Woher kommt die plötzliche Erregung über die so genannte Unterschicht? Und was bleibt von dem Begriff übrig, wenn er einmal durch die Diskursmaschine gedreht wurde?

Diesmal ist es aufgefallen, sogar dem Main­stream. Dass in einem von Politikern angezettelten und von ihren Medien­ver­stär­kern sofort breitgetretenen Diskurs etwas Grunddummes, Verlogenes und Inhumanes steckt. Seit geraumer Zeit geht das Spiel schon so: Kurz bevor alles vor Langeweile und Verzweiflung eingeschlafen ist, wirft ein Politiker einen sonderbaren Begriff hin.
»Heuschrecken-Kapitalismus« heißt es einmal, »Fremdarbeiter« ein andermal, dann wieder »nationale Normalität«. Eine Welle der Erregung ergreift jene, die kurz davor waren einzuschlafen.

Niemand darf keine Meinung zum Erregungsbegriff haben, so wie auch niemand bemerken darf, dass der Kaiser nackt ist. Das Wesen des Erregungsbegriffs ist die Erregung. Niemand darf behaupten, dass der Erregungsbegriff nur einen Inhalt hat, nämlich die Grunddummheit, Verlogenheit und Inhumanität unserer medienpolitischen Herrschaft. Der Begriff muss im Gegenteil hin- und hergewendet werden, im Seminarraum der Eliteuniversität wie im Flur des Arbeitsamtes, pardon: der Agentur für Dingsda. Nach einiger Zeit flaut die Erregung ab, hier wie dort. Mit einer nachhaltigen Folge: Der Begriff, der die Erregung auslösen sollte, ist semiotisch wie politisch unbrauchbar geworden. Und seltsamerweise sind alle damit zufrieden.

Jetzt also ist der Erregungsbegriff »Unterschicht« an der Reihe, der ziemlich hoch auf der nach oben offenen Erregungsskala angesiedelt ist. So hoch, dass für einmal ein solcher Begriff umgekehrt wirken könnte. Nämlich indem ein wirklicher Diskurs daraus würde.

So, so. Da gibt es also ein »Unterschichtenproblem«. Armut, Chancenlosigkeit, Bildungsferne, Hunger gar und Verwahrlosung. Wer hätte das gedacht, nach 25 Jahren neoliberaler Politik, für die nun natürlich niemand verantwortlich sein will? Haben diese Damen und Herren sich in letzter Zeit mal in der so genannten Wirklichkeit herumgetrieben? Eher nicht. Welche Erklärungen aber gibt es dann dafür, dass unsere politische Klasse und ihre Medienverstärker darauf kommen? Schließen wir so etwas Unwahrscheinliches wie Erkenntnis, Selbstkritik oder gar soziales Mitgefühl aus, bleibt nicht viel übrig.

Erstens: Unsere politische Klasse ist geistig erkrankt. Sie hat sehr große Mühe zu erkennen, was sie anrichtet. Die Gesellschaft ist ihr ein Gewirr von Zahlen, Machtpositionen und Werbespots geworden, in dem es sich immer wieder rechtfertigen lässt, dass man Politik für die Gewinner und gegen die Verlierer macht, ein paar absurden Mantras folgend, an die auch das eingelullteste Volk nicht mehr glaubt: Wachstum ist gut für alle etwa. Oder: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es allen gut. »Wir« haben über unsere Verhältnisse gelebt, »wir« müssen sparen. Damit unsere Kinder in der Zukunft unsere Schulden nicht übernehmen müssen, machen wir ihnen schon die Gegenwart kaputt.

Wenn man an diese Mantras nicht mehr glaubt, müsste man eine vollständig andere Politik machen. Aber dazu sind die Verzahnungen mit der Ökonomie, auch die persönlichen Abhängigkeiten, vor allem aber strukturelle Verknüpfungen zu sehr fortgeschritten. Das heißt, unsere politische Klasse kann ihre eigene politische Ökonomie nicht mehr fassen. Zwischen dem Offensichtlichen und der Unmöglichkeit, es zu sehen und es vor allem zu benennen, muss diese politische Klasse, über fast alle Parteigrenzen hinweg, einen Wirklichkeitsverlust erleiden.

Der Kapitalismus hat mittlerweile freilich seine Bewegungsrichtung geändert und befindet sich im Stadium der Selbstverdauung. Sein Fortschritt ist das Elend der Menschen, nicht mehr im klassischen Sinne der Ausbeutung, sondern im buchstäblichen Wegwerfen. Man weiß das, entweder durch Beobachtung oder durch das Erleben am eigenen Körper. Aber man kann mit diesem Wissen nichts anfangen, weil es dafür kein Subjekt gibt. Und im Fernsehen erzählen Abend für Abend Damen und Herren, unangenehme Zockergeilheit in der Stimme, den alten und neuen Armen und dem panischen Rest des Kleinbürgertums, wie großartig sich wieder die Aktienkurse entwickeln. Wer sich keine Aktien leisten kann, versucht es mit einem Lottoschein, im Fernsehen ist dazwischen ohnehin kein großer Unterschied, immer wird gegrinst, und immer macht es ganz viel Geld und ganz toll glücklich. Das einzige »reale« Angebot ist es also, sich selber zu retten, auf Kosten der anderen.

