Perestroika in Bayern

Der Ameisenstaat, der Familienzwist und die Mafiaherrschaft

Don Edmondo, das System CSU und seine Krise

Eines unserer vielen Probleme besteht darin, dass sich unsere Arbeit, unsere Begriffe, Bilder und Erzählungen, dass Macht und Sexualität sich in einem System verhalten, von dem niemand weiß, wie es funktioniert. Ja, möglicherweise »funktioniert« es überhaupt nicht in dem Sinn, dass es seinen Bauplan und seine Regeln enthält.
Und umgekehrt kann man selber nicht funktionieren in einem System, dessen Funktionieren man nicht kennt. Deshalb machen wir uns Vorstellungen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht.

Zwei Begriffe kreisen in diesem System, das eine wird »Freiheit« genannt, das andere »Demokratie«. Freiheit bedeutet, dass das einzelne Element des Systems sich bis zu einem gewissen Grad auch unabhängig von der Ordnung des ganzen entfalten und, zum Beispiel, sich ihm entziehen oder es in Frage stellen kann (mal sehen, wie weit es damit in der Praxis kommt). Demokratie bedeutet, dass sich jedes einzelne Element an der Ordnung des Ganzen beteiligen und anteilig auf es einwirken kann.

Check and balance. Die Macht muss begrenzt, kontrolliert und im Fluss gehalten werden, und zwar überall, in allen Medien (Zeit, Raum, Subjekt etc.) und in allen Institutionen, sie muss sich gegenseitig kontrollieren (in der Gewaltenteilung) und sie muss sich vom Volk kontrollieren lassen (durch Wahlen, durch freie Versammlung, durch die Medien, in einem möglichst ratio­nalen Austausch von Macht und Ohnmacht). Vom Inneren dieses Systems erfahren wir durch dieses Modell herzlich wenig.

In der bürgerlichen Gesellschaft sollten Freiheit und Demokratie an das Subjekt gebunden sein; das freie Subjekt soll Anteil am demokratischen System haben. Das war vorher nicht so, und danach, also jetzt, ist es auch nicht mehr so.

Die Verbindung von Produktion und Herrschaft benutzt anstelle des freien Subjekts etwa die mediale Verstärkung der Interessen, die Kontrolle der Zahl (in Umfragen und Hochrechnungen), den »Sachzwang« oder die Verwandlung wechselseitiger Abhängigkeiten in symbolische Politik. Wir können, wie gesagt, nicht wissen, wie dieses System funktioniert, weshalb das öffentliche Modell und die fiktionale Behandlung stets auseinander gehen. Während der Politiker im Musikantenstadl Wahlwerbung betreibt, wird im Krimi nebenan von seiner Korruption geträumt.

Sanfte Diktatur

Der Freistaat Bayern hat eine Herrschaftsform entwickelt, die man nicht mit den Begriffen Freiheit und Demokratie beschreiben kann; es scheint, genauer gesagt, als sei sie dazu gedacht, immer wieder das Innere des Systems, wie wir es ansonsten nur aus den Fiktionen kennen, nach außen zu kehren. Es gibt weder einen check noch eine balance, es ist eine Einparteienherrschaft, die von einer Einmannherrschaft getragen wird, und umgekehrt, allerdings ist diese Form der Alleinherrschaft durch alle vorgeschriebenen demokratischen Rituale legitimiert.

Die Formen der Tyrannei, der Druck auf die Dissidenz, die Steuerung des öffentlichen Diskurses, die Vernetzung von ökonomischer, politischer und geistiger Macht, die Aufhebung von Rechten und die Konstruktion von Feindbildern geschehen auf gewissermaßen sanfte Weise. Die Macht in Bayern ist eine Form der Diktatur, mit der die Mehrzahl der Menschen einverstanden ist, auch wenn ihnen die Unmoral dieser Herrschaft durchaus bewusst ist. Dasselbe kann man übrigens von der Mafia im Süden der italienischen Halbinsel sagen, nur dass die Grenzen und Verquickungen zwischen Politik, Familie und Ökonomie anders verlaufen. Sie verlaufen anders, aber es sind die gleichen.

Bayern also ist ein Modell für die Abschaffung der Demokratie inmitten der Demokratie – natürlich nicht das einzige, aber ein besonders theatralisches. Was wir nun also sehen, ist die Ablösung eines Herrschers in diesem nichtdemokratischen Subsystem in der Demokratie. Der Herrscher in diesem System ist mit legalen und eben demokratischen Mitteln nicht loszuwerden, einerseits weil er sich in einem Netz der Gefolgschaft, der Abhängigkeit und der gegenseitigen Verpflichtung befindet, zum anderen weil dieser Herrscher in einer Öffentlichkeit geborgen ist, die ihn gar nicht lieben muss, um den Verräter und den gerne auch schon in der politischen Rhetorik der Medien so genannten Königsmörder zu hassen.

Der mehr oder weniger öffentlich vollzogene Sturz des Herrschers und die Umstrukturierung der Machtverteilung vollziehen sich daher in einem unerwartet wahrhaften Selbstausdruck des eigentlichen Systems. Um es zu beschreiben, schlage ich drei Abbildungsmodelle vor, das Ameisenvolk, die Familie und die Mafia.

Offensichtlich war der Sturz des Paten Don Edmondo schon länger beschlossene Sache. Die Frage war nur zu verhindern, dass einer der Königsmörder dabei selbst in den Abgrund stürzt, dass also der Gegenschlag der Macht, das Monopol der Herrschaft diese stärken würde, wie es in Diktaturen und in einer terroristischen Vereinigung der Fall ist. Was man benötigt, sind drei Elemente:

Erstens: einen Attentäter, der selbst außerhalb der Schussweite für den Gegenschlag der Macht ist, der also bei seiner Attacke nicht wirklich seine Existenz verlieren kann, umgekehrt aber, würde er »vernichtet« werden, keine Lücke in den Macht­strukturen reißen würde. Der Schurke darf kein Format haben, am besten ist es, wenn er gar nicht recht weiß, was er da anstellt.

Außerdem muss es sich wirklich um ein Gegenbild handeln, sodass der Diskurs nicht einfach auf eine »ödipale« Macht­über­nahme des Vatermordes zurückzuführen wäre. Der Mörder des Don ist weit entfernt vom wahren Macher des neuen Don, und dieser wiederum ist entfernt genug vom wirklich neuen Don, um jemanden »verantwortlich« zu machen.

Man kann das als eine Verschwörung oder einen Putsch bezeichnen, wie es die Kritiker in den Medien gern tun, es ist aber ein filigraneres Vorgehen, das in der Zeit von Lucky Luciano perfektioniert wurde. Der Machtwechsel, der ansteht, wird in einer Abfolge von gegenseitiger Absicherung nach dem Prinzip von Handlung und omertà vollzogen. Es ist das Paradox einer Verschwörung ohne hierarchische Form. Diesen Aspekt werden wir nach dem Modell der Mafia zu beschreiben versuchen.

Zweitens: Das Attentat muss außerhalb einer wirklichen Veränderung oder gar Gefährdung des Systems stattfinden. Die Voraussetzung schien zunächst günstig. Das System CSU ist durch den Königsmord nicht gefährdet, so viel lässt man sich vorher von den Medien und den Umfragen bestätigen.

Die Mehrheit der Menschen in Bayern wäre Edmund Stoiber gerne los. Genau genommen sind es nach einer Umfrage des Stern 60 Prozent. In der Partei dagegen sind es immerhin 52 Prozent, die ihn behalten wollen. 53 Prozent der Wähler und 51 Prozent der CSU-Mitglieder würden den Vorschlag der Landrätin Gabriele Pauli begrüßen, den Spitzenkandidaten »demokratisch« oder »plebiszitär« durch die Mitglieder bestimmen zu lassen. 54 Prozent der Wähler würden sich trotz allem und unabhängig von ihnen für die CSU entscheiden.

Die ganze Inszenierung ist also vollkommen unabhängig vom Funktionieren des Systems CSU, der gegenüber alle anderen Parteien »Splitter« sind, Minderheitenausweise. Plötzlich aber verkehren sich die Werte, ein dramatischer Einbruch könnte die »absolute Mehrheit« kosten, sodass nun in der Tat »Handlungsdruck« entsteht. Besser könnte man Zahlen nicht erfinden, aber vielleicht sind sie das ja auch.

