fette300Das größte Würfelspiel der Welt (Teil 1)

Ross Thomas und sein Börsenthriller „Fette Ernte“

Oh, was fehlt er uns. Was könnte Ross Thomas aus dem grotesken Widersinn der Banken- und Finanzwelt, der ohnmächtigen Politik und der an all den Perversionen mitverdienenden Anwalts- und Beraterkaste zaubern. Wie würde er uns beispielsweise einen Boss des landesweit besten Baseballclubs servieren, nebenher Formfleischproduzent, eine barock-bigotte Gestalt, öffentlich gern den Tränen nahe, in Wahrheit ein ganz harter Hund, der sich die teuersten Anwälte zu leisten und Richter, Staatsanwälte, Öffentlichkeit mit schwindelerregenden Zahlen über den Tisch zu ziehen und dabei den Deckel auf dem ganz großen Fass zu halten vermag. So einer würde dann wohl – in anderen Blättern kommentiert mit „Wir brauchen mehr von ihm in der Politik!“ – im Interview mit einem Wirtschaftsmagazin sagen:

Die Finanzwelt zeigt keine Bereitschaft, zur Volkswirtschaft beizutragen. Eine Krankenschwester trägt mehr zur Volkswirtschaft bei als ein Spekulant. Wenn ich sehe, dass Optionsscheine für Reis steigen, sage ich zu meiner Frau: ‘Das bedeutet, dass Menschen hungern müssen, weil sie sich keinen Reis mehr kaufen können.” (Uli Hoeneß, der Ex-Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern München AG, hat das tatsächlich so im November 2011 dem Wirtschaftsmagazin „brandeins” gesagt, in Wirklich jahrelang, so die FAZ, aber „fast rund um die Uhr gezockt“. Die Schweizer Banken Vontobel und Julius Bär „vereinbarten jeden Tag aufs Neue ein Limit dafür, wieviel Kapital Hoeneß einsetzen durfte. Hatte er nachts gehandelt, wurde das am nächsten Tag zwischen den Instituten abgerechnet.“ Verluste bei der Partnerbank glich Vontobel aus, Gewinne wurden dem Hoeneß-Konto gutgeschrieben.)

Ein Kochrezept als Wetteinsatz
1975 erschienen, also 39 Jahre alt ist „Fette Ernte“ (The Money Harvest), der 13. Roman von Ross Thomas. Es geht um Rohstoffspekulationen, Termingeschäfte auf Lebensmittel, eine Kasinowirtschaft der besonderen Art schon damals, heute wesentlich weiter pervertiert (siehe unten). Gerne würde ich sagen, 20 andere Autoren haben das inzwischen besser, böser und witziger dargestellt. Aber dem ist nicht so. Die Wette gilt. (Einsatz hiermit: ein wertvolles „home eating future“, vulgo ein Kochrezept.)
„Das ist es, was Amerika groß macht. Risikobereitschaft“, erklärt ein verkrachter, aber immer noch ausreichend erfolgreicher Trader namens Commodity Jack dem nicht ganz armen, aber dennoch ein stückweit anständig gebliebenen Helden des Romans.

Als zehnter Band der verdienstvollen Ross-Thomas-Werkausgabe im Alexander Verlag erschienen, die alte Rechtschreibung dabei hochgehalten, liegt „Fette Ernte“ nun erstmals vollständig und in einer Neuübersetzung vor. Es ist, wie Jochen Stremmel in einer Nachbemerkung schlagend klar macht, ein völlig neues, hierzulande noch unbekanntes Buch. Die 311seitige Originalausgabe erschien auf 128 Seiten gestutzt 1975 als „Die Millionenernte“ bei Ullstein. Ganze Seiten wurden damals auf einen Absatz eingedampft. Die Kapitel 1 bis 5, die Ton und Horizont setzen – Alexander Kluge würde sagen, den Kammerton A – machten in der ja eigentlich längeren deutschen Übersetzung 30 Seiten, im Original 56 Seiten aus. In Kapitel 2 etwa wurden einfach die ersten beiden längeren Absätze weggelassen, die uns über die Gepflogenheiten bei Washingtoner Beerdigungen informieren („eine Art neutrales Wasserloch, wo sich die politischen Wesen, die den Dschungel Washingtons bevölkerten, versammeln können, um sich gegenseitig zu beäugen..“). Kapitel 3 ersparte den Lesern Sinn und Witz der Schlaglöcher in der Hauptstadt, kürzte auch an der Biographie der Hauptfiguren Ancel Easter und Jake Pope und damit an den Vorzügen des Aufwachsens in einem Slum, ließ aber immerhin den schönen Satz stehen: „West Virginia ist ein Slum mit Bergen.“ Jake kommt aus dieser Gegend und bei aller Lässigkeit, die einem Reichsein verschafft, hat er noch die Instinkte einer solchen Herkunft.

Nur eine flüchtige Bekanntschaft mit der Reue
Natürlich leidet bei solchen Eindampfaktionen, wie Ross Thomas sie bei der Übersetzung erdulden musste, auch der Stil. Man muss es der damaligen Übersetzerin Ute Tanner anrechnen, dass da dennoch so etwas wie eine sardonische Autorenstimme aufleuchtet, auch wenn bei ihr in der Schlusspointe aus der „maid“ im Luxushotel ein arg altbackenes Stubenmädchen wurde. In seiner „Money Harvest“ variiert Ross Thomas unentwegt Tempo und Duktus, hat ein diebisches Vergnügen an kurz gerafften Lebensläufen, die das Panoptikum eines großen Narrenschiffs entwerfen, Jahreseinkommen, Vermögensverhältnisse, Karrieren und Moralempfinden inklusive. Der mit Hammerzehen geschlagene Freund und Berater von sechs US-Präsidenten, der 23-jährige  William M. „Crawdad“ Gilmore zum Beispiel diente der Regierung der Vereinigten Staaten nie wieder, nachdem er sich gezwungen sah, den Warren-Report zur Ermordung Kennedys zu unterzeichnen. Dem Obersten Richter hatte er damals am 26. September 1964 gesagt:

„Für dich, Earl. Für niemand sonst. Als ich meinen Namen unter den Report geschrieben habe, habe ich ein Stück Scheiße unterschrieben. Du weißt, dass es ein Stück Scheiße ist, und ich weiß es … und vielleicht in 50 Jahren weiß jeder, dass es ein Stück Scheiße ist.“

Manches der bei Ross Thomas zur Meisterschaft ausgeprägten Lakonik ist im Deutschen schwer zu treffen. Ein banales Beispiel aus der neuen Übersetzung: „Pope ging um das Erbrochene herum und drückte auf den Aufwärtsknopf des Fahrstuhls.“ (S. 254) Im Original wird mehr getänzelt: „Pope skirted the vomit and punched the elevator’s up button.“
Einer der Protagonisten, der ehemalige Spekulant Commodity Jack Scurlong, der nach allerlei Pleiten, Pech und Pannen nun einen Börsenbrief herausgibt „und nicht aussieht wie jemand, der mehr als eine flüchtige Bekanntschaft mit der Reue unterhielt“, redet Stakkato wie ein Börsenticker. Neuübersetzer Jochen Stremmel trifft das gut, auch wenn den deutschen Lesern der Doppelsinn des Spitznamens entgeht. Commodity ist der im Börsenumfeld verwendete englische Ausdruck für Rohstoffe. Auch ein Ex-Senator namens James Ransom (Lösegeld) trägt einen sich nur für englischkundige Leser erschließenden Namen.

„Totaler Ruin. Furchtbarer Gedanke.“
Commodity Jack ist ein Freund einfacher Geschäftsmodelle. Das Abonnement seines Börsenbriefs „kostet im Monat zweihundert Dollar, und man muss sich auf eine Warteliste setzen lassen. Falls jemand stirbt, kann man vielleicht ein Abonnement bekommen. Es gibt nur einhundert Abonnenten.“ Das sind zwanzigtausend Dollar im Monat, rechnet Jake aus. Commodity erzählt ihm davon, wie die Russen 1972 alle hereinlegten:

