Der Koalitionsvertrag als literarisches Werk betrachtet

Vor allem ist die scheinbar dröge Politprosa eine Schatzkammer der versteckten Poesie
Vor allem ist die scheinbar dröge Politprosa eine Schatzkammer der versteckten Poesie

 

Schatzkammer der versteckten Poesie

Bei einer „Lesung“ in Berlin entlockten Schauspieler und Kulturkritiker dem gerade unterzeichneten Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD neben Stilblüten ungeahnte Zwischentöne

Große Formationen werfen ihre Schatten voraus. Meistens schon sprachlich. Und so hieß denn schon seit Monaten „GroKo“ die Vokabel, mit der das am meisten gefürchtete Politereignis des Jahres beschworen wurde. Bei dem ja auch zwei sperrige Blöcke ungefähr so elegant ineinander geschoben werden wie bei der journalistischen Verballhornung.

Vor dieser „Großen Koalition“, das verbirgt sich hinter dem ominösen Kürzel, warnen Kritiker seit Monaten mit Vokabeln wie Mehltau, Stillstand oder Lähmung. „Der Rest ist Schnarchen“, grämte sich Jakob Augstein pünktlich zur Unterzeichnung des Koalitionsvertrags zwischen CDU/CSU und SPD am Montag in seiner Kolumne bei Spiegel Online.

Wenn sich die Kritiker da mal nicht irren. Das Wahlvolk reagierte nämlich auf die öffentliche „Lesung“ des 185 Seiten starken Textes am selben Tag in der Hauptstadt sichtlich enthusiasmiert. Das klingt nach einem Ulk. Doch warum soll man ein Dokument nicht auch literarisch ernst nehmen, das zwar kein Bürger beim Bundesverfassungsgericht einklagen kann. Welches das Leben der Menschen aber konkret betreffen wird.

„Wir wollen darauf hinwirken, dass deutlich mehr Fahrradfahrer Helm tragen“, heißt es zum Beispiel auf Seite 45 unter dem Stichwort „Fahrradverkehr“. Es war nicht die einzige Stelle, an der die Schauspieler Franziska Herrmann und Matthias Scherwenikas dem Papier bei der Veranstaltung des Internationalen Literaturfestivals Berlin und der Stiftung Mercator ungeahnte Zwischentöne entlockten. Laut gelesen klingt eine banale Formel wie „Integration ist ein Prozess, der allen etwas abverlangt“ plötzlich so wie sie vermutlich gemeint ist: autoritär.

Besser als mit der dramatischen Lesung hätte man auch die Mischung aus Euphorie und Hermetik, Allgemeinplatz und Detailverliebtheit, aus Fürsorge und Androhung, die das Papier nicht besonders unterschwellig durchzieht, kaum kenntlich machen können. „Gemeinsam haben wir es geschafft, dass unser Land gestärkt aus der Krise herausgekommen ist. Das ist Grund für Zuversicht“, heißt es schon in der Präambel.

Vor allem ist die scheinbar dröge Politprosa eine Schatzkammer der versteckten Poesie. So viel wie in dem rot-schwarzen Pakt von „einem guten Leben“ die Rede ist und einem Land, dem die Koalitionäre „gute Perspektiven eröffnen wollen“, nährte das in dem Spiegel-Journalisten Georg Diez in einer anschließenden Kritikerrunde den Verdacht einer „machtlosen Wahnwelt“.

Je mehr ihr das „Außen“ abhanden gekommen sei, um so stärker rette sie sich in eine gespreizte Animationsrhetorik. Um mehr Menschen „neue Welten“ zu erschließen, will die GroKo zum Beispiel „die kulturelle Bildung in die Breite tragen“. Ein Vorsatz, dem man vermutlich nur mit sehr viel Spaß umsetzen kann.

Diez erstaunte sich über den in der Literaturtheorie bis dahin nicht vorgesehenen „Wir-Erzähler“ des Textes. Die Moderatorin Christine Eichel bewunderte dabei Angela Merkels subtile „Psychologie der Eingemeindung“. Dietz erkannte auf gefühlsarmen „Realismus ohne Wirklichkeit“. Während Andreas Platthaus vom FAZ-Feuilleton das Traktat glasklar als Science-Fiction einstufte. Oft jedoch mit einem zwiespältigen Ausgang.

Den Arbeitsauftrag der GroKo an die Deutsche Rohstoffagentur, „ein Monitoring kritischer Rohstoffe durchzuführen und regelmäßig über die Verfügbarkeit der für die deutsche Wirtschaft kritischen Rohstoffe zu berichten“, könne man auch als Drohung lesen, sorgte sich Platthaus. Und fragte sich, ob sich die GroKoisten der Ruf nach einer „neuen Gründerzeit“ gut überlegt hätten. Die erste mündete bekanntlich in den Ersten Weltkrieg.

Die realistische Sichtweise brachte Stefan Kornelius ein: Dass sich manche Stilblüten, so der Auslandschef der Süddeutschen, weniger dem sprachlichen Unvermögen der Akteure verdankten, sondern zugelieferten Versatzstücken der Ministerialbürokratie, die dann durch den Trichter der Parteien in den Text „gedrückt“ wurden.

Lärmschutz-Bestandsstrecken, Validierungsförderung, Ausbaukorridore. Das sind nicht die einzigen semantischen Herausforderungen, an denen sich die Republik in den nächsten vier Jahren die Zähne ausbeißen wird. Die Berliner Sternstunde der Textkritik bewies auf jeden Fall eines. Zumindest für die politische und feuilletonistische Kritik brechen unter der GroKo rosige, fast möchte man sagen „große“, Zeiten an. Wenn das kein Grund für Zuversicht ist.

 

Ingo Arend, taz 18.12.2013

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