Hier spricht Edgar Wallace

Schund und Sühne

DVD-Comeback für die Filme nach den Büchern des Krimiautors

Damals, in den sechziger Jahren, als Hollywood gerade in der Krise steckte, gelang der bundesdeutschen Filmindustrie ein Geniestreich: Eine Serie von Filmen nach Büchern des englischen Schriftstellers Edgar Wallace. Das war ein Autor, der sich äußerst ungern mit kriminalistischer Logik oder realistischer Milieu-Zeichnung aufhielt und stattdessen lieber wild drauflos phantasierte. Seine Bücher sind schnell und schlampig geschrieben (der Kerl lief stets seinen Wettschulden hinterher); kein literarischer Trick ist ihm zu abgeschmackt. Er klaut hemmungslos bei anderen Autoren von Kriminal- oder auch Horrorgeschichten. Und tief im Inneren seines umfänglichen Werkes lauert die unfreiwillige Selbstdarstellung eines reichlich angeknacksten Charakters. Aber dennoch – oder vielleicht gerade deswegen: Edgar Wallace-Romane haben etwas. Vielleicht ist es, entgegen dem Werbespruch auf den knallig-roten Taschenbüchern, durchaus möglich, von ihnen nicht „gefesselt“ zu werden. Aber amüsieren kann man sich in diesem Schund- und Sühne-Kosmos prächtig.
Edgar Wallace-Filme gab es schon in den zwanziger Jahren in den USA und ein Jahrzehnt später auch eine Serie in England. Zwischen 1959 und 1964 entstand wiederum in England eine Serie von B-Movies nach Wallace-Stoffen, zur gleichen Zeit begann man in Deutschland mit der Produktion von Wallace-Filmen. Natürlich waren die deutschen Wallace-Filme englischer als die englischen, die eher in der Form späterer TV-Serien funktionieren und kaum etwas Gruseliges haben. Außerdem so gut wie keinen Nebel. Die deutsche Serie begann mit Harald Reinls „Der Frosch mit der Maske“, und in den folgenden Jahren wurden bei der Produktionsfirma Rialto nicht weniger als 32 „echte“ Edgar Wallace-Filme hergestellt und zwar in einer solchen Geschwindigkeit, dass es fünf Jahre gelang, immer dann den nächsten Edgar Wallace-Film in die Kinos zu bringen, wenn der vorherige gerade verschwand. Andere Produktionsfirmen versuchten sich an den Erfolg anzuhängen, denen später aber per Gericht verboten wurde, Merkmale der Rialto-Serie zu verwenden. Bis 1966 waren alle Wallace-Filme in schwarz/weiß, dann begann mit verhängnisvollen Experimenten mit Farbe, mit Breitwand, mit mehr Sex und mehr „Realismus“, und mit internationalen Coproduktionen der Niedergang. Im Jahr 1968 war der echte deutsche Edgar Wallace-Film im trüben Strom der Euro-Trashfilme verschwunden.
Am Anfang der echten Filme der Serie meldete sich eine Stimme aus dem Jenseits: „Hier spricht Edgar Wallace“. Dann aber ging eine Schießerei auf die Leinwand los, und das konnte wohl nur bedeuten, dass der arme Autor der literarischen Vorlagen erschossen worden war. (Das erklärt immerhin, dass er sich später im Verlauf der Handlung nicht mehr meldet: Über das „Hier spricht Edgar Wallace“ ist er nie hinausgekommen.) Oder aber es verhielt sich gerade umgekehrt, der Autor selber schoss aus dem Himmel, den man zweifelsohne für phantasiebegabte Autoren mehr oder weniger verrückter Kriminalromane eingerichtet hat, auf die Leinwand, auf der sein Werk noch verrückter erschien als zwischen Buchdeckeln.
Aber ins Kino ging man damals ja gerade, um etwas Verrücktes zu sehen – und Filme, von denen die Werbeleute stolz verkündeten, so etwas würde man nie im deutschen Fernsehen zu sehen bekommen. Ach, wenn die Edgar Wallace-Filmer geahnt hätten, was man eines Tages alles im deutschen Fernsehen sehen würde… Damals jedenfalls, in der Zeit, in der die Beatles und die Rolling Stones schon mal die Vorstellungen von Sex und Musik umkrempelten, aber auch Winnetou und Old Shatterhand die Pferde sattelten, bevor sie von Leuten mit seltsamen Namen wie Fremder, Django oder Nobody vertrieben wurden, waren Edgar Wallace-Filme das schärfste und modernste, was das deutsche Mainstream-Kino zu bieten hatte. Heute ist der Reiz natürlich eher nostalgisch. Ein paar von diesen Filmen freilich sind auch ganz einfach richtig gut, solides Handwerk, ehrliche Ware, und vielen von ihnen sieht man an, dass die Beteiligten dabei ihren Spaß hatten.
