Klassismus und Kulturkritik

Fasade680

Kulturkritik muss sein, oder? Sonst wäre ja sowieso alles egal. „Kulturkritik“, wenn man mal so die gängige Begrifflichkeit zusammenfasst, kritisiert (Definieren Sie mal Kritik!) jene Elemente einer Kultur (Was ist das, bitte schön?), die sie als disparat zu den Bedürfnissen (Und wer bestimmt das, hä?) und Möglichkeiten (Erzählen Sie mir nichts von meinen Möglichkeiten!) der Menschen erkennt. „Der weite Begriff umfasst alle Kommentare, Einsprüche und Anklagen gegen ‚verkehrte’ Wertsysteme, ‚schlechte’ Zustände und ‚falsches’ Verhalten seit der Antike.“ So heißt es in der Wikipedia, und natürlich geht es in einer Gesellschaft unserer Zeit nicht zuletzt um Kommentare zu Bildern, Tönen und Texten, die massenhaft verbreitet werden, elektronisch, digital, kommerziell, in denen jemand das „Verkehrte“, „Schlechte“ und „Falsche“ wittert. Das endlose Netz der Mythen, Bilder, Zeichen und Phantasien, in das sich die verschiedenen Menschen in verschiedenen Lebensbedingungen an verschiedenen Stellen einflechten (lassen), eine ziemlich totale Kultur, die nirgendwo anfängt und nirgendwo aufhört. Was wäre, wenn man hier nicht mehr das Verkehrte, das Schlechte und das Falsche erkennen und kritisieren dürfte oder könnte? (Kulturen wollen nicht gern kritisiert werden, weil sie zu einem großen Teil aus Gewohnheiten und zu einem beinahe noch größeren Teil aus Macht bestehen.)

Gesten der Dissidenz

Doch wer darf das, wer kann das, und wer soll das? Ist das eine Sache von „Intellektuellen“ und Einzelnen, oder kann man, wenn man sich mal von herkömmlichen Vorstellungen frei macht, auch die Bild-Zeitung, die Soap Opera und die Schmuddeltalkshow als „Kulturkritik“ verstehen? (Das scheinbare Paradox einer Mainstream-Kulturkritik zur Feststellung des Verkehrten, Schlechten und Falschen. Bei den „anderen“.)

Bleiben wir für den Augenblick bei der Kulturkritik als Geste der Dissidenz. Wer Kulturkritik betreibt, nimmt sich also viel heraus und riskiert einiges. Weil nämlich niemand, nach dem Verschwinden der Götter und der Parteien, die immer recht haben, zu sagen wüsste, wer einem eigentlich das Recht dazu gibt, in Dingen das Verkehrte, Schlechte und Falsche zu sehen, die anderen, und vielleicht auch vielen, sogar der Mehrheit, bitteschön, als das einzig Senkrechte, genau Richtige und Supertolle erscheint. Muss nicht Kulturkritik ihren Adressaten neben dem Verkehrten, Falschen und Schlechten auch die Möglichkeiten zu Trost, Kompensation, Hoffnung nehmen? Muss die Kritik an einem verlogenen Schlager nicht jenen verachten, der bei ihm heult? Versichert man sich in der Kritik an der schlechten Sprache seiner eigenen, die natürlich großartig ist? Kann das Falsche auf der einen Seite der Gesellschaft etwas anderes als das Richtige auf der anderen Seite sein? Es ist eben auch Kulturkritik eine Frage des Zusammenhangs.

Wenn man die Kulturkritik historisch und moralisch übertreibt, nennt man es „Kulturpessimismus“, und Kulturpessimismus ist verboten oder wird zumindest mit dem Hipster-Tänzchen beantwortet: „Ja, ja, früher war alles besser, hahaha, früher war alles besser, gell?“ Erfolgreichen Kulturpessimismus von rechts aber verwandelt der Buchmarkt in Bestseller. Erfolgreichen Kulturpessimismus von links kann es eigentlich aus Prinzip nicht geben, aber was ist schon ein Prinzip. Wenn man es indes mit der Politik und der Ökonomie in der Kulturkritik übertreibt, und man spricht von „Entfremdung“ oder „Kulturindustrie“ oder gar „Bewusstseinsindustrie“, dann ist man ein „Altlinker“, leidet vielleicht unter Verschwörungsphantasien oder hat den Zeitgeist nicht verstanden. Der Spielraum für Kulturkritik (in der ursprünglichen, umfassenden Weise) in einer demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft ist, wenn man es genau besieht, ziemlich gering. Man soll sie, ausgerechnet, moderat gebrauchen. Seit Kulturkritikerinnen und Kulturkritiker nicht mehr gleich verbrannt oder ins Irrenhaus gesteckt werden, wurden die Instrumente, mit denen Kulturen ihre Kritiker behandeln, immer feiner und vielfältiger. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, in der es ein kulturkritisches Grundrauschen gibt: So viel Kulturkritik war nie!; und eine Gesellschaft, in der Kulturkritik perfekt abgefedert wird: So wenig hat Kulturkritik noch nie genutzt!

