Mario Levi: Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach?

Die linken Träume

Mario Levis Roman über das jüdische Istanbul nach dem Militärputsch von 1980

In den Musikläden Istanbuls gibt es eine CD-Edition mit dem Titel „Osman empire, empire of tolerance“. Es gehört einiger Euphemismus dazu, die große Kriegsmaschine des Osmanischen Reichs so zu adeln. Nur, weil die von ihm unterworfenen Völker darin eine gewisse Autonomie genossen. Dass sich die Edition trotzdem großer Beliebtheit erfreut, zeigt die Sehnsucht nach einer Türkei jenseits der nationalistischen Monokultur, die Atatürk dem Land 1923 verordnete.

Auf diesen traumatischen Punkt der türkischen Identität zielt der Roman des türkischen Schriftstellers Mario Levi. In „Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach“ erzählt der Istanbuler von einer Freundesgruppe um den jüdischen Kaufmann Isak, die sich nach dem Putsch der Militärs 1980 aus den Augen verloren hat. Die Hauptfigur Izak ist das Musterbeispiel eines Menschen, der seinen Frieden mit den Verhältnissen gemacht hat. Als junger Mann ein linker Rebell, geht er nach London. Kehrt aber nach allerlei Pleiten zurück in die Heimat, übernimmt den väterlichen Einzelhandel und heiratet eine traditionell eingestellte jüdische Frau. Bis der Mann mit Mitte fünfzig eines Tages beschließt, die alten Schulfreunde aufzuspüren und mit ihnen noch einmal das Theaterspiel „Istanbul, du bist mein Leben“ aufzuführen.

Als Nachfahre der vor 500 Jahren ins Osmanische Reich geflohenen sephardischen Juden hat Levi ein gutes Gespür für die subtilen Mechanismen von Ausgrenzung und Unterdrückung. Aus dem Knäuel der Schicksale, das er Izak entwirren lässt, entsteht ein Bild der Zeit vor dem Putsch 1980. Und anders als in seinem ersten, 2008 in Deutschland erschienenen Hauptwerk „Istanbul war ein Märchen“, in dem fast 50 Figuren das Kaleidoskop einer Vielvölkermetropole auffächerten, reichen ihm diesmal sechs Figuren für ein ähnliches Bild.

Es ist keine Idylle, die da wieder aufgerufen wird. Schon als kleiner Junge spürt der Jude Izak „mein Anderssein“. Sein griechischer Schulfreund Yorgos muss wegen der Liebe zu einer Türkin das Land verlassen, der linke Aktivist Necmi mit ansehen, wie seine Freundin Sebnem gefoltert wird. Als Symbol der Finsternis, in der die Menschen gefangen sind, vegetiert sie in der Psychiatrie, sprachlos, ohne Erinnerung.

Mit diesen Lebensgeschichten will Levi die Türkei der Unbotmäßigen jenseits des nationalistischen Mainstreams wieder erstehen lassen. Hinter dem Krebsgang der Erinnerung, den die Protagonisten durchschreiten, steckt die Aufforderung, sich auf die Träume der Jugend zu besinnen: die linke Utopie, die Hoffnung auf ein besseres Leben. Sozialpsychologisch mag Levis Roman ein Indiz dafür sein, dass die Türkei das große Trauma abzulegen beginnt und sich für einen neuen Aufbruch rüstet. Literarisch ertrinkt die gute Absicht leider in romantischem Seelenkitsch. Zu oft verfällt der Zwitter zwischen allwissendem und Ich-Erzähler, der das Geschehen mit seinem Hang zum inneren Monolog nur mühsam vorantreibt, in pathetisches Raunen: „Waren wir nicht um dieser Hoffnung willen aufgebrochen?“

Levis Versuche, Izaks mäandernden Stil mit Sätzen wie: „Die Erzählung wollte von mir, dass ich diese Spur hatte“ zu einer Art postmodernen Spielerei zu veredeln, scheitern in schöner Regelmäßigkeit. Und wenn Izak schließlich den Ohrring seiner Jugendliebe Sebnem mit melodramatischer Geste in den Bosporus wirft, um zu demonstrieren, dass er sich von der Last der Vergangenheit befreit hat, stellt der Herrscher dieses ausfransenden Erzähl-Reiches die Toleranz seiner Leser endgültig auf eine harte Probe.

Ingo Arend

erschienen in Berliner Zeitung (25.08.2011)

Mario Levi: Wo wart ihr, als die Finsternis hereinbrach?
Aus dem Türkischen von Barbara und Hüseyin Yurtdas.
Suhrkamp, Berlin 2011, 679 S., 24,90 Euro.

bei amazon kaufen

Share

Letzte Artikel von Ingo Arend (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere