Zum Ende von „Didi & Stulle“

reprodukt680
website Ausschnitt reprodukt.com

“Stulle die dumme Pottsau – da kommta ja” – “Didi mein Mann”, mit diesen denkwürdigen Worten beginnt der erste Band der gesammelten Geschichten der beiden ungleichen Freunde. Didi, der grobschlächtige Grosse, und Stulle, der Kleine mit dem Talent, die Frauen zu betören, berlinern sich mit einer Mischung aus Wortwitz, Kalauern, Alltagsphilosophie, Prolltum und verletzten Gefühlen durch ihre Abenteuer, die vorab im Berliner Stadtmagazin “Zitty” erscheinen. Wenn die beiden durch die Strassen der Hauptstadt flanieren, kann alles passieren – vom alltäglichen Besuch eines Fast Food-Restaurants bis zum überdrehten Space-Abenteuer. So wird hier nicht nur sprichwörtlich der Kopf verloren, es wird in den Schnee gepinkelt und es werden Talkshows und ein Kiss-Konzert besucht. Denkwürdige Auftritte haben dabei unter anderem DeeDee Ramone, Godzilla und Gott höchstpersönlich. (reprodukt)

____________

Die komplexe Schweinewelt

Nach 18 Jahren, 481 regulären Folgen, bislang 10 regulären Comicalben (und drei spinn off- Publikationen) beendet der Berliner Zeichner Fil mit der aktuellen Ausgabe des Stadtmagazins „zitty“ seine Serie „Didi und Stulle“. Wiederaufführungen der nicht von Fil verantworteten „Didi und Stulle“ – Oper sollen davon nicht betroffen sein. Fil ist ein Gesamtkunstwerk, ein brillanter Bühnenkomiker und sehr brauchbarer Buchautor („Pullern im Steh`n“), und im gesetzteren alternativen Berlin ist er ein veritabler Star (dieser Autor kennt nur zwei Frauen zwischen 30 und 50, die ihn angeblich nicht sofort heiraten würden – ohne ihn persönlich zu kennen). Aber „Didi und Stulle“, diese bis jüngst endlose und endlos verwickelte Serie über die Abenteuer zweier Schweine, weist selbst über Fils Status als Ikone der intelligenten Verspultheit weit hinaus. Augenzwinkern und Anekdoten stören eher bei der Würdigung eines Werks, das in seiner Ambitioniertheit, seiner Innovation und Klasse im Lauf der Jahre mehr oder weniger alle anderen deutschsprachigen Comics hinter sich gelassen hat. Wer wissen will, wie das Leben in diesem Land in den letzten 18 Jahren wirklich war (u.a. voll von Cosplayern, Peter Struck und „Selbst – Phonen“), kommt an „Didi und Stulle“ nicht vorbei. Und wer einmal eine wirklich stimmige Schöpfungsgeschichte oder einen überzeugenden Kampf zwischen Jesus und Buddha lesen will, auch nicht.

Didi ist ein großes, gemeines und hässliches Schwein, vom Leben gebeutelter warziger Pink – Trash mit trotzigem Größenwahn. Stulle ist ein kleines, großherziges und hübsches Schwein, ein bisher verschwiegener illegitimer Sohn Gottes (hervorgegangen aus einer Affäre mit Stulles schriller Mutter) durchsetzungsschwach (er wohnt noch bei dieser Mutter) und durch unverständliche Verehrung an Didi gekettet. Didi ist der Herr, Stulle der intelligentere Diener. Wenn die beiden nicht planlos an Berliner Straßenrändern herumstehen und sich und uns mit pointenlosen Endlosgesprächen in den Wahnsinn treiben, retten sie die Welt oder erforschen unbekannte Galaxien. Stärker beschäftigen die beiden aber die ständigen Vermutungen des latent homsexuellen Didi, sein zarter und leidensfähiger Kamerad sei heimlich schwul (was dessen Liebesleben trotz zahlloser Verehrerinnen blockiert). Es ist eine beinahe archetypische Konstellation, die Fil da entwirft, die Wahrheit über Laurel und Hardy und all die anderen ungleichen Freundesgespanne, und er buchstabiert sie grausam bis ins Letzte durch. Dabei wandert seine und unsere Sympathie hin und her zwischen Stulle, der eigentlichen Identifikationsfigur und der unbelehrbaren Dummdreistigkeit von Didi, die auch noch den ziemlich lieben Gott an die Wand berlinert (so dass Gott in einer Geschichte Didi für eine Zeit lang zu Gott macht, ganz schlechte Idee).

