Zum Ende von „Wetten dass…?“

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Abschied von der Konsensgesellschaft

Sie ist schon bemerkenswert, diese Diskrepanz. Zwischen dem so spürbar nachlassenden Interesse des Publikums an einer Fernsehsendung, die, wenn sich nicht gerade jemand bei einer seiner Nonsense-Wetten schwer verletzt oder einer der eingeladenen Promis beim Werben für sein jeweils neuestes Medienprodukt nicht angemessen behandelt fühlt, eigentlich niemandem wehtut einerseits, und der affektgeladenen Reaktion auf den Moderator, der sie nicht retten konnte, und auf die Verkündigung ihrer Einstellung, der die Bild-Zeitung gleich eine Geschichte von Geheimplänen zu ihrer Wiederauferstehung entgegensetzt, andrerseits. Das muss doch etwas zu bedeuten haben, außer dass da immer auch eine Trauer über die nun wohl endgültig vergangene Zeit mitschwingt, in der sich an einem Samstag die ganze Familie um den Fernseher versammeln konnte, zwei, drei Stunden, in denen es nichts zu streiten und nichts zu schimpfen gab, weil sich alle Energien auf den Bildschirm richteten und nichts, wirklich gar nichts von ihm zurückkam was den häuslichen Frieden, ach was, den Frieden der Welt hätte stören können. Mit „Wetten dass…?“ wird nicht eine Fernsehshow mit einer dreißigjährigen Geschichte zu Grabe getragen, sondern die deutsche Fernsehfamilie, die sich nun höchstens noch zur Chronik ihres Zerfalls, zur Lindenstraße, trifft.

„Wetten dass…?“ war die Feier einer Mehrheit in Deutschland; wer eingeschaltet hatte, war Teil einer großen, süßen Mitte, und die Aufgabe aller Beteiligten, vom Moderator und seinen Assistenten über die Gäste auf den Sofas und die Wett-Teilnehmer bis zum Publikum, war es, alles fernzuhalten, was dieses Empfinden von Mehrheitlichkeit hätte beeinträchtigen können. Gelegentliche Auftritte von Störenfrieden wie augenscheinlich schlecht gelaunten Schauspielern oder Wettteilnehmern, die sich als Redakteure einer satirischen Zeitschrift entpuppten, konnten dem Konzept nicht schaden, solange es den Willen zur fundamentalen Mehrheitsfähigkeit nur eben gab. Erst der schwere Wettunfall erinnerte so fatal an eine äußere Wirklichkeit, dass man sich davon nicht wirklich mehr erholte.

Doch die Ursache für den Niedergang von „Wetten dass…?“ war weder dieser Unfall noch der Moderatorenwechsel, nicht einmal die unübersehbare Einfallslosigkeit bei den Wetten, den Gästen und dem Merchandising. Der wirkliche Grund für das Ende von „Wetten dass…?“ ist die Tatsache, dass es jene gemütliche Mehrheit, die sich in einer Feier des Konsenses, der es glücklicherweise nicht nötig hat, sich gegen einen äußeren Feind zu richten, nicht mehr gibt. Nicht nur vor dem Fernseher nicht mehr, sondern vor allem im wirklichen Leben nicht mehr.

Eine Mehrheit, die sich durch ähnliche Lebenserfahrungen, ähnliche „Werte“, einen ähnlichen Geschmack, ähnliche Interessen bildet, kann es unter den Bedingungen des Finanzkapitalismus und der Prekarisierung nicht mehr geben. Auch ihre Simulation, wie es durch eine „große Samstagabendunterhaltung“ im deutschen Fernsehen geschah, funktioniert nicht mehr. Es wird zu deutlich, dass das Zentrum dieser Mainstream-Simulation vollkommen leer ist. Da, wo sich ein Publikum dem glücklichen Rausch zur Mehrheit zu gehören, noch einmal näher fühlen will, da werden längst brutalere Opfer gefordert, da muss das Prinzip jeder gegen jeden und wer überleben will, dem darf es vor gar nichts grausen, in aller Drastik ausgestellt werden, und da braucht man den Feind, den man bei den Thilo Sarrazins dieser Welt und ihren volkstümlichen Epigonen serviert bekommt. Eine moralische, kulturelle und soziale Mehrheit der im Leben miteinander verbundenen Menschen kann es nicht mehr geben; umso größer freilich ist die Sehnsucht danach, denn außerhalb von Kulten zu „Gewinnen“ und „Verlieren“ hat sich keine Kultur der Vielfalt entwickelt. Die Sehnsucht nach „Mehrheit“ will sich auch durch eine mediale Simulation  um eine glanzvolle Inszenierung der eigenen Harmlosigkeit herum nicht mehr erfüllen. „Wetten dass…?“ wurde von einer Mehrheit geliebt, weil Mehrheit-Sein der einzige Inhalt der Show war.

Warum also wird Markus Lanz gehasst (oder auch bemitleidet, was nur eine andere Form der Verurteilung ist)? Weil an ihm die Unmöglichkeit sichtbar wurde, die Sehnsucht nach der großen Mitte wenigstens noch einmal als Illusion, als Inszenierung von nationalem Kindergeburtstag zu erfüllen. Sein Sarah-Wagenknecht-Interview war dazu ein Seitenstück: Ausgerechnet er, der zum großen Einiger der imaginären Mitte ausersehen war, verklemmte sich in einer bösartig korinthenkackerischen Neid-Attacke. Nicht um die Verteidigung der Linken, nicht um die Verteidigung der Frau, nicht um die Verteidigung der politischen Kultur ging es in dem entsprechenden Shitstorm. Sondern um den Widerspruch der Hassprediger- und Kindergeburtstagsform der Simulation einer verlorenen großen Mitte. Man kann nicht Thilo Sarrazin und Thomas Gottschalck gleichzeitig sein, und nach Markus Lanz sind die beiden Formen von Mehrheitssimulation endgültig unvereinbar.

Darum berührt das Ende von „Wetten dass…?“ so tief. Weil es auch das Ende einer Konsensgesellschaft bedeutet, das Ende einer sicheren Mitte. Das Ende der Harmlosigkeit in der Inszenierung von „Mainstream“. Der Spaß hört auf, es bleibt die Barbarei.

Georg Seeßlen

Bilder:  Wetten, dass..? am 23. März 2013 in der Stadthalle Wien; v.l. Markus Lanz, Cindy aus Marzahn, 50 cent, Heiner Lauterbach, Viktoria Lauterbach, Peter Weck, Oliver Pocher; CC BY-SA 3.0 Ailura

 

 

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