So ein Tag, so wunderschön wie heute. Das ist ein fröhliches Lied, es schmettert sich besser, wenn ein wenig befeuernder Alkohol dabei im Spiele ist. Wer es singt der ist, wie es in einem anderen, etwas anders verfassten Stück heißt, „freudetrunken“. Es wird in Deutschland gesungen zur Feier fröhlicher Ereignisse, es wird, sozusagen, zur materiellen Gewalt, da es die Massen ergreift.

Wir Deutschen, sehr viele von uns, singen es, wenn es etwas zu feiern gibt, da ist es Teil unseres Brauchtums. Zum Beispiel wenn wir „im Alkohol bis an die Knie“ waten, wenn also, wie es so heißt, die Narren saisonal an der Macht sind, oder wenn wir, schöne Erinnerung, Fußballweltmeister geworden sind. Oder wenn unsere kleine Stadt, und der kleine Landkreis dazu, Deutscher Meister wurde.

Okay, nicht gerade im Fußball, aber doch wenigstens im Wettbewerb um Deutschlands schwierigsten Hot Spot. Und weil wir gerade am Feiern sind, und die da oben uns Fasching auch wegnehmen wollen, verkleiden wir uns ein bisschen.

Okay, da werden ein paar wieder zetern, kulturelle Aneignung und so, aber da pfeifen und skandieren wir auf die Politcal Correctness, und außerdem, wir gehen hier schließlich nicht als Indianer. Nee, wir gehen als Freiheitskämpfer und skandieren „Frieden, Freiheit, keine Diktatur!“. Nee, Freiheitskämpfer verstecken sich nicht, sie zeigen Gesicht und tragen keine Maske.

Und natürlich kennen Freiheitskämpfer das einschlägige Liedgut, „We walk hand in hand“, und suchen den solidarischen Schulterschluss. Und weil Fasching ein Ding für die ganze Familie ist, bringen wir auch unsere Kinder mit. Schließlich, die sollen auch ihren Spaß haben.

Aber eigentlich ist das nicht lustig. Eigentlich ist das kein Fasching durch die Hintertür, es ist die Demonstration von Borniertheit, Ignoranz und Dummheit, die sich, sozusagen, stolz im Hauptportal präsentiert, das in diesem Falle der Marktplatz ist. Der Marktplatz von Hildburghausen. Und dort folgten sie dem Ruf, der zur Zeit wie Donnerhall durch Deutschland rollt: Krakeelen ist die erste Bürgerpflicht. Wobei, um nicht alle Hoffnung aufzugeben, zu bedenken ist, dass es die Krakeeler sind, die den meisten Lärm machen, die am hörbarsten sind. Die Hoffnung ist bei der schweigenden Mehrheit. Also auch bei den Tausenden Bürgern von Hildburghausen, die nicht auf dem Markt waren. Aber immerhin, 400 waren dort.

Ja, diese Maßnahmen sind massive Einschränkungen, auch von Grundrechten. Ja, für viele Menschen geht es um die wirtschaftliche Existenz. Und ja, das zu sagen fällt einem Rentner leichter, für dessen Einkommen andere sorgen – aber der dafür auch als Risikogruppe gilt. Ja, mancher ist manchmal versucht, die Restriktionen hier und da ein bisschen zu unterlaufen, wer frei von Schuld ist, der bewaffne sich mit Steinen. Das ist weder gut noch richtig, aber das verstehe ich, wenigstens zu Teilen.

Was ich nicht verstehe, das ist, halten zu Gnaden, die große Klappe. Die wirklichkeitsresistente Großmäuligkeit, die ignorante Selbstgewissheit, mit der sich diese Menschen als Freiheitskämpfer darstellen und wohl auch empfinden.

Wie „Jana aus Kassel“, 22, die sich, weil sie Flyer verteilt und Demos anmeldet, fühlt wie Sophie Scholl. Und, wenn einer ihr widerspricht, weinend von der Bühne geht. So viel Widerstand hält sie dann doch nicht aus. Dabei, es geht gar nicht um diese junge Frau, die vielleicht noch einmal erwachsen wird, sie ist nur ein Symptom. Denn ihre Selbstüberhebung ist nur noch schriller, nur noch dümmer, aber in der Substanz wenig unterschieden von der Anmaßung, der Ignoranz der Freiheitskämpfer gegen die Diktatur. Aber, natürlich, in gewisser Weise sind wir, Janis Joplin folgend, alle nicht frei: Freedom’s just another word for nothin’ left to lose. Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts zu verlieren zu haben.

Wir haben alle etwas zu verlieren. Unsere Demokratie, unseren Wohlstand, unser Leben, unser Gefühl, in einem kultivierten Land zu leben. Und die Ministerpräsidenten, anders als die Kanzlerin, ihre Wähler.

Am Tag, da ich dies schreibe, Donnerstag, gewinnt Hildburghausen wiederum den Kampf um Deutschlands heißesten Hot Spot.

So ein Tag.

 

Henryk Goldberg  TA, 28.11.2020

 

Bild: Sciencia58, CC0, via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

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