Der Kapitalismus und die Postdemokratie geraten auch deswegen aus den Fugen, weil der Bürger auf seine innere Legitimation verzichtet hat: Bildung, Kultur und Reflexion. Ein „gebildeter Bürger“ würde niemals auf die Idee kommen, man müsse sich mit Thilo Sarrazins „Buch“ auseinandersetzen; es würde ein wenig Aristoteles genügen, ein paar Sätze Hobbes, von Heinrich Heine gar nicht zu reden, um nach drei, vier Seiten zu erkennen: Hier wird weder „gedacht“ noch „argumentiert“.

Brutale Bildungsbürger

Nein, wir haben es nicht vergessen: Auch und gerade deutsche Bildungsbürger sind mit fliegenden Blättern zu Hitler gelaufen; das humanistische Gymnasium hat nichts gegen die Unmenschlichkeit gehabt. Bildung hat noch niemanden davor bewahrt, politisch und ökonomisch eine echte Sau zu sein. Deswegen geht es bei der Beobachtung des Bildungs- und Kulturverlustes der bürgerlichen Klasse in Deutschland nur am Rande um nostalgische Wehmut (okay, dass die Bibliotheken verkommen und die Unis zu hirnlosen Karrieremaschinen werden, das tut schon weh) und schon gar nicht um die Verteidigung irgendwelcher Werte. Es geht schlicht um einen politischen Diskurswechsel in der Mitte der Gesellschaft. Es geht um den Zerfall der Klasse, die wir gestern noch als „herrschende“ missverstanden haben.

Bildung ist eine spezielle, bürgerliche Form der Organisation des Wissens. Dazu kommen eine „gepflegte“ Sprache, Manieren und Geschmack. Damit hielt sich eine Klasse zusammen, die in sich so widersprüchlich war, dass zu allem, was man über sie sagte, das Gegenteil genauso stimmte. Folgerichtig zerfällt eine bürgerliche Klasse ohne bürgerliche Kultur in ihre widersprüchlichen Einzelteile. Wenn es schon keinen Klassenkampf mehr gibt, dann ist wenigstens dieser Klassenzerfall doch historisch ziemlich spannend. Und mindestens genau so brutal wie der alte Klassenkampf. In Stuttgart, in Gorleben, in Hamburg und so weiter beginnen der Wirtschafts- und der Werteflügel des deutschen Bürgertums langsam, aber sicher auf einen gegenseitigen Vernichtungskrieg zuzusteuern, semiotisch einerseits, ganz direkt körperlich und biografisch andererseits. Leider gibt es keinen Dritten mehr, der über diesen Streit herzhaft lachen könnte.

„Bildung“ war für das deutsche Bürgertum meistens nicht viel mehr als ein Mythos; man hatte Bildung und konnte trotzdem grundblöd und moralisch unter aller Kanone sein. Aber der Mythos funktionierte, als Ritus und Zeremonie vor allem. Glauben wir also immer weniger an die Riten und Zeremonien der Demokratie und zweifeln noch mehr an den sozialen und moralischen Regeln, so muss noch mehr der Mythos her.

Jeder Held im Mythos ist zugleich die Wiederkehr und der Erlöser, das Alte und das mehr oder weniger rebellisch Neue, Jesus, Ödipus, Lady Gaga. Wir haben uns an den „Helden light“ gewöhnt: Freiherr von und zu Guttenberg ist so ein Held light, derzeit. Seine Botschaft lautet: Haar-Gel.

Gel signalisiert Selbstkontrolle

Das sagt er natürlich nicht so, sondern behauptet, er habe sein im Naturzustand ausgesprochen lockiges Haar nur auf diese Weise „zu bändigen“ gewusst. Anders nämlich als bei einem seiner Vor-Bilder – Michael Douglas Gordon Gekko aus den „Wall Street“-Filmen – wird das gegelte Haar hier nicht als Sinnbild von „Glattheit“ verstanden, sondern als Metapher der Kontrolliertheit. Ein gegelter Mann hat nicht nur sein Haar, sondern auch sich selbst unter Kontrolle. Der Mythos, sagt Roland Barthes, ist eine Möglichkeit, das Widersprüchlichste als Aussage zu vereinen und darin eine Überzeitlichkeit zu behaupten: Das war schon immer so! Welche Widersprüche vereinen sich zur Haar-Gel-Aussage?