Indes: Selbst wenn nun für den Augenblick die Umfragewerte der CSU zum ersten Mal gar unter der 50-Prozent-Marke liegen, ist doch weiterhin keine wirkliche Gefahr in Ermangelung eines Gegenentwurfs vorhanden. Der Königsmord muss den Hofstaat festigen; seine Modernisierung am Ende durch Effizienz belohnt werden. Nach dem vollzogenen »Machtwechsel« ist die alte Mehrheit wieder da, versprochen. Diesen Aspekt werden wir nach dem Modell des Ameisenvolkes zu beschreiben versuchen.

Drittens: Das öffentliche Schauspiel muss sich so gestalten, dass vom Wesentlichen abgelenkt ist und sich emotionale und melodramatische Rollenverteilungen ergeben, wie wir sie aus der soap opera gewohnt sind. Jede Familie (Wohngemeinschaft, Clique) hält insofern zusammen, als sie hierarchisch flexibel ist. Während die alte, patriarchale Familie mit dem (zumindest äußerlichen) Machtanspruch des Vaters den ödipalen Bruch zielstrebig produzierte (der Staat basierte nicht nur auf den Familien, sondern vor allem auf den strukturierten Generationsbrüchen – den Vater fliehen, ihn widerlegen oder, am besten, übertrumpfen), wechselt die neue »demokratische« Familie ihre Machtkonzentrationen in Allianzen und Übertragungen.

Eine Regierung ist nun offensichtlich nicht nur Abbild einer Familie, sondern übernimmt auch deren Balance der Macht, sodass man eine Regierung zum Beispiel führen kann wie eine Kümmerschwester, ein »altes Mädchen«, wie eine Bande von new boys, forschen Söhnchen oder wie ein starrsinniger alter Vater. Versuchen wir, was in der CSU geschieht, auch nach dem Familienbild zu verstehen.

Anarchistische Ameisen

Warum »funktioniert« ein Transportweg von einem Beuteort zum Zentrum bei einem Ameisenvolk? Die einzelnen Tiere folgen Kommunikationslinien, Gerüchen, Tänzen, Gesten usw., welche die richtige Straße markieren, nach aller Wahrscheinlichkeit ist es die kürzeste Verbindung zwischen dem Ort der Ernte und dem Ort des Verbrauchs von Nahrung.

Früher oder später tanzt eine der Ameisen aus der Reihe. Entweder geht sie verloren, oder sie kehrt von ihrem Irrweg zurück. Oder aber sie entdeckt einen neuen, besseren Weg. Dann sind die anderen Ameisen bereit, ihre neuen Kommunikationsmittel zu übernehmen. Das System hat gelernt, sagt man, man könnte auch sagen, eine »freie« Ameise hätte einen »demokratischen« Prozess initiiert. (Unglücklicherweise treffen sich die Ameisen, dies zu feiern, nicht im Biergarten unter den Tannennadeln, sondern setzen die Effizienz direkt ins Wachstum des Systems um. Jedenfalls sieht das so aus: Man schaut ja nicht hinein in so eine Ameise.)

Der beobachtende Mensch, der Subjekt-Junkie, behauptet, das Ameisenvolk als ganzes sei so intelligent wie die einzelne Ameise dumm. Die Frage ist: Verhält sich die Ameise, die aus der Reihe tanzt und dadurch einen neuen Weg freimacht und das System verändert, und somit stabilisiert, wie in einem Experiment, in einem Fehler, in einer Revolte; ist sie, gemessen an den Kollegen, besonders klug oder besonders blöd, und muss es unter Ameisen also Konformisten, Außenseiter, Konservative und Rebellen geben?

Menschen sind natürlich keine Ameisen. Aber einige sind es nicht ganz und gar nicht. Nehmen wir das Herrschaftssystem CSU in Bayern als Beispiel. Natürlich ist dann die Landrätin Pauli die Ameise, die aus der Reihe tanzt. Warum sie das tut, weiß eigentlich niemand so recht, wahrscheinlich liegt es an einem gewissen Energieüberschuss. Was die freilaufende Ameise anrichtet, ist ja nur auf den ersten Blick Unordnung, tatsächlich läuft alles nur auf eine gesteigerte Effizienz, auf eine Verkürzung des Weges zwischen den Beuteorten und dem Macht­zentrum hinaus.