Die echten Wallace-Filme also sind schwarz/weiß und müssen folgende Zutaten aufweisen: Eine junge Frau (vielleicht auch ein paar davon), Karin Baal, Elke Sommer, Corny Collins, Brigitte Grothum, um nur ein paar zu nennen. Einerseits werden sie aus zunächst unerfindlichen Gründen von allerlei Schurken und Verrückten verfolgt, andrerseits stecken sie ihre Nase auch entgegen aller Warnungen immer in irgendwelche Geheimnisse und Verstecke. Mindestens einmal müssen sie in einem Nachthemd über dunkle Flure irren und beinahe zu Tode erschreckt werden. Dann gib es einen jungen Inspektor von Scotland Yard, der aussieht wie Hansjörg Felmy, Heinz Drache, Joachim Fuchsberger oder Klausjürgen Wussow, und der irgendwie immer schon alles weiß und daher im rechten Augenblick am rechten Ort erscheinen kann. Das ist ein echter Schwiegermutter-Typ, ein Beamter eben, mit Pensionsberechtigung und guten Manieren. Aber nach all dem, was die Heldinnen in diesen Filmen durchgemacht haben, finden sie wohl nichts dabei, einen von diesen Langweilern mit dem Lederflecken auf dem Jackett-Ärmel zu heiraten. Es gibt irgend einen Herrschaftssitz, in dem ein spukhaftes Wesen umgeht, ein Kerl wie Ady Berber, oder ein grüner Bogenschütze, oder Frösche mit Masken, oder unheimliche Mönche oder verrückte Ärzte. Dann gibt es auch Gangster und reichlich zwielichtige Kneipen mit Falltüren und Hinterzimmern und mit Frauen, die ganz schön verdorben ausschauen und rauchen und Whiskey trinken. Eine Erbschaft, ein Familienschatz, eine dunkle Vergangenheit: Familien sind jedenfalls definitiv mörderischer als Gangster. In vielen Edgar Wallace-Filmen gibt es auch Klaus Kinski. Er ist aber nicht der Oberschurke, oft führt er uns vor allem auf eine falsche Fährte. Kinski ist immer unverwechselbar Kinski, aber in jedem Edgar Wallace-Film ist er doch wieder ein ganz und gar anderer Charakter. Ganz im Gegensatz zu den zwei anderen unverzichtbaren Darstellern: Eddi Arent ist immer der Komische, mal ein Reporter, mal ein Butler, mal ein Kollege des Helden. Siegfried Schürenberg ist der ebenso vertrottelte wie eitle Vorgesetzte des Helden bei Scotland Yard. Von jeder Regel im Wallace-Genre gibt es mindestens einmal eine Ausnahme. Das ist überhaupt, neben der gruseligen Stimmung und den Stars, das dritte Geheimnis des Erfolgs: Das Schema der Handlung und die Charakterisierung der handelnden Figuren sind einfach und werden immer wiederholt: Aber immer wieder wird der eine oder andere Trick gefunden, wie man doch noch zu einer überraschenden Wendung gelangt.
Die eine Hälfte der Wallace-Filme spielt in „London“. Das heißt, es gibt eine Aufnahme von der London Bridge, dem Tower, Scotland Yard, es gibt einen „Bobby“, Regenschirme, Butler und Nebel. Viel Nebel. Später wurde ein Wallace-Film einmal sogar wirklich in London gedreht, aber das war eine Enttäuschung. Das Studio-London der deutschen Wallace-Filme war allemal das londonerischste. Die andere Hälfte spielte in Landhäusern, die so ähnlich hießen wie Shelford Manor. Dort gibt es auch Sümpfe, Alleen, Parks, in denen unentwegt Käuzchen schreien und Hunde bellen. Und noch mehr Nebel. Grüfte, unterirdische Gänge, Geheimtüren und Fallen gibt es jedenfalls immer.
Das Hinterlassen einer Leiche in einem Edgar Wallace-Film ist eine schöne Kunst. Und zur Kunst gehört auch die Wahl eines Mordwerkzeugs; nur uninteressante Menschen kommen in Wallace-Filmen durch so etwas uninteressantes wie einen Schuss aus einer Handfeuerwaffe ums Leben. (Nicht dass ansonsten von solchen wenig Gebrauch gemacht worden wäre.) Man stirbt durch Pfeilschüsse, Gift, Peitschenschläge, Harpunen usw.
Das letzte Erfolgsgeheimnis der deutschen Wallace-Filme sind die Schauspieler, die neben den Hauptdarstellern agieren. Die größten deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler wirken in diesen trivialen Filmen mit, und sie spielen in ihren Nebenrollen so als ginge es um Shakespeare, Schiller oder Arthur Miller. Sie machen sich über ihr eigenes Image lustig, sie versehen ihre Figuren mit abgründigen Charakterzügen, sie geben ihren jüngeren Kollegen vor laufender Kamera Schauspielunterricht: Fritz Rasp, Werner Peters, Gert Fröbe, Dieter Borsche, Agnes Windeck, Marianne Hoppe, Hans Nielsen, Richard Münch, Margot Trooger, Walter Rilla… Selbst wenn man den ganzen Grusel- und Rätselunfug der Edgar Wallace-Filme beiseite lässt: Schon wegen der Schauspieler sind sie Kult, wenn jemals etwas hierzulande Kult war.

Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in filmspiegel 03/ 2005

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