Weitere Anmerkungen zur (Selbst-)Abschaffung des Feuilletons

I.  Das Feuilleton war einmal das mediale Äquivalent des öffentlichen Raums

Was wäre eine Zeitungslektüre oder ein Radio-Tag ohne das, was wir ziemlich ungenau das Feuilleton nennen? Nach all den meistens schlechten, harten Nachrichten aus der Politik und der Wirtschaft, nach Wissen und Technik, Finanzen und Sport, nach bedenklichen Kommentaren, taktischen Interviews, Katastrophen und Zahlenspielen nun eine Belohnung: Kultur. Das meint nicht nur Berichte aus der Kunst, vom Theater, der Musik, dem Film und überhaupt davon, wie man sich das Leben schöner, reicher, tiefer und ehrlicher machen kann. Das meint auch: Neue Ideen, intelligente Debatten, elegante Sprache, bedeutende Bilder, kleine raffinierte Bosheiten, hier und da, wildes Denken, Gewagtheit und Leichtigkeit, vor allem aber: Das Ausprobieren der Freiheit des Geistes in einer Zivilgesellschaft. Das Feuilleton hatte große Zeiten; die unsere gehört wohl nicht dazu.

Ja, es ist das alte Lied: Früher war alles besser. Und wenn schon unentwegt von Krisen die Rede ist, warum dann nicht auch noch von einer Feuilleton-Krise? Seltsame Symptome immerhin bleiben nicht verborgen: Ziemlich triviale Skandälchen um Privatkriege zwischen Feuilletonisten. Die Ersetzung intelligenter Debatten durch den Auftritt von Krawallfeuilletonisten, die offensichtlich ein paar schmutzige Talk Shows im Fernsehen zu viel gesehen haben. Promi-Gastauftritte, die bitte, bitte, irgendein Tabu brechen sollen. Rezensionen, deren Autoren entweder Konkurrenten eins auswischen oder unbedingt auf die Werbeseiten von Verlagen kommen wollen. Das Feuilleton soll so genannte „blurbs“ produzieren: Dieses „großartig, schwer beeindruckt, brilliant & geistreich“, das dann auf Buchrücken, Filmanzeigen, Vernissage-Einladungen stehen kann. Offensichtlich hat das deutsche Feuilleton wenig Lust, sich über seine Funktion als Vermarktungsmittel kritische Gedanken zu machen. Je magerer die Texte, desto größer die austauschbaren, überall gleichen Bilder. Ein Feuilleton schaut sich die Themen eher vom anderen ab als auf eigensinnige Entdeckungsreisen durch das weite Feld der Kultur zu gehen. Alle reden von den gleichen großen Namen. Und schlimmer noch: Alle schweigen zur gleichen Zeit von so vielem. Hauptsächlich von dem, was als ästhetische oder geistige Ruhestörung gelten könnte, was nicht vermarktbar, was nicht schmeichelhaft  und kundenfreundlich ist. Kurzum: Das Feuilleton nähert sich in seiner Funktion immer mehr einem Nobel-Ableger der Unterhaltungsindustrie an. Und es wird krank zwischen den beiden Funktionen als kulturelle Marketingmaschine und als spätbürgerliche Bildungshuberei. Zumeist ältere Herrschaften leisten sich währenddessen Schaukämpfe auf einem mehr und mehr selbstreflexiven Jahrmarkt der Eitelkeit.

Diese Kritik ist natürlich oberflächlich, subjektiv, irgendwie feuilletonistisch. Was tiefer reicht, objektiv und eher von politisch-kultureller Bedeutung scheint, das ist der Umstand, dass das Feuilleton rapide an Bedeutung und Zuspruch verliert, dass es von vielen Menschen schon als Segen betrachtet wird, dass man sich über Bücher, Filme, Musik und Philosophie auch an anderen Stellen informieren kann, dass sich Debatte und Kritik neue Foren, neue Medien, neue Sprachen suchen. Denn, auch das kann man als ein tieferes Phänomen dieser Feuilleton-Krise ansehen: Das Feuilleton, als Institution wie als Methode, wird nicht mehr als Ort gesehen, von dem aus man Blicke in die Zukunft wagen kann, sondern es wird im Gegenteil als medialer Ort erfahren, an dem Türen geschlossen, Fenster verriegelt und dafür Spiegel aufgestellt werden. Hier sieht man nichts mehr von der kulturellen Welt, hier schauen sich übliche Verdächtige unentwegt selber an. Hier will man unter sich bleiben. Das deutsche Feuilleton ist ein Ort, an dem noch der jüngste Mensch blitzrasch zum Greis wird. Kein Wunder, dass man sich hier gegenseitig so auf die Nerven geht, dass man aufeinander einhauen will, statt auf Verhältnisse, die man gefälligst ändern sollte. Auch mit den Mitteln der Kultur, auch mit feuilletonistischen Mitteln.

