Lächeln an sich

Was wäre, wenn wir in den Himmel kämen und Gott wäre – ein Smiley? Über das Universalzeichen des debilen Markt-Positivismus, das ganz nebenbei geschaffen wurde

Anders als „Coca-Cola“ oder „KiK“ oder das Rot-Gelb-Grün einer Ampel oder „Nächste Ausfahrt Shopping City Süd“ bedeutet der Smiley nichts an sich. Er weist weder auf ein Objekt noch auf ein Verhalten hin, es braucht einen Zusammenhang. Smiley sagt mir heute, dass das Schuhgeschäft an der Ecke seine Schuhe jetzt für den halben Preis anbietet. Morgen fordert es mich zu einer Kaffeepause auf. Im Übungsraum der örtlichen HipHop-Gruppe hängt ein Smiley-Transparent. Auf einer kritischen Collage geht Smiley als Sonne über Guantanamo auf. Und im elektronischen Gesprächsraum steht ein Smiley für freundliche Zustimmung.

smiley

Ein Smiley ist ein Zeichen ohne Verbindlichkeit. Aber es ist kein leeres Zeichen, auch kein vollkommen beliebiges. Der Smiley ist zugleich ein Ikon, ein Signal, ein Symbol und ein Mythos. Ein Meta- oder ein Un-Zeichen, je nachdem. So etwas gelingt nicht alle Tage.

Und gelungen ist es aus Versehen. Gleichzeitig ist die Geschichte von der Entstehung des Smiley ein kompletter Mythos. 1963 zeichnete der amerikanische Werbegrafiker Harvey Ball einen gebogenen Strich in einen gelben Kreis. Balls Auftraggeber war eine Versicherungsgesellschaft, die mit symbolischen Anstecknadeln das Betriebsklima heben wollte. Eine dieser Kleinigkeiten, für die man zu dieser Zeit Geld ausgab, weil man noch an glückliche Mitarbeiter und eine innere Wirklichkeit der corporate identity glaubte. Ball erhielt für den Entwurf 45 Dollar. Das Zeichen wurde rechtlich nicht gesichert. Was soll auch ein gelber Kreis mit Grinsestrich für eine „Urheberschaft“ bedeuten?

Die Versicherungsgesellschaft hatte mit den Anstecknadeln nicht nur generell das Betriebsklima heben wollen: Sie hatte gerade eine andere Gesellschaft unfreundlich übernommen und wollte mit dem kleinen Grinsegesicht die übernommenen Mitarbeiter über ihre materielle und psychische Niederlage hinwegtrösten. Man kann das zynisch nennen. Harvey Ball war vielleicht genau der richtige Mann, um dafür ein reines und unschuldiges Zeichen zu finden. Nachdem er an der Front nur knapp dem Tod entronnen war, empfand er jeden Tag als Geschenk und erläuterte gern die Gnade des positiven Denkens. Der Smiley, der zum Symbol der Freundlichkeit und Wärme in einer Firma werden sollte, in der es in Wahrheit wenig Freundlichkeit und noch weniger Wärme gab, vereinte Sonne und Babyglück, Kindlichkeit und Signal mit dem Selbstverständnis eines amerikanischen Candide. Dass Robert Zemeckis später seinen reinen Toren Forrest Gump zum Erfinder des Smiley machte, ist nicht unbedacht geschehen. Damals war der Smiley noch wie das Grinsen der Cheshire-Katze in Alice im Wunderland- ohne eigentliches Gesicht.

Schnell wurde Smiley nicht nur ein internes Zeichen der unfreundlich fusionierten Firma, sondern auch ein Werbebotschafter. Ganz nebenbei war Smiley wie geschaffen für ein modisches Medium dieser Zeit, für den „Meinungsbutton“. So konnte wenig später ohne weiteres das Friedenszeichen, ein Smiley und ein Nationalfarben-Button zu einem perfekten semiotischen System am Kragen eines Parka werden. Smiley wurde zum Megaseller auf Kaffeetassen, T-Shirts und Bettzeug. Alle verdienten an Smiley, nur Harvey Ball nicht.

Kapitalismus mit Herz

1971 meldete der französische Journalist Franklin Loufrani zunächst in Frankreich ein Geschmacksmuster auf das stilisierte Lächeln an. Wohlweislich hatte er das Gesicht mit den ovalen Augen und den im Vergleich zu Balls Entwurf leicht veränderten Proportionen einer eigenen Handschrift unterzogen. Seine Grafik, so behauptete Loufrani später, habe er einfach zur Auflockerung eines Zeitungsartikels skizziert. Nur so. Und das mit dem Geschmacksmuster sei mehr so eine Art Spaß gewesen. Unnütz zu sagen, dass Loufrani zum Multimillionär wurde und an Nutzungsrechen in über 80 Ländern in der Welt verdient. Harvey Ball kämpfte eine Zeit lang um seine Anerkennung als eigentlicher Erfinder des Smileys. Um das Geld, sagte er, sei es ihm dabei nie gegangen.

