Der Dienstwagen 

Früher war der Dienstwagen ein Zeichen dafür, dass man es geschafft hatte. Jemand, der mit einem Dienstwagen fährt, gehört einem inneren Kreis der Macht an, bewegt sich die Macht repräsentierend, und repräsentiert die Macht in Bewegung. Ein Dienstwagen musste nicht nur als solcher erkennbar sein, machtschwarz und unverspielt,  er musste auch noch selber in einer Dienstwagen-Hierarchie stehen. Vom inneren in den innersten Kreis der Macht steht noch einmal ein Dienstwagen-Wechsel. Der uniformierte Chauffeur, der die Kappe abnimmt und die Türe öffnet. Darüber kommt nur noch die „Staatskarosse“. 

In der freien Wirtschaft waren die Übergänge von einem mittelprächtigen „Firmenwagen“ zu etwas, was einem politischen Dienstwagen gleich kommt oder ihn an Glamour gar übertrifft, eher fließend. Aber auch hier ist der mehr oder weniger uniformierte Chauffeur ein kleiner Schritt für die Beschäftigungspolitik, aber ein großer Schritt in der Subjekt-Karriere. Der Chauffeur machte den mächtigen Mann mächtiger. Frauen hatten damals eher selten einen Chauffeur mit einem Dienstwagen. Sie hatten stattdessen gern einmal eine Affäre mit dem Chauffeur des Dienstwagens ihres mächtigen Ehemannes. Der Chauffeur hieß übrigens in aller Regel Fritz.

Fritz, der schon mal den Wagen holte (den er fanatisch pflegte und keine schmierige Kinderhand auf ihm duldete), war auch das Mädchen für alles im Haushalt der Mächtigen. Er war Leibwächter, Päckchenträger, Vertrauter und Bote. Wenn Fritz sich nur das Hackenschlagen abgewöhnen könnte! Fritz war nämlich während des Krieges, aber das gehört ja nicht hierher. Trotzdem: Es blieb durch die fünfziger und sechziger Jahre schon deutlich, dass Dienstwagen und Chauffeur Überträge waren von einer anderen, militärisch hierarchischen in eine zivile Gesellschaft.

Die öffentliche Verhandlung eines Dienstwagens bestand aus Respekt, Bewunderung und Klarheit. Niemand wäre auf die Idee gekommen, bei einem Dienstwagen den Spritverbrauch, die Kilometerzahl oder die Trennung von Dienst und Privatleben nachzukontrollieren. Der Dienstwagen war ein weithin sichtbares Zeichen des Einverständnisses zwischen Herrschaft und Volk, Kapital und Arbeit.

Werner Höfer, der internationale Fernseh-Frühschoppner mit der braundeutschen Vergangenheit, erklärte damals dem staunenden Volk, dass er seinem Chauffeur die Anweisung gegeben habe, auf der Autobahn so schnell wie möglich zu fahren, damit, wenn „es“ geschehe, „es“ schnell und endgültig geschehe. Der Dienstwagen als eleganter Ausdruck des Todestriebes, das hatte doch was, und ganz nebenbei erklärte Höfer, dass ein echter Fritz natürlich ohne Zögern bereit war, sich auf der Todesfahrt seines Herrn mit zu opfern.

Das Zeichen des Dienstwagens funktionierte zugleich in drei Diskursen: Im Diskurs des Automobils, im Diskurs der militärisch-bürokratischen Hierarchie, und im Diskurs der kapitalistischen Akkumulation. Eine Rückstufung, gar ein Entzug des Dienstwagens war die größtmögliche Katastrophe im Karriereleben eines Bürgers. (Übrigens begann der Kreis der Dienstwagen-Benutzer damals schon in Sphären, in denen sich der privatisierte Bürger heute für einen eigenen Repräsentationswagen verschulden muss: Damals bekam der Karrierist als Belohnung für seinen Job ein Auto, heute bekommt er vielleicht, wenn er es richtig anstellt, als Belohnung für sein Automobil einen Job.)

Die Abrüstung, Kontrolle und Reduktion des Dienstwagens, eine lange Geschichte fürwahr, wird manchenorts irrigerweise für einen Fortschritt demokratischer und ökologischer Vernunft gehalten. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn von einem offenen Zeichen des Einverständnisses zwischen Volk und Herrschaft in der Demokratie wurde es zu einem verdrucksten Geheiminstrument. Fritz’ lässige Söhne schlagen nicht mehr die Hacken sondern tragen gerne teure Sonnenbrillen. Einen Dienstwagen erkennt man gar nicht mehr auf Anhieb, er hat die Farben der Saison. Irgendein „Rechnungshof“ sendet ab und zu ein paar Korinthenkacker um Fahrtenbücher zu kontrollieren. Dienstwagenaffären gehören zur neuen Dramaturgie des postdemokratischen Medienpopulismus. Zeitungen, die nichts dabei finden, wenn Manager sich die Taschen voll stopfen, rechnen an den Dienstwagen der Politiker herum. Vom Repräsentationszeichen der Konsens-Macht ist der Dienstwagen zum Krisensymptom des gegenseitigen Misstrauens geworden. Es ist ein Symptom für die Abwertung der Politik und die Aufwertung der Ökonomie. Der Dienstwagen ist ein Skandal auf Rädern, kein Wunder, dass man ihn so sehr verbergen muss, dass dumme Diebe ihn klauen wie ein ganz normales Hochpreis-Auto.

