20 Hauptwerke der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts

2005 wurde die Reihe „Türkische Bibliothek“ gegründet, um den Kulturaustausch von Ost nach West zu forcieren. Sie präsentiert Meilensteine der türkischen Literatur von 1900 an bis in die unmittelbare Gegenwart. 15 Romane, zwei Anthologien mit Kurzgeschichten, ein Lyrikband und zwei Essaysammlungen beinhaltet die „Türkische Bibliothek“. Das Schwergewicht liegt auf Werken, die trotz ihrer Bedeutung der deutschsprachigen Leserschaft noch nie zugänglich gemacht wurden.

Ein Resümee

„Einen Verlag gründen, in dem lauter Bücher herauskommen, die man unbedingt lesen muss! So wie Robinson Crusoe!“ Refik Isikci weiß endlich, was er will. Der Sohn eines Istanbuler Elektrohändlers will nicht mehr in die Firma zurück, die sein Vater aufgebaut hat. In Orhan Pamuks eben auf Deutsch erschienenem Debüt-Roman „Cevdet und seine Söhne“ aus dem Jahr 1982 ringt der junge Mann darum, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Vielleicht hat er in der mehrmonatigen Auszeit von Ehe und Beruf, die er sich gegönnt hat, auch nur zu viel Hölderlin und Rousseau gelesen. Jedenfalls verzweifelt er an der philosophischen Trägheit seiner Heimat und findet seine Berufung in der Vermittlung von Literatur.

Bisher sollte das Licht der Aufklärung meist von West nach Ost leuchten: Am europäischen Wesen soll der Orient genesen. Insofern ist es eine markante Umkehrung dieser Bewegungsrichtung, wenn sich ein Verlag daran macht, einmal in genau die andere Richtung zu laufen. Die Türkische Bibliothek ist so ein Fall. Denn die 2005 im Züricher Unionsverlag gegründete Reihe mit Hauptwerken der türkischen Literatur im 20. Jahrhundert will die Deutschen mit einer Kultur vertraut machen, mit der sie nicht nur im eigenen Lande fremdeln. Angesichts von gut dreieinhalb Millionen Türken, die in Deutschland leben, war diese Bibliothek ein überfälliges Projekt. Mit 15 Romanen, zwei Anthologien mit Kurzgeschichten, einem Lyrikband und zwei Essaysammlungen liegt ein einzigartiger Fundus der türkischen Kunst vom Beginn des 20. Jahrhunderts vor, wie es ihn noch nie in Deutschland gab.

Die eigentliche Pionierleistung der Türkischen Bibliothek besteht darin, dass sie im deutschen Literaturbetrieb ein paar mehr Namen als die von Yasar Kemal, Nazim Hikmet und Orhan Pamuk ins Spiel gebracht hat. Denn auf diese Namen war die türkische Literatur hierzulande lange reduziert. Plötzlich wurden ihre Vielfalt und Polyphonie sichtbar. Mit dem Erzählungsband „Palast des Ostens“ spielte die Bibliothek den Eisbrecher für den in der Türkei geradezu kultisch verehrten Murathan Mungan. Mungan konnte anschließend zwei Bücher in deutschen Verlagen veröffentlichen. Ebenfalls zum Durchbruch verhalf die Türkische Bibliothek dem in der Türkei äußerst populären Ahmet Ümit mit seinem Kriminalroman „Nacht und Nebel“. Ein Buch über die türkische Geheimpolizei, das in der Tradition des kritischen Gesellschaftsromans steht und diese neu belebt. Und ohne die Türkische Bibliothek wäre auch ein junger politischer Autor wie Murat Uyurkulak nur ein Name für Eingeweihte geblieben. Der 1972 geborene Autor und Journalist, dessen 2002 in der Türkei erschienener Roman „Zorn“ in die Bibliothek aufgenommen wurde, gleicht in seinem Bemühen, die Geschichte der Linken in seinem Land literarisch freizulegen, einem Autor wie dem Berliner Schriftsteller Ulrich Peltzer.

Auch eingefleischte Liebhaber der Türkischen Bibliothek dürften kaum alle der zwanzig Bände gelesen haben, die die Herausgeber Jens-Peter Laut und Erika Glassen, Professoren für Turkologie in Göttingen und Freiburg, zusammengestellt haben Dabei finden sich Perlen wie Halid Ziya Usakligils Roman „Verbotene Lieben“ darunter. Das Werk aus dem Jahr 1900 widerlegt ein gängiges Vorurteil zur türkischen Literatur. In einem Aufsatz hatte Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk vor ein paar Jahren das Gift des „oberflächlichen Realismus“ gegeißelt, das die türkische Literatur vergifte. Das Seelendrama des jugendlichen Helden Belühl, das Usakligil da auf knapp 500 Seiten beschreibt, ist mit seiner komplexen Syntax ein Musterbeispiel der raffinierten Hochsprache am Ende des osmanischen Reiches. Mehmduh Sevket Esendals 1934 erschienener Roman „Die Mieter des Herrn A.“ passt noch am ehesten in das inkriminierte Realismus-Raster. Ist aber zugleich ein Beispiel für die Pionierarbeit der modernen türkischen Autoren, wenige Jahre nach der rigorosen Sprachreform des Jahres 1928, die alle Anklänge an das Arabische tilgte.

Die Türkische Bibliothek war und ist ein wichtiger Versuch der ästhetischen Integration. Freilich war sie nicht der erste Versuch, Deutschland davon zu überzeugen, dass die türkische Kultur nicht nur aus klebrigem Baklava und nationalistischer Politprosa besteht. Doch Yüzel Pazarkayas Essayband „Rosen im Frost“, ein Überblick türkischer Kultur und Literatur aus dem Jahr 1985, blieb genauso folgenlos wie der Lyrikband „Fremdartig“ von Orhan Veni Kanik, der 1986 kurz auf der Bestenliste des Südwestfunks stand. Doch wie viel weiter wäre man in der Überwindung von Fremdheit zwischen Orient und Okzident, wenn ein Roman wie „Der Mathematiker“ von Oguz Atay bekannter wäre? Das schon 1975 erschienene Kultbuch der türkischen Intellektuellen, einer der ersten Bände der Türkischen Bibliothek, zeigt, wie der Wissenschaftler Mustafa Inan westliche Rationalität à la Einstein und islamische Mystik à la Rumi zu einer attraktiven Ost-West-Geistesfusion vereinen kann.

War es der Anschein des schwergewichtigen Kanons? Oder die etwas betuliche Aufmachung? Die 30.000 Bücher, die von der Türkischen Bibliothek in Deutschland verkauft wurden, bedeuten sicher nicht den kulturellen Durchbruch, den sich Herausgeber, Verlag und die Stuttgarter Robert-Bosch-Stiftung, die das Projekt finanzierte, versprochen hatten. Zwar erregte die Türkei als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2008 ein größeres Medien- und Publikumsinteresse als vergleichbare Länderschwerpunkte in den Jahren zuvor. Aber weder integrierte die hiesige Literaturwissenschaft eine terra incognita in ihren Diskurs, noch schwemmte eine Rezensionswelle die Bibliothek in eine breitere Öffentlichkeit. Dass eine junge, vielversprechende Autorin wie Sema Kaygusuz 2010 Stipendiatin des renommierten DAAD-Austauschprogramms in Berlin wurde, ließe sich als eine indirekte Folgewirkung der Türkischen Bibliothek werten. Doch von einem „Kulturkatalysator“ zu sprechen, wie es der Verleger des Unionsverlages, Lucien Leitess Ende 2009 tat, wäre wohl doch ein Euphemismus.