Mit ungerührter Selbstverständlichkeit rutschen die beiden Schweine vom schäbigsten Alltag (einer angefressenen Imbissbude) in schillernde Phantasiereiche (Himmel, Hölle, der Mars, Köln) und platonische Nebendimensionen (das Reich der Fantasie), die bei aller bizarren Pracht natürlich von den gleichen Eitelkeiten, Missverständnissen, dummen Begierden und gieriger Dummheit regiert werden wie der schäbigste Alltag. Gott ist schwer von Begriff, einsam, nörgelig und nervt wie ein heimlich autoritärer Reformpädagoge. Der Teufel ist ein gestresster Manager, der Tod ein dummes Monster. Noch eindrucksvoller sind Fils ureigene Kreationen wie die gnadenlos lächelnde Polizeiwolke (eine Strafmaßnahme von ihr ist schlimmer als der Tod), der Frühling (mit Zauberstab und Spock – Ohren), die Demokratie (eine herumfliegende Erdenmutter, die sich nur alle vier Jahre blicken lässt) und der dämonische Schobernwirt (ein bayrischer Landgasthofbesitzer mit Hörnern und Superkräften). Jede Menge prominente Gaststars stolpern durch die verzweigten Geschichten und sind optisch dankbarerweise kaum wiederzuerkennen: David Bowie, ein schusseliger Nickelbrillenträger auf der Suche nach Freundschaft und Respekt, ein sabbernder, hirnlos und tollwütig um sich beißender Hitler, die zickige Madonna, ein phlegmatischer Jesus, ein freundlich – gesichtsloser Mathias Schweighöfer und eine dauerbeleidigte Angela Merkel. Man will nicht glauben, dass dieser wilde Comic 18 Jahre lang regelmäßig in einer deutschen Zeitschrift erscheinen konnte, und sei es die „zitty“.

Das liegt wenigstens zum Teil vermutlich am formalen Können. Fil könnte einen klassischen, sogar niedlichen Funny zeichnen, halbrealistisch arbeiten oder karikieren. Zu alledem hat er aber in der Reinform offensichtlich keine Lust, und so setzt er verschiedene Stile nebeneinander oder wechselt sie ab, manchmal von Bild zu Bild. Gleiches gilt für die Bildaufteilung: elegante Kompositionen werden konsequent durch herumwuselnde Nebenfiguren oder plötzliches Gekrakel sabotiert, stylishe symmetrische Seitenaufteilungen enden in plötzlich krummen Kästchen. Inhaltlich spannt Fil wie beiläufig souverän ausufernde dramaturgische Bögen, aber bricht Geschichten gerne plötzlich ab oder dreht sie um 180 Grad. Der Wahnsinn hat nicht Methode, sondern die Methode ist der Wahnsinn: sobald ein Bild oder eine Story zu glatt oder zu platt werden könnten oder uns (und vermutlich den Zeichner) langweilen, werden sie noch einmal von der anderen Seite beleuchtet (und sei es durch Randbemerkungen, Fußnoten oder erklärende Textpanels). Den Autor scheint eine Mischung aus hemmungsloser Improvisationsfreude und einem eigentümlichen Verantwortungsbewusstsein zu plagen: jeder noch so kleine Witz, jede hingeworfene Nebenhandlung müssen gründlich bearbeitet werden, bis sie irgendeine (!) komplexe Wahrheit wiedergeben. Wenn Didi sich beispielsweise den Kopf wegsprengt, in dem er sich Chinaböller in die Nase steckt (womit der Ein Seiten – Gag abgeschlossen wäre), muss anschließend untersucht werden, wie die Gesellschaft auf Didi ohne Kopf (mit einem Prothesenhaken im Pullover) reagiert (mit einem Talkshowauftritt), wie sich die Beziehung zu Stulle verändert (sie wird nicht besser), ob Didi einen neuen Kopf möchte (Nein) und wie er ihn dann bekommt ( Homöopathie, glaube ich, ich hab den Band verliehen). Und dabei wird mehr über Identitätsmodelle (und Medien. Und vermutlich über Homöopathie) gesagt, als es zu ertragen wäre, wenn die Serie nicht immer ein sehr komischer, verspielter und schmerzhaft warmherziger Spaß bleiben würde.