Klassen, so wissen wir von Pierre Bourdieu,

werden stets sowohl durch Ökonomie als auch durch Kultur erzeugt

Andererseits gibt es ja die Kultur gar nicht. Vielmehr ein Miteinander und Ineinander von Kulturen, die sich manchmal überschneiden (und wenn sich viel überschneidet, nennt man es „Mainstream“), und die sind wieder in Subkulturen und temporäre kulturelle Phänomene gespalten, und viele davon bestehen zum größten Teil aus der Energie, mit der sie sich von anderen abgrenzen. Dass Kultur für eine Reinigungskraft und eine Lehrkraft etwas anderes sein muss, auch wenn beide vielleicht den selben Fernsehapparat zu hause stehen haben, ersteht aus Lebensbedingungen und nicht aus Natur. Und nicht selten ist selbst das noch Vorurteil und gesellschaftliche Zuschreibung. Die Reinigungskraft, die in den Arbeitspausen „Die Kritik der reinen Vernunft“ liest, ist so „unvorstellbar“, wie die Lehrkraft, die sich bei Fips Asmussen auf die Schenkel haut. Geben tut es beides natürlich schon. Klassen, so wissen wir es von Pierre Bourdieu, werden stets sowohl durch Ökonomie als auch durch Kultur erzeugt. So heißt linke Kulturkritik erst einmal eine Kritik der kulturellen Erzeugung der Klassen. (So wie rechte Kulturkritik ein Mittel dieser Erzeugung und ihrer Stabilisierung ist.)

Wer bin ich?

Deshalb muss eine Kulturkritik, die weder Ausdruck einer klassistischen Verachtung werden soll (die einen als die „besseren“ und die anderen als die, wahlweise, bedauernswerten Verführten oder als die geschmacklos-rohen Banausen), noch der einer politisch-moralischen Anmaßung (der Kulturkritiker als rechthaberischer Prediger) die Klassen (oder deren neueste Variationen) mitdenken, die eigene und die der kritisierten Kultur-Erscheinungen. Wer also bin ich, um Andrea Berg, den Komödienstadel, die Soap Opera, Dieter Bohlen, die Kochschau, den Karneval, das Fast Food-Restaurant, die Trachtenmode, den Amateurporno, die Pauschalreisen zum Erlebnispark, Jack Wolfskin-Anoraks, Promitalks, Würstchenreklame, Musicals, Fanshops und so vieles andere zu kritisieren, was für die einen großes Lebenskino und für die anderen wahrhaft fürchterlicher ästhetisch-moralischer Müll ist?

Ich weiß zunächst nur, was ich auf gar keinen Fall sein möchte: Ein Besserer, der etwas Schlechteres missbilligt und das auch noch in mehr oder weniger elegante oder sarkastische Worte kleidet. Teil einer „gehobenen“, wenn auch mehr oder weniger linken Mittelstandskultur, die eine „Unterschichtkultur“ verachtet. Mindestens so notwendig, wie die Objekte der Kulturkritik so präzis als möglich zu treffen, ist es, eine genaue politische Grammatik der Kritik zu entwickeln. Ich will auch keiner sein, der das Falsche, Verkehrte und Wertlose kritisiert, weil er so genau weiß, was das Richtige, Nützliche und Wertvolle (für andere Menschen) wäre. Jede Kulturkritik, die wirklich etwas zu sagen hat, bezieht auch den Kritiker und seine Kultur mit ein. Nicht: Ich bin besser, sagt diese Kritik, sondern: Es gibt etwas Besseres. Aber es liegt jenseits der Kultur, in der wir leben, du und ich, vielleicht an sehr unterschiedlichen Stellen.

Das Distinktionsgespenst

Die, wenn man so will: professionelle Kulturkritik ist, bedingt durch, nun eben, kulturelle wie durch ökonomische Faktoren, in der modernen Gesellschaft einem intellektuell teildissidenten Segment des Kleinbürgertums zugefallen. Schon daher ist es verständlich, wie sich die beiden schärfsten kulturkritischen Bezeichnungen bildeten, die „Dekadenz“ (der Oberschicht) und die „Verwahrlosung“ (der Unterschicht). Noch in den elegantesten, an kritischer Theorie oder Strukturalismus meinethalben geschulten, Denkfiguren der Kulturkritik spuken gern diese Ur-Unterstellung einer Mitte gegen das Oben und das Unten. Und umgekehrt haben sich die, die sich für eine Elite halten, und meistens doch nur Privilegierte sind, ihre Verachtung gegenüber den unteren Klassen gern kulturkritisch verbrämen lassen. Davon, wie sich Kulturkritik mit rassistischen und sexistischen Phantasmen aufladen ließ und immer noch lässt, ganz zu schweigen. Kulturkritik ist ein verdammt gefährliches Instrument. Für alle Beteiligten.

Nicht die Kultur, die eine Klasse hat, sondern die Kultur, die eine Klasse macht, ist der Gegenstand der Kritik, nicht ein Bohlen, der mit seinem Kotzsprech ein „Ventil“ wäre für angestauten Zorn, sondern im Gegenteil ein Bohlen, der seine Adressaten verdammt, indem er eine Kultur der Verachtung erzeugt, nicht die Verachtung der Kultur der anderen, sondern die Kritik einer Kultur der Verachtung und Selbstverachtung, nicht die Klasse, sondern ihre Produktion und ihre Ausbeutung, nicht die Belehrung der Konsumenten (die haben auch besseres zu tun, als auf herrenlose Kulturkritiker zu hören) sondern das Verständnis der kulturellen Produktion und ihrer Interessen – es kommt, wie gesagt, bei der Kulturkritik auf die Perspektive, auf die Grammatik an.

Kulturkritik ist eine der verschiedenen Möglichkeiten, zu sagen, dass man nicht einverstanden ist mit der politisch gemachten Welt, in der man lebt. Einer der verschiedenen Versuche, ihre Veränderbarkeit zu erkennen. Und eine Hoffnung darauf, Verbündete zu finden. Schiefgehen kann viel mit der Kulturkritik. Ohne sie noch mehr.

Georg Seeßlen, taz 22.01. 2014

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