Eberhard Fechner – der großartige Erzähler untergegangener Welten, Filmchronist des 20. Jahrhunderts

prozess900

Archivöffnung der Akademie der Künste am 01.12.2017

Eberhard Fechner (1926-1992) ist einer der bedeutendsten, wenn nicht DER bedeutendste bundesdeutsche Dokumentarfilmer. Wobei er selbst diesen Gattungsbegriff ablehnte, stattdessen lieber von Gesprächs- oder Erzählfilmen sprach. Sein Lebenswerk, über 20 Fernseh- und Kinofilme, ist eine Verdichtung von Geschichten zu Geschichte, ein einzigartiges Panorama des vergangenen Jahrhunderts. Seine Protagonisten sind Arbeiter, Adlige, Künstler, Seeleute, ganz „normale Bürger“, die alle Seiten menschlichen Seins zum Vorschein bringen. Die „Comedian Harmonists“ (1975/76), „Der Prozeß“ (1997-84), sein letzter Film „Wolfskinder“ (1991), aber auch die Literaturverfilmungen der Walter Kempowski Bücher „Tadellöser & Wolff“ (1974) und „Ein Kapitel für sich“ (1978/79) gehören nach wie vor zu den seltenen Glanzstunden des deutschen Fernsehens. Im Privaten, im Leben einzelner, deutsche Geschichte sichtbar machen, über das Besondere das Allgemeine festhalten, dies hat Fechner wie nach ihm kein anderer in seinen Filmen umgesetzt.

Der gesamte künstlerische Nachlass – Drehbücher, Interviews, Fotos, 1500 Stunden Tonbandaufnahmen, umfangreiche Korrespondenzen mit Günter Grass, Walter Jens, Egon Monk, Walter Kempowski u.v.a. – befindet sich seit 2016 im Archiv der Akademie der Künste Berlin. Anlässlich Archivöffnung sei im folgenden an einige seiner wichtigsten Arbeiten erinnert.

Ursprünglich vom Theater her kommend – Fechner war Schauspieler, lernte Regie unter Georgio Strehler von dem er tief beeindruckt und beeinflusst war – ergab sich 1966 eine erste Zusammenarbeit mit dem NDR, der auch den Film produzierte, der ihn bekannt machten sollte: „Nachrede auf Klara Heydebreck“ (1969). Der Auftrag der Redaktion lautete, das Thema Selbstmord einmal gründlicher aufzuarbeiten. Fechner machte sich also auf die Suche nach einem Menschen, den es nicht mehr gibt. Er entschied sich für „Fräulein Klara Heydebreck – unverehelicht, Motiv des Selbstmords: unbekannt“, so stand es im Polizeibericht über die 72-jährige Rentnerin, die sich in Berlin/Wedding mit Tabletten umgebracht hatte. Fechner spricht mit Nachbarn, Kollegen, Familienmitgliedern, mit der Feuerwehr, der Polizei, dem Hausarzt, rekonstruiert anhand von akribisch geführten Haushaltsbüchern, von Fotografien und anderen Objekten aus der Wohnung das Schicksal dieser Frau. Krieg, Entbehrungen, deutsche Teilung, Einsamkeit und gesellschaftliches Versagen haben sich in ihr Leben eingeschrieben. Die schwarz-weiß Bilder eines längst vergangenen (West)Berlins an einem trüben schneereichen Wintertag, die genaue Beobachtung der Denk- und Sprechweisen der Interviewten, ihr Habitus, ihre Einstellungen, sind ein eindrückliches Zeugnis dieser Zeit, der späten 1960er Jahre in einer geteilten Stadt.

Der Film erhielt damals viele Preise und euphorische Kritiken. Heute beeindruckt er fast noch mehr. Denn lange vor jedweder digitalen Bildtechnik bedeutete Filme zu drehen Filmrollen- und Tonbandwechsel, ganz abgesehen von zahlreichen anderen technischen Schwierigkeiten und Schwerfälligkeiten. An dieser Stelle soll auch an Rudi Körösi erinnert werden, der mit der damals noch schweren Handkamera unglaublich dichte Bilder einfing.