Die zwei „Väter“ von Smiley sind, was die Legenden anbelangt, zugleich Wiedergänger der kain-und-abelschen Ur-Modelle des Kapitalismus: der Profiteur und der Wohltäter, der kreative Verlierer und der diebische Gewinner. Und seitdem stecken die beiden Träume des Kapitalismus im Smiley: Erfolg um jeden Preis, den Gegner mit einem Grinsen ruinieren und populistische Wohlfahrt, Kapitalismus mit Herz. Der Gierhals, der nicht genug bekommen kann, und Harvey Ball, der dagegen argumentiert: „Ich kann nur ein Steak am Tag essen, und ich kann nur ein Auto fahren. Wenn ich meine Grundbedürfnisse erfüllt habe, will ich an die anderen denken, denen es nicht so gut geht.“ Der Mythos, sagt Roland Barthes, vereint, als Erzählung und Bild, das Widersprüchliche. Er tut es, indem er aus der konkreten Geschichte das „ewige“ Gleichnis gewinnt. Ist also Smiley nicht nur das Bild für optimistisches Dies-und-Jenes, sondern das Profit- und Güte-Gesicht des Kapitals?

Die Mythos-Geschichte Smiley ist noch lange nicht zu Ende. Ende der 1980er Jahre machte sich die Musikbewegung Acid House den Smiley zum Erkennungszeichen. Einer der Ausgangspunkte war der ehemalige Londoner Fitnessclub The Shoom, wo 1987 eine englische Acid-Clubkultur begann. Ein besonderer Smiley war das Maskottchen der Parties dort und sollte bald zum Symbol der gesamten Acid-Bewegung werden, inklusive der dazugehörigen Droge: Ecstasy. Die seltsame Musik und die seltsame Droge gaben dem gelben Grinsegesicht eine andere, unheimliche Bedeutung, so dass sich die großen Warenhäuser genötigt sahen, alle Smiley-Artikel aus dem Programm zu nehmen. Die enervierenden Polizeieinsätze, die Kommerzialisierung und eine Repetition des Repetitiven lösten die Szene schnell wieder auf, und Smiley kehrte, wenn auch erst einmal in Form des Ramschartikels, in die Kaufhäuser zurück.

In dieser Zeit hatte Smiley längst seine vierte Karriere gestartet. Er war zum Kürzel bei SMS-Nachrichten und im Internet geworden, und aus der ursprünglichen Einheit eines Meta-Zeichens wurde die kleine „Sprache“ der Emoticons (emotional icons). Grinsen, Schimpfen, Nachdenken, zornig sein: Smiley wurde quasi lebendig (umgekehrt kann man in den Emoticons der Sprache beim Begrabenwerden zusehen). Die Farben wurden nun wieder Teil des Codes, das strahlende Gelb als Erlösungsfarbe in eine Palette zurückgestuft, und an die Stelle von Smileys allgemeiner Goodwill-Aufforderung trat eine Art visueller Ur-Sprache – die, würde man sie ins Akustische zurückübersetzen, aus Wiehern, Grunzen und Brummen bestünde.

Ursprünglich ein Warnzeichen

Auch dazu gibt es wieder Gründungslegenden, die sich um das Widersprüchliche im Mythos ranken. Die doofen Emoticons stammen nämlich aus dem Herzen der wissenschaftlichen Intelligenz. Die ursprüngliche Form des elektronischen Smileys bestand aus Zeichen des „American Standard Code für Information Interchange“ (ASCII), die dem Bestand der Schreibmaschine oder Computertastatur entsprechen. Die Grundformen bilden 🙂 für positive Gefühle und Witze und 🙁 für negative Gefühle und Einsprüche. Der Legende nach wurden sie 1982 vom späteren Informatik-Professor Scott E. Fahlman vorgeschlagen, der damit als Erfinder der elektronischen Smileys gilt. Er hatte bemerkt, dass sich die naturwissenschaftliche Community schwer tat, eine ironische von einer ernst gemeinten Bemerkung zu unterscheiden. Der quergelegte Smiley aus ASCII-Zeichen, aus dem sich dann die Grafik-Emoticons entwickelten, war ursprünglich also einfach ein Warnzeichen: Vorsicht, hier machen Naturwissenschaftler Witze!