Das Feuilleton war, wenn mich nicht alles täuscht, einmal die Verbindung von Aufklärung und Demokratie mit der kulturellen Praxis von uns gewöhnlichen Bürgern. Hier lernte man, zum Beispiel, dass ein Kunstwerk nicht nur schön ist, sondern auch eine soziale Bedeutung hat. Im Feuilleton publizierte einst Siegfried Kracauer seine Beobachtungen in einer neuen Klasse und ihrer Kultur, der der Angestellten nämlich. Das Feuilleton half jungen Menschen der Nachkriegszeit, ein neues, demokratisches, kritisches Selbstverständnis zu entwickeln. Es war ein geistiges Lebensmittel, und ein Überlebensmittel des Geistes.

Indes hat dieses Feuilleton nun längst eine andere Funktion übernommen. Es ist auf der einen Seite eine Art von garbage collection; hier bringt man unter, was in den anderen Ordnungen nicht funktioniert. Es ist der Ramschladen des bürgerlichen Selbstverständnisses geworden, der schlampige Faserrand, ein Auffangbecken trüber Wässer. Zum Beispiel politische Kommentare, die die Grenzen zum Essay überschreiten, oder die Generallinie des Blattes, mal nach links, zunehmend nach rechts. Im Feuilleton wird man doch noch mal sagen dürfen. Okay, und im Feuilleton darf man sich auch darüber aufregen, dass man das hat sagen dürfen. Die einzige Chance des Feuilletons einer bürgerlichen Zeitung, die Schlüsselrolle der Kultur zu erhalten, ist ihre Hysterisierung. Da benutzen die Protagonisten die Kultur nur noch als Bühne, um auf einander einzuhauen. Die Frage ist nur, wer ist der Kasper, und wer das Krokodil.

 

Das Feuilleton hatte große Zeiten;

die unsere gehört wohl nicht dazu.

 

Mit solchen Scheingefechten wird verschleiert, dass das deutsche Feuilleton nicht nur an Qualität verliert, nicht nur mehr und mehr zur einfallslosen Diskurs-Polizei mutiert, sondern auch seinem sozialen Auftrag nicht mehr gerecht wird. Das Feuilleton wurde in der französischen Revolution geboren, als Kultur-„Blättchen“ im Journal des Débats. Seine Aufgabe war es, die Kultur zu entprivilegisieren, sie allen Bürgerinnen und Bürgern zur Verfügung zu stellen, sie zu demokratisieren.

Um gesellschaftlich zu wirken in einer bürgerlichen Gesellschaft müssen nämlich Kunst, Wissenschaft und Kritik in der einen oder anderen Weise „feuilletonisiert“ werden, und es war zweifellos das Feuilleton, welches dem fortschrittlichen Flügel des Bürgertums zu einem Selbstbewusstsein verhalf. Die Kultur, die Kunst, die Schönheit, aber auch der Picknick-Platz, die Burgruine, das Straßenschild, das gehört uns allen, und darüber können wir alle auch streiten. Das Feuilleton war einmal das mediale Äquivalent des öffentlichen Raums. Hier kann man so trefflich über Kultur streiten, weil sie allen gehört. Damals musste Kultur im Feuilleton, um sie demokratisch und zivilgesellschaftlich zu machen, dem feudalen Besitz entrissen werden.

Und heute? Wie andere Lebensbereiche so ist auch die Kultur auf höchst unerquickliche Weise ökonomisiert und privatisiert worden. Schlägt man heute ein deutsches Feuilleton auf, erfährt man mehr über das, was Kunst kostet, was sie einbringt auf den Auktionen, als über das, was sie uns zu sagen hat. Die Deutungshoheit über Literatur oder Theater liegt in wenigen Händen, die Bestsellerlisten werden abgearbeitet, es werden Vorlagen für das kulturelle Geschmacksgeschwätz geliefert, und wenn es schon beim Finanzmarkt so schön klappt: Bitte! Auch Kultur lässt sich raten und auflisten, bepunkten und kanonisieren. Muss man haben, muss man kennen, muss man von schwätzen können. So wird das Feuilleton zur kulturellen Casting-Show, das Coaching für Bildungs- und Geschmacksverständigungen. Eine doppelte Privatisierung findet da statt, und statt die Aufgabe der Demokratisierung und Aufklärung der Kultur zu leisten, liefert dieses Feuilleton eine feinsäuberliche Trennung: Die Bayreuthisierung der Kultur für die besserverdienenden Stände, die Pop-und Hip-Anbiederung für die Jugend, das wissenschaftliche Kasten- und Ordnungsdenken für das Akademiker-Publikum, da eine Prise Feminismus, aber nicht zu politisch, gell, und in der Krise darf’s eine Spur Anti-Kapitalismus sein. Pop-Diskurs, Zeitgeist und Bildungsbürgertum begegnen sich hier nicht, sie werden nur im selben feuilletonistischen Gemischtwarenladen bedient. So wurde das deutsche Feuilleton zum ausführenden Organ eines Oberlehrer- und Kulturbeamten-Jargons, zur Fortsetzung des Gymnasialunterricht mit anderen Mitteln, mit liberalen Einsprengseln zwar, und die Kritik arbeitet immer noch am liebsten mit den Mitteln von Rotstift-Korrektur und Zensurenverteilen. Nicht was man über die Welt in der wir leben, lernen kann behandelt dieses Feuilleton an den Objekten seiner Bewertung, sondern das, was man gut und was man schlecht finden soll, was in den Kanon übernommen wird, was in die Bestenlisten kommt, worüber man reden können muss, wenn man dazu gehört, kurzum: Aus dem einstigen Instrument zur Aufklärung und Demokratisierung ist ein Instrument zum Mainstreaming geworden. Die Filtermaschine des Mittelgeschmacks, das Wunschkonzert der jeweils neuen deutschen Mitte. Es fällt schon auf, dass da etwas fehlt an Feuer, Leidenschaft und Zorn. Weil es aber gelernt hat, sich selber so furchtbar wichtig zu nehmen, ist das deutsche Feuilleton unfähig, seine eigenen Krisen auch nur wahrzunehmen. Es reagiert vielmehr arrogant, gekränkt und narzisstisch auf alle Symptome des Zerfalls. Es wurde sich selbst zum ärgsten Feind.

Denn „feuilletonistisch“ ist ja stets ein Offen- und Unernstlassen, ein Spielerisches und Vages, ein Experimentelles, Vorläufiges und Gewagtes. Dazu gehört auch eine Bereitschaft zum Risiko. Und Menschen, die das übernehmen. Das Problem mit dem schrumpfenden Feuilletonismus freilich liegt darin, dass es immer weniger Menschen sind, die gegenüber einer immer größeren ästhetischen und diskursiven Produktion entscheiden, was verhandelbar ist und was nicht. Und diese wenigen Menschen achten viel weniger darauf, was in der Welt los ist, als darauf, was die Konkurrenz macht. Aus einem ursprünglich zur Öffnung der Diskurse gedachten, lockeren und experimentellen Sub-Medium ist ein geschlossenes selbstreferentielles, borniertes und dogmatisches Instrument zum kulturpolitischen Mainstreaming geworden. Was im deutschen Feuilleton gelandet ist, das ist so gut wie tot.

Der Feuilletonismus ist unterdessen aus dem Feuilleton ausgewandert, zum Beispiel in den neuen deutschen Kolumnismus. Die Kolumnen nehmen bei ihrer Migration die Leichtigkeit, manchmal sogar ein klein wenig intellektuellen Wagemut und Widerspruchsgeist mit, meistens aber bloß die schamlose Ich-Sagerei. Feuilletonistische Kolumnen finden sich längst beinahe überall, nur nicht mehr im Feuilleton. Kolumnen entsprechen ja auch nicht mehr dem medialen öffentlichen Raum, sie medialisieren vielmehr das Private. Was für die Medienmasse der Comedian ist, das ist für die gebildeten Stände die feuilletonistische Kolumne geworden. Macht das Private öffentlich und schert euch nicht um Debatte und Kritik!