Fragt man die Herausgeberin Erika Glassen, räumt sie ein, dass die seltsame Wahrnehmungsblockade der türkischen Kultur gegenüber hierzulande durch die Bibliothek nicht durchbrochen werden konnte. Das gilt nicht nur für notorische Ignoranten wie den Bestseller-Autor Thilo Sarrazin und seine Fans. Auch Journalisten und Intellektuelle könnten, meint Glassen sichtlich enttäuscht, aus der Türkischen Bibliothek lernen, dass es eine türkische Hochkultur gibt, die sich mit der deutschen messen kann. Eine Kultur, die den osmanischen Kosmopolitismus als multikulturelle Alternative zu dem bornierten Nationalismus ihrer Heimat entdeckt hat – wie der Essay „Ich, wir, die anderen“ des kritischen Istanbuler Soziologen Murat Belge in dem 600 Seiten dicken Zeitzeugenband „Hundert Jahre Türkei“ belegt, der die Bibliothek Ende letzten Jahres beschloss. Insofern scheint die Schlussfolgerung berechtigt, dass es – trotz des ambitionierten Projekts – in erster Linie immer noch die Türken selbst sind, die sich für die Vermittlung und das Lesen ihrer Literatur in Deutschland interessieren.

Gerade deshalb käme es darauf an, das einmalige Material nicht nur im Schmuckschuber in den Bücherschrank zu stellen, sondern über neue Wege nachzudenken, es an den Mann und an die Frau zu bringen. Schon im Herbst 2009 hatte der SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi davor gewarnt, zu glauben, mit ein paar Büchern sei es in der deutsch-türkischen Kulturvermittlung getan. Im September 2009 hatte er in einer viel beachteten Rede dazu aufgefordert, in Köln eine deutsch-türkische Bibliothek zu bauen, um ein – wie er sagte – „besseres gegenseitiges kulturelles und historisches Verständnis von Türken und Deutschen“ zu erreichen. Noch ist sie nicht gebaut. Aber die Türkische Bibliothek aus Zürich, deren Aufgabe nicht beendet ist, nur weil sie jetzt abgeschlossen wurde, könnte in der Kölner Bibliothek ihre volle Entfaltung finden.

Text: Ingo Arend

Hundert Jahre Türkei. Zeitzeugen erzählen. Herausgegeben von Hülya Adak und Erika Glassen. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe, Antje Bauer, Monika Carbe, Eric Czotscher, Monika Demirel, Erika Glassen, Gerhard Meier, Johannes Neuner, Wolfgang Riemann, Ebru Wittrek. Unionsverlag, Zürich 2010, 605 S., 24,90 E

Memduh Sevket Esendal: Die Mieter des Herrn A. Roman. Aus dem Türkischen von Carl Koss. Unionsverlag, Zürich 2009, 298 S., 19,90 E

Murat Uyurkulak: Zorn. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Unionsverlag, Zürich 2009, 352 S., 19,90 E

Oguz Atay: Der Mathematiker. Roman. Aus dem Türkischen von Monika Carbe. Nachwort von Gürsel Aytac. Unionsverlag, Zürich 2008, 351 S., 19,90 E

Ahmed Ümit: Nacht und Nebel. Roman. Aus dem Türkischen von Wolfgang Scharlipp. Unionsverlag, Zürich 2008, 368 S., 9,90 E

Murathan Mungan: Palast des Ostens. Erzählungen. Aus dem Türkischen von Birgit Linde und Alex Bischof. Unionsverlag, Zürich 2008, 256 S., 9,90 E

Halid Ziya Usakligil: Verbotene Lieben. Roman. Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann. Unionsverlag Zürich 2007, 474 S., 22,90 E

Sema Kaygusuz: Wein und Gold. Roman. Aus dem Türkischen von Barbara und Hüseyin Yurtdas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 387 S., 24, 80 E

Orhan Veli Kanik: Fremdartig – Garip. Gedichte. Vollständig überarbeitete Neuauflage. Aus dem Türkischen von Yüksel Pazarkaya. Dagyeli, Berlin 2006, 256 S., 19,80 E


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