„Jeder war an der Warenterminbörse. Taxifahrer, kleine alte Damen. Ärzte. Barkeeper. Alle spekulierten auf Baisse. Weizen geht weg für 1 Dollar 67. Jeder schwor darauf, daß er auf 1,47 runtergeht. Vielleicht sogar auf 1,40. Jeder wurde reingelegt. Am Jahresende hatte er 2,70 erreicht und stieg immer noch… Hat natürlich Steuergeld gekostet. Rund 300 Millionen Dollar in Transportsubventionen.“

Jake Pope unterhält sich intensiv mit dem Immer-Oben-Schwimmer Commodity, Ross Thomas brennt dabei auf den Seiten 261 bis 271 ein Feuerwerk  von zeitlos gültigen Einsichten zum Börsenwahnsinn ab.

„Spe-ku-lation ist schlicht und einfach Glücksspiel. Sie wetten darauf, daß der Preis von etwas, das Sie nie sehen und nie besitzen, steigen oder fallen wird. Damals im Jahr vierundsechzig betrug der Wert aller Terminkontrakte ein bisschen mehr als 60 Milliarden Dollar, Heute liegt er bei 340 Milliarden. Er wird zu hoch. Zu groß.“
„Was wird passieren?“, sagte Pope.
„Ein Zusammenbruch. Eine Katastrophe. Ein Kahlschlag. Vielleicht nächstes Jahr oder das danach. Totaler Ruin. Furchtbarer Gedanke. Natürlich entschuldigt man die Spekulation. Sagt, sie sorge für einen flüssigen Markt. Reiner Blödsinn. Würfelspiel, das ist es.“

Zu realistisch, um Zyniker zu werden
Ross Thomas, in einer Übersetzung gefesselt, geknebelt, an den Knien amputiert, ist immer noch ein einzigartiger Autor, ein Jongleur von einsamer Größe. Eine seiner Meisterschaften, die schnelle, ebenso böse wie lakonisch ambivalente Charakterisierung seiner Personen, hat in „Fette Ernte“ vollen Lauf. Noch der alte furzende Hund des Landwirtschaftsministers, ein Riesenköter, hat Profil. Der Hehler, Wucherer und Mittelsmann Noah deGraffenreid wird uns vorgestellt mit dem „Gesicht eines Mannes, der wenig Moral und noch weniger Skrupel hatte und der zu realistisch war, um Zyniker zu werden, weil Zyniker nicht genug Spaß hatten“. Alleine schon die Namen mögen einen Eindruck geben, welch bunte Schar an Ränkeschmieden Ross Thomas hier versammelt: Da gibt es Dr. Dallas Hucks, der noch eine größere Rolle spielen wird, einen Polizisten namens Hugo Worthy, Leute namens Humor Hoyt, J.T. Posey, Simmi Lee, Thomas J. Fiquette, Walter Ditchfield und einen Mafioso namens Fulvio Varvesi, dem es ein Akronym der CIA besonders angetan hat: MERK (Mit Extremer Rechtskraft Kündigen), „was normalerweise bedeutete, daß sie aus einem Hubschrauber geworfen oder über den Rand eines Bootes gestoßen oder einfach erschossen wurden… Als er 26 war, hatte er es schon dreizehn Personen merken lassen.“

Gleich zu Beginn ist da der 93-jährige  William M. „Crawdad“ Gilmore, der frühmorgens auf der Schwelle seines Hauses erschossen wird. Seine gutaussehende und auch ansonsten lebenslustige Enkelin Faye Hix heuert den in einem Slum in Philadelphia aufgewachsenen und in einem funkensprühenden Schnelldurchlauf als klügsten Mann Washingtons vorgestellten Ansel Easter und den Millionenerben Jake Pope (eigentlich Jacob Rutledge Pope III.) für die Suche nach den Mördern an. Zwischen Jake und Faye funkt es sofort, die Kapitel 13 und 17 sind ziemlich sexhaltig. Am Morgen danach erklärt Jake, dem ein Richter namens John Whetstone (dt. Wetzstein) einmal „ein feines Gespür für den kriminellen Verstand“ attestierte und das mit einer saftigen Gehaltserhöhung verband, seiner neuen Flamme, warum er vor kurzem auf Madagaskar war und dort geschaut hat, ob dort eine Sperrholzfabrik sinnvoll wäre:

„Ich bin Ermittler. Ich mag es, mir Dinge näher anzusehen. Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber ich tue es und bin gut darin. Ich bin neugierig… herauszufinden, wer einen dreiundneunzig Jahre alten Mann, der in Washington auf seiner Eingangstreppe stand, erschossen hat. Das unterscheidet sich nicht allzu sehr davon herauszufinden, ob Madagaskar wirklich eine neue Sperrholzfabrik braucht. Man wird in beiden Ermittlungen unterwegs angelogen… Dein Großvater wollte jemandem irgendetwas erzählen, weil er es für wichtig hielt. Er bekam keine Möglichkeit dazu, weil ihn jemand umgebracht hat.“
„So ziemlich das einzige, was der Großstadtpinkel und Anwalt Ancel Easter über Landwirtschaft wusste, war, dass das Essen nicht mehr so schmeckte, wie es geschmeckt hatte, als er ein Junge war.“ Und bei weiterem Nachdenken dann, „daß eine Farm in manchen Fällen als wertvolles Abschreibeobjekt dienen konnte“.

Überblick? Wer bitte soll den haben?
Es geht um ein bestimmtes Datum. Am 11. Juli wird der Erntebericht, die Schätzung des Landwirtschaftsministeriums für Weizen, Mais und Sojabohnen, veröffentlicht. An diesem Tag wird aus dem Gebäude eine Art Fort Knox gemacht, die Berichte aus den Bundesstaaten treffen verschlüsselt und in Umschläge ein, die man rot-X nennt, sie werden in einem verschlossenen Kasten deponiert, zu dem nur das Büro des Landwirtschaftsministers und der Vorsitzende der Ernteberichtskommission einen Schlüssel haben. Umschläge aus 44 Staaten.

„Welches sind die wichtigsten für einen Spekulanten?“ – „Mal sehen. Illinois, Kansas, Missouri, Nebraska, Oklahoma, Ohio, Texas. Tut mir leid, nicht Colorado.“ Was denn der Sinn dieser ganzen Geheimhaltung sei, fragt Pope? Soll damit verhindert werden, dass Spekulanten einen Riesengewinn bei Warentermingeschäften machen? „Das ist richtig“, erhält er zur Antwort.

Eine Information also, „an der großes spekulatives Interesse besteht“. Oder wie man sich bei der Mafia sagt: „Hier läuft das größte Würfelspiel der Welt, und wir wissen nichts davon.“ Der Warenterminmarkt hatte damals, so Ross Thomas, der sich unter anderem sein Geld als Redenschreiber für Senatoren aus Oklahoma und bei der Landarbeitergewerkschaft verdient hatte (siehe auch seinen „Yellow Dog Contract“, einen Umfang von über 300 Milliarden Dollar. „Weißt du, wieviel Leute sie zum Überwachen haben?“, fragt der Gangster Varvesi, der unbedingt „etwas mit Weizen machen“ will.

„Sie haben nur einhundertneunundsechzig Leute. Und wie zum Teufel können einhundertneunundsechzig Leute den Überblick über dreihundert Milliarden Dollar behalten, willst du mir das mal sagen?“ – „Das können sie nicht.“

Jake holt sich Rat beim Experten, bei Commodity Jack: „Angenommen, jemand wollte die Börse manipulieren, sagen wir den Weizenmarkt. Wie würde er das anpacken?“

„Durch Gerüchte. Börse ist vernarrt in Gerüchte. Eigentlich gibt’s zwei Typen von Spekulanten. Chartisten und Fundamentalisten. Chartisten halten sich an die Analyse von Preisbewegungen. Zeichnen nette kleine Diagramme oder Charts. Charts sagen ihnen, wann sie verkaufen, wann sie kaufen, wann sie aufs Klo gehen sollen. Fundamentalisten sind natürlich falsch benannt. Sie betrachten das große Bild. Wetter, Hungersnöte, Regierungen, Dinge dieser Art. Ein Bursche, den ich kenne, Fundamentalist. Ging mit seiner Frau Lebensmittel einkaufen. Schinkenspeck 1 Dollar 80 das Pfund. Frau weigerte sich zu kaufen. Bursche ging ans Telefon, rief seinen Makler an, wies ihn an, Schweinebäuche leerzuverkaufen. Ging davon aus, wenn seine Frau nicht kaufen würde, würden das andere Frauen auch nicht tun, bevor der Preis runterging. Und das tat er. Bursche räumte ab. Machte einen Haufen Geld.“