Fechner selbst war trotz der lobenden Kritiken enttäuscht. Niemand schien damals zu erkennen, dass die durchschlagende Wirkung des Films in seiner Form beruht. „Ich stelle mir im Schnitt einen Tisch vor, an dem alle sitzen und miteinander reden“, dieses Zitat verdeutlicht am besten die bannbrechende Methode mit der Fechner sein Material ordnete und komponierte. Aus Einzelaussagen werden „Dialoge“ zusammengesetzt, die so nie stattgefunden haben. Eine Person beginnt zu sprechen und mitten im Halbsatz wird geschnitten und jemand anders beendet den Satz. Spruch und Widersprich, Rede und Gegenrede jenseits eines Kontinuums von Raum und Zeit zu montieren, und damit Regeln des dokumentarischen Arbeitens komplett zu ignorieren, diese Idee konnte vermutlich nur jemand haben, der vom Theater, das heißt vom gesprochenen Wort her, kommt und nicht vom Bild. Fechners Arbeitsweise betont das Strukturelle. Es geht ihm darum, verborgene Zusammenhänge aufzuzeigen. Handwerklich bezog er sich immer auf seine Erfahrungen bei Strehler, auf das Konzept der sogenannten „realistischen Poesie“.

Gibt es bei Klara Heydebreck noch spärlich eingesetzte Kommentare, entfallen diese bei späteren Filmen ganz. Fechner setzt darauf, dass eine Interpretation des Dargestellten allein durch die unterschiedlichen Aussagen der von sich selbst Berichtenden – „ich nehme nur Leute, die etwas selbst erlebt haben“ – erreichbar ist.

Der nächste Film, der auf diese Art entstand war „Klassenphoto – Erinnerungen deutscher Bürger“ (1969/70). Hier verfestigte sich Fechners Absicht systematisch die Geschichte des 20. Jahrhunderts abzubilden. Diesmal aus dem Blickwinkel von Schülern, die 1937 an einem humanistischen Gymnasiums für „Bessergestellte“ ihr Abitur ablegten. Sie waren also während der Hitlerzeit Jugendliche und in unterschiedlichster Weise in die damaligen Ereignisse verstrickt. Der zweiteilige Film spürt den Lebenswegen zum Teil bis nach New York nach und läßt die Männer – die einzige Frau der Klasse ist an Hunger gestorben – die Zeit ab 1937 erinnern. Wie sich durch den Schnitt die Aussagen der ehemaligen Klassenkameraden ergänzen, aber auch widersprechen, wie sich hieraus ein vielseitiges Bild dieser Zeit zusammensetzt, ohne dass der Regisseur kommentiert oder zusätzliche Information gibt, ist Ergebnis des souveränen, langen und intensiven Umgangs mit dem gedrehten Material. Bewusster als noch bei „Klara Heydebreck“ wird in diesem Film auch mit Fotografien und Dokumenten gearbeitet.

Bei seinem letzten Film „Wolfskinder“ (1990) werden es dann über 350 Bilder, größtenteils aus Archiven, sein, die um die Wirkung der Erzählungen zu verstärken, einmontiert werden. Die Fotografien haben hier auch eine andere Funktion. Waren sie bei „Klara Heydebreck“ ausschließlich dazu da ihr Leben zu dokumentieren, sind sie bei den „Wolfskindern“ zu reinen Symbolträgern geworden, die dem Erzählten eine zusätzliche emotionale Tiefe und Dauer verleihen sollen. Nicht zuletzt auch dadurch, dass es sich immer um sogenannte „gefreezte“, also längere Zeit still-stehende Bilder handelt.