Möglicherweise ist der Gau der Politik im Medienpopulismus eingetreten. Die Herrschenden infizieren sich an ihren Herrschaftsmitteln und verblöden noch schneller als die Beherrschten. Jedenfalls sehen wir Politikerinnen und Politiker dabei zu, wie sie jeden Begriff, mit dem man eine Gesellschaft beschreibt, anfassen wie ein Kind einen Fremdkörper anfasst, von dem es nicht weiß, ob es ein neues Spielzeug oder ein Aua-Aua ist. Insbesondere Sozialdemokraten haben das Wort »Klasse« noch nie gehört, und selbst der Begriff »Schicht« ist ihnen verdächtig. Vizekaiser Müntefering will sein Volk nicht in Schichten einteilen. Ja, in was dann? In »Leistungsträger« und »Sozialschmarotzer« etwa? Aber da sind wir wieder bei den Kleidern des Kaisers, die man nur sieht, wenn man genau so klug ist wie der Hofstaat.

Zweitens: Oder tun die nur so blöd? Der Diskurs über die »Unterschicht« könnte einen internen Umbauprozess, eine Repositionierung innerhalb dieser Klasse begleiten. Man muss sich für die kommenden Konstellationen Begriffe erobern, da es weder Programme noch Ideen gibt. Die Auflösung jeglicher Orientierung, längst nicht mehr nur in einem Rechts-Links-Schema, sondern auch innerhalb des progressiven und des reaktionären Teils der bürgerlichen Herrschaft, macht den Erregungsbegriff zu einem Dolch, den man dem »politischen Gegner« (vorzugsweise in der eigenen Partei) nur in die Rückseite rammen kann.

Die verschiedenen Fraktionen dieser Herrschaft zwingen sich gegenseitig einen Diskurs auf, in dem man leicht entscheidende Fehler machen kann. Auf diese Weise lenkt man ein unübersehbares allgemeines Unbehagen in eine Begriffsfalle um. Niemand kann das Wort »Unterschicht« verwenden, ohne sich und andere Menschen zu verletzen. Niemand aber kann das Wort »Unterschicht« verwenden, ohne das Wort »Oberschicht« zu implizieren. Und was ist mit der Mittelschicht? War nicht bislang alles Gute ohnehin Mittelschicht und jenseits Nirwana?

Drittens. Eine ungeheure, aber vielleicht gerade deshalb nahe liegende Erklärung lautet: Der »Unterschicht«-Diskurs ist eine Maske, eine propagandistische Vorbereitung eines anderen Coups. Möglicherweise ist es nicht ungeschickt, sich jenen zuzuwenden, bei denen ohnehin nichts mehr zu holen ist, wenn man gerade vorhat, diejenigen ökonomisch anzugreifen, bei denen noch etwas abzuschöpfen ist. Die »Unterschicht« wird entdeckt, während die untere Mittelschicht in den Blick gerät. Die rhetorische Entdeckung der Unterschicht begleitet ein politisches Programm zu ihrer Vergrößerung. Die Entdeckung der »Unterschicht« erhöht den Druck auf die Mittelschicht, und zur gleichen Zeit vernebelt sie die nächsten Umbauschritte der Gesellschaft. Übrigens ist es von vorneherein klar: Der Staat interessiert sich weder für die Frau noch für den Mann aus der Unterschicht. Er interessiert sich für ihre Kinder. Die will er für das haben, was er sich unter Zukunft vorstellt.

Möglicherweise handelt es sich um eine Kombination von allen drei Erklärungen. Eine vierte Erklärung flankiert dies: Was mit dem »Unterschicht«-Diskurs gemeint ist, die strukturelle, aber eben auch staatlich forcierte Produktion einer neuen Klasse des Subproletariats und der »überflüssigen Menschen«, ist am Ende auch mit noch ein paar Fernsehsendern mehr nicht mehr zu verschleiern. Bevor also dieser Diskurs kritisch und öffentlich wird, verdirbt man ihn gründlich. Ein Begriff wird in ein Gewässer geworfen, und die Medienfische schnappen hungrig nach dem Diskursbrocken. Der Angriff des Diskurses gilt also nicht allein einem Problem und der politischen Energie, die ihre Lösung benötigte, vielmehr gilt der Erregungsbegriff als Waffe gegen die politische Sprache selbst. So hat der Erregungsbegriff nicht die Augen geöffnet, sondern im Gegenteil die Blendung verstärkt. Das Offensichtliche wird medial so angeleuchtet, dass es wieder unsichtbar wird.

Und dies ist der Beginn des neuen Mittelalters. Die Frage, ob das Offensichtliche überhaupt zur Kenntnis genommen, ob es gesehen oder gar verstanden werden darf, hängt nicht mehr von der freien Anschauung ab, sondern von den Dogmen der Religion (und dass der Kapitalismus in den Rang einer Religion erhoben wurde, ist seinerseits einigermaßen offensichtlich) und von der Macht ihrer Medien. Der Begriff »Unterschicht« wird so lange gewendet, bis eines garantiert nicht mehr zu erkennen ist: konkrete Menschen, die Opfer eines gewalttätigen und erbarmungslosen Systems sind.

Eine wachsende Unterschicht, jetzt mal ohne Anführungszeichen, bringt das System des Weiterwurstelns früher oder später an den Rand der Belastbarkeit. Und auch der Klassenkampf von oben, den wir seit geraumer Zeit erleben, kommt an die Grenze, wenn die Mittelschicht endgültig zerrieben ist, die heute noch sowohl für den Luxus der Reichen als auch für das Überleben der Armen sorgen muss. So wird schließlich aus der um ihr Überleben kämpfenden Mittelschicht eine blutende Klasse, und dann eine verschwindende. Wenn aber die eine Klasse, die alles hat, der anderen Klasse, bei der nichts mehr zu holen ist, direkt gegenüber steht, ist die Geschichte des Kapitalismus zu Ende geschrieben. Wogegen nichts einzuwenden wäre, wenn es nicht im Konkreten verdammt viel Leid, Gewalt und Verlust bedeuten würde.

Autor: Georg Seeßlen
Text veröffentlicht in jungle world Nr.43, 10/2006

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