Ein ziemlich derber Spaß, allerdings, und darin mag ein Grund für den relativen Misserfolg der Sammelbände liegen (die eine Zeit lang bundesweit in Bahnhofsbuchhandlungen verstaubten). Didis vulgäre, obszöne, schwer berlinernde Dauerattacken (vor allem gegen Stulle) und Fils Hang zu Provokationen (der Einstieg in die Buchhandlungen wurde mit einem Album versucht, auf dessen Cover Didi u. a. einen Vibrator auf dem Kopf trägt) stoßen ein Publikum ab, das die Überhöhung von Slang zu einer Kunstform und den sensiblen, erschrockenen Blick des Autors (mit etwas Sympathie for the devil) dann nicht mehr entdecken kann. Andere Ursachen mögen die komplexen Handlungen (darunter gleich mehrere Höllenfahrten und Klone) und die generelle Ignoranz gegenüber Comics in Deutschland sein (die andere Zeichner noch viel stärker trifft). Selbst wenn Fil darauf hingewiesen hätte, dass er mit „Didi und Stulle“ „Little Nemo“ und „Pogo“ herausfordert, anstatt konsequent angepunktes understatement zu betreiben, hätten Leser von leichter zugänglichen Comics sich vermutlich am Kopf gekratzt (denn auch „Little Nemo“ und „Pogo“ interessieren ja hierzulande kaum jemanden). In den viel zu kleinen Comickreisen schadete der Rezeption dagegen trotz allgemeiner Hochachtung und punktueller Lorbeeren schließlich wohl die allgemeine Hinwendung zu den weniger sperrigen Formen von „graphic novels“, Klassikern und Genre – Reihen. Und so blieb der Serie vor allem der Dauerplatz im Stadtmagazin, wo sie erstaunlich reibungslos als kleines chronisches Vergnügen mit vielen Fans funktionierte. Mit der mehrjährigen Geschichte „Der Sohn des Didi“, die neben Hexensabbaten und Didis Nicht – outing auch eine Handlung über den hadernden Zeichner (nicht unbedingt realitätsnah) erzählte, schickte Fil seine Helden schließlich in einen verdienten milden Lebensabend mit Ruhe und Kind. Anschließend zelebrierte er sehr komisch ein paar Monate lang fern von Geschichten Nicht – und Meta – Witze, bis er sich nun, pünktlich zur Umgestaltung der „zitty“, von seiner Serie (vorläufig?) verabschiedete.

Noch stehen mindestens drei Sammelbände aus. Noch steht das Entdecken – und Wiederentdecken von mehr grellen und poetischen Einfällen, literarischen Anspielungen, satirischen Randbemerkungen, punktgenauen Beobachtungen und verblasenen Ideen aus, als sich in einem kurzen Grabgesang auch nur andeuten lässt. „Didi und Stulle“ sind bereits eine Legende und werden zum Klassiker werden, ob Fil will oder nicht. Sie stehen noch ganz am Anfang.

Florian Schwebel

 

MEHR INFORMATIONEN

modern gra680

 

 

spiegel didi 680

 

zitty did 680
auf twitter

https://twitter.com/hashtag/didiundstulle?src=hash

 

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere