Es geht bei der Frage nach dem, was das Bild ausmacht, um die fünf großen Unterscheidungen:

Die Tragödie des Bildes ist es, dass es überhaupt da ist. Es ist immer ein Verrat an sich selbst, es ist etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte. Deshalb ist jedes Bild eine Einspruch gegen Religion und jedes Bild ein Einspruch gegen Wissenschaft.

Es ist der Trick des Neoliberalismus, dass man in ihm alles mögliche als Bild bezeichnet, nur nicht das Bild.

Die „konservative“ oder auch naiv kulturkritische Perspektive sieht in der Medienentwicklung eine Tendenz vom Text zum Bild. Alles soll Bild werden, Zeitungen und Zeitschriften scheuen sich vor Texten (und bezahlen entsprechend schlecht für ihre Produktion) und setzen auf eine gefühlte Allmacht des Bildes. (Und entsprechend hart wird der Kampf um „Bildrechte“.)

Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte der Wahrheit besagt, dass die Bilder immer mehr ihre Bildhaftigkeit verlieren, und immer mehr zu Zeichenketten, also zu „Texten“ werden. Diese Bilder sehen nichts sondern wollen etwas zeigen, da ihnen das aber nicht gelingen kann (sie scheitern an ihrer Aufgabe der Komplexitätsreduzierung, die einem „echten“ Bild vollkommen egal ist), verzichten sie auf das Zeigen und beschränken sich auf das Repräsentieren.

Nur das Bild, das weder sieht noch zeigt, sondern ausschließlich repräsentiert, kann vollständig Ware werden. Es stellt in erster Linie seinen Warencharakter dar. Ebenso wie von der Ikonisierung also könnte man auch von einer Entbildung der Welt im Zeichen des Neoliberalismus sprechen.

Auf die Sprachlosigkeit des Menschen folgt seine Bildlosigkeit …

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KUNST/ZEIT/SCHRIFT NR. 4/15 von Georg Seeßlen 

 

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