Istanbul. Gut europäisch: türkischer Kunstboom

Wird die Türkei islamisch? Ganz unbegründet ist die Lieblingsangst der EU-Europäer seit dem Wahlsieg von Recep Tayyip Erdogan nicht. Schließlich empört sich der schon mal über deren Forderung nach einem „moderaten Islam“. Doch nach mehr als acht Jahren AKP-Herrschaft gilt am Bosporus immer noch nicht die Scharia, sondern weiterhin der „demokratische, laizistische und soziale Rechtsstaat“, den Artikel 2 der türkischen Verfassung dekretiert. Aber selbst wenn der muslimische Premier vor ägyptischen Glaubensbrüdern die säkulare Republik verteidigt, wähnt Europa das Land auf der Kippe zum Gottesstaat.

Ein Gegenbeispiel zu derlei europäischen Projektionen ist die Istanbul-Biennale, die vergangene Woche zum 12. Mal ihre Tore öffnete. Als Pionier der kritischen Zivilgesellschaft half diese Schau genau die kritische Öffentlichkeit ausbilden, mit der Erdogan oft genug hadert. Das macht diese Schau über die Kunst hinaus wichtig. Inzwischen hat sie sich allerdings zu einem Lieblingsspielzeug der türkischen Bourgeoisie entwickelt. Was sich nicht nur an der anschwellenden Schar blondierter Milliardärsgattinnen ablesen lässt, die alle zwei Jahre zur Eröffnung in Istanbuls schmuddeligen Hafen pilgern. Sondern auch an dem Geld, das in die immer stärker beachtete Schau fließt.

Dass die drei großen Familienclans Eczasibasi, Koc und Sabanci Kunst und Kultur in der Türkei so massiv sponsern, hat seinen guten Grund. Bis zum Jahr 2023, dem 100. Geburtstag der Türkei, will das Land zu den Top 10 der Weltökonomien aufschließen. Eine Gesellschaft, die mehr lese, Ausstellungen anschaue und in Konzerte gehe, werde dieses Ziel schneller erreichen, mahnte Bülent Eczasibasi, im Nebenberuf Chef der privaten Istanbuler Stiftung Kunst und Kultur, die die Biennale organisiert, zur Eröffnung der zwölften Ausgabe.

Geradezu mustergültig hat diese Idee der Unternehmer Ahmet Kocabiyik umgesetzt. Bis hinauf auf die Turmspitze hat er das Hauptquartier seiner Borusan-Holding mit Gegenwartskunst von Donald Judd bis Peter Kogler vollgestopft, wie man sie exquisiter in den Museen der Welt kaum findet. Moderne Kunst verbessere das Arbeitsklima und steigere die Effektivität der Arbeit, berichtete der Mäzen zufrieden, als er den ottomanischen Klinkerbau Perili Kösk am Ufer des Bosporus vergangene Woche für das Publikum öffnete.

So politisch, wie sich die Kunst auf der Biennale traditionell gibt, ist Borusans Kunstbunker nicht. Nur als Instrumentalisierung abtun sollte man diese Kunstbegeisterung aber auch nicht. Man könnte sie noch einmal gut gebrauchen. Auf diese geschmackssichere und distinktionsfähige Bourgeoisie könnte es womöglich ankommen, wenn das Land tatsächlich einmal auf die Kippe zum Religiösen geraten sollte.

Ingo Arend

erschienen in taz (23.09.2011)

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