(Foto: Sascha Fromm / Thueringer Allgemeine)

(Foto: Sascha Fromm / Thueringer Allgemeine)

 

Ein leicht melancholischer Rückblick von und über Henryk Goldberg

Erfurt. Der letzte Arbeitstag des Kolumnisten Henryk Goldberg bei der Thüringer Allgemeinen ist gekommen. In seinem leicht melancholischen Rückblick resümiert er seine Zeit bei der TA.

Redaktionen haben manchmal so Ideen. Zum Beispiel die, ein älterer Mitarbeiter, der in dem nicht gänzlich unverdienten Rufe steht, sich gelegentlich selbst zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, könne seinen Nachruf ganz gut alleine schreiben. Immerhin, wer kann, wer darf das schon? In der Regel wird dem Verschiedenen der Nekrolog hinterhergerufen und Einspruchsmöglichkeiten sind da eher selten, die Kommunikation zwischen beiden Welten gilt als noch ungelöstes Problem. So, mögen sie sich hier listig gesagt haben, soll er seinen sozialen Nachruf selbst verfassen, eitel genug ist er ja, und wenn wir dann mal den richtigen brauchen, ist das gutes Material.

Ich erleichtere ihnen die Arbeit – womöglich trifft es dann ja einen Volontär, der vorher schnell noch einen Minister interviewen muss und nachher ein brisantes Erklärstück über die Usancen der Laubverbrennung in Thüringen zu verfassen hat – ich erleichtere ihnen das also, indem ich hier den einen Satz hinschreibe, den ich dann gern lesen würde: Er genoss das Glück und den Luxus, mit einer Tätigkeit, die er liebte, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können; aber vermutlich hätte er unter anderen Umständen selbst bezahlt dafür, denn das war ihm nie nur ein Job. Und denen, die sich mit Unmut erinnern werden, spendiere ich, für später, eine anmutige Anmerkung, die ihnen aus dem Herzen sprechen wird: Leider unterlag er gelegentlich dem liebenswürdigen Irrtum, er sei der Herr Kerr aus Thüringen. Er war aber nur der Herr Goldberg aus der Provinz.

Und das mit Lust.

Damit bin ich da, wohin ich doch nie wollte, aber seit 23 Jahren dennoch bin: in der Provinz.

Thüringen ist nicht der Raum und wird es nie sein, in dem die großen Theaterschlachten geschlagen werden; und auch das Zentrum des deutschen Geisteslebens wird eher nicht in Weimar zu verorten sein – der ehemalige Chefredakteur des ehemaligen Weimarer Kampfblattes für die Erhebung Weimars zur Hauptstadt der zivilisierten Welt möge mir verzeihen. Ich meine, wenigstens unter uns Rentnern soll eine Ruhe sein und ein Frieden.

Doch natürlich ist „Weimar“ ein über alle Maßen dankbares Sujet für einen Kulturredakteur, der nach Möglichkeiten sucht, mit konkreten Themen auch ein wenig ins Ungebundene schweifen zu können. Und eben darin liegt auch eine Verführung, in dem Reiz, in dem Gefühl, auf dem Trampolin Weimar dem medialen Himmel ein Stück näher zu kommen. Ich bestehe nicht darauf, dieser Verführung nie erlegen zu sein.

Gelegentlich, wenn der Vorgänger des derzeitigen Erfurter Chefredakteurs bei mir schlechte Laune vermutete oder einen Anflug von Arroganz, dann pflegte er festzustellen, ich sei frustriert, eben weil ich nun hier in der Provinz gelandet und geblieben sei. Das sei, entgegnete ich dann, vielleicht nicht so ganz falsch, aber so ganz richtig gewiss auch nicht. Und es wurde immer unrichtiger mit den Jahren.

Gewiss, jeder Mensch träumt manchmal, wie das Leben auch hätte sein können. Intendant in Hamburg, Schauspieler in München, Banker in Frankfurt – und Zeitungen, die nicht nur dort gelesen werden und nicht nur von dort berichten gibt es da auch. Aber wenn das wirkliche Leben nicht schmerzt, dann schmerzen auch solche Träume nicht wirklich, sie bleiben ein Spiel.

Und geschmerzt, wirklich geschmerzt, haben die 23 Jahre mit und an dieser Zeitung so gut wie nie, auch wenn manches manchmal wehtat; auch wenn es in dieser oder jenen Frage manchmal einen Dissens mit ihren Leitern gab, diesem oder jenem. Der eine mischte sich für mein Empfinden gelegentlich zu viel ein, der andere tut zu wenig. Der eine war bereit, die Belange der Zeitung kompromisslos über die aller anderen Personen und Institutionen zu stellen; der andere stellt die Belange Thüringens kompromisslos über die aller anderen Gegenden der Welt.

Doch keiner der beiden hat je eine Anstrengung unternommen, eine Meinung, eine Haltung von mir zu beeinflussen; nie wurde eine Rezension, ein Kommentar verändert oder manipuliert. Und nie hat ein Satz gestimmt, der mir so oder ähnlich, direkt oder auf Umwegen, mehrfach entgegenschlug: der muss das so machen. Da stimmte immer nur ein anderer Satz: der will das so machen, der meint das so.

Und dieser Umstand war und ist ein Teil des Wohlbefindens, ein unverzichtbarer. Wir, die wir schon Journalisten in der DDR waren, haben das Glück, diesen Beruf weiter ausüben zu dürfen und das hat mich stets mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Demut erfüllt. Nicht gegenüber einem Menschen oder einer Partei, wohl aber gegenüber den stiftenden Grundlagen dieser Gesellschaft. Und manchmal ärgere ich mich etwas, wenn ich höre, in der DDR seien Journalisten schließlich gezwungen gewesen, so zu schreiben, wie wir schrieben: Niemand wurde in der DDR gezwungen, Journalist zu sein, wir alle hätten, wenn wir nur gewollt hätten, etwas anderes sein können, ich zum Beispiel Dramaturg, der ich schon war. Aber wir hatten unsere Eitelkeiten und unsere Karrieren. Wäre der Kalte Krieg anders ausgegangen, die Westkollegen mit solchen Biografien hätten nach der Umerziehung unsere Straßen ins Morgenrot gefegt.

Und deshalb war die Haltung beim Schreiben, mag sein: mit einer gewissen Verbissenheit, in diesen Jahren stets die eine: dieses mal soll es stimmen, dieses mal soll das Gedruckte stets auch das Gedachte sein. Und das wirkte manches Mal, so vertrackt ist das Leben, auf manchen arrogant, in Sonderheit wenn es um die kleineren Theater in den kleineren Städten ging. Die Arroganz bestand darin, alles zu ignorieren, was nichts mit der Aufführung zu tun hatte. Es war früher die Politik, es sollte heute nicht die Kulturpolitik sein. Und im Übrigen, ohne ein gewisses Maß an Ignoranz und, bitte schön, Arroganz ist noch niemand Theaterkritiker geworden.

In der letzten Zeit ging es weniger um Theaterspiele und Kinofilme, das gehört zu den Dingen, die mir weniger gefallen haben. Manchem gingen die Katzen in meinem Garten und die Zahnpasta in meinem Bad und die Dame in meinem Leben auf die Nerven, doch glauben Sie mir: Ich verstehe und respektiere das. Aber glauben Sie auch dies: Ich habe es trotzdem gern getan. Und ich hätte es noch lieber getan, wenn, sagen wir, jeder dritte Katzen-Bericht von einem Theater-Bericht begleitet worden wäre. Ich sehe das nicht alternativ, die entspannte Plauderei und den intellektuellen Diskurs, das kleine Thüringen und die große Welt. Hier in Thüringen begegnen sich, praktisch und geistig, das Dorf und die Welt, das ist eine hochspannende Veranstaltung, wenn man sie zulässt. Manchmal, wenn es um die Welt geht, wenn etwa der Papst Thüringen besucht oder Israel sich moralisch menschenfeindlich und politisch dumm verhält, da kann einem die Heimat zu Teilen schon sauer ankommen, da offenbart sich in der ehemaligen Denkfabrik eine Denk- und Debattenkultur, dass es, wie wir Thüringer sagen, die Sau graust. Dann wird dummes, auch menschenverachtendes Zeug abgesondert mit einer Selbstgewissheit, die das eigentlich Verstörende, das auch Beunruhigende ist.

Doch zu den Schönheiten der Provinz zählen auch, das ist jetzt vollkommen ironiefrei, die Leser, auch wenn sich Ironie bei ihnen mitunter als ein schwieriges Feld erwies.

Vielleicht, weil wir nicht so viele sind, wir Thüringer, ist man einander irgendwie näher, nicht nur räumlich. Unter meinem Schreibtisch zu Hause steht ein ziemlich großer Karton und er ist bis zum Rand gefüllt mit dem, was auch ein Ertrag dieser 23 Jahre ist: lauter Briefe. Es ist nicht so, dass die alle jubilieren, es gibt auch Wut und Zorn, Ärger und Ablehnung, kreuzigt ihn oder jagt ihn wenigstens zum Tor hinaus. Aber sie alle zeugen davon, wie spannend das Arbeiten in der Provinz sein kann, wie nah man den Leuten, für die man arbeitet und die diese Arbeit am Ende bezahlen, zu sein vermag. Man kann hier in Thüringen wunderbar leben und arbeiten, man kann sein Leben so klug oder so dumm gestalten wie in Hamburg, München oder Frankfurt. Man sollte dabei nur wissen, dass dies nicht der Nabel der Welt ist. Allerdings, ihr Arsch auch nicht. Es ist einfach eine gute Gegend. Oder, weil wir hier gern mit Goethe reden: eine anmutige Gegend.

Als ich 1991 das Angebot bekam, Redakteur der Thüringer Allgemeinen zu werden und von Berlin wieder in meine Heimatstadt zu ziehen, habe ich mehrere Wochen überlegt, denn ich wusste, es wäre für immer. Ich habe es nicht einen Tag bereut.

Dieser Text ist zuerst erschienen in: Thüringer Allgemeine, 31.07.2014

 

 

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