Palazzo Altemps | Copy of Lysippus | Bust of Aristotle. Marble, Roman copy after a Greek bronze original from 330 BC (Jastrow 2006)

Palazzo Altemps | Copy of Lysippus | Bust of Aristotle. Marble, Roman copy after a Greek bronze original from 330 BC (Jastrow 2006)

Herr A. wird den Kopf gewiegt haben. Es wird scheinen, sein Wählen werde sich dem Ausdruck genähert haben. 2300 Jahre werde ich durch die Zeit gereist sein, im Auftrag des ratlosen Ethikrates. Wir werden dringend grundlegenden ethischen Rats bedurft haben, und dafür bietet Herr A. gewisse Voraussetzungen. Und nun das. Nachdem auch Herr K. kategorisch eine Reise ins Berlin des Jahres 2011 abgelehnt haben wird. (Dass Berlin heute auch nicht weniger provinziell ist als seinerzeit Königsberg gewesen sein wird, wird ihn wenig beeindruckt haben.) Zeitkopfjäger ist manchmal ein frustrierender Job.

Wir haben da, werde ich gesagt haben, eine gewisse Situation. Wir nennen sie Krise. Wir brauchen Ihren geistigen Rat. Ihr Land ist in unserer Zeit unglücklicherweise besonders betroffen. Wir wären also unter gewissen Umständen zu einem kleinen Abkommen bereit. Sie helfen uns und wir, äh, wir helfen ihrem Land. Wir verwenden dazu das so genannte Copyright: Für alles, was Sie gedacht haben und wovon immer noch, in Ihren Worten mehr oder weniger, die Rede ist, erhalten Sie einen bestimmten Betrag. Es steht zu hoffen, dass das ausreichen wird, Griechenland aus seiner Schuldenfalle zu befreien. Wir zahlen gewissermaßen zurück, was wir von Ihnen erhalten haben. Und Sie, Sie müssten nur diesen kleinen Hoppser durch die Zeit…

„Potz Sophia & Phronesis“, wird es Herrn A. entfahren sein, „Hoppser durch die Zeit? Und damit kommst du ausgerechnet zu mir? Aber gehen wir ein paar Schritte, das ist bei uns so üblich“. Der alte Knabe wird mir so was von sympathisch gewesen sein. Aber störrisch wie ein Esel. Er wird sich so wenig für eine Zeitreise begeistern haben lassen wie er sich davon abbringen gelassen haben wird, die Erde als Mittelpunkt des Kosmos zu sehen, Sklavenhaltung eine prima Sache zu finden und davon, dass man vom Weintrinken auf die Schnauze, vom Biertrinken aber auf den Hintern fallen muss.

Und ich? Womöglich werde ich verstanden haben, warum ausgerechnet unter dieser Sonne, in diesem widerscheinenden Blau des Meeres, in felsensengendem und schlangenbrütendem Gehügel, all das begann, was mir, nun ja, heilig ist. Diese Kunst sich in vernunfttrunkener Genauigkeit von sich selbst zu entfernen. Diese unbeirrbare Suche nach Ordnung, Schönheit, Wert und Gesetz unter chaotischem Götterhimmel und angesichts unabdingbarer Grausamkeiten. Eben dies, werde ich Herrn A. womöglich gesagt haben, ist es, was uns fehlt, derzeit. Keine Distanz zu uns selbst, keine Suche nach Werten. Wir sind Gefangene eines Systems, das in Schuldenkrisen nur über uns höhnt. Und wir erwürgen gerade das Land, von dem ausging, was in den Trümmern unserer Bildschleudermaschinen vernichtet wird. Wir werden es in diesem Gespräch möglicherweise Kultur oder Demokratie oder Denken genannt haben, ich würde mich nicht mehr genau daran erinnern haben können.

Doch Herr A. wird einfach nicht an Zeitreisen geglaubt haben. Nicht weil er sie für unmöglich gehalten haben wird. Sondern weil sie ihm keinen Sinn ergeben haben werden. „Wir messen nicht nur die Bewegung mittels der Zeit, sondern auch mittels der Bewegung die Zeit“, wird er gesagt haben, „und können dies, weil sich beide wechselseitig bestimmen. Was also wird aus meiner Zeit, wenn ich in deine reise? Der Mensch ist nichts ohne seine Zeit und die Zeit ist nichts ohne seine Menschen. Und“ – Herr A. wird dies nicht ohne einen Anflug von Selbstgefälligkeit hinzugefügt haben – „eine Art Gespenst scheine ich bei Ihnen ja ohnehin zu sein.“  „Zeit ist das Zählbare an der im Horizont des Früher oder Später begegnenden Bewegung“, wird er fortgefahren haben,  „Ich würde also, würde ich dir folgen, zweifellos zeitlos werden“. „Oh, das sind Sie. Das sind Sie ganz und gar. Deswegen bin ich ja hier. Wissen Sie, wir sind dermaßen in unserer Zeit gefangen, dass wir einfach nicht mehr denken können. Nicht der einfachste Gedanke, nicht das einfachste ethische Wählen fällt uns mehr ein.“

