Fernsehen als Privatsache

Warum Günther Oettinger RTL beschimpfen kann

Herr Oettinger, der Ministerpräsident von Baden Württemberg, hat also bei einem Neujahrsempfang in Markgröningen RTL und verwandte Sender zum „Scheiß-Privatfernsehen“ ernannt. Natürlich stecken in einer populistischen Mediokratie wie der unseren hinter den dümmsten Sätzen die cleversten Strategien. Man muss dazu erst einmal ein paar Widersprüche auflösen. Einerseits gehört Herr Oettinger ja zu der Partei, die das Privatfernsehen mit mächtigem Schwung und sonderbaren Allianzen befördert hat. Und andererseits verkündet Oettingers Kollege Koch seine Kampagne von Jugendgewalt und Strafphantasie gerade in der Bild-Zeitung – oder verhält es sich eh schon umgekehrt? -, also in einem Medium, das weder für guten Geschmack noch für die Förderung integrativen Weltwissens bekannt ist. Bild-Zeitung: gutes Medium. Privatfernsehen: Scheiß-Medium. Wie kommt das?

Als in den neunziger Jahren das Privatfernsehen in Deutschland damit begann, die ästhetischen und moralischen Untiefen des deutschen Zuschauers auszuloten, kam das Schmuddelblatt in eine Sinnkrise, die es zu überwinden hoffte, indem es sich auch anderen Themen zuwandte: allgemeinen Lebensproblemen der „kleinen Leute“, Zootieren und nicht zuletzt der Politik. Hatte es vorher zumindest eine diplomatische Distanz gegeben, so haben seitdem Politik und Showbusiness die Bild-Zeitung in den Rang eines Leitmediums erhoben. Was man uns von oben mitteilen will, das teilt man uns in aller Regel durch die Bild mit. Das einstige Leitmedium Fernsehen dagegen zerfiel in seinen Quotenkriegen und Spartenwucherungen zu einer unübersichtlichen Landschaft verschiedenster Formen von Belanglosigkeit, Peinlichkeit und Regression. Erfolg bedeutet in aller Regel, die Konkurrenz mit Sex, Crime und Dummheit zu überbieten; die moralische Empörung gehört dabei zum Spiel.

Auf diese Weise freilich retten sich Sender und Senderketten zwar permanent auf ihrem selbst definierten Markt, politisch (und daher am Ende auch ökonomisch) aber betreiben sie ein Projekt der Selbstaufhebung. Die einzige Nachricht, die sie noch verbreiten, besteht in der Ekelgrenze, die nun schon wieder überschritten wurde. Prominente werden im Privatfernsehen entweder gleich selbst erzeugt, oder sie werden in Dschungelcamps als Hanswurste vorgeführt. Die große Hoffnung der Parteien, im Privatfernsehen einen idealen Transformator von wissenschaftlichen und politischen Interessen zu erzeugen, erfüllte sich nicht. Während sich mit der Bild-Zeitung nun Politik machen lässt (wenn auch keine gute), betreibt das Privatfernsehen die Vernichtung von Politik. Es hält, und das ist vielleicht eine besonders krause Form des Realismus, die Welt von Politik, Arbeit, Information und Kultur für Quatsch mit Soße. Im Privatfernsehen haben die Konzerninteressen über die Nationalökonomien gesiegt, und die Markenware über die Meinung; man kann es nur benutzen, wenn man es kauft. Das altertümliche Wort „Entpolitisierung“ ist denn auch falsch. Es handelt sich vielmehr um eine Form des Entsozialisierens und des nihilistischen Entdemokratisierens. Man stelle sich vor, Roland Koch hätte statt in der Bild-Zeitung in den RTL-Sendern seine psychotische Wahlkampagne eröffnet. Wir hätten noch nicht einmal gemerkt, ob da ein komischer Politiker oder ein Comedian, der einen komischen Politiker nachäfft, am Werk ist.

Herr Oettinger also attackiert das Privatfernsehen aus drei Gründen: Erstens natürlich, weil er sich davon Zuspruch aus der, nun ja, Mitte verspricht. Zweitens, weil es ungefährlich ist, das „Scheiß-Privatfernsehen“ zu attackieren. Die, die er damit trifft, wählen Herrn Oettinger sowieso nicht, und die Medien selber haben sich fachgerecht für gesellschaftliche Impulse entwertet. Und schließlich trifft Oettinger drittens durch das Medium dessen vermeintliche Klientel. Es ekelt ihn nicht nur vor dem Medium, das seine Leute geschaffen haben, es ekelt ihn auch vor den Menschen, die sich, möglicherweise, davor amüsieren wie Bolle.

Bolle übrigens hat sich, meiner Kenntnis des Berliner Liedes nach, mehr oder weniger zu Tode amüsiert.

Autor: Georg Seesslen

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