Zwischen allen Schichten
Décomposition: Werner Hofmanns brillante Studie über Gustave Courbets kolossales Schlüsselbild „Das Atelier“

Parteigänger der Entrechteten? Oder Träumer der Geschichte? Bei einer der letzten Debatten im deutschen Feuilleton flogen die Fetzen. Die „Entschärfung seines Projekts“ monierte die Frankfurter Kunstprofessorin Isabelle Graw, Herausgeberin der kritischen Zeitschrift „Texte zur Kunst“, nachdem sie die Ausstellung „Courbet – Ein Traum der Moderne“ in der Frankfurter Schirn Ende vergangenen Jahres gesehen hatte. „Versenkung als Potenzial“ verteidigte Klaus Herding, der Kurator der Retrospektive, seine surreale Deutung eines großen Künstlers. Es war schon aufschlussreich, dass sich die progressive Ästhetik des 21. Jahrhunderts an einem über hundert Jahre Toten aufrieb. Am 31.12. 1877, sechs Jahre nach der Niederwerfung der Pariser Commune, deren Kunstkommissar er gewesen war, starb Gustave Courbet im Schweizer Exil, nur 58 Jahre alt. Bis heute ist er ein Übervater der linken Ästhetik geblieben.

In die ideologische Front, die sich in Frankfurt abgezeichnet hatte, schlägt nun Werner Hofmann, ohne es sich explizit vorgenommen zu haben, die Schneise eines Dritten Weges. Der 1928 geborene Kunsthistoriker, von 1969 bis 1990 Direktor der Hamburger Kunsthalle, erinnert nämlich in einer kleinen, aber brillanten Studie von gerade einmal 126 Seiten über „Das Atelier“, ein 1855 geschaffenes Schlüsselbild des Malers, an Courbets Selbstcharakterisierung von der „allégorie réelle“. Und findet in Charles Baudelaires Begriff von der „idée hétéroclite“, der „unheitlichen Idee“, eine theoretische Referenz, die das zu Lebzeiten Courbets heftig umstrittene Bild besser erklärt als der „grobschlächtige“ Realismus, für den ihn Isabelle Graw reklamiert. Auch wenn Courbet seine Bilder regelrecht „spachtelte“. Denn die Dreiergruppe aus halbnackter Frau und Kind, die darauf neben dem Künstler selbst vor der Leinwand steht, hebt sich markant von den leblosen Gestalten im Halbdämmer links und rechts davon ab. Und auch die Juralandschaft auf der Leinwand leuchtet so symbolisch, dass die „inneren Bedeutsamkeit“, die Hofmann dem Bild im Sinne Arthur Schopenhauers unterschiebt, mehr als offensichtlich ist. Diese charakteristische Mischung aus Allegorie und Realität findet Hofmann in fast allen Bildern Courbets. Man muss kein Kunsthistoriker sein, um sie zu entdecken.

Der Grandseigneur der Kunstgeschichte zieht von Karl Marx über Rimbaud bis zu Erwin Panofsky ebenso elegant wie belesen alle philosophischen, literaturkritischen und kunsthistorischen Register, um das Rätsel Courbet zu entschlüsseln. Er deutet das riesige, dreieinhalb mal sechs Meter große Atelierbild, das der Künstler erstmals in seinem Pavillon du Realisme auf der Pariser Weltausstellung ausgestellt hatte und das heute im Pariser Musee d’Orsay hängt, als verkapptes Triptychon, untersucht die Rolle der Frauen als Metapher für Natursinnlichkeit in Courbets Gemälden und verfolgt die Spuren des „Atelier“-Vorbilds bis hin zu Max Ernsts Bild „Rendezvous des amis“ aus dem Jahr 1922 und Werner Tübkes „Arbeiterklasse und Intelligenz“ von 1970-73, das noch heute in der Universität von Leipzig hängt. Besonders bemerkenswert: Hofmann belässt es nicht bei formalen Betrachtungen, wie man es von einem bürgerlichen Kunsthistoriker, der er zweifellos ist, normaler Weise erwarten könnte.

