Fetisch und Schlafmünze

Warum uns der Abschied von der D-Mark so überraschend leicht fällt

Geld ist ein obskures Objekt der Begierde, ein mit Angstlust besetzter Fetisch, ein »Ding«, das zugleich alles, nichts und immer wieder etwas anderes ist, weshalb es viele Theorien, aber nicht die Theorie des Geldes, und viele Bilder, aber nicht das Bild des Geldes geben kann. Geld ist unter anderem ein Mittel der Differenz. Nicht nur im Sinne von: Ich habe es, und du hast es nicht. Sondern auch auch im Sinne der Unterscheidung von »gutem Geld« und »bösem Geld«, und nicht zuletzt im Sinne von »unserem Geld« und »fremdem Geld«.

Wir hören es nun ja derzeit unentwegt, dass die Wirtschaft zu einem großen Teil »eine Sache der Psychologie« sei. Das kann man so oder so verstehen. Zum einen so, dass Wirtschaft verstanden werden will als ein Anagramm des Organischen; der Markt ist nichts anderes als ein gewaltiger Verdauungstrakt, der gelegentlich in Unordnung gerät, wenn es im Kopf der »Investoren«, der »Aktionäre«, der »Verbraucher« zu einem unziemlichen Schwurbel kommt.Zum anderen kann man es so verstehen, dass Wirtschaft vor allem dumm ist und um so besser funktioniert, je dümmer sie sein kann. Auch eine Währung wie die D-Mark ist daher erstens etwas sehr Rationales, zweitens etwas sehr Dummes und drittens etwas Psychologisches. Das Psychologische eines Markstückes kann man wieder aufteilen in das Mythische – die Bild- und Ideenwelt, die sich hinter dem Zeichen verklumpt -, und in das Neurotische, oder, anders herum, in den Traum und in die Ideologie. Wenn ein Geldstück »den Besitzer wechselt«, dann ist schwer was los, das reicht von der Mathematik zur Ästhetik, vom Sex bis zum Mord, und wenn es sich um eine Mark handelt, ist auch die Deutschheit ein Teil des Diskurses.

Nun also wird uns »die starke D-Mark« genommen, und etwas anderes tritt an ihre Stelle, ein »schwacher Euro«, von dem wir jeden Tag aufs Neue erfahren, wie wenig er gegenüber dem Dollar, der einzig wirklich »begehrten Fremdwährung«, wert ist. Wenn unsere Theorien vom Fetisch, vom, höflicher gesprochen, »Mythos des Alltags« namens D-Mark noch stimmen würden, müsste dieser Vorgang eine Revolte, wenigstens eine Krise, zumindest aber mächtig sich ausdrückendes Unbehagen auslösen.

Aber nichts da! Die größte Gefahr scheint in einer solchen Banalität des Übergangs, dass man allenfalls Angst haben müsste, dem deutschen Bürger sei der Tod »seiner« Mark so gründlich gleichgültig, dass er womöglich noch die kleinen bürokratisch-wirtschaftlich-technischen Verrichtungen verschläft, die ihm den Übergang immerhin halbwegs verlustfrei gestalten würden.

»Her mit den Schlafmünzen«, mahnt Günther Jauch in jeder Bankfiliale und sonstwo, aber die Kampagne geht ins Leere, offenbar lässt man sich lieber von seiner Müdigkeit anstecken als von seiner Aufforderung bewegen. Und vielleicht ist das genau das richtige Bild, der aktuellere Mythos des Alltags vor dem mächtigen Symbol der D-Mark, die uns als Sonne leuchtete, die als Rad unsere Mobilität garantierte, die uns das Wohlwollen allerlei Einheimischer in südlichen Ländern sicherte, die glänzte wie kein Franc und keine Lira.

Müdigkeit. Schlecht gewaschene Apathie nach einem Fest, das man mit falschen Freunden verbracht hat. Die D-Mark ist zur Schlafmünze geworden. Die Frage ist nur: Wann hat das begonnen?

Die D-Mark war das Symbol des deutschen Wiederaufstiegs. Nicht der Schein, die Münze. Rund wie alle Zeichen dieses Wiederaufstiegs. Der Fußball. Das Fernsehen. Brüste und Hintern der Frauen in Illustrierten, die Bunte und Quick hießen. Heinz Erhardt und Ludwig Erhard. Schornsteine. Unsere Wohnungen mochten ziemlich eckig sein, getroffen haben wir uns immer am Rondell.

