Dennis Meadows

Der Machtfrage elegant aus dem Weg gegangen

Grenzen der Erkenntnis:
Klimawandel, Artenvielfalt? Kein Thema beim Gespräch über „Fortschritt ohne Wachstum“ mit US-Ökonom Dennis Meadows in Berlin

Hat Sigmar Gabriel jemals Dennis Meadows gelesen? Die Frage drängte sich auf, als der SPD-Chef kürzlich den Abbruch der Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Grünen in Berlin kommentierte. „Eine moderne, wirtschaftsfreundliche Infrastruktur ist die Grundlage des Wohlstands“ ließ der Mann, der immerhin mal vier Jahre Bundesumweltminister war, die Grünen wissen, die sein Parteifreund Klaus Wowereit gerade wegen einer Stadtautobahn aus dem Bündnis in spe katapultiert hatte. „Pipelines, Stromtrassen, Schienenwege und Autobahnen“, so der wiedergeborene Wirtschaftsfreund Gabriel, seien unerlässlich. Grünen-Chef Cem Özdemir holzte umgehend zurück und warf den Sozis Betonmentalität vor.

Der unversehens wieder aufgeflammte Kalte Krieg Rot-Grün war ein Paradebeispiel dafür, wie die Politik sich weigert, Konsequenzen aus der wissenschaftlichen Erkenntnis zu ziehen, die sie mit Millionen Steuergeldern fördert. Fast vierzig Jahre nach dem Erscheinen von „Die Grenzen des Wachstums“ schwadronierte der SPD-Chef wie ein unbelehrbarer Industrie-Lobbyist. Fortschritt gibt es für ihn nur mit Wachstum. Und zum Umbau Berufene blockieren sich. Doch dass nun auch noch die Urheber des legendären Berichts des „Club of Rome“ ihr Glück bei der Verhaltenstherapie suchen, das gibt doch schwer zu denken.

Denn derselbe Dennis Meadows, Herausgeber der aufrüttelnden Schrift, die das Bewusstsein einer Generation prägte, gab sich vergangenen Dienstag in einer holzgetäfelten Kammer des Berliner Wissenschaftszentrums plötzlich als altersmilder Guru der individuellen Verhaltensänderung. Zwei Mal hatten Meadows und sein Club ihr Modell von 1972 nachjustiert. Immer war herausgekommen, dass die Weltwirtschaft im Krisendreieck von Wirtschaftswachstum, Nahrungsmittelknappheit und Umweltkatastrophe spätestens 2100 zusammenbricht.

Wer dem US-Ökonomen im Ruhestand am Dienstag bei der Tagung „Fortschritt ohne Wachstum“ zuhörte, hatte nicht den Eindruck, dass die Zeit drängt. „Die Frage, ob Wachstum oder nicht, ist völlig sinnlos“, befand der Siebzigjährige colloquial, „die Frage ist nur: Wachstum von was und für wen.“ Die drohende Katastrophe war ihm gerade eine Randbemerkung wert. Und auch seinem Gesprächspartner Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomische Politik der Hans-Böckler-Stiftung, schienen die Worte Klimawandel, Artenvielfalt oder peak oil noch nicht zu Ohren gekommen zu sein. So sehr war der Gewerkschafter auf die Zeitbombe „Soziale Ungleichheit“ fixiert. Immerhin schwante ihm: „Nur ein technischer Wachstumsbegriff reicht wohl nicht aus“.

Natürlich muss das zivilisatorische Umsteuern, das den Kollaps des überplünderten Planten hinauszögern könnte, mehr als eine Energiewende sein. Wenn Parameter wie „Glück“ oder „Wohlergehen“ auf die politische Agenda rücken. Wenn Meadows Wachstum als „mehr Zeit mit Freunden“ definiert. Und wenn die Diskussionsleiterin des Abends, die ehemalige SPD-Forschungsministerin Edelgard Bulmahn, „Lebens- und Arbeitszufriedenheit“ aufruft, wird klar, dass die Nachhaltigkeitsrevolution auch eine Kulturleistung allerersten Ranges ist. Die Frage ist nur, ob der ökologische Tsunami, der sich auf dem Globus ausbreitet, eine derart gemächliche Wertediskussion noch zulässt.

Die nicht ganz reizlose Zauberformel von der „Entwicklung“, durch die Meadows das Reizwort „Wachstum“ ersetzen will, wirkte da wie ein Versuch, der Machtfrage elegant aus dem Weg zu gehen. Denn wer wird der Automobilindustrie mitteilen, dass ihre Branche nicht mehr zum Wachstumsbereich zählt? Wer wird den Handy-Herstellern den Raubbau von Coltan im Kongo verbieten? Und wer wird der SPD in Berlin, der Stadt, die jährlich 2.000 Bäume verliert, beibringen, dass man auch mal auf eine Autobahn verzichten muss?

Kurzum: Wer implementiert das „intelligente Schrumpfen“, das für die meisten Wissenschaftler das ökologische Gebot der Stunde ist? Nur die Hände versuchsweise einmal anders herum vor der Brust zu verschränken, wird da kaum reichen. Mit dem kleinen Experiment wollte Meadows dem Publikum die Macht der Gewohnheit demonstrieren. „Auf jeden Fall gibt es keinen Fortschritt ohne Kreativität“, versuchte Edelgard Bulmahn die ob so viel akademischer Milde konsternierten Zuhörer am Ende aufzumuntern. Zumindest da war man erleichtert: Sigmar Gabriel macht also nicht mit.

Ingo Arend

Bild: Dennis Meadows, CC BY-SA Gerd A.T. Müller; Original uploader was Gatm at de.wikipedia (Copyright Status: GNU Freie Dokumentationslizenz)

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