Das hat natürlich sein Geschichte, und zwar in allen drei  Kulturen, der Automobile, der Ordnung und des Kapitals. Es begann damit, dass das Automobil an sich, mindestens, vernünftiger werden sollte. Als die ersten grünen Politikerinnen und Politiker mit „Dienstfahrrädern“ zur Arbeit im Namen des Volkes kamen, war das zuerst eine sympathische Geste (und erwies sich doch schon wieder als Authentizitätsfalle: mit dem Fahrrad kommt man eben nicht einmal in die äußeren der inneren Kreise der Macht, und so mussten sie die Avantgarde jener werden, die in ihren Dienstwagen mit Bauchschmerzen und Schuldgefühlen stiegen). Allgemein drängte Volkstümlichkeit die Politiker dazu, in ihren Dienstwagen nicht mehr Distanz sondern Verbundenheit auszudrücken. Und je unmoralischer das System wurde, dem sie dienten, desto moralischer mussten die Posen werden, in denen sie sich zeigten. Der gewöhnliche Dienstwagen konnte aus pragmatischen Gründen nicht gläsern werden (das blieb dem seltsamsten Dienstwagen der Welt, dem Papamobil vorbehalten), wohl aber sollte es sein Gebrauch werden. Denn schließlich durfte kein Politiker mehr in den Verdacht geraten, die Gelder, die er gerade den unteren Ständen raubte, um sie den Unternehmen zur Verfügung zu stellen, zu einem Teil auch für einen persönlichen Luxus zu verschwenden (oder sich gar von der Automobilindustrie, die man so bevorzugt behandelte, technologisch verwöhnen zu lassen).

Semiotisch freilich ist die Sache keineswegs so eindeutig wie sie bürokratisch-rechtlich scheint: Der reduzierte, undeutliche und kontrollierte Dienstwagen wird ein unklares Zeichen. Sein Verbergen, Rationalisieren und Moralisieren führt erst recht zu Misstrauen. Das verschwindende Dienstwagen-Symbol ist viel skandalöser als das offene, genauer gesagt: Es bietet sich förmlich an, angestaute Spannung und Misstrauen abzubauen. Und so ist es kein Wunder, dass es gerade die Schlange im Paradies des demokratisch-kapitalistisch-bürokratischen Konsenses ist, unsere BILDerzeitung, die so rasch erkennt, wo sie Zwietracht säen kann. „Frau Schmidt,“ ruft es über diesem Post-Paradies, „Wo ist dein Dienstwagen?“ Und Ulla Schmidt antwortet, wie sie es so häufig tut, trotzig mit dem dümmsten Satz, der in ihrer Situation möglich ist: „Der Dienstwagen,“ spricht sie zum Herrn, oder doch in die Volkskameras, „der steht mir zu“. Und dann verheddert sie sich in mobilen Büros, Ferien-Erreichbarkeit, Touristen-Auftritten, Chauffeursgehalt. Der erste Satz klingt nach der Arroganz der alten Macht, in der einem ja in der Tat und sehr präzis dieser oder jener Dienstwagen „zustand“, ja dieses Zustehen war Teil der Ästhetik und des ikonografischen Gesellschaftsvertrags im öffentlichen Gebrauch des Dienstwagens, der eben nicht nur den Dienst, sondern die gesamte politische Person betraf. Im folgenden unterwirft man sich indes der absurdesten Korinthenkackerei. Danach kann man den Dienstwagen eigentlich ohnehin  nur noch abschaffen. Zumindest semiotisch.

Oder eben klauen. In der deutschen Dienstwagen-Popgeschichte  kann ich mich an keinen gestohlenen Dienstwagen erinnern (aber vielleicht lässt mich mein popkulturelles Gedächtnis im Stich), obwohl der sich durchaus zur Agentenjagd, als Liebesnest oder als Verschwörerzentrale eignete. Auch beschossen, gesprengt oder wenigstens mit Tomaten beworfen wurde er gerne, denn das war ja die andere Seite des Dienstwagens, dass er die Macht und die Mächtigen sichtbar machte. Unsere macht-semiotisch entgrenzte Phantasie muss nun arbeiten: Einen Dienstwagen stiehlt man doch nicht aus automobilistischen Gründen. Sondern um etwas, was darin ist, nicht wahr. Das ominöse Fahrtenbuch vielleicht. Geheime Unterlagen, die glasklar beweisen, dass Ulla Schmidt…wasauchimmer.

Während in der ausgesprochen freien Wirtschaft der Dienstwagen zu jenen Dingen gehört, die der Phall zu sein pflegen, wenn man die Chefetage erreicht hat (Heiliges Dreieck der Besserverdienenden: Bonus, Titel und Dienstwagen: so differenziert man sich in einer Sphäre, in der es unsere Art von „Wert“ und „Zeichen“ nicht mehr gibt: Das Geld bedeutet hier nichts der Welt,  sondern es bedeutet dem anderen Geld, und der Dienstwagen ist kein Luxus sondern Waffe). Insofern mag es überdies dann doch kein Zufall sein, dass die „Dienstwagen-Affäre“ dieses Sommerlochs einerseits an einem Sozialdemokraten und andererseits an einer Frau exemplifiziert wird. Dieses phallische Dings gehört eben nicht in diese Hände, und so hat die Empörungsgeilheit der BILD eben genau diesen Inhalt in der symbolischen Ordnung unserer Wirklichkeit: MannGeldAutoDiener.

Dass jemand wegen ungeschickten Umgangs mit seinem Dienstwagen nicht mehr in ein Kompetenzteam darf, das glaubt Ihr doch wohl selber nicht. Und symbolische Politik passiert auch nicht. Sie wird gemacht. So ist der Dienstwagen für die Politiker der medialen Postdemokratie endlich vom behäbigen Konsens-Symbol zu einer Luxuskatastrophe geworden. Zur Grundausstattung gehört ab jetzt der politische Schleudersitz.

Autor: Georg Seeßlen

Text geschrieben August 2009

 

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