Julia Schramm: Klick mich – Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin

VORWORT


(Auszug aus „Klick mich“ via juliaschramm.de)
Mein Name ist Julia und ich lebe im Internet. Ich bin da ziemlich glücklich, habe Freunde, die ich nur digital kenne und abschalten kann, wann ich will. Wir reden, lachen, weinen, streiten, hassen, tauschen Gedanken und Videos aus, lästern und verlieben uns. Diese Welt ist Teil unserer Realität und hat doch ihre eigenen Regeln. Sie legt sich wie ein Schleier auf unsere Kohlenstoffwelt, verändert sie und ist doch eigenständig. Für viele ist diese Welt des Geistigen hinter dem Monitor künstlich. Doch für mich ist sie wahrhaftig und real.

Angefangen hat mein Leben aber jenseits dieser neuen, aufregenden Welt, denn aufgewachsen bin ich mit der Liebe zu Büchern, dem Schreiben und sehr gut behütet in einer kleinen deutschen Stadt. Mein Weg an den Computer Mitte der 1990er Jahre war ein selbstverständlicher Schritt.

Dank einer kostenlosen Stand­leitung meines Vaters…

 

 

Gegen die zwei Welten (von Florian Schwebel)

Die Piratin Julia Schramm hat ein Buch über das Leben u.a. ohne geistiges Eigentum geschrieben, das den erwartbar blöden Titel „Klick mich“ („Frosch mich!“ als Titel eines Märchenstücks für Erwachsene, war ein witzigerer Wurf) trägt, sie hat dafür, so heißt es, einen horrenden Vorschuss kassiert, natürlich ist speziell bei diesem Titel schnell eine illegale Kopie im Netz aufgetaucht, und der Verlag geht juristisch dagegen vor. So weit, so erwartbar. Nun bricht Häme über sie herein, natürlich, und die Forderung wird laut, sie solle ihr Werk kostenlos ins Netz stellen. Da ist das gute alte Ressentiment am Werk, dass jeder doch gefälligst seine Suppe selber auslöffeln möge, und dass die Welt schöner wäre, wenn alle unglücklich ihre Suppe auslöffeln würden, und niemand hätte etwas zu essen.

Der irreführend hohe Vorschuss von Frau Schramm und das vergleichsweise aggressive Vorgehen von Knaus/Random House bestätigen die gute alte Zwei-Welten-Theorie, der die netzaffinen Kreise ohnehin anhängen: hier das idyllische Leben der Ripper und Downloader vor dem Sündenfall (auch wenn sie am Liebsten konsumieren, was aus dem vergifteten Nachbargarten stammt), dort die Welt von Reichtum und Korruption. Shen Te gegen Shui Ta, und alle Fragen behaglich offen. Bio-Lebensmittel machen krank, Lafontaine suhlt sich im Wein und herrscht als Renaissancefürst über das Saarland, also lasst uns alle beim Discounter einkaufen und als subversiven Akt illegal ein paar Bücher sharen, steht ja ohnehin nur verlogenes Zeug drin.