Herr A. wird eine große Geduld mit mir gehabt haben. „Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung. Wo aber wäre ich in deiner Zeit? Ließet ihr mich tätig sein“.„Äh“, werde ich geantwortet haben, „das ist nun eigentlich gerade nicht die Aufgabe eines Ethikrates.“ „Dann wäre es also die Hoffnung?“ „O-oh. Davon würde ich nicht allzu viel investieren.“ „Und wie steht es mit der Erinnerung?“ „Ich fürchte, die wird gerade abgeschafft.“  „Dann“, wird Herr A. entschlossen geendet haben, „ist euch wirklich nicht zu helfen.“

Aber ich habe eine Frage an Dich“, wird Herr A. nach einer längeren Pause in versöhnlicherem Tone wieder begonnen haben (die Vertrauliche Anrede hat bei ihm so gar nichts Plumpes.) „Was ist das Ziel der Staatskunst, und welches das höchste von allen Gütern, die man durch Handeln erreichen kann?“ Ich werde gerade „Effizienz“, „Systemrelevanz“, „Funktionieren“ gesagt haben wollen, da wird mir in den Sinn gekommen sein, was ich vorbereitet haben werde: „Das Glück“ werde ich musterschülerschlau gesagt haben. Herr A. wird mir einen Becher Wein gereicht haben. Es wird doch wohl Wein gewesen sein, oder?

„In meiner Zeit“, werde ich gesagt haben, „sind wir zwar weit entfernt von der Verwirklichung Ihrer Vorstellungen von Freiheit und Gerechtigkeit. Wir haben kein Interesse an einem Zustand, an dem das Streben aufhört, auch wenn man sich dabei noch so gut vorkäme. Man könnte wohl sagen, Unzufriedenheit, meinetwegen sogar Unglück sei der Motor unserer Gesellschaft“. „Aber“, werde ich nach einer Weile seufzend hinzugefügt haben, „mittlerweile reicht nicht einmal mehr das Unglück aus, um das System zu erhalten“

„Der ungerechte Mensch entscheidet sich aber nicht immer nur für das Mehr“, wird Herr A. eingeworfen haben, „sondern auch für das Weniger, nämlich bei den Dingen, die ein Übel-an-sich sind. Weil indes auch ein kleineres Übel in gewissem Sinn als ein Wert gilt, und das Mehr-haben-wollen sich auf Werte richtet, deshalb gilt er als ein Mensch‚ der mehr haben will’. Und er missachtet die Gleichheit – denn dies ist der beides umfassende und beidem gemeinsame Ausdruck“

Wieder wird eine Pause eingetreten sein. „Jeder beurteilt das zutreffend, wovon er ein Wissen hat, und ist hierin ein guter Richter. So wäre ich, da ich von eurer Zeit kein Wissen habe, gewiss kein guter Richter. So siehst du auch noch den letzten Grund dafür, dass ich keinen ‚Hoppser’, wie du dich auszudrücken pflegst, durch die Zeit machen will“.

Ich werde Herrn A. vergeblich versichert haben, dass man in unserer Zeit nicht so anspruchsvoll ist, und ein kleiner Auftritt von ihm in einem unserer Bildkästen schon Wunder wirken könne. Doch alles, was ich noch weiter vorgebracht haben werde, wird vollkommen zwecklos gewesen sein.

Und so wird der ratlose Ethikrat noch immer auf einen philosophischen Beistand warten. Und das wird es dann gewesen sein. Niemand wird sich die Ursache dieses Unglücks erklären können. Denn ich, ich werde in Griechenland geblieben sein.

Georg Seeßlen

erschienen in Die Zeit

_______________________________________________________________________________

Bild: Aristotle depicted by Raphael, holding his Ethics: detail from the Vatican fresco The School of Athens, 1510 – 1511.

Bild: Aristotle depicted by Raphael, holding his Ethics: detail from the Vatican fresco The School of Athens, 1510 – 1511.

Share