Schon „Courbets Jahrhundertbild“, der Untertitel des Buches, macht deutlich, worauf Hofmann hinauswill. Und es liegt ja durchaus nahe „Das Atelier“ in einen größeren historischen Zusammenhang zu stellen. Schließlich war die Zeit seiner Entstehung eine Epoche welthistorischer Umwälzungen, die uns heute noch tangieren. Die Französische Revolution lag kaum 70 Jahre zurück, die Revolution von 1848 gerade mal sieben Jahre und der Staatsstreich Louis Bonapartes, der sich später zum Kaiser Napoleon III. ausrufen sollte, lag nur vier Jahre zurück. Doch das Hofmann in Karls Marx‘ berühmtem Aufsatz „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ aus dem Jahr 1835, der das Scheitern der bürgerlichen Revolution Frankreich darstellt, seinen entscheidenden Referenztext findet, vor dem er die Bedeutung von Courbets Bild als Signatur seiner Zeit luzide darstellt, ist für einen „bürgerlichen“ Kunstwissenschaftler vom Range eines Werner Hofmann durchaus bemerkenswert.

Die mit dem Untertitel einhergehende Einstufung des „Ateliers“ als Historienbild mag zunächst verwundern. Denn Courbet selbst hatte dem Bild eher eine private Bedeutung zugemessen, als er es als eine Art Rechenschaftsbericht über „sieben Jahre meines künstlerischen Lebens“ bezeichnete. Und „Das Atelier“ zeigt ja auch keineswegs das bei diesem Genre gemeinhin assoziierte Schlachtengetümmel, geschweige denn irgendwelche Haupt- und Staatsszenen. Vielmehr scheint es mit einer Atelierszene eher das genaue Gegenteil darzustellen. Doch es ist absolut überzeugend, wenn Hofmann genau dieses Motiv als Symbol der „décomposition“, des gesellschaftlichen Zerfalls im Gefolge der Umwälzungen interpretiert. So unverbunden, schweigend und apathisch wie ein Wachsfigurenkabinett stehen die beiden Personengruppen neben dem Maler und seiner Staffelei: Links die Armen und Ausgebeuteten in todschlafähnlichem Zustand, rechts die bessere Gesellschaft: aufrecht, aber erstarrt. „Die Leute, die vom Leben und vom Tod leben“ – so hatte Courbet seinerzeit die Personengruppen definiert. Courbets Bild als „Metapher der bürgerlichen Selbstpreisgabe“ zu werten, die auch Marx in seinem Text über das Versagen des Bürgertums ausmachte, ist also durchaus plausibel. Nur muss man so eine Deutung eben auch schlüssig ableiten können. Die Kenntnis und Lektüre der philosophischen Schlüsseltexte des Marxismus, wie sie der zweiundachtzigjährige Hofmann bei seiner Bildanalyse beweist, würde man manchen Linkspartei-Politikern, die heute von einem neuen Kommunismus faseln, gerne wünschen.

Man sieht schon an diesem einen Beispiel: Das schmale Bändchen ersetzt ganze Courbet-Bibliotheken. Um Missverständnissen vorzubeugen: Hofmann will Courbet nicht aus der gesellschaftskritischen Tradition heraus definieren. Das dürfte bei einem Klassenkämpfer und Kommunarden, der 1870 in einem offenen Brief an seine deutschen Künstlerfreunde eine „europäische Republik“ beschwor, auch schwerfallen. Hofmann nimmt ihn nur so widersprüchlich, wie er eben auch war. Courbet selbst bezeichnete sich zwar selbst einmal als Realist und rühmte sich seiner „Sympathie für das Volk“, um sich kurz danach wieder heftig gegen dieses Etikett zu wehren und von dem Ziel der „lebendigen Kunst“ zu sprechen, der allein er sein Schaffen gewidmet habe. Nach Hofmanns luzider Analyse steht der Maler nicht mehr als das „Schlachtross des Sozialismus“ da, als den ihn der Frankfurter Kunstkritiker Eduard Beaucamp einmal aufgezäumt sah. Aber auch als nicht als Herdings Träumer und Versöhner der gesellschaftlichen Gegensätze. Der Wirkung seines Werks muss das keinen Abbruch tun. Courbet sah nur illusionslos, dass er als Künstler in einer Szenerie gesellschaftlichen Zerfalls nach der Restauration in Frankreich in der „dritten Position“ sitzt: isoliert und allein. Aber immerhin als Tätiger, als Kreativer. Wenn das kein Realismus ist.

Text: Ingo Arend

Erstsendung in: Deutschlandradio, 5. Mai 2011

Bild: Das Atelier des Künstlers (Jean Désiré Gustave Courbet, 1855; Musée National du Louvre, Paris; Öl, Leinwand, 361 x 598 cm)



Werner Hofmann: Das Atelier – Courbets Jahrhundertbild

Verlag C.H.Beck, München 2010

Mit 22 Farb- und 9 Schwarzweißabbildungen,

126 S., 14 EUR.


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