Der zwiespältige Traum von der völkerverbindenden Kraft der Kultur

Kultur als Brücke

Ein Lied kann eine Brücke sein
Und jeder Ton ist wie ein Stein
Er macht sie stark und fest
Du kannst darüber gehen, andere verstehen

Mit dem Song, den die Jazz-Sängerin Joy Fleming 1975 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in Stockholm präsentierte, landete sie abgeschlagen auf dem 17. Platz. Als Metapher hat die kehlige Fanfare aber nichts von ihrer naiven Überzeugungskraft verloren. Kultur, so der weit verbreitete Glaube – das ist das Bindeglied zwischen dem Unvereinbaren, der Kitt zwischen den Nationen, Kultur öffnet die Herzen, macht die Menschen frei und stimmt sie brüderlich.

Das ist rührend. Wer würde sich das nicht wünschen. Und wer das Lied heute noch einmal anhört, kann sich seiner suggestiven Kraft nur schwer erwehren. Fragt sich nur, ob die Botschaft stimmt. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nichts gegen Atlantik-Brücken oder Kulturbrücken Deutschland-Russland, die allerlei Kulturaustausch organisieren. Nichts dagegen auch, dass das regierungsnahe Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen regelmäßig Ausstellungen mit Kunst aus Deutschland als Kulturbotschafter durch die Welt schickt. Nichts dagegen auch, dass immer mehr Biennalen die Brücke zu den Regionen der Welt schlagen, die die westliche Moderne so lange ausblendete. Und wir wollen auch nicht ausschließen, dass die Brückentage, die dieser Mai so reichlich zu vergeben hatte, nicht nur zur kreativen Vermehrung von Freizeit genutzt, sondern auch als Brücke zur Kultur-Zeit eingesetzt wurden.

Man sollte nur vor einem allzu euphemistischen Gebrauch des Wortes Kultur warnen. Nicht, weil der deutsch-amerikanische Philosoph Ludwig Marcuse dieses hehre Gut für nicht viel mehr als “erlesenes Getue” hielt. Sondern, weil Kultur manchmal eben keine Brücke ist. Kultur ist auch Konflikt, ist Hassobjekt. Kultur kann als Waffe benutzt werden. Wegen Kultur werden Kriege geführt. Eines der ersten Ziele im Bürgerkrieg zwischen Bosnien und Herzegowina war Anfang November 2003 Stari Most, die Brücke über der Neretva, die den bosniakischen Ostteil mit dem kroatischen Westteil der Stadt Mostar verband.

Kulturelle Brückenwirkung

Dass die 2005 wiederaufgebaute Einbogenbrücke, ein Meisterwerk osmanischer Ingenieurkunst, nun als “Symbol der Versöhnung und für das Zusammenleben von verschiedenen religiösen, kulturellen und ethnischen Gemeinden”zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ist schön. Sagt aber noch nichts aus über ihre tatsächliche kulturelle Brückenwirkung. Ähnlich skeptisch dürfte man heute die Bilder europäischer Brücken auf der Rückseite der Euro-Geldscheine betrachten. Der geistige Abstand zwischen Deutschland und Griechenland beispielsweise, ist, vorsichtig gesagt, eher größer geworden.

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Locals walk over for their very first time Stari most during the opening in Mostar, Bosnia-Herzegovina.

In dem verklärten Begriff Kultur steckt ein gehörige Portion Ambivalenz. Der Aufklärung galt sie noch als Regression, als unliebsames Synonym für Heimat, Tradition und Hierarchie. Kultur schrieb der Bourgeois auf die Fahnen seines Kampfes gegen die Zivilisation. Dagegen setzte die Aufklärung das ortlose Universalbürgertum. Mit dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts tritt dann noch die anthropologische Bedeutung von Kultur als einzigartiger Lebensweise auf den Plan. Seitdem gilt der Slogan: Kultur, das sind die anderen!

Seltsames Paradox: Den Kolonialismus haben wir einigermaßen überwunden. Die Angst vor dem Anderen aber nicht. In ganz Europa herrscht derzeit die Angst vor der kulturellen Überfremdung. Längst ist Kultur zum Signum einer europaweiten Identitätspolitik geworden. Vom holländischen Rechtspopulisten Geert Wilders bis zum Schweizer Zuwanderungs-Referendum – überall wird Differenz statt Verbrüderung markiert. Mit jedem Boot afrikanischer Flüchtlinge, das vor Lampedusa kentert, bröckelt ein Stück von der Kulturbrücke, als die sich der alte Kontinent gern selbst versteht. Und mit dem Zwitter namens Ukraine implodiert gerade ein kultureller Brückenkopf zwischen Ost- und Westeuropa. Ein weiterer Beleg für den Befund von Konfliktforschern, dass seit Mitte der 1980er Jahre die Zahl der kulturellen Konflikte die Summe der nichtkulturellen Konflikte weltweit übersteigt – vor allem innerhalb von Staaten. Im ehemaligen Jugoslawien, im südlichen Kaukasus oder auf Sri Lanka wurde in den letzten Jahren um Religion, Geschichte oder Herkunft gekämpft.

Rilkes Kriegs-Gott

Von Jean Monnet, dem Mitbegründer der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Vorgängerin unserer EU, wird gern der Satz zitiert: „Wenn ich nochmals mit dem Aufbau Europas beginnen könnte, dann würde ich mit der Kultur anfangen.” Doch Kultur ist kein Selbstläufer der zivilisatorischen Befriedung. Sie kann zum Herold des Krieges werden. Wie im August 1914, als Rainer Maria Rilke in seinen „Fünf Gesänge“ dem Gott des Krieges und der Schlacht huldigte. Kultur kann zur Komplizin einer teuflischen Politik werden. Wie man an dem Lyriker, Psychotherapeuten und Kriegsverbrecher Radovan Karadžić sehen kann. Was nicht heißt, dass es unmöglich wäre, sie als Brücke einzusetzen.

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Conchita Wurst

Wie man an der drei kurze Minuten langen Performance eines bezaubernden Zwitterwesens namens Conchita Wurst sehen konnte. Nicht mit dem ausgeleiterten Klischee vom Phönix, der aus der Asche steigt, wurde sie für einen historischen Lidschlag zur europäischen Brückenbauerin. Sondern wie sie in dem Kulturkampf um Geschlechteridentitäten eine Brücke von der phallischen zur ironischen Männlichkeit legte: Eine gezielte, lustvolle Provokation, die Kultur als den produktiven Konflikt zeigte, der sie sein sollte. Den man dann aber auch aushalten muss.

Marine Le Pen dürfte dieses Beispiel freilich eher bestärken, die christliche Zivilisation mit einer Achse Paris-Berlin-Moskau zu retten. Das hatte die rechtspopulistische Chefin des französischen Front National kurz vor der Europawahl gefordert. Da würde Kultur dann zu einer Brücke, die man lieber nicht betreten möchte. Wer unbedingt eine bauen will, sollte sich also vorher gut überlegen, wohin sie eigentlich führen soll.

Ingo Arend

 

Bilder:

 

oben: Locals walk over for their very first time Stari most during the opening in Mostar, Bosnia-Herzegovina. The “Old Bridge”, or Stari most, which is the towns symbol, was destroyed during the Balkan war in 1993. It was officially reopened for the public on July 23, 2004 after several years of reconstruction. (U.S. Air Force photo by Staff Sgt. Samuel Bendet, 574-2144)

unten: Conchita Wurst, CC BY-SA 3.0 SA Ailura

 

 

 

 

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