Nun ist ein kolportierter Vorschuss von 100. 000 Euro für die allermeisten deutschsprachigen Autoren so alltäglich wie eine Marienerscheinung, und Random House ist, auch wenn es nichts Dämonisches an sich hat, ein ungewöhnlich großer, aggressiver und renditeorientierter Konzern. Wir reden hier über einen forcierten Bestseller und über die strategische Operation eines trendbewussten Medienunternehmens. Solche Bestseller waren schon ein bigottes Vergnügen, als Mao- Bibeln die Buchabteilungen von Warenhäusern retteten, als „Steal this book!“ und „Klau mich!“ Alternativbuchhandlungen über den Berg halfen, als mehr als ein Buchversand davon lebte, dass er Polemiken für eine Welt ohne Bücher und ohne Ramschpreise unters Volk brachte. Dass gewinnorientierte Unternehmen vermutlich auch noch Aufforderungen zur eigenen Auslöschung publizieren würden, so lange das nur gut für die Quartalszahlen wäre, dass alle Verlage hin- und hergerissen sind zwischen der Werbeabteilung und dem Lektorat, und dass auch Revolutionäre essen müssen und auch gerne gut wie Galilei, ist als Pointe ein wenig zu wohlfeil. Die eigentliche Pointe ist doch, dass dieses Buch wohl nicht gedruckt worden wäre, wenn es etwas weniger grell das eigene Klischee bedienen würde (was es  den Kritiken und ein paar Lesestippvisiten des Autors nach augenscheinlich tut), und dass ein reflektierter Insideressay über das Leben 2.0 bei einem mit solchen Themen auch sonst beschäftigtem, vielleicht kleineren Verlag wohl nie zur Debatte stand.

Nun werden als positive Gegenbeispiele Blogger und Denker ins Feld geführt, die sich ihr Rumgeschreibe nicht vergüten lassen. So schön das ist, als prinzipielle Marschrichtung taugt das nicht, so lange wir alle noch unsere Brötchen kaufen müssen, so lange die Welt brennt, und wir jeden durchdachten Wortbeitrag gebrauchen können.

Die entscheidende Frage bleibt, ob diese Gesellschaft eine schönere Veranstaltung wäre und ob wir eine bessere Diskussionskultur hätten, wenn geistige Arbeit gar nicht mehr bezahlt werden würde, und wenn alle Autoren ihre Werke als Freizeitbeschäftigung zwischen den Schichten im Fastfoodladen herunterkleckern würden (häufig genug ist das ja bereits der Fall). Diskussionen über Honorare, über die Integrität von Autoren und Verlagen, über organisch entstandene und von der Marketingabteilung geplante Bücher lassen sich nur auf der Grundlage der Idee führen, dass geistige Arbeit Arbeit ist, die nach Möglichkeit nicht nebenbei geleistet und honoriert werden sollte. Auf dieser Grundlage lässt sich dann wunderbar darüber plaudern, welches Engagement wann wichtiger ist als die Sorge um die Miete, welche Deals noch eine Bereicherung des allgemeinen Diskurses (mit einem hoffentlich großen Gewinn) sind und welche nicht mehr, welcher Hype geistanregend und welcher geisttötend ist.

Doch nichts wäre damit gewonnen, wenn „Klick mich“ nun kostenfrei in alle Netze gespült werden würde. Sehr viel besser wäre es, wenn nach dem ganzen Bohei bald eine zweite,  (günstigere?), Auflage ein pfiffiges Kapitel über diese Debatte enthalten würde, wenn Knaus zusätzlich bald andere Beiträge zur Webproblematik veröffentlichen würde, vielleicht als eigene Reihe, zu studentenfreundlichen Preisen – und wenn die InternetaktivistInnen endlich zur Kenntnis nehmen würden, was für eine Wunderwelt an brisantem geistigen Leben außerhalb ihrer engeren Zirkel immer noch existiert, die Solidarität, Auseinandersetzung, und dann und wann auch mal ein paar Mäuse gebrauchen könnte.

Florian Schwebel

BILD: Julia Schramm auf dem Bundesparteitag der Piraten 2012, CC BY-SA 2.0 Bastian Haas

 

 

 

Julia Schramm

Klick mich: Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin

Albrecht Knaus Verlag, 208 Seiten, 16,99 EUR

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2 Gedanken zu „Julia Schramm: Klick mich – Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin

  1. „wie dumm ist denn dieser gedanke? – die gedanken sind frei – aber ausgesprochen gehören die ideen dem urheber!“

  2. und was wird dann aus buchautoren? – freie sklaven der allgemeinheit? – und wieso werden politiker so gut bezahlt, obwohl sie gar nix machen außer labern? – kein Geld für Alle!

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