Nun, zum einen ist es noch gar nicht so lange her, da galt der Gebrauch von Haar-Gel im Allgemeinen und von solchen alarmierenden Mengen insbesondere als Ausdruck von „Halbwelt“, als Geheimsignal unreifer Machosexualität. Dann wanderte der Stoff in jenes Segment des Mittelstands, das mit dem Neoliberalismus und mit Gekko-Sprüchen wie „Gier ist gut“ so was von einverstanden war. Gegeltes Haar trugen in den Neunzigern neben Türstehern auch ehrgeizige Bankangestellte.

Es war aber nicht so, dass Haar-Gel etwa „seriös“ geworden wäre, ganz im Gegenteil: Über das Haar-Gel eignete sich die Bürgerkultur des Neoliberalismus einen sozialen und sexuellen Anspruch der „Halbwelt“ an. Gegeltes Haar hieß nichts anderes als die Fantasie, das „Böse“ zugleich bewahrt und kontrolliert zu haben. Und Haar-Gel sagte: Eure Armut kotzt mich an. Haar-Gel war die mythische Erzählung vom verbürgerlichten Gangstertum, von der Erlaubnis zur Gier, vom Einverständnis mit der „wahren Natur“ des Kapitalismus. Und natürlich bedeutete es auch die – abgesehen von Neonaziglatzen – radikalste Abkehr von den „natürlichen“ Mähnen der Hippies.

Der Gangster-Bürger

Genau diese Doppeldeutigkeit, nämlich Bild erfolgreich-bösartiger Männlichkeit mit den Mitteln der kriminellen Ökonomie zu sein, Bild der Anpassung und Zähmung sowie Bild der verbürgerlichten Kriminalität und Bild der resexualisierten Bravheit – das machte den Mythos umfassend. Haar-Gel erzählte die Geschichte des deutschen Bürgertums in ihrem moralischen Verfall und ihrem ökonomischen Blasengewinn, Haar-Gel hielt die zerbrochene Welt von Börse und Sonntagsnachmittagskaffee zusammen.

Nehmen wir ein Haar-Gel-Triumvirat: den Politiker zu Guttenberg, den Fußballspieler Mario Gomez und den Bild-Chef Kai Diekmann, dann wird hier die mythische Sprache der Macht noch ein wenig deutlicher. Der Widerspruch zwischen Rebellion und Anpassung ist endgültig abgelegt, aufgelöst im Mythos einer „individuellen“ Erscheinung, mit der man eine Erzählung von Biografie und Herrschaft wiedergibt ohne den Umweg über, nun eben, die Bildung.

Warum, so könnte man fragen, muss ein deutscher Verteidigungsminister aus adligem Hause mit so massivem Einsatz von Chemie und Zeit seine vielleicht naturlockigen Haare so behandeln, dass er aussieht wie eine Mischung aus Gangsterboss, Finanzberater und Tango-Eintänzer? Eben vielleicht, weil in der Haargelfrisur die vier Kernfiguren des Neoliberalismus in einem mythischen Bild der „Kontrolliertheit“ zusammenkommen: der Gangster, der sich im Bürgertum etabliert; der stilbewusste Gierkapitalist des Booms; der snobistische Superkonsument, Schwiegermutters Liebling, der sich pflegt und benimmt und der ganz bestimmt nicht mit den Schmuddelkindern spielt.

Wenn so einer nicht Bundeskanzler wird, ja wer denn dann? Wo Angela Merkel herrscht, kann nur Haar-Gel revoltieren, um alles beim Alten zu lassen. Die Klasse ist sich noch einmal einig. Man ist brav und gierig, dämonisch und kontrolliert, legal und kriminell, elitär und volkstümlich. Und das alles ohne diese mühselige Bildung, ohne Kultur und Reflexion, ganz ohne das Gute, das Wahre und das Schöne.

Text: Georg Seeßlen

Bild oben und Teaser-Bild auf Startseite: © Free Software Foundation, Inc.; Autor Bangin

Text erschienen in taz, 08.11.2010


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