Die Mark, das war nicht einfach Geld, das war unser Geld, und es drückte die größte Lüge unserer Gesellschaft nach dem Krieg aus, nämlich dass wir uns den Wohlstand »erarbeitet« hätten. Jede Mark war ein Zeichen für den Schweiß, den wir einsetzten, um nichts von Blut und Tränen zu wissen. Mochte man anderswo »Identität« durch Kultur erzeugen, wie in Österreich, durch »Lebensart« wie in Italien, durch Pornografie und Sozialdemokratie wie in Dänemark, die bundesdeutsche Identität wurde durch die Mark erstellt.

Dieses Land, diese Kultur, dieses Projekt begann nicht mit einer Idee, nicht mit einem Vertrag, es begann mit der Einführung der D-Mark. Die neue Form des Rassismus definierte sich über eine Angst vor den Fremden, die »unsere Mark« haben wollen.

Das Kreisförmige muss hart werden. Und bleiben. Das war das Projekt Bundesrepublik Deutschland. Das Ding an sich war daher heilig. Mit Dollars vielleicht, niemals mit Mark hätte irgendjemand »um sich schmeißen« können. Die Mark war von Anbeginn eine defensive Währung. Sie wollte nicht, wie der Dollar, die Welt erobern. Sie wollte die Deutschheit schützen. Deshalb galt es zum Beispiel als verpönt, zu viel D-Mark »im Ausland zu lassen«. Die D-Mark sollte in der Welt gelten, aber sich nicht in ihr auflösen.

Und in Deutschland selbst war sie »das richtige Geld« gegenüber einer Geld-Karikatur auf der anderen Seite der Mauer, Geld, das leicht wie Spielgeld war, und jenseits eines Terminus wie »hart« sowieso.

Die Krise der Mark – wir sprechen von ihrem Wert für die »deutsche Identität« – begann Mitte der siebziger Jahre an allen Ecken und Enden. Die Härte dieser Währung nützte nichts mehr gegen so etwas wie den »Petrodollar«, der sein Fließendes schon im Namen ausdrückte. Das Runde konnte sich nicht endlos ins Eckige übersetzen, weil das Fließende dem Harten auf tückische Weise überlegen war. Die Wirtschaft war keine Linie mehr, sondern verwandelte sich (wieder) ins verdauungsgemäße Kreisen: aufbauen, abreißen, neu aufbauen. Erfolg haben, Pleite machen, wieder von vorn anfangen. Schlucken, geschluckt werden, und noch mal geschluckt werden.

Kein Geld haben, keine D-Mark haben, das hieß in der Hoch-Zeit dieses Ikons, sich im sozial Flüssigen zu verlieren. Flüssig sein, das behaupteten ja auch nur Menschen von sich, die Geld hatten, ohne es wirklich zu haben, jedenfalls im Sinne der Mark. So beginnt Häresie. Wer mit harter Mark flüssig war, verging sich schon an der Grundidee dieser Gesellschaft. Aber niemand konnte es aufhalten, dass die Mark zwar nicht weich, aber doch flüssig wurde. Flüssig wie das Geld im Rest der Welt. Mittlerweile ist Geld nicht einmal mehr flüssig. Es ist gasförmig geworden. (Ersparen wir uns hier die Rückkehr zu unserer Verdauungsmetapher.)

Jedenfalls verwandelte sich bereits zu Beginn der achtziger Jahre die D-Mark vom Ikon zum Symbol. Um sinnvoll damit umzugehen, musste man es nun gleichsam schizophren begreifen. Es war nur noch einerseits die D-Mark (die man zeigen muss, um Respekt und Distanz zu erzeugen), andrerseits war es Geld wie anderes. Es bewegte sich in Datenströmen, ließ sich immer beliebiger transferieren, übersetzte sich in Papier und Plastikkarten. Die eigentliche D-Mark verwandelte sich in Kleingeld, die wirkliche D-Mark diffundierte durch alle Ritzen der Deutschheit, errichtete Häuser in Anatolien, wurde in Calabrien »gewaschen«. Sie war vielleicht immer noch viel wert, so im Verhältnis, aber bestimmt war sie nicht mehr hart und schon gar nicht erzeugte sie Härte.

