Kritik und Verausgabung

Kein Frieden mit der Fantasielosigkeit: Der Porträtfilm „Zizek!“ von Astra Taylor macht mit dem Denken des Kulturtheoretikers Slavoj Zizek vertraut.

Dokumentarfilme über Philosophen sind immer so eine Sache. Gerne quälen sie den Zuschauer mit dem endlosen Gerede des Protagonisten und führen dabei unfreiwillig vor Augen, dass Theorie nun mal zum Lesen oder Zuhören gedacht ist, nicht zum Angucken. Natürlich gibt es Ausnahmen, die die Regeln bestätigen. „ABC“ über Gilles Deleuze etwa, in dem dieser in alphabetischer Reihenfolge die von ihm geprägten Begriffe luzide und konzentriert erklärt. Und auch „Zizek!“, die Dokumentation über den Kulturtheoretiker Slavoj Zizek, funktioniert als Annährung an seine Arbeit und an seine Person.

Zizek ist seit über zehn Jahren der Rockstar im Feld der Theorie. Ob in Argentinien, den USA oder in Deutschland, überall füllt er Hörsäle. Als die Rampensau, die er ist, hat er sein Publikum fest im Griff. Über seine Thesen mag man streiten, sein Unterhaltungswert und sein knapp 20 Jahre andauerndes unnachgiebiges Engagement für ein linkes Denken aber sind ein Faktum, das man nach „Zizek!“ sicher nicht mehr infrage stellen wird.

Erfreulich ist zudem, dass die 1978 geborene Regisseurin Astra Taylor mit dem Genre Philosophendoku spielt. Die obligate Einstellung auf den denkenden Menschen bleibt uns erspart: Kein einziges Mal sitzt Zizek vor seiner Bücherwand. Stattdessen erleben wir ihn beim Laufen, in Restaurants oder auf einem Sofa, etwa wenn er eine TV-Sendung kommentiert, in der der französische Freud-Schüler Jacques Lacan in den 60er-Jahren seine Thesen erläutert. Lacans Texte bilden wichtige Referenzpunkte für Zizek; trotzdem reagiert er ungeduldig auf Lacans Distinktionsgehabe – die enstprechenden Szenen zählen zu den erhellendsten Passagen des Films. Wenn Zizek erklärt, wie wichtig es ihm ist, Lacans Geschwurbel in eine klar verständliche Sprache zu übersetzen, dann begreift man seine häufig so hemdsärmelig daherkommenden Thesen als Teil eines Programms. Nämlich zu analysieren, wie eine kapitalistisch organisierte Ökonomie die öffentliche Vorstellungskraft manipuliert, also wie Alltag unter dem Vorzeichen der Mehrwertschöpfung funktioniert, indem er nichts weniger als die Fantasien der Bürger in den Dienst nimmt. Hierfür verwendet Zizek eine möglichst niedrigschwellige, manchmal auch die Welt grob trivialisierende Sprache. Jeder professorale Gestus ist ihm fremd.

Dass nach dem Kollaps des „Ostblocks“ Alternativen zum Run auf den Mehrwert als nicht mehr diskussionswürdig gelten und es den meisten einfacher scheint, das Ende der Welt zu imaginieren, als die vergleichsweise moderate Aufgabe anzugehen, sich ein ökonomisches System als revolutionierbar vorzustellen – mit dieser Fantasielosigkeit will Zizek keinen Frieden schließen. Entsprechend wütend macht ihn die Verdrängung einer Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft zugunsten einer globalen Esoterik. Eine glaubwürdige Wut übrigens, die immer wieder neu einen Raum für Kritik und Gestaltung eröffnet. Diese Idee von Gestaltungsfreiheit dem begrenzten Erfahrungshorizont des Konsumenten entgegenzusetzen, dafür mobilisiert Zizek in großer Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst sein gesamtes Temperament. Manche Vorlesungsräume verlässt er komplett durchnässt vom eigenen Schweiß.

Ein anderes Mal erklärt Zizek, während er im Bett liegt und der Kamera seine haarige Brust bei zurückgeschlagenem Deckbett präsentiert, was Philosophie im Kern ausmacht. Philosophieren nämlich bedeute nicht, große, „blöde“, metaphysische Fragen zu stellen, etwa ob es Gott oder die Wahrheit gibt oder nicht, sondern zu fragen: Was sagen wir eigentlich, wenn wir von Wahrheit reden? „Philosophie ist eine bescheidene Sache“, setzt er hinzu.

Seine Kritik am Kapitalismus hängt er deshalb an Alltagsgegenständen auf: etwa an fettfreier Schokolade, entkoffeiniertem Kaffee oder virtuellem Sex. Ein Produkt feilzubieten, so Zizek, dass Vergnügen verspricht und gleichzeitig jede Übertretung der Diät, also des Schönheits-, Gesundheits- oder Keuschheitsgebots nivelliert, offenbart das Wesen des Warenfetischismus, so wie Marx ihn definiert hat: Dieser nämlich verbietet ein unproduktives Genießen und legt stattdessen nahe, tote Dinge libidinös zu besetzen, um den erfahrenen Mangel zu kompensieren. Daher kann ein Genießen, das zu nichts anderem führt als zum Genuss, das also ausschließlich dem Jetzt-Freude-Haben dient, ein subversiver, folglich politischer Akt sein: Die „jouissance“ hebelt das Diktum vom effizienten, also marktorientierten Spaß-Haben schlicht aus.

Das Gute an Taylors Dokumentation ist, dass sie Zizek ernst nimmt, aber auch zeigt, wie höllenanstrengend dieser ausschließlich im Modus des Monologs kommunizierende Mann ist. „Zizek!“ bietet tatsächlich ein Porträt und huldigt keinem Personenkult. Am Ende liegt der Philosoph platt und mit geschlossenen Augen auf dem Fußboden. Vielleicht ist er ebenso erschlagen von seinen Wortkaskaden wie der Zuschauer. Aber das ist o.k. Kritik ist ohne ein bisschen Anstrengung nun mal nicht zu haben. Und schön ist auch, dass eine bei Philosophen so selten anzutreffende Selbstironie bei Zizeks offensichtlich fest zum Repertoire gehört.

Text: Ines Kappert

zuerst erschienen in taz (28.06.2007)

Bilder: RealFiction

Share