziert; der Dollar produziert, im Alltag wie im Pop-Mythos, auch Männer und Frauen. Männlichkeit und Weiblichkeit. Sex. Oder eine andere Art von Genderification.

Das Glück des Dollars liegt also einerseits in der Schnelligkeit, mit der er Wünsche erfüllt und selber Teil der Wunscherfüllung wird. Kokain, zum Beispiel, kann man sich nur durch Dollarscheine in die Nase ziehen; anderes wäre stillos oder politisch inkorrekt. Table-Tänzerinnen schiebt man Dollar ins Höschen, das ist normal, während Euro oder Rubel in Tänzerinnenhöschen in der Regel einen Mord zur Folge haben. Der Dollar konstruiert zum Glück den kapitalistischen Körper, man könnte das »ehrlich« nennen, würde die Tänzerin nun nicht ausgerechnet »In God We Trust« im Schlüpfer davontragen. Man steckt Dollar auch gern in BHs oder Ausschnitte, und in kaum einer Geste steckt so viel Einverständnis (und, okay, Tristesse). Immer aber, so scheint’s, will der Dollar irgendwie in den Frauenkörper hinein. Vielleicht will er da noch einmal geboren werden, wer weiß.

Jedenfalls ist der Dollar die Währung, die über die Funktion des »Mittels« hinausgeht. Dagobert Duck ist da eine Art Missing Link. Schon sein originaler Name, $crooge McDuck, weist auf seine europäische Herkunft hin. Er hortet Taler/Dollar nicht nur, um sein erfrischendes Geldbad in seinem Speicher hoch über Entenhausen zu nehmen und sich lustvoll die Münzen auf den Entenkopf prasseln zu lassen, sondern auch, weil sein Geiz die Grundlage seiner Globalisierung ist. Er reist um die Welt, um alles, was als Wert gelten kann, und seien es Kaurimuscheln, viereckige Eier oder Lutschbonbons, in Taler/Dollar zu verwandeln. Doppelt also wird ihm der Dollar zur Flüssigkeit. Das Harte in das Weiche verwandeln, und umgekehrt. Darin besteht ein Dollarglück.

Und man kann sich Dagobert nicht ohne seinen armen Verwandten, Donald Duck, vorstellen, dem immer gerade zehn Taler/Dollar fehlen. Der Dollar als Leerstelle macht deutlich, dass es alles gibt, nur eben dieses nicht: gerade genug davon zu haben. Man kann nur zu viel oder zu wenig haben, und beides setzt, als McGuffin, die Dinge in Bewegung. Nicht als Wert an sich, sondern als Projektion der eigenen Persönlichkeit. Wenn Bewegung Glück ist, dann ist, in der großen amerikanischen Erzählung jedenfalls, auch der Dollar-Mangel pures Glück. Er intensiviert das Leben.

Get rich or die tryin‘. So tritt der Dollar neben Sex und Gewalt in die Reihe der »Respect«-Elemente. Wert und Zeichen mögen anderswo über kompliziertere Formeln miteinander verbunden sein, im Dollar ist beides identisch. Sein Glücksversprechen liegt darin, dass er ein geschlossenes System in Aussicht stellt, nicht nur die Verbindung von Elementen, sondern auch die Sache selbst. Darum stört es nicht, dass er das Heilige und das Obszöne verbindet, Gottvertrauen ist ja auch nicht ohne den Teufel zu haben.

Der Euro schließlich ist zugleich Konkurrent, Abbildung und Verwandlung des Dollars. Er ist vollkommenes Bild von Interesse. Aber Euro machen einfach nicht glücklich. Ohne Dollar ist der Kapitalismus glücklos.

Autor: Georg Seeßlen
Text veröffentlicht in jungle world Nr.03, 01/2008

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