Ist der Umbau der Kommunikationslinien erst einmal eingeleitet, verschwindet die freie Ameise wieder in den Reihen der Arbeiter, was Frau Pauli unter anderem dadurch bewerkstelligt, dass sie sich rhetorisch unsichtbar macht. Sie will, was das anbelangt, nicht als Subjekt in Erscheinung treten (obwohl die Rolle der freien Ameise in letzter Zeit von der Wissenschaft oder von computergenerierten Animationsfilmen neu bewertet wird: Vielleicht unterschätzen wir ja den Beitrag der einzelnen Ameise und überschätzen die Klugheit des Systems).

Wie dem auch sei: Das Ameisenvolk richtet sich durch einen etwas aufgeregteren Kommunikationsaustausch, durch kurzfristig gesteigerte Sensibilität gegenüber Gerüchen, Gesten und Tänzen auf die neuen Kommunikationswege ein. Und nun wird die Ameise, die auf dem alten Weg beharrt, zum Problem. Eine Zeit lang kann man beobachten, wie beide Fraktionen etwa gleich stark sind und jede einzelne Ameise wiederum »überzeugt« werden muss, dann setzt sich der neue Weg durch.

Das Entscheidende bei alledem ist indes, dass das System sich gegen alle Impulse durchzusetzen und zu bestärken versteht. Der Krisenfall einer Subjektkatastrophe, also zum Beispiel eines Menschen, der die moralischen Konflikte in seiner Person nicht erträgt und zu einer gänzlich antisystemischen Tat schreitet, oder gar die Vorstellung eines »Systemwechsels« ist in der bayrischen Form der Herrschaft ebenso wenig vorgesehen wie eine öffentliche Erregung, die über den Schaucharakter der Neuformulierung der Kommunikationswege hinausgeht.

Im Ameisenvolk gibt es zwar die »Anarchisten«, die die neuen Wege auskundschaften, wenn vielleicht auch aus Versehen, aber es gibt nicht die Vorstellung von »Opposition«. Damit verhält sich das System auch in besonderer Weise inversiv. Es funktioniert, selbst für die mürrischste Ameise, perfekter und in gewisser Weise vorteilhafter als alle anderen Systeme, aber um so perfekt zu funktionieren, muss es sich als geschlossenes System verstehen. Da es sich unentwegt modernisiert, um sich der Modernisierung zu entziehen, fühlt sich jede einzelne Ameise zugleich stark und hilflos.

Obwohl es in diesem System so viele »starke Sprüche«, »starke Männer« (und sogar »starke Frauen«) gibt, existiert in diesen dichten Kommunikationswegen kein eigentliches »politisches Subjekt«. Die Vorstellung, einen Politiker »zur Verantwortung zu ziehen«, ist so absurd wie die, in einem Ameisenvolk würde der Beutetransport unterbrochen, um einer Ameise den Prozess zu machen.

Der Don ist tot

Das zweite System mit dem man, neben dem Ameisenstaat, das System CSU in Bayern vergleichen kann, ist das System Mafia. Mafia existiert nicht, Mafia geschieht, durch eine Vernetzung der Abhängigkeiten vom obersten Don bis hinunter zur kleinsten Erpressung und zum Schweigegebot vor Ort. Paradoxerweise funktioniert das System Mafia nur, insofern es nicht vollkommen und radikal identisch mit dem Staat wird (denn sonst würde ja zwischen dem Legalen und dem Illegalen kein Unterschied mehr existieren, und aus der Spannung zwischen dem Legalen und dem Illegalen könnte demnach auch kein Profit mehr gezogen werden können).