 

Was im deutschen Feuilleton gelandet ist,

das ist so gut wie tot. 

 

Der Kolumnismus entpolitisiert die feuilletonistische Schreibweise radikal und wird zum mehr oder weniger eleganten Modell für den massenhaften Narzissmus. Wir ertrinken in Unmengen von furchtbar netten, menschelnden und sehr persönlichen Kolumnen, die ihren eigenen abgeklärten, alltäglichen Postheroismus feiern und ansonsten nix und niemanden stören. Und je narzisstischer und uninspirierter das Feuilleton selber wird, desto mehr feuilletonisiert sich der Stil in anderen publizistischen Bereichen. Dort machen sich stattdessen Gastbeiträge der Prominenten breit, von denen man sich das eine oder andere Skandälchen verspricht, oder aber einfach, äh, die connection.

Das bürgerliche Feuilleton hat unter anderem deshalb ausgedient, weil der Feuilletonismus selber sich zu Tode gesiegt hat. Er ist nämlich von einer besonderen, eleganten und geistreichen Form der Vermittlung zur Sache selbst geworden. Statt sich ohne Dogma in ein Neuland von Ästhetik und Ideen zu wagen, wird die Unverbindlichkeit zum eigentlichen Inhalt. Vieles, was wir an Theater, Kunst, Musik und Wissenschaft haben, ist selber schon feuilletonisiert: Feuilleton-Rock, Feuilleton-Philosophie, Feuilleton-Kino etc. Das deutsche Feuilleton ist nämlich durchschaubar genug, dass schlaue Leute wissen, womit man es füttern muss. Und dann folgt es dem Prinzip der Selbstreferenz. Irgendjemand erklärt einen banalen Hausfrauen-Sexroman für den Supermarkt zu einem sonderbaren, schwer symptomatischen Phänomen, und schwupp, wuchern im deutschen Feuilleton Texte, Meta-Texte und Meta-Meta-Texte. Das ist nun einmal so: Die Ausweitung der Feuilleton-Zone macht sie seichter. Daher drängt auch das Politische nach seiner Feuilletonisierung: In der feuilletonisierten Politik geht es nur noch um Geschmacksfragen. Nicht um Programme und Entscheidungen. Sondern um Socken, Krawatten, Dekolletés, Sprachschnitzer, Kameraeinstellungen. Das Feuilleton hat sich entpolitisiert, damit sich die Politik feuilletonisieren konnte.

Wenn Kunstkritik Zulieferer für den boomenden Kunstmarkt, Filmkritik Legitimierung der Traumfabrikationen, Pop-Kritik Rettung des maroden Musik-Business ist, das Feuilleton den Festival-Tourismus anheizen soll, wenn Hipster und Oberlehrer in den feuilletonistischen Drehtüren kreisen, wenn die politische Freiheit des Feuilletons hauptsächlich benutzt wird, auszuloten, wie viel Nazi-Koketterie es gerade mal wieder sein darf, wenn die Feuilletonisten die immer gleichen Säue durchs Mediendorf treiben, wenn in allen Feuilletons mehr oder weniger dasselbe nicht nur verhandelt, sondern auch in den selben Worten und den selben Denkformen wiedergegeben wird, wenn sich die Text-Armut hinter Design und großzügiger Bebilderung verbergen muss, wenn man immer wieder auf erstaunliche Kongruenzen von Anzeigenkunden und Texten stößt, wenn die letzte Zuflucht aus der Langeweile des deutschen Feuilletons der Streithansel-Darsteller ist, der genüsslich fragt: Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht?, wenn man irgendwas mit Sex macht, wenn sonst gar nichts mehr geht, wenn das Feuilleton den Tellerrand vergoldet, über den man nicht mehr hinausschauen will, wenn nichts, aber auch gar nichts mehr riskiert wird, aber auch keine geistige Leggerezza erzeugt wird, wenn man bei den meisten Feuilleton-Texten schon vorher weiß, was drinstehen wird, und wenn der Haufen üblicher Verdächtiger, die auf diesem erloschenen Vulkan wenigstens noch ein Abendfeuerchen entzünden, immer kleiner wird, wenn man Aufmerksamkeits- und Kampagnen-Taktiken schamlos vom Entertainment klaut, wenn man statt Selbstkritik im deutschen Feuilleton allenfalls Larmoyanz betreibt, wenn man Angst hat, Leser, Hörer, Zuschauer zu überfordern, statt ihnen was zuzumuten, wenn man dem Feuilleton ansieht, anhört und anliest, dass es an seinen Einsparungen würgt, und ums eigene Überleben um jeden Preis kämpft, – dann, ja dann brauchen wir es eigentlich nicht mehr. Der kulturelle Luxus der neuen Oberklasse ist nämlich im klassischen Feuilleton so wenig zu verhandeln wie die rebellische Ästhetik neuer sozialer Bewegungen. Die Selbstvergewisserung des Bürgers findet hier jedenfalls nicht mehr statt, des mündigen wie des unmündigen. Wer braucht schon Kultur, wenn er Lifestyle kriegen kann? Und wer braucht ein Feuilleton, wenn es gilt, ein Bankenviertel zu besetzen?