 

„Wolfskinder“ nannte man die Kinder aus den Ostgebieten, die nach dem Krieg vertrieben und elternlos geworden in den Gebieten des Baltikums durch die Wälder irrten. Der Film erzählt die Fluchtgeschichte einer Familie mit ursprünglich acht Kindern, von denen die Mutter drei auf der Flucht verliert. Die 8 bis 13 Jährigen überleben mit Hilfe litauischer Bauern, denen es eigentlich bei Todesstrafe verboten war deutsche Kinder aufzunehmen. Der Film ist deutsche Geschichte pur. Er erzählt dramatische Einzelschicksale, die geprägt sind von gewaltsamen Entwurzelungen, Krieg, Flucht und Vertreibung und allen damit verbundenen Traumata. Fechner war auf das Thema durch eine kleine Zeitungsnotitz aufmerksam geworden. Nachdem 36 000 Meter Film verdreht waren und nach vier Monaten Schnitt wollte er aufgeben, weil er dachte das Material tauge nichts. Und dann ist doch noch ein wunderbarer Film daraus geworden! „Das unscheinbarste Leben ist phantastischer, einzigartiger und furchtbarer als das der Großen dieser Zeit – diese lügen und spielen, von daher interessieren sie mich nicht …“, dieses Zitat passt auf alle Filme Fechners, besonders aber auf diese „Wolfskinder“.

Bei der Arbeit an den „Comedian Harmonists“ (1975/76), wurde klar, dass der Regisseur selbst nun zum eigentlichen Erzähler, zum erkennbaren Autor werden mußte. 3000 transkribierte Seiten als Ergebnis der Gespräche mit den noch lebenden vier Sängern zu ordnen, erforderte klare Entscheidungen für die Montage. Hinzu kam, die alten Lieder einzubauen, also eine zweite Ebene des Films, und schließlich die dritte Ebene, die Arbeit mit den Fotografien.

Fechners Interesse war herauszubekommen, ob und wie sich Künstler anders verhalten als sogenannte bürgerliche Leute. Der zweiteiliger Film über die „lustigen Musikanten am Totenbett der Weimarer Republik“ (Spiegel 12/76) erzählt aus der jeweiligen Perspektive des Sprechenden zum Teil widersprüchlich oder mit erkennbaren Rissen in der Erinnerung, wie die jungen Männer, die alle aus unterschiedlichen Ländern kamen, sich 1927 in Berlin fanden. Wie hart der Anfang war, wie groß die Hindernisse, wie gewagt es war alles auf eine Karte zu setzen, bis sich endlich der Erfolg mit nie gekanntem Wohlstand und Starruhm einstellte. Dann 1935 das Berufsverbot für die drei jüdischen Mitglieder und das Ende der „Comedian Harmonists“ als Gruppe. Die drei nicht-jüdischen Mitglieder blieben aus ökonomischen Gründen in Deutschland und gründeten das farblose „Meister Sextett“, für welches kurze Zeit später das Karriere-aus kam. Auch die jüdischen Emigranten, die bis zuletzt zusammenhielten, gingen nach anfänglichen Erfolgen in Australien in Amerika unter. Was nichts mit ihrer Musik zu tun hatte, sondern mit ihrem deutschen Akzent, der, nachdem Amerika in den Krieg eingetreten war, unbeliebt war. Besonders erschüttert das Schicksal von Ari Leschnikoff, er war der wunderbare Tenor der Gruppe, und lebte als gedreht wurde in bitterer Armut in Sofia.

Fechner führt vor Augen wie sich Menschen gegenseitig schädigen und korrumpieren bzw. sich zueinander solidarisch verhalten, oder eben nicht. Wieso handelt jemand in einer Situation so, während ein anderer in derselben Situation anders agiert? Fechners Filme stellen immer wieder diese Frage. Außerdem verfolgt der Zuschauer das merkwürdige Phänomen des Erinnerns. Es wird dasselbe erlebt, aber von den Gesprächspartnern anders erinnert. Niemals aber werden die Protagonisten bloßgestellt, alles ist fein gesponnen und erfordert vom Zuschauer ein gewisses Maß an Zuhörbereitschaft und Aufmerksamkeit. Die drei Millionen Zuschauer, die 1997 ein gehobener Kitsch wie der Spielfilm über die „Comedian Harmonists“ (R.: Joseph Vilsmaier) im Kino generierte, wünscht man sich für diesen vielleicht schönsten Film Eberhard Fechners bei der nächsten Fernsehausstrahlung.