Thoreaus Forelle in der Milch
Der Anwalt Ancel Easter übernimmt es, den Landwirtschaftsminister zu warnen, „daß bestimmte Personen sowohl innerhalb wie außerhalb Ihres Ministeriums versuchen, eine Menge Geld zu ernten“.
„Wie zum Teufel kann man Geld ernten?“, stellt der Minister sich dumm.
„Ich glaube, Sie würden mir beipflichten, dass es genau dazu kommt, wenn jemand es schafft, den Rohstoffmarkt zu manipulieren.“
Der Weizenkurs geht tatsächlich den Bach runter, als aus dem Landwirtschaftsministerium durchsickert, dass der Erntebericht entweder von der Mafia oder einer erfahrenen Truppe rotchinesischer Agenten gestohlen wurde. Jake und Ensel klären die Affäre auf, nicht für alle nimmt sie ein gutes Ende. Auch die Mörder des alten Richters werden gestellt, als Kleinausgabe der großen Beschaffungskriminalität geisterten sie raubend und mordend durch das Buch, einer jener Schachzüge, mit denen Großmeister Ross Thomas uns immer wieder zu solch glücklichen Lesern macht. Gewürzt für Feinschmecker wird das alles mit Arabesken wie Thoreaus Forelle in der Milch als Metapher für einen Indizienbeweis  oder, wie Jochen Stremmel nachweist, mit einer hübschen und dem Moment absolut angemessen Variante von Goethes „Verweile doch! Du bist so schön.“

„Prüfen Sie die Ware?“
Ross Thomas, neben all seinen anderen, auch  schon oft gerühmten Meriten (Ross Thomas auf CrimeMag hier  und hier, im Klassiker-Check) ist auch sexy Bei ihm kann es knistern. Mehr als eine Seite lang betrachtet Jake Pope während er sich mit ihr unterhält auf Seite 79/80 die schöne Enkelin des toten Richters, Brustwarzen inklusive, sonst hätte sie sich, argumentiert er im inneren Monolog, gewiss etwas Blickdichteres angezogen. Hier ein Auszug aus dem Dialog:

Er dachte gerade über ihr Kinn nach und dass seine gerundete Spitze ihr etwas Knabenhaftes verlieh, etwas von einem großen Knaben, als sie sagte: „Prüfen Sie die Ware?“
„Das hab ich wohl getan.“
„Das haben wir wohl beide“, sagte sie. „Sie sind furchtbar groß, nicht?“
„Sie auch.“
„Ich hab davon gehört, aber ich vermute, ich habe es nie geglaubt.“
„Was geglaubt?“, sagte er.
„Dass die Hausfrau fünf Minuten, nachdem der gutaussehende Vertreter für Hausverkleidung einen Fuß in die Tür gesetzt hat, mit ihm ins Bett hüpft.“
„Glauben Sie es jetzt?“
„Ich weiß nicht, ob ich es glaube“, sagte sie, „aber ich kann es jetzt wenigstens verstehen. Haben Sie je Aluminiumverkleidung verkauft?“

 

NACHBETRACHTUNGEN

septemberweizen300

Der Mensch stirbt nicht am Brot allein
Regie: Peter Krieg (DVD bei Salzgeber)

Septemberweizen

Auf Seite 299 von „Fette Ernte“ sagt Jake Pope, wenn alles schiefgeht, werde er „vielleicht bei Septemberweizen auf Hausse spekulieren“. Leider ist es zu spät, den Filmemacher Peter Krieg danach zu fragen, ob er „Money Harvest“ gelesen hatte während er sieben Jahre lang an seinem wohl wichtigsten Film „Septemberweizen“ (1980) arbeitete. Der Titel ist ein Begriff aus der Warenterminspekulation und bezeichnet einen nach der Ernte fälligen Weizenkontrakt – also „Papierweizen“. Nicht um ein Lebens-Mittel, sondern um Spekulationsmasse geht es bei dieser Form des Weizens – übrigens lässt gerade die Krimkrise mit ihren Kornkammern die Weizen- und Maispreise übermäßig steigen. Peter Kriegs begeisternd durchkomponierter Film – am 21. Juni 1980 als „Kamerafilm“ im Kleinen Fernsehspiel des ZDF ausgestrahlt, 2006 wieder ins Kino gekommen und heute bei Salzgeber auf DVD erhältlich – wäre die ideale Komplementärlektüre zu Ross Thomas. Peter Krieg zeigt, wie Farmer, Wissenschaftler, Händler, Spekulanten, Verarbeiter, Konzerne und Politiker mit dem Weizen umgehen und was dabei für den Rest der Welt übrigbleibt. Brechts Wort von den Hungersnöten, die nicht „ausbrechen“, sondern vom Weizenhandel veranstaltet werden, erweist sich eher als Untertreibung. Peter Kriegs ästhetisch wie politisch radikaler Film, eine Collage ohne Erzähler in sieben Kapiteln aus Reportagen, Nachrichtenmeldungen und suggestiven Bildern, fordert die Zuschauer in bester Ross-Thomas-Manier auf, sich selbst einen Reim zu machen. „Septemberweizen“ gehörte zu den prägendsten dokumentarischen Filmereignissen der 1980er Jahre, bemerkenswert in tausendfacher Hinsicht, so auch mit der an Eisler angelehnten „gestischen“ Filmmusik Rolf Riehms. Heute ein Klassiker, galt der Film manchen als linksradikales und anti-amerikanisches Agitpropkino, für nicht wenige Dokumentarfilmer als Grenzverletzung. Die New Yorker „Village Voice“ setzte ihn auf die Liste der 10 besten Filme des Jahres 1980.

Ein von im Halbkreis aufgefahrenen, fetten Traktoren abgeerntetes Weizenfeld ziert zum Beispiel das Cover des Kundenmagazins der Landwirtschaftlichen Rentenbank, „agribizz“ ist das Heft betitelt. Im Feld der Agrargüter nimmt Weizen einen eigenen, geradezu mythologischen Raum ein. Thomas Mann schrieb über Joseph von Ägypten und die Hungersnöte, Brecht wollte seine „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ ursprünglich an dem berühmten Weizenroman von Frank Norris orientieren, an „The Pit“ von 1913, deutsch 1979 als „Die Getreidebörse“ (Aufbau). Seine Kurzgeschichte „A Deal in Wheat“ verfilmte D.W. Griffith 1909 mit dem Stummfilm „A Corner in Wheat“.

 

Rasante Beschleunigung

Längst hat die Analogwelt der Agrarspekulation aus den Zeiten von „Fette Ernte“ eine rasante Beschleunigung erfahren. Der Informations- und Zeitvorsprung, der sich bei Ross Thomas aus dem Diebstahl des Ernteberichts des Landwirtschaftsministeriums ergibt, wird heute in Millisekunden gemessen. Mehr als 60 Prozent der Warentermingeschäfte macht heute der automatisierte Hochfrequenzhandel aus, der sich gerade anschickt, die Lasertechnik von Kampfjets für die Steigerung der Übertragungsgeschwindigkeit einzusetzen. (Darauf werde ich hier bald in einer Anmerkung zu „Gun Machine“ von Warren Ellis zurückkommen, einem der wichtigsten Thriller des letzten Jahres.)
Überhaupt ist es ein kriminalistisch äußerst interessantes und lohnendes weites Feld, Romane wie Helon Habilas „Öl auf Wasser“ dabei  leider eine Ausnahme, was sich im „Handel“ mit Agrarprodukten und deren Derivaten tut. Das Miß-/Un-/Machtverhältnis von realem Weizen und den darauf verwetteten spekulativen „Futures“ in tausend Gestalten bildet sich als Grafik ab mit einem großen runden Ball und einem kleinen schwarzen Punkt darin. 60 Millionen Tonnen realem US-Weizen stehen so derzeit alleine für die USA 4.400 Millionen Tonnen an Future-Volumen gegenüber. Gehandelt, gedealt und spekuliert wird also mit der zweitausendsechshundertvierzigfachen Menge.

