Ai Weiwei auf der Documenta 12 im Juni 2007 (Quelle: wiki)

Die Freunde des chinesischen Volkes

Bekämpft man Symbolpolitik mit Symbolpolitik? Diese Frage muss sich stellen lassen, wer jetzt den Abbruch der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ in Peking fordert. Denn nichts anderes wäre es, wenn die drei deutschen Museen, die sie konzipiert haben, ihre Leihgaben aus dem Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens abziehen würden, um gegen die Verhaftung des Künstlers Ai WeiWei zu protestieren: Theaterdonner, der vergessen machen soll, das es noch letzte Woche an genau den Werten der Aufklärung mangelte, die jetzt durch einen demonstrativen Exodus bewiesen werden sollen: Zivilcourage und klare Worte.

Dieselben Leute, die in friedlicher Eintracht jahrelang mit den Chinesen ein etwas staatstragendes Großprojekt bastelten, haben es achselzuckend geschehen lassen, dass dem Schriftsteller Tilman Spengler die Einreise nach China zum Eröffnungs-Symposium verweigert wurde, weil er, so die offizielle Begründung, „kein Freund des chinesischen Volkes“ sei. Und diesen Leuten soll man jetzt einen symbolischen Protest abnehmen? Ai Weiwei dürfte es aber kaum seine Freiheit wieder bringen, wenn die Ausstellung geschlossen würde. Geschweige denn würde es den dringend notwendigen Dialog mit der chinesischen Gesellschaft voranbringen.

Man darf die Lage im Reich der Mitte nicht bagatellisieren. Nachdem sie jahrelang mit gewagten Werken das Bild eines moderneren, jüngeren, kreativeren China nach außen transportieren durften, geraten nach den Schriftstellern und Bloggern nun auch die Bildenden Künstler in‘s Fadenkreuz der Behörden. Da ist es nachvollziehbar, dass viele hierzulande die Kunst nicht zum formschönen Feigenblatt für den Polizeistaat werden lassen wollen, der hinter der Maske der lässigen Konsumgesellschaft China eben immer noch lauert. Angesichts der arabischen Revolutionen wollte dieser Polizeistaat mit der Inhaftierung Ai Weiweis ein Zeichen der Stärke setzen. Doch es ist immer auch ein Zeichen der Schwäche, wenn kritische Geister mundtot gemacht werden sollen. Weil die Macht dann zeigt, dass ihr die Argumente ausgehen.

Gerade weil die chinesische Regierung ganz offenbar auch nervös ist, sollten die deutsche Kultur und die Zivilgesellschaft insgesamt jetzt nicht locker lassen. Kultur ist das, was bis dorthin reicht, wo die Türen der Politik längst geschlossen sind. Statt sie zu kappen, sollten die Veranstalter die Ausstellung als Plattform ausreizen, so weit es nur eben geht, um die Kunst der Aufklärung mit diskursivem Leben zu erfüllen. Symposien, repräsentative Websites und VIP-Reisen reichen nicht aus, um für den Wahlspruch der Aufklärung zu werben, der auch der Ai Weiweis war: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Auch auf die Gefahr hin, dass es zu einer Eskalation mit der chinesischen Führung kommt: Protestieren, informieren, diskutieren, muss die Devise heißen – jetzt erst recht! Auf allen Kanälen, natürlich auch im Internet.

National Museum of China, Peking 2011 © Gerkan, Marg und Partner, Foto: Christian Gahl

„Ich glaube an die Kraft des Dialogs“ verteidigte der Direktor der Dresdner Kunstsammlungen, Martin Roth, einer der Initiatoren der Schau, dieser Tage die sanfte Macht der Kultur. Recht hat der Mann. Doch wenn er schon so inbrünstig daran glaubt, muss er diesen Dialog auch wirklich führen.

Text: Ingo Arend

mehr Informationen:

website der Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“; Peking

website von Ai Weiwei

Ai Weiwei detained

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