Der Höhepunkt des Gesamtwerkes ist aber zweifelsohne der dreiteilige Film „Der Prozeß“ (1976/84) um das letzte Verfahren eines nationalsozialistischen Gewaltverbrechens, welches die ganze Geschichte eines Konzentrationslagers von Anfang bis Ende als Hintergrund hat. Dass es der längste und umfangreichste Prozess der deutschen Rechtsgeschichte werden würde, war nicht abzusehen. Er fand von 1975 bis 1981 in Düsseldorf statt. Angeklagt waren die noch lebenden KZ Wächter des Konzentrationslagers Majdanek, eines im besetzten Polen befindlichen Konzentrations- und Vernichtungslagers, in dem laut jüngsten Forschungen zigtausende Menschen ermordet wurden.

Als Ankläger anwesend waren ehemalige Insassen. Über 5 ½ Jahre lang befragte und filmte Fechner Zeugen, Beschuldigte, Prozessbeobachter, Staatsanwälte, Richter und Verteidiger. Aus dem Material – fast 260 Stunden Film und über 8000 Seiten Transkription – montiert er in dreijähriger Schnitt-Arbeit eine Rekonstruktion des Lagers und des Lagerlebens, der schlimmsten Ereignisse und täglichen Grausamkeiten dort. Die Erinnerungen der Opfer, die hier als Zeugen auftreten, und die Verdrängungsmechanismen der Täter, deren Tagwerk darin bestand zu schikanieren, zu foltern und zu töten, und die sich dann in den Gesprächen mit Fechner versuchen als andere Personen darzustellen, werden ebenso dokumentiert wie die Schwierigkeiten des Prozessverlaufs selbst. Für Fechner wurde dies sein umfangreichster und schwerwiegenster Gesprächsfilm. Fechner interessierte ganz im Sinne Hannah Arendts weniger das „wie konnte das passieren?“, als das „warum“ und das „erfahren, was da überhaupt passiert ist“. Wie unmenschlich kann ein Mensch werden? „Das Grauenvolle ist eben, dass die Mörder normal sind und keine Monster.“ Fechner macht das inhaltliche Spannungsfeld zwischen individuellem Schicksal und übergeordneten historischen Zusammenhang zum dramaturgischen Gestaltungsmuster.

Das, was geschehen ist und geschieht zur Erscheinung kommen zu lassen, war das Motto aller seiner Filme, ganz besondere Gültigkeit erhält es jedoch hier. „Der Prozeß“ ist ein filmisches Mahnmal für die Ewigkeit und sicherlich gleichdeutend wie „Shoah“ von Claude Lanzman oder „Der Nürnberger Prozeß“ von Max Ophüls. Im Unterschied zu diesen jedoch, fordern Fechners Filme in ihrer unnachahmlichen Methodik immer dazu auf, sich selbst zu hinterfragen, und sich selbst ein Bild zu machen von Geschichten und Geschichte.

Daniela Kloock

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Archivöffnung

Freitag, den 01. Dezember um 19 Uhr

ADK | Berlin | Pariser Platz

Filmausschnitte und Interviews mit Eberhard Fechner werden gezeigt, und der Kameramann Gero Erhardt, der Filmjournalist Manfred Eichel und der Dramaturg und Produzent Martin Wiebel sprechen über ihre Zusammenarbeit mit Eberhard Fechner.

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MEHR INFORMATION

AdK Eberhard Fechner Archiv

Eberhard Fechner website

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