Das ist kein Einzelfall. Auf solchen spekulativen Blasen beruht immer noch, allen Pleiten zum Trotz, das ganze wahnwitzige globale Finanzsystem. Das Produktions- und Wertvolumen der realen Wirtschaft wird von Papier- und letztlich dann aber doch Existenzwerten interstellarer Ausmaße überschattet. Die gewaltigen Schatten riesiger feindlicher Raumschiffe über der Erde aus den Science-fiction-Filmen sind längst Tagesrealität. Seit Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2007 sind die Staatsschulden (und damit unsere) um 80 Prozent gestiegen. Das Volumen aller Anleihen von Staaten, Banken und Unternehmen hat sich um 30 Billionen auf 100 Billionen Dollar erhöht. Die jährliche Wirtschaftsleistung der Welt, das globale Bruttoinlandsprodukt betrugt 2013 nach den Schätzungen des Internationalen Währungsfonds rund 73 Billionen Dollar, die Staatsschulden machen daran gemessen 59 Prozent aus. Mit mehr als einer Billion Euro fauler Kredite sind derzeit die europäischen Banken belastet. Unlängst wurde bekannt, dass alleine die Deutsche Bank Papiere im Wert von 29 Milliarden Euro in der Bilanz stehen hat, deren Bewertung „nicht auf Marktdaten beruht“. Will heißen, dass solche „Level-3-Assets“ ganz spezielle Risiken darstellen. Und mitten in all diesem Wahnsinnssystem verfügt alleine die Private Equity-Branche TÄGLICH über eine Milliarde Dollar, die neu angelegt werden will und muss. Die 19 Milliarden Dollar, für die Facebook vor kurzem Whatsapp kaufte, eine Firma mit 50 Mitarbeitern, erklären sich aus solchem Blasen-Geld.

„Tatsache ist, dass bis Ende der 1990er-Jahre finanzielle Absicherungsgeschäfte zwischen Produzenten und Verarbeitern von Rohstoffen stark reguliert war und das spekulativ eingesetzte Kapital eng begrenzt wurde. Nach der Deregulierung drängten neue Finanzakteure mit exorbitanten Mitteln in die Rohstoffspekulation. Das Volumen der entsprechenden Derivate hat sich seither vervielfacht und jeden Bezug zur realen Basis der gehandelten Güter verloren“, heißt es in der aktuellen Schweizer Studie „Nahrungsmittelspekulation – (k)ein Problem?“ von Markus Mugglin im Auftrag der Alliance Sud.

Das Spiel mit dem Hunger

Bei Ross Thomas treffen wir die Prototypen solch allen normalen Menschen und Schicksalen entfremdeten Handelns an. „Du bist auch einer von denen, die reichen Leuten helfen, dass sie ihr Geld behalten“, heißt es derzeit jeden Montag in der Anwaltsserie „Suits“. Jake Pope erzählt in „Fette Ernte“ von einem Rat, den er erhielt und umsetzte: „Ich hab damit angefangen, reich zu sein. Falls ich verliere, werde ich es nicht richtig spüren.“

Lange wurde die Debatte über das Spielen mit Lebensmitteln und Hunger von der Banken- und Finanzbranche abgeblockt. Die Deutsche Bank und die Allianz sind in Deutschland die größten Anleger im Agrarrohstoff-Bereich. 2011 war das bei der Allianz ein Anlagevermögen von 18,44 Milliarden Euro. Ihr Portfolio macht etwa ein Sechstel des gesamten deutschen Anlagevermögens in Rohstoffen aus. Schätzungsweise 800 Milliarden Dollar haben derzeit Kapitalanleger in die von den Investmentbanken und Hedgefonds aufgelegten Papiere für Wetten mit Rohstoffen, darunter Mais und Weizen, investiert.

