Henryk Goldberg vermisst etwas, das Aufklärung hieß

Ja, ich bin ein ostdeutscher Atheist. Aber ich halte nicht alle, die an einen Gott glauben, für religiöse Spinner.
Nein, ich glaube nicht an Gott. Aber ich halte die Bibel für das bedeutendste und spannendste Buch, das je geschrieben wurde. Und ich halte es mit dem bedeutenden Theologen Rudolf Bultmann, der schrieb, das Neue Testament erzähle weniger über die historische Person Jesu als über die Urgemeinde und ihren Glauben, dem sich diese Texte verdanken. Der Glaube hat, mit Hermann Gunkel, einem anderen bedeutenden Theologen zu reden, keinen „Sitz im Leben“ bei mir, die Schrift hingegen schon – wenn auch keinen spirituellen.

Meine Mutter ist eine deutsche Katholikin, mein Vater war ein polnischer Jude. Ich bin weder getauft noch beschnitten, und halte mich dennoch für einen sozialen Menschen. Ich habe weder das „Höre Israel. . .“ je gesagt noch das „Vater unser. . .“, und, so Gott will, werde ich das auch künftig nicht tun.

Der Besuch des Papstes ist ein Indikator für die hier herrschende Kultur des Umgangs. Wir sollten aufhören, wie in den letzten Wochen, den jeweils anderen mit schäumendem Maule einen „Spinner“ oder“Gottlosen“ zu nennen. Wir sollten im Alltag leben, erleben, dass es eine europäische Aufklärung gab. Nächstenliebe oder wahlweise Respekt sollten hier ihren Sitz im Leben haben. Dafür würde ich, könnte ich, beten.

Henryk Goldberg in Thüringer Allgemeine, 23.09.2011

Bild: Gutenberg-Bibel, Kongressbibliothek, Washington D.C., CC BY-SA Raul654

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