Auf dem Weg zum maschinellen Realismus. Gut oder schlecht?

Eine Tagung des Neuen Berliner Kunstvereins zu dem Dauerbrenner „Kunst / Politik“ kaute alte Kamellen – bis Hito Steyerl und Trevor Paglen kamen.

„Freedom cannot be simulated.” Wer würde diese Weisheit nicht sofort unterschreiben. Unübersehbar zieht sich der Slogan über eine Wand der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Rirkrit Tiranavija hat das Zitat des Dichters Stanisław Lec in großen Lettern über die Seiten der Tageszeitung „South China Morning Post“ aus dem September 2014 geschrieben. Damals hatten die Wahlrechtspläne der Hongkonger Stadtregierung eine Protestwelle ausgelöst, die als „Regenschirmrevolution“ in die globale Protestgeschichte eingegangen ist.

Tiravanijas Arbeit, derzeit in der Frankfurter Schau „Power to the people“ zu sehen, ist eines der Beispiele für die weltweite Renaissance einer Kunstrichtung. Was sie eint, ist meist ein mehr oder weniger deutlicher Bezug auf die Konfliktherde der Welt, ein identifizierbares politisches Stichwort, abgerundet mit einer Prise Aktivismus. Das oft Illustrative solcher Kunst erinnerte Catherine David vergangenes Wochenende bei einer Diskussion im Neuen Berliner Kunstverein (nbk) an Gilles Deleuzes Stichwort von der „publicity“.

David, 1997 Chefin der legendären Documenta X und heute stellvertretende Direktorin des Pariser Centre Pompidou, muss es wissen. Mehr als 20 Jahre liegt „ihre“ Documenta zurück, gilt aber bis heute als paradigmatische Schau: Nicht nur, weil sie mit Film und Diskurs unwiderruflich den Kanon erweiterte, sondern wegen ihres explizit politischen Anspruchs.

„Politics – poetics“ – der Untertitel ihres Documenta-Buches, will sie aber nie als Aufruf zur Politisierung der Kunst verstanden haben. Auf der nbk-Tagung „Kunst / Politik“ erinnerte sie an das Motto Jean-Luc Godards: „Ich mache keine politischen Filme, aber ich filme politisch“. Gute Kunst, so die Kuratorin, sei das Gegenteil des politischen Werts Transparenz. Nichts gegen Agitprop – aber sie schätze Kunst, die komplex, rätselhaft und vielschichtig sei.

Genau an dieser Stelle der Tagung „Kunst / Politik“ hätte man sich ein Streitgespräch gewünscht. Hatte doch kurz zuvor Alfredo Jaar gleichsam das Kontrastprogramm geliefert. Auf der einen Seite zitierte der chilenische Künstler das Credo eines chinesischen Kollegen, der die Frage, wie das Elend der Welt zu lösen sei, mit den Worten beantwortet hatte: „Ich weiß es nicht, deswegen bin ich Künstler“. Oft genug streifen Jaars Werke oder auch die von Polit-Altmeister Hans Haacke, die ihre Arbeiten präsentierten, dann aber doch die Grenze zum Appell.

Zu sehr reihte freilich eine unglückliche Konferenz-Dramaturgie neun halbstündige Frontalvorträge beziehungslos aneinander. Klaus Theweleit sah zum Auftakt den Körper als Schauplatz des Kampfes zwischen Politik und Kunst nach dem 2. Weltkrieg. Adam Szymcyzk, immer noch Chef der Documenta 14, erinnerte an das Gedicht seiner poetischen Landsfrau Wisława Szymborska „We are all children of our age, it’s a political age“. Auseinandersetzung darüber? Fehlanzeige. Niemand unternahm auch nur den Versuch einer vorläufigen Bilanz des Balanceaktes zwischen Politik und Kunst.

So trieb die sauerstoffarme Konferenz im Autopilot-Modus dahin. Wenn nicht Hito Steyerl und Trevor Paglen gewesen wären. Beiläufig, souverän, ironisch demonstrierten die Berliner Video-Künstlerin und der amerikanische Fotokünstler, dass sich der Kontext der Kunst im Zeitalter der digitalen Revolution so dramatisch verändert, dass die Ritualstreits der Politästhetik plötzlich wie die Kamellen einer untergehenden Epoche wirken.

Für Steyerl wird die Bildproduktion selbst problematisch. Das digitale Bild mache diese Vokabel bedeutungsgleich mit Energie. Wenn im Jahr 2021, so rechnete sie vor, 82 Prozent des globalen digitalen „traffic“ auf das Konto von Video-Kommunikation geht, werde die dabei verbrauchte Energie zum ökologischen Problem.

Die Mehrheit heute erzeugter Fotos wird von Maschinen für Maschinen gemacht, so Paglen. Hinter der Überwachungs-, Erkennungs- und Kategorisierungsarbeit der überall „im Hintergrund“ unsichtbar arbeitenden „Autonomous Vision Systems“ dämmert für den Linksaktivisten nicht nur das neue kunsthistorische Zeitalter eines „maschinellen Realismus“ sondern auch eine „totalitäre Ästhetik“.

Der amerikanische Künstler Mark Flood hat das passende (Sinn-)Bild dafür gefunden. Das Wort „Like“, das er auf 4344 kleinformatige Tafeln gedruckt und als Installation in eine Ecke der Frankfurter Schirn getürmt hat, ironisiert die Bewertungskultur der sozialen Medien. Sie erinnert aber auch an die Ohnmacht des Users. Schließlich kann er nur das liken, was irgendwer „ins System gestellt“ hat. Ein Fall von simulierter Freiheit sozusagen.

Ingo Arend

Bild oben: Ständiger Balanceakt: Politische Kunst. Fotostill aus Halil Altınderes Video „Ballerinas and Police“ (2017), derzeit zu sehen in der Ausstellung: „Power to the people“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn. Foto: Ingo Arend

AUSSTELLUNG

Power to the people, Schirn Kunsthalle Frankfurt.

bis 25. Mai 2018

www.nbk.de

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