Philip-Lorca diCorcia: Eleven

Mit Drama und Mystery garniert

Elf eingefrorene Tableaus des Fotografen Philip-Lorca diCorcia

„Bilder sind gewöhnlich ein Spiegel dessen, der sie produziert hat“ seufzte einmal Philip-Lorca diCorcia. Bei dem Versuch, den Fotograf aus dem Spiel zu nehmen, entstand 2000 seine Serie „Heads“. Die Porträts Tausender Passanten, die den New Yorker Times Square überquerten, kamen durch einen automatischen Auslöser und ein Blitzlicht zustande – Cartier-Bressons „entscheidender Moment“ schrumpfte zum Zufall.

Die elf Portfolios, die der 1951 in Hartford, Connecticut geborene Künstler für das Magazin W von 1997 bis 2008 produziert hat und nun erstmals in einem prachtvollen Band versammelt sind, sind das genaue Gegenteil dieses Experiments in Sachen fotografische Objektivität. Denn in ihnen hat der legendäre Fotograf wieder keinen Faltenwurf dem Zufall überlassen.

Wie man es von dem Schöpfer der „Hustler“- und „Streetwork“-Serien kennt, sind diese, zusammen mit W-Kreativdirektor Dennis Freedman entwickelten Bildstrecken symbolisch so aufgeladen, die Szenen so raffiniert stilisiert, ausgeleuchtet und mit Drama- und Mystery-Elementen garniert, als hätten David Lynch und Francois Ozon dabei mit Regie geführt.

Das Besondere: In Eleven hat diCorcia die unterschwelligen Geschichten seiner Bilder richtig entfalten können. Rund zehn Aufnahmen ist jeder Essay lang. Und bewahrt trotzdem sein Geheimnis, so undurchschaubar sind die Stories in den Metropolen der Welt inszeniert. Ob er nun die unberührbare Isabelle Huppert im Kostüm in’s nächtliche Paris stellt, einen Bodybuilder im Pelz auf eine Opernbühne in St.Petersburg oder ein junges Paar vor die verstaubten Schaukästen des Kairoer Naturkundemuseums, sie im Kleid, er ganz im Casual-Look.

Man muss diCorcia kalkulierten Bruch mit den Konventionen der Modefotografie nicht zwingend für eine stylische Neuauflage der Pittura Metafisica halten, nur weil ihm so wunderbar eingefrorene/theatrale Tableaus gelingen. Die Mischung aus Entfremdung und Begehren, die er in sie hineingelegt hat, nur für den Spiegel ihres Urhebers zu halten, hieße aber auch, sie zu unterschätzen.

© Ingo Arend

mehr Information (Bilder) via gosee.de

Freymedia Verlagsverzeichnis 2011/2012

Philip-Lorca diCorcia: Eleven.
Feymedia, Düsseldorf 2011
288 Seiten, 191 Abb. 65 Euro

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