Vielleicht ist es aber auch genau anders herum. Wir alle bräuchten ein Feuilleton von Rang und Engagement dringender denn je. Unter anderem um Kunst und Kultur nicht den Kulturbürokraten, den Privatsammlern, der Schickeria, den Experten und den Eventmanagern zu überlassen. Wir bräuchten ein Feuilleton, das sich an seinen Auftrag von Demokratie und Aufklärung erinnert. Aber das wäre ein anderes, ein neues Feuilleton!

 

II.  Die Qualität eines Feuilletons bemisst sich durch das kulturelle und politische Projekt, das in ihm steckt.

Feuilletonistisch ist der Begriff für eine Schreibweise (oder auch Film/Rede/Bildweise), die in sich weder gut noch schlecht ist; sie kann etwas, was andere Textsorten nicht können, und sie kann gewisse Dinge nicht, die andere Textsorten können. Ihre große Verheißung ist Freiheit und Leichtigkeit, ihre große Gefahr Beliebigkeit und Anbiederung.

Doch die Freiheit des Stils bedeutet nicht eine Gleichgültigkeit gegenüber den Themen und Perspektiven. Die großen Zeiten des Feuilletons waren jene, in denen sich die unterschiedlichsten Temperamente und Talente auf ein gemeinsames soziales Projekt, auf eine, wenn auch noch so widersprüchliche Aufgabe beziehen konnten. Ein Projekt wie Liberalisierung oder wie Demokratisierung zum Beispiel.

Wie könnten wir dieses Projekt im Augenblick beschreiben? Sehr einfach: Als eine Gesellschaftskritik angesichts einer Krise, die selbst für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass sie ökonomisch und organisatorisch so weit (und so gewaltfrei) zu bewältigen wäre, dass die Welt von Geld und Arbeit nach der Krise mehr oder weniger wieder so funktionieren würde wie vor der Krise, tiefe Spuren in der Entwicklung von Demokratie, Humanismus und Aufklärung hinterlassen wird. Und in dem was wir Kultur nennen.

Nehmen wir einmal an, so wie es ein paar große Feuilleton-Vorbilder getan haben, dass sich in der Kultur (gewiss: ein weites Feld) soziale Spannungen und Bewegungen anders, besser, schärfer, ehrlicher oder auch raffinierter ausdrücken als zum Beispiel in politischen Debatten, dann wäre es eine wichtige Aufgabe des Feuilletons, diesen „Symptomen“ nachzuspüren (statt sie im Gegenteil fachgerecht zu maskieren in einem Spiel, das „Teilhabe“ verspricht und in Wahrheit „Distinktion“, also Macht heißt).

 

Wir alle bräuchten ein Feuilleton von Rang

und Engagement dringender denn je. 