Auch so ist Herbert Achternbuschs Aussage zu verstehen, dass Bayern aus lauter Anarchisten besteht, die CSU wählen. Die Grenze zwischen Mafia und Staat verläuft nicht an, sondern in der Partei; eine einzelne Entscheidung, eine einzelne Praxis der Macht, hat in der bayerischen Provinz fast immer sowohl einen staatlichen als auch einen mafiösen Aspekt. Sie ist gesetzlich, und sie nutzt immer wieder den gleichen Menschen und Institutionen; sie ist rechtsetzend und subversiv.

Es geht also nicht um eine Identität von Staat und Mafia, sondern um das Gegenbild eines von der Mafia unterwanderten Staates, nämlich um die von Staatlichkeit durchsetzte Mafia. Das System benötigt, um zu funktionieren, ein feindliches Außen, das es nicht nur zu benutzen, sondern auch zu täuschen gilt. Die Macht in Bayern und die Macht in Deutschland verhalten sich zueinander inkompatibel, und jede Krise des Systems beginnt mit dem Versuch, bayerische Macht nach Deutschland auszudehnen.

Diese Doppeldeutigkeit der Herrschaft in Bayern ist nur einerseits Maskerade, sie ist andererseits auch nichts anderes als praktizierte Schizophrenie. Man muss nur eine lokale CSU-Veranstaltung oder aber eine der großen Bierzeltorgien beobachten, um zu begreifen, dass die Anhänger dieser Herrschaftsform in ihren Führern beides zugleich sehen können: Repräsentanten eines stabilen Staats (eines Ameisenvolkes) und Protagonisten einer verschworenen Geheimgesellschaft mit geheimen Ritualen und Codes (der mafiöse Aspekt), die einerseits gegen den Rest der Welt im allgemeinen, andererseits gegen die Zentralmacht im besonderen, zum dritten aber auch gegen den offiziellen Code im eigenen Land gerichtet ist, sowie familiäre Onkel, Spezis und Geschwister.

Diese Doppel- oder gar Dreideutigkeit erklärt, warum die Einparteien- und Einmannherrschaft nicht wenigstens das wird, was sie überall sonst wenigstens würde, nämlich langweilig. Die Herrschaft von Helmut Kohl in Deutschland, die im Inneren große Ähnlichkeiten mit der Herrschaft Stoibers hatte, wirkte auf ihre furchtbare Dauer ausgesprochen lähmend. Die CSU-Herrschaft in Bayern dagegen entbehrt fast nie der hysterischen Erregung.

Zum anderen aber wird sie nicht langweilig, weil sie eine permanente theatralische Veranstaltung ist. Entweder gibt der Einmannherrscher eine ständige Show, das war das System von Franz Josef Strauß, zu dessen »barocken« Umgangsformen es gehörte, den Mafiacharakter seiner Herrschaft gelegentlich in der Form folkloristischer Anfälle nach außen zu kehren, nach der Art des »Wer mich hindert, an die Macht zu kommen, den bringe ich um«, oder aber die Partei gibt eine beständige Show, wie es in der Zeit von Stoiber der Fall war, dessen Herrschaft sich institutionalisierte.

Zu den mafiösen Strukturen, die in dieser Ära an die Oberfläche traten, gehörten gegenseitige Bespitzelung, gezielter Rufmord, Bestechung und Drohung. Erwischt wurden indes nur die Unterpaten, und man konnte sich darauf verlassen, dass keiner der zahlreichen »Skandale« über Stimmenkauf, Erpressung, Bespitzelung und Rufmord das Herrschaftssystem Zustimmung in der Bevölkerung kostete.

Der Pate Stoiber, der Don der Dons im Süden, kam als Modernisierer unter dem Motto »Laptop und Lederhosen« an die Macht – was man anderswo vermutlich übersetzen würde mit »Kalaschnikow und Analphabetismus«; er war das asketisch-technokratische Gegenbild des alten Don, der die Macht genoss, öffentlich trank und hurte und die Sprache der Bauern so sehr sprach wie die der Pfaffen. Die Modernisierung ist mittlerweile mehr als abgeschlossen; es ist abzusehen, dass auf den barocken Gewalt- und Genussmenschen und auf den spitzen Technokraten der Macht nun ein Krisen-Don folgen muss, der das System mit besonders groben Mitteln den neuen Gegebenheiten anzupassen versteht, ein Don, der mit dem Terror umzugehen weiß, da die Beute knapper wird. Der Modernisierungs-Don steht der nächsten Modernisierung im Wege.

Dazu kommt natürlich, dass der alte Don gravierende Fehler beging. Der größte Fehler dieses Don war es, vor dem Aufstieg in eine unsichere Region zurückgeschreckt zu sein. Eine solche Schwäche kann das System nicht verzeihen, auch wenn es eine Zeit braucht, um sich dagegen zu formieren. Denn mit seinem Rückzug aus Berlin hat nicht nur Stoiber sich selbst im vermeintlich sicheren Bayern verschanzt, er hat vielmehr Bayern selber als Rückzugsgebiet von den Zentren der Macht isoliert. Er hat damit nicht nur sich im System, sondern auch das System als ganzes geschwächt.

Andere lokale Dons haben einen größeren Einfluss auf die Politik gewonnen, und in der lokalen Region mussten die Daumenschrauben angezogen werden, das heißt: Die Administration Stoiber begann zu sparen, wo es auch den eigenen Leuten wehtat. Der Ungenuss der Macht setzte sich nach unten fort. Schwerer Fehler.

Natürlich ist es auch kein allzu großer Vorteil, rhetorische Lachnummern in Serie zu liefern. Nicht etwa, weil man hierzulande gerne »kluge Politiker« hätte, oder gar, weil man den Nonsense-Rap nicht zu schätzen wüsste, mit dem man sich über die Regeln der bürgerlichen Aufklärung hinwegsetzt, sondern weil Stoiber sich an seinen eigenen Codes verhedderte. Ein Technokrat sollte wenigstens die Grundregeln von Wörterbuch und Satzbau beherrschen. Dieser Don sollte ja Repräsentant von Bürgerlichkeit und Modernität nach außen sein (nur so konnte man diesen jesuitischen Machtfetischisten ertragen).

Seine Gegner benutzen diese Schwäche so oder so. Seehofers Äußerungen über die Stoiber-Angelegenheit, das muss man genauer untersuchen, enthält so viele »Ähs«, wie dieser geborene Königsmörder sonst nie benötigt. Und Günther Beckstein dementiert öffentlich so formelhaft, was er zugleich gezielt streut, dass er als Nachfolger zur Verfügung steht. Die Lächerlichkeit, die tötet, forciert die Bewegung zum Fall eines Don, der die Unbotmäßigkeit seiner Gefolgsleute nicht mehr bestrafen kann. (Die hitmen wechseln traditionsgemäß die Seiten als erste.)

Schließlich aber ist das größte Vergehen die Verkennung der eigenen Position. Dass Don Edmondo seine Herrschaft über Jahre hinaus festgeschrieben hat, war das Todesurteil, also der verhängnisvolle Satz: »Wer mich kennt, der weiß, dass ich keine halben Sachen mache.« Eine Stoiber-Herrschaft bis zum Jahr 2013 kann weder von den lokalen Dons noch von den wahren Bossen in den Hinterzimmern akzeptiert werden, und dass Stoiber den Solidaritätstext von Alois Glück als Freibrief für die Verewigung seiner Macht missbrauchte, beraubte ihn seiner Männer im engeren Kreis: Rico musste sterben, als er begann, sich wirklich für einen kleinen Caesar zu halten. Wie Caesar sterben musste, als er sich unsterblich zu machen anschickte.

Natürlich gibt es auch größere Linien in der Entwicklung des Systems; die agrarische Mafia ist eine andere als die industrielle Mafia, und diese eine andere als die postindustrielle, auch wenn die eine immer die vorhergehenden enthält und gewisse Formen davon imitiert. Das heißt, die Stabilität des Systems wird paradoxerweise auch wieder seine Schwäche, und die perfekte Art der Machterhaltung macht die notwendigen Machtwechsel ausgesprochen dramatisch.