Die Folgen sind bekannt: In jedem Chat-Programm tauchen Emoticons als oft auch animierte Minigrafiken auf, bis zu hundert verschiedene von ihnen wie im Yahoo-Programm sind im Angebot (natürlich kann man wie mit Klingeltönen des Handy auch mit Emoticons ein Geschäft machen). Programme wie Microsoft Word wandeln etwa Quer-Smileys automatisch in Grinse-Grafiken um, auch wenn die ASCII-Zeichenfolge nur zufällig erschien. Nur in Japan, dem Land des Lächelns, gilt der Quer-Smiley in diesem Zusammenhang übrigens nicht; das Manga-geschulte Auge erkennt dort vielmehr in (^_^) das Zeichen für Lächeln und Zustimmung. Mit anderen Worten: Wir werden mit einem sanften Druck in die Welt der Emoticons gedrängt, und an einem Chat teilzunehmen ohne Emoticons zu verwenden, ist gelinde gesagt snobistisch. Dass sich Fahlman durchgesetzt hat, bedeutete für ihn persönlich einen lebenslangen Fluch: Alle kennen ihn als Smiley-Kreator, aber kaum jemand als Kapazität auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz.

Die Illusion der Ikonenhaftigkeit, die Smiley in aller Welt verbreitet, verheißt nichts anderes als eine Verständigung nach der semiotischen Katastrophe. Nicht nur alle Sprachen zerfallen (und keineswegs nur die des alten Europa und schon gar nicht nur ein hehres Deutsch), sondern sogar das Konzept der Sprachlichkeit (der Textlichkeit) der Welt zerfällt, so dass jedes „verstandene“ Zeichen zum großen Trost wird – schließlich halten wir uns in unseren Verblödungsmaschinen an die Witzeerzähler, nicht weil sie so komisch wären, sondern weil jeder „verstandene“ Witz eine Illusion der Weltvergewisserung ist.

Ikonische Zeichen können, anders als in der Sprache, unendlich variiert werden, ohne ihre Ähnlichkeit mit dem Objekt, für das sie stehen, zu verlieren. Deshalb war der Smiley von Anfang an dazu verdammt, gerade in seiner Leerheit als narratives Element, als Ausgangspunkt für Variationen oder Pointenlieferant in der Pop-Kultur zu wirken. In den siebziger Jahren machte sich der Zeichner Gahan Wilson den Spaß, Smileys an den unmöglichsten Orten auftauchen zu lassen, als Ausbruch von Pestbeulen, als Gottheit schlimmer kannibalischer Rituale, und natürlich war der Smiley auch eine beliebte Maske für Bankräuber.

Ohne Verständnis und Mitleid

Der Nachklang der semantischen Kata­strophe im Smiley ist, dass sein Ikonizitätsgrad zugleich null und unendlich ist. Der Ikonizitätsgrad steigt, je nachdem, ob es sich um einen Schnappschuss (geringe Ikonizität), eine realistische Darstellung (Gemälde, Grafik) oder abstrakte, stilisierte Metaphern (hohe Ikonizität) handelt. Das heißt: Der Smiley ist vor allem durch seine Ikonizität (und nicht durch seinen Bedeutungsgehalt) so wirksam. Dieses Zeichen wird nicht durch seine Schöpfer, sondern durch seine Benutzer groß. Es wird zum Meta-Ikon, insofern es gleichsam ein erklärendes System zur Bildhaftigkeit der Welt jenseits der Sprachen bedeutet. In diesem Zeichen steckt weder die Arbeit der Ab­strak­tion noch die Erfahrung der Welt; es gibt darin keinen Vorgang des Lesens.

Der Smiley ist ein Lächeln ohne Gegenüber, er hat weder Verständnis noch Mitleid. Der Smiley spricht nicht durch seine Ikonizität, sondern er (er?) spricht über die Ikonizität in der Welt. So sind Phänomene, die nicht sofort als Markenzeichen erkennbar sind, wie das McDonald’s-M oder der Coca-Cola-Schriftzug, Voraussetzungen für das Funktionieren einer globalisierten Marktsprache – jener Sprache, die der Markt entwickeln muss, um von der Globalisierung der Produkion zu der Globalisierung der Konsumtion zu gelangen. Der Smiley ist auch eine Religion ohne Inhalt. In gewisser Weise hat er das Kreuz oder Hammer und Sichel abgelöst – Zeichen großer Erzählungen, deren Inhalt nicht mehr recht kohärent ist.

Beim Smiley ist es umgekehrt. Man hat ein Zeichen für eine vollständig unkohärente Geschichte, die sich aus den Bausteinen „Kapitalismus“, „Infantilität“, „Drogen“ und eben „Ikonizität“ zusammensetzt. Das System dahinter, wir haben es geahnt, ist ideologisch strukturierter, als es scheint, nur gibt es keine geschriebene Fassung der Smiley-Ideologie. Dagegen ist es immer eine Sache, sich von Smileys Grinsen anstecken zu lassen, und eine andere, davor in kosmische Verzweiflung auszubrechen: vor der Maske der Sinnlosigkeit. Was wäre, wenn wir in den Himmel kämen und Gott wäre – ein Smiley? Wir müssten uns erst recht nach der Hölle sehnen.

Autor: Georg Seesslen

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