Die Angst des weißen Mannes

Wahlnachlese

Von wegen eine große Familie. Viel lieber bleiben die Gleichgesinnten immer hübsch unter sich. Im Potsdamer Einstein-Forum warnt Karsten D. Voigt vor der Polarisierung der politischen Kultur der USA

„We’re one family“. Als Barack Obama in der Nacht zum Mittwoch im Chicagoer McCormick Place zur Siegesrede anhob, war er wieder ganz der alte. Als wollte er den grauen Pragmatismus vergessen machen, auf den seine Präsidentschaft zum Schluss geschrumpft schien, versuchte er es wieder mit einer Prise des Messianismus, der ihn groß gemacht hatte. “Das Beste kommt noch”, versprach der wiedergewählte Präsident.

Wenig aber spricht dafür, dass Obamas Traum von der nationalen Einheit aufgehen dürfte. Jedenfalls wenn man der Bilanz folgt, die der SPD-Politiker Karsten D. Voigt Mittwochabend im Potsdamer Einstein-Forum zur US-Wahl zog. Und das hat weniger mit Politik als mit Kultur zu tun.

Das Ergebnis der Wahl ist nicht nur knapper ausgefallen, als es der Siegesjubel in Chicago oder die hohe Zahl der Wahlmänner für Obama vermuten lässt. Voigt war zu lange Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, als dass er sich von derlei Symbolpolitik und medialen Inszenierungen beeindrucken ließe. Was Susan Neiman, die amerikanische Philosophin und temperamentvolle Forums-Direktorin, nicht davon abhielt, ihn mit dem „Yes, we did“-Button der Obama-Fans zu begrüßen, den sie nach einer langen Wahlnacht noch am Revers trug.

Obama habe, so rechnete es Voigt nüchtern vor, mit North Carolina und Indiana in diesem Jahr zwei US-Bundesstaaten verloren, die er vor vier Jahren noch gewonnen hatte. Die Republikaner dominierten Amerika in der Fläche. Während die Demokraten fast nur noch in den urbanen Zentren präsent seien.

„Es gibt eben nicht nur islamischen,

sondern auch christlichen Fundamentalismus“

Die Separierung der politischen Lager sei das eine. Was aber das Klima in den USA fast unheimlich mache, sei die Polarisierung der politischen Kultur. Gegenüber der Zielstrebigkeit, mit der sich die sozialen Milieus strukturell immer stärker voneinander abkoppeln, wollte Voigt die feindselige Haltung der beiden Parteien im Kongress in Washington nur als Peanuts werten.

Bei seinen zahlreichen Besuchen in den USA will Voigt nicht nur aufgefallen sein, dass die Wahlkreise immer stärker entlang ideologischer Präferenzen zugeschnitten würden, sodass sie mit populistischen Sprüchen für die jeweilige Partei leichter zu mobilisieren seien. Die Menschen selbst, so Voigt mit Verweis auf eine Studie der konservativen Rand-Corporation, zögen sich immer mehr in Nachbarschaften zurück, in denen sie Gleichgesinnte vermuteten.

Das alles vollziehe sich, ohne dass es noch Kanäle zum wechselseitigen Austausch gäbe. „In Deutschland regen wir uns auf, wenn in einer Talkshow eine Nonne neben einer Prostituierten sitzt. In den USA gibt es einen Kanal für Nonnen und einen für Prostituierte“, frotzelte Voigt über diese Art von soziologischer Spartenkommunikation. Vor diesem amerikanischen Hintergrund kommen einem die oft geschmähten Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland plötzlich wie unverzichtbare Organe der Gemeinschaftsbildung vor.

Dazu beobachtet Voigt seit Jahren eine religiöse Renaissance nicht da gewesenen Ausmaßes. Die bislang politikabstinenten Evangelikalen gingen immer mehr dazu über, Politik und Religion aktivistisch zu verbinden. Und dies mit dem Glauben an den amerikanischen Exzeptionalismus zu verquicken. „Es gibt eben nicht nur islamischen, sondern auch christlichen Fundamentalismus“, warnte der erfahrene Transatlantiker.

Die USA und ihre politische Kultur entwickelten sich damit, so Voigts Beobachtung, genau gegenteilig zu Deutschland. Hierzulande hätten sich die ideologischen Pole der Nachkriegszeit – die Angst der Konservativen vor dem Kommunismus, die Angst der Progressiven vor der Renazifizierung – abgeschliffen. Politisch werde eher zu wenig gestritten. Die Kirchen seien in einem akademisch geprägten Umfeld davor gefeit, ins Antiaufklärerische umzukippen.

Dass Obama seinen Wahlsieg einer ziemlich bunten Truppe verdankt, spricht nicht gegen Voigts Deutung dieser Kulturrevolution: die Angst der weißen, protestantischen Mittelschichten vor dem sozialen und ökonomischen Abstieg. Auf diesem Weg radikalisiert und homogenisiert sie sich eben. Im Effekt hat das zu dem interessanten Fall geführt, dass ein auf die berühmten „Checks and Balances“ getrimmtes politisches System durch eine Kulturverschiebung dysfunktional zu werden beginnt.

Für Voigt ist dies das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses, der auch nur längerfristig zu beheben sein wird. Da nützt es wenig, wie es Obama in Chicago tat, die eine große Familie USA zu beschwören. Offenbar sitzt die nämlich längst nicht mehr an einem Tisch.

Ingo Arend (taz 09.11.2012)

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