Als dann die Mauer fiel, war das Symbol schon zur Reminiszenz geworden. Klammheimlich konnte man sogar schon damit beginnen, die D-Mark zu verachten, weil sie, ganz gegen ihre ursprüngliche Bestimmung, immer nur geöffnet und nie geschlossen hatte. Sie war zu einem Medium der Auflösung der Deutschheit in der Welt geworden, statt die Differenz der Deutschheit zur Welt zu bestätigen. Der Mythos der D-Mark war nun dahin, vielleicht gerade deswegen, weil man nun so angelegentlich davon sprach. Denn damit verlor sie ihren letzten semiotischen Wert, nämlich eine Form von Geheimcode zu transportieren, eine Deutschheit, die sich im Wiederaufbau regeneriert, aber nicht geändert hatte.

Man versuchte sie nun sozusagen von oben zu repsychologisieren. Aber jetzt war man schon wieder auf eine Deutschheit stolz, die den Umweg über diesen Mythos des Alltags, dieses Symbol von »Leistung« gar nicht mehr benötigt. So wie sich, zum Beispiel, Österreich von seiner Identität durch Kultur verabschiedete, verabschiedete sich Deutschland von seiner Identität durch die »Leistung« in der D-Mark.

Das Fließende und Gasförmige der Wirtschaft und das Harte der »nationalen Identität« haben sich voneinander getrennt. Daher punktet nicht einmal die harte Rechte mit dem Verlust der D-Mark, obschon er scheinbar so perfekt ins Modell jeder faschistischen Rhetorik passte. Von Ausnahmen abgesehen, weiß auch diese Rechte, dass das ein Rückfall wäre. Denn die Liebe der Deutschen zu ihrer Währung war von Anbeginn an und für jeden einzelnen »strategisch«. Der Mythos enthielt das Wissen darum, dass man nicht wirklich auf ihn hereinfallen musste, damit er funktionierte. Die D-Mark war nicht nur Spiegel, sie war auch Maske.

Die Abschaffung der D-Mark kommt also kaum für jemanden zu früh, sondern zu spät. Daher die Müdigkeit. Der Euro ist kein Nachfolger, nicht etwa die Meta-Mark, wie es eine Zeitlang propagiert wurde, er ist, zumindest, die Akzeptanz der Flüssigkeit des Geldes und, vielleicht, auch die Ahnung seiner Gasförmigkeit. Gleichgültigkeit ist daher scheinbar die vollständig angemessene Reaktion, die in Deutschland, anders als anderswo, sogar – gleichsam masochistisch – eine Ignoranz gegenüber den in der »Umstellung« möglicherweise verborgenen Umverteilungen einschließt. Der Tod dieses Mythos muss nur an einem gehindert werden: zum Bewusstsein zu gelangen.

Die Müdigkeit, die nicht nur die D-Mark, sondern auch Geld an sich auslöst, als Einheit von Zeichen und Materie, zu Schlafmünzen erklärt, beschreibt also nicht nur eine Form der Resignation gegenüber der Verflüssigung, der Virtualisierung der Zahlungen, vielleicht sogar Resignation gegenüber der »natürlichen« Gewalt des Kapitalismus an sich, sondern auch den Zustand einer Abarbeitung an einem Symbol der Deutschheit. Die Trennung von Nation und Wirtschaft mag hier und da, im Blick zurück, als Verlust erscheinen; sie ist allerdings im Diskurs der neuen Deutschheit auch eine »Befreiung«.

Zwei Formen der Barbarei, die sich in einem Mythos des Alltags in unserer Gesellschaft aneinander banden, dürfen sich nun, jede für sich, entfalten. Vielleicht verlieren wir mit der D-Mark ja wirklich den Rest unserer Moral, auch wenn die D-Mark bereits den Verlust dieser Moral bezeichnete. Solche Paradoxien machen in der Tat müde. Schlafmünzen wollen nicht einmal mehr geopfert werden. Sondern nur noch vergessen.

Autor: Georg Seeßlen

Text: veröffentlicht in jungle world


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