Umberto Eco hat vor Jahr und Tag die Publizisten eingeteilt in die Gruppe der Apokalyptiker (die in jedem neuen Medien-Phänomen und in jeder gesellschaftlichen Entwicklung die Vorboten des kulturellen Weltuntergangs sehen, da vom „Untergang des Abendlands“ ja nun wirklich nicht mehr die Rede sein kann) und in die der Angepassten (heute gern in Form des Hipsters, der von allem Neuen erst einmal mächtig fasziniert ist und darin phantastische Möglichkeiten sieht). Diese beiden Haltungen haben sich bislang auch im Feuilleton prächtig gegenseitig im Zaum gehalten; preschten die einen vor, so sammelten sich die anderen bei passender Gelegenheit zum Gegenangriff. Der Nachteil ist: Man muss da immer schon eine Haltung haben, bevor man etwas überhaupt erst richtig gesehen hat, wer sich zwischen Apokalypse und Anpassung entscheiden muss, hat keine Möglichkeit des Beschreibens mehr. Dazu kommen zwei weitere Typen, die Tiefdenker (eine sehr deutsche Ausgabe der maitres penseurs), die in aller Regel alten, elitären Denkmodellen nachtrauern) und die „coolen Hunde“, die vorauseilend Meta-Diskurse aufbauen und statt der Auf- eine Art Abklärung betreiben.

Im „geistreichen“ Feuilleton also wiederholt sich im Grunde nichts anderes als die Aufmerksamkeitsstrategie der Unterhaltungsindustrie zwischen Hysterie und Langeweile. Was sagt es uns denn, wenn im Feuilleton der FAZ mehrfach über Zeitungsseiten hinweg Thilo Sarrazin erkennen darf, wie recht er doch hat? Mag man zu Sarrazin stehen wie man will (oder nein, eigentlich mag man das nicht!), so wird doch niemand behaupten, dass dieser Autor für geschliffenen Stil und gedankliche Fülle steht. Oder?

Die Qualität eines Feuilletons bemisst sich nicht an der Fähigkeit einer Redaktion, sich ab und an interessante oder kontroverse Texte einzukaufen. Sie bemisst sich auch nicht allein an der Qualität der Kritiker in ihren Fachgebieten (und darüber hinaus, hier und dort), welche in der Tat die feuilletonistische Basis-Arbeit leisten und deren Arbeit zunehmend schwerer wird, sei es, weil die Anbieter ihre Manipulationsinstrumente verstärken, sei es weil Gebote der „Lesefreundlichkeit“ ihnen die Möglichkeiten zu Reflexion und Einschub nehmen, sei es, weil ihre politische Ökonomie sich unaufhaltsam in Richtung Prekarisierung bewegt. Die Qualität eines Feuilletons bemisst sich durch das kulturelle und politische Projekt, das in ihm steckt. Natürlich ist ein mal mehr rechter und mal mehr linker kultureller Gemischtwarenladen nie vollkommen uninteressant. Es ist wie in einem 1-Euro-Laden: Irgendwas findet man immer, zumindest etwas Kurioses (und vieles, was man ansieht, hauptsächlich, um sich darüber aufzuregen).

Übrigens kann man, neben vielem anderen, die Qualität eines Feuilletons auch daran ablesen, wie die Leser in ihren traditionellen und digitalen Foren darauf reagieren. Natürlich gibt es hier keinerlei Repräsentanz, zumal wir alle das Phänomen der mehr oder weniger organisierten, professionellen Leserbriefschreiber und Kommentar-Abgeber kennen, die wahlweise im Auftrag politischer oder ökonomischer Organisationen „Stimmung machen“ und eine Art informeller Zensurinstanz bilden wollen; gewisse Texte provozieren einen „Wall of Trolls“. Doch scheint schon bemerkenswert, wie wenig sich von einer Debattenkultur auch im Dunstkreis des deutschen Feuilletons zu festigen scheint. Wer sich in diesen sonderbaren Resonanzräumen umsieht, begegnet dem Schatten kommender Barbarei im Denken und Sprechen. Er begegnet aber auch den Keimen neuer Diskurse und neuer Intelligenz, für die das Feuilleton zu eng geworden ist. (Apokalypse und Utopie, da sieht man es einmal wieder, treten gern als Paar auf.)

Das Zeitungsfeuilleton und seine medialen Ableger werden die Diskurshoheit über das kulturelle Geschehen des Tages über kurz oder lang verlieren. Ob das gut oder schlecht ist, ist keine zu beantwortende Frage. Trauern mag man durchaus um diese Institution, die vor lauter Angst vor dem Tod Selbstmord begeht.

Georg Seeßlen

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