Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks

Die düster-leuchtende Metropole

Der amerikanische Romancier Thomas Wolfe nimmt uns mit auf „die Party bei den Jacks“

„Eine märchenhafte Stadt, erbaut auf einer Insel“: Das war der Sehnsuchtsort des jungen Frederick Jack, und sein Traum erfüllt sich. Als 54-jähriger reicher Banker lebt er mitten in Manhattan, und seine Frau Esther wird als Bühnenbildnerin gefeiert. Mr Jack sieht morgens vom neunten Stock seiner Luxuswohnung aus wohlwollend, fast mit Besitzerstolz auf die Stadt, sieht das fließende geordnete Leben – die Welt ist gut. Die Menschen sind es weniger: Das Personal lügt und stiehlt; sein Geschäftspartner spinnt, das wissen alle. Überhaupt ist die ganze Gesellschaft durchzogen von Betrug und Korruption, aber in Mr Jacks Adern fließt elektrische Energie; er und seine Frau befinden sich in tiefem Einverständnis mit dem Leben.

Thomas Wolfe (1900 – 1938) kam aus bescheidenen Verhältnissen; er wurde durch den Roman „Schau heimwärts, Engel“ weit über die USA hinaus berühmt. So unterschiedliche Autoren wie William Faulkner, Gottfried Benn, Thomas Bernhard oder Peter Handke fanden und finden seine Sprachkunst bewundernswert; Wolfe gilt gleichermassen als „Wortwelterbauer“ und als „Wirbelwind“.

Der soeben in ein entsprechend springlebendiges Deutsch übertragene Roman „Die Party bei den Jacks“, der sich in Wolfes Nachlass fand, schildert den 2. Mai 1928. Der große Börsencrash hat noch nicht stattgefunden, aber es gibt ein Vorzeichen, ein Menetekel: Mr Jack spürt oben in seiner Wohnung immer wieder ein leises Vibrieren des Bodens; das ist die Subway, die tief unter dem gewaltigen Gebäude durch den Felsen fährt. Oben und unten, reich und arm werden in diesem Roman kaleidoskopartig gegeneinandergesetzt. Da sind die Fahrstuhlführer, dienstbeflissen oder rebellisch. Da ist die Haushälterin Molly, die ihre Herrschaft hasst, die Mrs Jack ständig bestiehlt. Was diesen beiden Frauen während eines ärgerlichen Schlagabtauschs nebenher mit Lichtgeschwindigkeit durch ihre Köpfe geht, hat Wolfe meisterhaft eingefangen.

Bei einem Roman, der vor allem aus der Welt der Schönen und Reichen erzählt, besteht die Gefahr, die Gestalten auf bloße Typen zu verengen. Aber Mr und Mrs Jack sind entwaffnend vielschichtig gezeichnet: Der Banker wälzt sich morgens in der Wanne „wie ein Bär im Wasserloch“ und fühlt sich im Getriebe der Stadt als „lebendiges Staubkorn“. Mrs Jack bewahrt sich ihren kindlichen Charme und hat ein Talent, Freude und Wärme zu verbreiten.

So genießerisch Wolfe den lebensfrohen Stil dieses Paares darstellt, er macht auch die Struktur dieser Existenzen kenntlich, zeigt ihre merkwürdigen Geistesverrenkungen: Esther hat etwas gegen reiche Leute – das sind immer die anderen. Frederick seinerseits hält die fiebrige, überreizte Geschäftswelt für den Kern der Realität. Beiläufig erwähnt Wolfe, wie Mr Jack in ein, zwei Jahren, durch den Börsencrash zerrüttet werden wird. Aber noch scheint in dieser Glitzerwelt alles gut zu sein, und die Partygäste haben abends ihr Vergnügen am gepflegten Sticheln über Seitensprünge und Korruptionsskandale. „So sind die Dinge zwangsläufig“, dieses keinesfalls resignative, vielmehr abgeklärte Motto von Mr Jack wird einem bei der Lektüre zunehmend verdächtig. Es verweist auf eine Selbstgenügsamkeit, die blind ist für alle Zeichen, dass das rauschhafte Leben vielleicht nicht ungestört bleibt. Daher kann auch ein Brand, der nach der Party im Gebäude ausbricht, den Glauben an die eigene Unverletzbarkeit nicht erschüttern.

Thomas Wolfe schreibt diskret und entlarvend, satirisch und teilnahmsvoll. Er selbst taucht in diesem Roman nur als Randfigur auf; sein alter ego George ist – noch – der Geliebte von Esther, ein scheuer, trotziger Beobachter der Party. Das Oberschichten-Milieu ist ihm zuwider, und er ahnt, dass die Welt noch etwas mehr bedeutet als die Affaire mit Esther.

„Die Party bei den Jacks“ ist ein Zeitzeugnis, gleichzeitig immer noch oder schon wieder sehr aktuell. Was einen bei der Lektüre zunächst irritieren kann, die Häufung von Adjektiven, die Wiederholungen überhaupt, all das wird konstitutiv, es wird wesenhaft bestimmend für den Roman. Wolfes sprachlicher Reichtum und sein Gespür für Rhythmus geben der Geschichte ihre Intensität und Sinnlichkeit – der Roman ist Literatur im emphatischen Sinn.

Sabine Peters

erschienen in Basler Zeitung, 1.7.2011

Thomas Wolfe: Die Party bei den Jacks
Roman. Aus dem Amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
Manesse-Verlag, 360 Seiten, 24,95 EUR

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