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Renée Sintenis: Bär, 1956, Bronze, Sammlung Knauf, Berlin
(Foto: Bernd Sinterhauf)

Filmfestivals scheinen gefährliche Tiere als Werbeträger zu lieben. Berlin hat seinen Bären, Venedig den Löwen, Locarno favorisiert den Leoparden. Und jüngst ist dem Bestarium in Saarbrücken der Tiger beigetreten. Zweifellos sollen diese Tiere für Faszination stehen: sie sind wild, stark, aber auch unberechenbar. So wie die Festivals gern sein würden. Der Bär jedoch hat in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung. Er passt nicht nur phonetisch perfekt zur Hauptstadt, er ist auch – nach dem Hund – des Deutschen Lieblingstier. Das mag unter anderem mit Margarete Steiff  zu tun haben, aus deren prominenter Werkstatt vor über 100 Jahren der Teddy seinen Siegeszug antrat. Psychoanalytiker sehen in ihm ein klassische Übergangsobjekt, das der kindlichen Seele als Projektion von Erwartungen und Sehnsüchten dient. Derzeit funktioniert das jedoch auch mit dem weniger plüschigen Pendant: der Berlinale-Trophäe.

Auch dieser Bär hat seine Geschichte als „kleines“ Kunstwerk einer großen Frau. Die Skulptur ist das Werk der Bildhauerin Renée Sintenis (1888-1965). Die Künstlerin, von der zu Lebzeiten nicht nur Rainer Maria Rilke hingerissen war, hatte einen Faible für Kleinplastiken. Sie schuf viele Tiere aus Bronze und Ton. Rehe, Pferde, Esel, Ziegenböcke und Bären waren bevorzugten Sujets, ein künstlerisches Antidot zum verbreiteten Prunk der wilhelminischen Staatskunst. Renée Sintenis‘ Werke waren gefragt in der Zeit der Weimarer Republik. 1921 lehrte sie bereits an der Akademie der Künste in Berlin. Während des Nationalsozialismus wurde sie jedoch diffamiert, als Halbjüdin aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen, ihr Werk als entartet bezeichnet. 1947 als Professorin an die Hochschule für Bildenden Künste in Berlin berufen wurde sie bis zu ihrem Tod mit vielen Preisen geehrt. So erhielt sie beispielsweise als zweite Frau nach Käthe Kollwitz den „ordre pour le mérite“ für Wissenschaft und Künste.

Der Bär, der als Vorlage für den Berlinale Bär diente, wurde von ihr in den 1930er Jahren geschaffen. 1951 entstand daraus die Filmtrophäe, die drei Jahre später jene Variante erhielt, die wir bis heute kennen. Der 1,5 Kilogramm schwere Meister Petz wurde bereits an die fünfhundert Mal in Bronze, Gold oder Silber gegossen und verliehen.

In Berlin-Friedenau ist ein Platz nach der Künstlerin benannt, dort kann man ihr „großes grasendes Fohlen“ bewundern. Und jeder, der bei Dreilinden auf der Autobahn stadteinwärts fährt, passiert den großen in Bronze gegossenen Bären mit dem hübschen Po, der stolzen Kopfhaltung und der erhobenen linken Tatze. Doch was bedeutet die Geste eigentlich? Winkt dieser Bär? Hebt er zum Beifall an? Sucht er Schutz? Will er uns warnen? Eins ist klar: er ist sehr menschlich geraten – auch darin unterscheidet er sich vom Getier anderer Festivals.

Daniela Kloock
Kino1,25-0,5     

 

 

 

kolbe350AUSSTELLUNG:
Bis zum 23.03.2014

zeigt das Georg Kolbe Museum in Berlin eine Retrospektive.

Über Hundert Plastiken, Porträts und eine Vielzahl historischer Fotografien – eine Ehrung anlässlich des 125. Geburtstags der Künstlerin.

Sensburger Allee 25
14055 Berlin

Dienstag bis Sonntag
10 − 18 Uhr

zur website hier