Ab einem bestimmten Punkt nun dreht sich die Bewegung im System um. Vorher war es gefährlich, mit den Königsmördern in zu naher Tuchfühlung zu erscheinen. An diesem Punkt wird die Treue gefährlich; mit diesem König unterzugehen, ist freilich ganz und gar nicht attraktiv. Schließlich entsteht nach Provokation, Zögern und Organisation eine vierte Phase. Der Königsmord wird gleichsam zum Rausch, plötzlich will jeder Hinterbänkler, jeder Straßen- und Parteisoldat schon immer gewusst haben, dass der König weg muss; vorher trugen viele den Dolch im Gewand und wagten nicht zuzustechen, jetzt stechen selbst die zu, die sich noch gar keinen Dolch zu tragen getrauen. Der Don hat keine Freunde.

Der Beginn der Revolte gegen den Alleinherrscher begann bemerkenswerterweise mit einer modernistischen Geste. Die Landrätin Gabriele Pauli rief im Internet die Bevölkerung zur Diskussion über die politische Zukunft des in Berlin gescheiterten »Landesvaters« auf.

Sie traf damit eine wunde Stelle; nicht der Mangel an Demokratie, sondern die Verweigerung gegenüber dem populistischen Anteil der Alleinherrschaft machte Stoiber zu schaffen, und so wurde die Arroganz gegenüber Pauli eine Arroganz gegenüber der Herrschaftsform der Volkstümlichkeit. Es zeigte sich, dass Stoiber nicht nur in keine Lederhose passt, sondern dass er auch die Macht der Laptops nicht wirklich versteht. »In der CSU wird nicht geputscht« heißt nicht nur, dass man es hier nicht so nennt, es heißt auch, dass die Inszenierung auf mehr als einen bloßen Machtwechsel hinaus will.

Warum aber muss Edmund Stoiber weg? Was das Ameisenvolkmodell anbelangt, wohl deswegen, weil er verhindert, dass die neuen Wege ausprobiert und in neue Kommunikationswege verwandelt werden. Die Subjekt-Junkies nennen so etwas möglicherweise »Sturheit« oder »Unbelehrbarkeit«.

Die neuen Wege bestehen nicht nur aus dem Laptop/Lederhosen-Diskurs, dem Diskurs zwischen Kapitalismus und Unterentwicklung, jedenfalls geht es um eine Modernisierung des Systems, in dem Stoiber nicht nur zu dumm, zu langlebig und zu unpopulär ist, sondern in gewisser Weise auch zu moralisch. Was nach Stoiber kommt, kann, wie stets nach dem Tod des Don, nur moderner, das heißt noch korrupter, gewalttätiger und rücksichtsloser sein.

Ein Familienzwist

Der Diskurs Patriarchat versus Populismus, innere Machterhaltung versus äußere Legitimierung, neue Wege versus alte Beziehungen und so weiter, der Diskurs der Generationen und der Diskurs der Geschlechter – all diese Schauspiele machen das Geschehen, das im Kern vielleicht ausgesprochen trivial ist, mehrdeutig und gefüllt.

Die politische Ermordung von Edmund Stoiber ist ein Schauspiel, das weit über die bayrischen Grenzen hinaus wirkt. Vielleicht, weil sie das Funktionieren des Ameisenstaats für den Augenblick sichtbar macht, vielleicht weil sie die mafiöse Struktur für den Augenblick dramatisiert, vielleicht aber auch, weil sie auch einen intimistischen, einen familiären Aspekt aufweist.

Da ist einmal eine »Tochter«, die sich gern medial bescheinigen lässt, wie jung, wie gutaussehend, ja sogar (nur bitte nicht übertreiben, wir sind katholisch) »sexy« sie ist, die sich gegen einen Vater auflehnt, der hauptsächlich aus äußerer Form besteht. Die Tochter spricht nicht nur für ihr Geschlecht innerhalb des Systems (das ein anderes ist als außerhalb, man könnte vielleicht sogar von der Konstruktion einer CSU-Weiblichkeit sprechen, so zwischen Ameise und Mafia-Braut), nicht nur für ihre Generation, sondern auch für eine vernachlässigte Peripherie des Systems.