Brasilianisches Fleisch und Soja sind dieses Jahr Kursgewinner, Brasilien ist eine der größten Agrarexportnationen und der größte Geflügelfleischlieferant der Welt. Die Deutsche Bank empfahl im Januar Aktien des Hähnchenproduzenten Marfrig zum Kauf. Wegen „der Sorge um Ernteausfälle in Brasilien“ ist der Kaffeepreis für Arabica seit Jahresbeginn um über 61 Prozent  in die Höhe geschnellt. Die sogenannte „spekulative Netto-Long-Position bei 24 wichtigen Rohstoffen stieg im Januar und Februar 2014 um 28 Prozent“ (siehe FAZ vom 1.3.14: Steht eine Renaissance der Rohstoffe bevor?) Von den Banken wird bis heute vehement jede Wirkung auf höhere Preise bestritten. 2011 waren Weizen, Mais und Reis im weltweiten Durchschnitt nach Abzug der Inflation 150 Prozent teurer als im Jahr 2000. 40 bis 80  Millionen Menschen werden durch höhere Nahrungsmittelpreise zu Hunger und absoluter Armut verdammt. Es gibt zahlreiche Studien zu diesem Komplex. (Siehe ganz unten.)

Auf den öffentlichen Druck hin haben viele Banken und Konzerne ihre Nahrungsmittelspekulationen zurückgefahren. Die Europäische Union hat im Januar 2014 den Handel dafür erschwert. Die Kritik am Handel mit Weizen, Kakao, Kupfer und Aluminium wehrte die Deutsche Bank lange ab. Nun fährt das Institut das Geschäft mit physischen Rohstoffen zurück, spekuliert aber weiter über Finanzderivate. Der Umbau habe keine materiellen Auswirkungen auf die Vermögens- und Ertragslage der Bank, teilte das Institut mit. Ein Sprecher betonte, Finanzderivate auf Rohstoffe gehörten auch weiterhin zum Kerngeschäft der Bank. „Das ist keine strategische Entscheidung gegen solche Geschäfte.“

Andere deutsche Finanzhäuser wie die Commerzbank, die DZ-Bank oder die Deka-Bank haben die Spekulation mit Agrargütern jedoch stark eingeschränkt. Auch an der Wall-Street-gibt es ein Umdenken. JP Morgan kündigte an, die Spekulation zurückzufahren, Morgan Stanley  erwägt das auch, während Goldman-Sachs am Grundgüterhandel festhalten will. Grund für solche Entscheidungen sind aber keine Kurssprünge in Humanität, sondern die neuen Eigenhandelsregeln und Kapitalvorschriften für Banken, die Rohstoffspekulationen zunehmend erschweren und unattraktiver machen. Den Lobbyisten aus der Finanzbranche gelang es aber laut Oxfam und Foodwatch, den Entwurf für eine neue EU-Regulierung mit genug Schlupflöchern zu spicken. Die als MiFID II bekannte Richtlinie über die Spekulation mit Nahrungsmitteln wurde dahingehend torpediert, dass etwa der Schattenhandel von der Regulierung ausgenommen werden soll. Zudem gilt die Richtlinie zwar für Banken und Fonds, nicht aber für Rohstoffhändler. Banken können sich an den Positionslimits vorbei schummeln, wenn sie ihre Geschäfte als Risikoabsicherung für einen Rohstoffhändler bezeichnen.

P.S. Vontobel, die Hausbank von Uli Hoeneß, lockt die Anleger weiterhin mit der gepflegt designten Broschüre „Die Welt der Rohstoffe“ ins Geschäft mit Agrarrohstoffen. Probleme werden dort nicht erwähnt.

Broschüren (als PDF verfügbar) zur Spekulation mit Lebensmitteln

Eine kleine Auswahl:

Foodwatch-Report: Die Hungermacher: Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren.
Vom März 2014 datiert die Schweizer Studie „Nahrungsmittelspekulation – (k)ein Problem?“ von Markus Mugglin im Auftrag der Alliance Sud.
Oxfam-Studie: Mit Essen spielt man nicht! Die deutsche Finanzbranche und das Geschäft mit dem Hunger
Septemberweizen-Presseheft

Alf Mayer, culurmag 29-03-2014

 

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Ross Thomas: Fette Ernte (Money Harvest, 1975)

Deutsch von Jochen Stremmel

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