Sieben Generationen spüren Erbe von Tschernobyl

Der Katastrophenreaktor von Tschernobyl
Der Katastrophenreaktor von Tschernobyl
Natalja Jefimowna Preobraschenskaja befasst sich seit 25 Jahren mit den Folgen der Tschernobyl-Katastrophe, ist Gründungsmitglied der ukrainischen Umweltorganisation „Grüne Welt“. Erst vor wenigen Tagen trat die Wissenschaftlerin auf einer Anhörung vor dem Ukrainischen Parlament zum Thema Tschernobyl auf.

 Natalja Jefimowna Preobraschenskaja (80) lebt in Kiew, ist Biologin und Umweltaktivistin. Foto: privat
Natalja Jefimowna Preobraschenskaja (80) lebt in Kiew, ist Biologin und Umweltaktivistin. Foto: privat

Elena Rauch sprach mit Natalja Jefimowna Preobraschenskaja.

Können Sie sich noch an den 26. April 1986 erinnern?

Ein schöner Frühlingstag in Kiew, ich ging mit meinem Enkel spazieren. Erst zwei Tage später wurde hinter vorgehaltener Hand geflüstert, dass in Tschernobyl etwa passiert ist. Vom Ernst der Situation erfuhr ich von ehemaligen Kommilitonen von der biologischen Fakultät, die uns rieten, Jodtabletten einzunehmen. Von keiner Behörde, keinem Ministerium wurden wir gewarnt. Dafür fand am 1. Mai eine großartige Demonstration statt.

Seitdem befassen Sie sich in zahlreichen Gremien mit den Folgen der Katastrophe. Wie lange werden Menschen in ihrem Schatten leben müssen?

Plutonium, das während der Reaktorexplosion freigesetzt wurde, hat eine Halbwertzeit von 24.000 Jahren. In Tschernobyl wurde schon Americium festgestellt, das am Beginn des Zerfalls entsteht. Es ist besonders aktiv und besonders toxisch. Tschernobyl liegt geologisch so ungünstig, dass Nuklide schnell in tiefere Bodenschichten gelangen und das Grundwasser durchsetzen.

Welche gesundheitlichen Folgen sind 25 Jahre nach dem Unglück nachweisbar?

Mehr als eine Million Menschen sind wegen der Folgen des Reaktor-GAU heute in medizinischer Behandlung. Nur jedes fünfte Kind in der Ukraine ist wirklich gesund. Zum Beispiel wissen wir, dass die radioaktive Wolke, die nach der Explosion aufstieg, große Mengen von radioaktivem Jod enthielt, das Krebs der Schilddrüse erzeugt. Bis 2009 wurden nur in der Ukraine 6049 Kinder und Jugendliche mit dieser Diagnose operiert. Die Folgen des Tschernobyler Jods werden noch etwa 15 Jahre zu spüren sein.

Auch daran, so Ihr Vorwurf, trägt das Verschweigen der ersten Tage schuld. Wäre es überhaupt möglich gewesen, diese Folgen einzuschränken?

Hätten die Behörden rechtzeitig Jodtabletten ausgegeben, wäre vielen Kindern der Krebs erspart geblieben. Stattdessen wurde im ersten Jahr die Strahlendosis um das 200- bis 300-fache heruntergespielt.

Die Folgen, sagen Experten, werden noch über Generationen weitervererbt werden. Die Kinder von damals sind heute Eltern. Bestätigt die Realität diese tragische Annahme?

Ich selbst habe 115 Kinder untersucht, deren Eltern vor 25 Jahren aus der Stadt Pripjat evakuiert wurden. Alle diese Kinder leiden an zwei bis drei Krankheiten. An Fehlfunktionen der Schilddrüse, an Erkrankungen des Magen-Darm-Systems, an schwachem Immunsystem. Dieses Erbe wird an mindestens sieben Generationen weitergegeben werden.

Sie haben die Sperrzone um den Reaktor oft besucht, wo bis heute vor allem alte Menschen leben. Neuerdings werden Touristen dorthin gebracht. Wie finden Sie das?

Grausam und gefährlich. Man darf sich nicht von fremdem Leid unterhalten lassen. Dort haben nur Fachleute etwas zu suchen. Es ist eine lebensfeindliche Zone.

Die Ukraine hat ein Hilfsprogramm für die Opfer, das auf dem Papier umfassend klingt. Wie sieht die Realität aus?

Es fehlt das Geld, um es umzusetzen. Allerdings bin ich überzeugt, dass man bei entsprechendem Willen die wenigen Mittel effektiver für eine Prophylaxe und Kontrolle einsetzen könnte.

Wer sollte das nicht wollen?

Auch viele unserer Ärzte haben damals kurz nach der Katastrophe gelogen und heruntergespielt. Sie fürchten bis heute einzugestehen: das war grausam und folgenschwer.

Nicht nur die sowjetischen Behörden taten das. Ukrainische Aktivisten und Experten wie Sie haben sich lange an der Sichtweise der WHO und der Internationalen Atomenergiebehörde gerieben. Weil sie die Folgen gern auf soziale und psychologische Probleme beschränkt hätten?

Die Atomlobby hat den Medizinern schon früh faktisch den Mund verboten, von „Radiophobie“ war sogar die Rede. Ich habe diese Berichte immer scharf kritisiert. Erst nach und nach wurden Erkrankungen wie Krebs als Folgen anerkannt. Der Verkauf von Kernanlagen ist ja mit Verlaub ein gutes Geschäft. Der Zynismus ging so weit, dass es hieß, die Vereinten Nationen seien des Tschernobyl-Themas müde. Die Tragödie von Japan wird sie hoffentlich wach machen.

Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder von dort sehen?

Vielleicht ist dieses Leid eine letzte Mahnung, uns von der Kernenergie zu verabschieden.

 

Elena Rauch

erschienen in Thüringer Allgemeine, 17.03.2011

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