Das Zentrum der Macht, der absolut unsexy wirkende Vater, ist auf eine Weise versteinert, dass sein Bild (sein Geruch, sein Gestus, sein Tanz) die äußeren Wege nicht mehr enthält. Die Familie ist mit einem solchen Vater zwar extrem stabil, aber sie hat weder eine innere Spannung noch eine Zukunft. Die wechselnden Allianzen und die Tollheiten der Kinder gehen am Oberhaupt vorbei, sodass sich die Wege zwischen Beuteort und Machtzentrum zerstreuen. Der Vater, könnte man sagen, ist fast nur noch mit sich selbst beschäftigt.

Der Platz der Mutter, ja der Platz der Frau ist vakant, und bemerkenswerterweise stellt sich etwas, das als »CSU-Frauenriege« bezeichnet wird, an diese Leerstelle, um den Vater zu verteidigen. Merkwürdig übrigens das gebrauchte Wort »Riege«, das einmal für den disziplinierenden Männersport und das Ornament der Masse geprägt wurde und das offensichtlich nur noch in Beziehung mit »Frau« benutzt wird.

Die Frauen in der CSU sind mehr als die Männer gespalten in den Teil, der dem System nutzt, und den anderen Teil, dem das System nutzt. Die CSU ist eine Karrieremöglichkeit (in einem Land, in dem die Karrieremöglichkeiten für Frauen doppelt begrenzt sind und noch mehr als anderswo darauf hinauslaufen, dass man die männliche Konkurrenz in allem übertrumpfen muss, auch an reaktionärer Rhetorik und persönlicher Korruption), und die CSU ist auch eine Karrierebegrenzung.

Die junge Landrätin (mit der zaghaften Unterstützung auf der einen, der pflichtschuldigen Reaktion auf der anderen Seite) drückt diesen Widerspruch perfekt aus. Die Tochter, der gegenüber der Vater sich auf indiskutable Weise arrogant und gleichgültig zeigte, versucht, das Kunststück fertigzubringen aufzubegehren, ohne zu revoltieren. Sie rächt sich für eine Ignoranz des Vaters, der selber gerade von einer älteren Schwester, vom »alten Mädchen« Angela Merkel, böse zurechtgestutzt wurde.

Das System CSU hat es nun ganz buchstäblich mit einer »Schwesterpartei« zu tun, die den Überschwang nur in engen Grenzen duldet. So aber kann der technokratische Sohn des Paten nicht zum Vater werden! Aber zum kleinen Bruder zurechtgestutzt (und viel zu spät bemerkend, in welche Falle er da tappte), wird seine Macht böse und leer. Er versuchte, sich in der Familie unantastbar zu machen, und wurde dabei vor allem unberührbar.

Dieser Vater, der in Wahrheit nur ein autistischer Knabe ist, würde, das muss ihm selber so scheinen, immer wieder an den Frauen in der Familie scheitern, und zwar auf eine besondere Weise, nämlich durch die Verkennung des Umstandes, dass sie ihn eigentlich gern lieben würden. Er verweigert alle Brücken, die sie ihm bauen, denn er hat nicht nur Angst vor ihrer Macht, sondern vor der bloßen Berührung mit ihnen.

Aber dieser Vater, der weder begehren noch lieben kann, der aber auch keinen homoerotischen Flair entwickelt und am Ende am allerwenigsten zum Großvater taugt, der mit Enkeln Eisenbahn und Puppenstube spielt, Verständnis hat, wo die kleinbürgerlichen Väter streng sein müssen, dieser Vater hat sich schon verloren, bevor er vertrieben werden kann.

Edmund Stoiber hat in der imaginären Familie der Herrscher einfach keinen Platz gefunden, seine stilisierte Überhöhung aber zur gleichen Zeit selbst durch sein Gestammel untergraben. So entstand Macht ohne Autorität, Abhängigkeit ohne Beziehung, Zusammenhalt ohne Wärme.

Der Vater ist schon weg. Das bayrische Ameisensystem hat sich schon neue Kommunikationswege zwischen Beute und Zentrum gesucht. Die Ermordung des Don zur neuerlichen Modernisierung der Mafia ist beschlossene Sache. Peinlich, ja fast schon ein bisschen gefährlich, ist die Zähigkeit des Vorgangs: Vielleicht wird doch ein bisschen mehr sichtbar als vorgesehen.

Autor: Georg Seeßlen
Text veröffentlicht in jungle world Nr. 04, 01/2007

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