La Mala Educación – Schlechte Erziehung (Pedro Almodóvar)

Was ist Erinnerung, was ist Traum?

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Was ist das Spiel der Inszenierung und was ist der Schmerz der wirklichen Gefühle? Was ist Leben, was ist Kino? In den Filmen von Pedro Almodóvar gibt es darauf keine eindeutigen Antworten. Es gibt nur die Bewegung der Bilder, und hinter jedem Bild werden andere Bilder sichtbar; es gibt nur das Geschichten-Erzählen, und hinter jeder Geschichte treten andere Geschichten hervor. Das macht seine Filme so faszinierend; sie nehmen uns auf eine Reise nach innen mit, eine Tür nach der anderen öffnet sich, aber in jedem Raum tun sich wieder neue Fragen auf. Und je näher man einem Menschen kommt, desto größer wird die Diskrepanz zwischen den verschiedenen Rollen, die er angenommen hat, zwischen Mann und Frau, zwischen Show und Enthüllung. Früher war das schrill und provokativ, in Almodovars jüngsten Filmen wird es mehr und mehr einfühlsam und zärtlich. Früher konnten die Farben nicht bunt genug sein, jetzt herrschen dunkle Töne vor. La Mala Educatión ist ein Film, der die fundamentalen Dinge des Lebens berührt, das Schuldig-Werden und die Sühne, das sexuelle Begehren und die Freundschaft, die Lust und die Angst.

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Kernstück von La Mala Educatión ist die Erinnerung an die ersten Schritte zweier Freunde ins Leben: Ignacio und Enrique wachsen in den sechziger Jahren in einer christlichen Schule des Franco-Regimes auf. Pater Manolo, der Schulleiter und Literatur-Lehrer ist Zeuge und zugleich Teilhaber des Prozesses eines intellektuellen wie eines sexuellen Erwachsens, und zugleich ist er der Schatten, der das Leben der beiden verfolgen wird, noch über den Tod hinaus.

Enrique ist mittlerweile zum erfolgreichen Regisseur geworden. Die Geschichten, die ihn faszinieren, kommen direkt aus den Grotesken des Alltags wie die Geschichte der Frau, die in ein Gehege mit Krokodilen sprang, um eines davon zu umarmen und dann von ihm aufgefressen zu werden – keinen Laut hat die Frau dabei von sich gegeben, so heißt es. Eine andere Geschichte, die ihm als Material für einen Film unterkommt: Ein Mann erleidet während einer Motorradfahrt einen Herzinfarkt; danach rast das Motorrad mit dem Toten noch kilometerweit fort. Da denkt Enrique noch nicht darüber nach, wie sehr diese Geschichten Metaphern des eigenen Lebens sind. Das ist Almodovars Kunst: So bizarr diese kleinen Horror-Grotesken sind, so genau funktionieren sie auch als Abbilder menschlicher Situationen. Wie autobiografisch der Film ist, bleibt offen. Immerhin: Pedro Almodovar ist in der Tat in einem katholischen Internat erzogen worden, und er ist in der Tat einer der bedeutendsten Künstler der homosexuellen Subkultur in der „Movida“ der achtziger Jahre in Madrid geworden, in deren Aufregung der Film nun führt:

Eines Tages, zu Beginn der achtziger Jahre, erhält Enrique überraschend Besuch von seinem Freund Ignacio; er ist Schauspieler und nennt sich nun Angel. Oder ist Angel ein Schauspieler, der behauptet, jener Ignacio zu sein, der für Enrique die erste Liebe seines Lebens war? Es ist die Zeit der Movida, Aufbruchsstimmung, ein großes Fest der Befreiung nach den langen Jahren der Franco-Diktatur, und Enrique ist begierig danach, das Leben in Kunst zu verwandeln. Oder möchte er aus der Kunst ein Leben gewinnen, das in der Dunkelheit der Vergangenheit begraben liegt? Die beiden erinnern sich an ihre gemeinsame Zeit als Schüler in der Klosterschule. Angel hat seine Erinnerungen an diese Zeit aufgeschrieben, und für Enrique ist klar, dass daraus sein nächster Film wird. Er heißt „Der Besuch“ (und wer dabei an ein Stück von Friedrich Dürrenmatt denkt, hat einen weiteren Schlüssel zur verschachtelten Erzählung von La Mala Educatión in der Hand), und Angel will darin eine Rolle spielen. Dann beginnt die schwere Arbeit von Recherche und Erinnerung, alte Wunden brechen auf, schließlich kommt man nicht um das schreckliche Ereignis herum: Der Weg ins Leben von Ignacio und Enrique ist gezeichnet vom sexuellen Missbrauch durch Pater Manolo, und diese wahrhaft dunkle Erfahrung bestimmt noch ihr Schicksal, nachdem sie la_mala_education_poster1701 längst andere Rollen, neue Lebensformen gefunden haben. Erinnerung, Phantasie und Traum verweben sich ineinander, Zitate und Anspielungen wechseln mit Augenblicken größter menschlicher Nähe.

La Mala Educatión ist nicht zuletzt eine Hommage an den film noir. Aber worum es vor allem geht, das ist ein Schrecken der Vergangenheit, der auch in den Aufbrüchen der Freiheit nicht verschwindet, so wie auch hinter der perfektesten Maske der Mensch nie verschwindet. Das kann man in Bezug auf sexuelle Gewalt ebenso wie auf Politik sehen. Bei alledem ist Pedro Almodóvars Film kein bisschen „schwierig“, man lebt ihn einfach mit. Schwierig ist höchstens, Worte zu finden für die sehr eigene Schönheit der Filme von Pedro Almodóvar.

Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in FILMSPIEGEL 03/ 2005

Bild: Tobis

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