Die Bundesstiftung Baukultur lud am Montag in Berlin zur Debatte über die Schäden, die „Verwertungsarchitektur“ in Deutschland anrichtet

„Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ hieß der Slogan, mit dem der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich Ende der sechziger Jahre gegen die Stadtplanung zu Felde zog. Wer sich heute in deren Hinterlassenschaft umschaut, wird nicht finden können, dass die Städte wesentlich wirtlicher geworden sind. Das Areal zwischen Legolandhochhäusern, einem künstlichen See und einem Glaszelt in der Mitte Berlins, das auf den Namen Potsdamer Platz hört, steht pars pro toto. „Man sieht unseren Städten die Lobbyisten an, die daran verdienen“, erregte sich Michael Braum, Präsident der Bundesstiftung Baukultur, am Montag in Berlin über die „Verwertungsarchitektur“, die das Urbane in Deutschland weithin prägt.

„Baukultur des Öffentlichen. Bauen in der Offenen Gesellschaft“ hieß das Thema des Abends, zu dem die Stiftung geladen hatte. Vor welcher Herausforderung die vor vier Jahren mit Bundesgeldern gegründete Einrichtung mit ihrem Ziel steht, eine „Qualitätsdebatte über Baukultur zu initiieren“, zeigte ein Blick vom Panoramafenster der Humboldt-Box, wo die Diskussion stattfand, auf die Baugrube zu ihren Füßen. Mit dem Humboldt-Forum im falschen Hohenzollernschloss entsteht dort gerade das nächste Monstrum der öffentlichen Baukultur.

Natürlich lässt sich streiten, ob die Baukultur wirklich so darniederliegt, wie die Stiftung klagt. Mit dem erbitterten Streit über das Traufhöhen-Dogma des ehemaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann in Berlin wurde Stadtplanung populärer denn je. Da wird man dem Braunschweiger Architekturtheoretiker Michael Mönninger zustimmen. Die Diktatur der Townhouses und Stadtquartiere hat die Debatte aber genauso wenig verhindert wie den Bau von Stuttgart 21, die Erschließung des Gängeviertels in Hamburg oder das Projekt Mediaspree in Berlin.

Für Christiane Thalgott waren ebendiese die „grauenhaftesten Beispiele“ für eine Stadtplanung, in der sich die ökonomischen Ziele von Einzelnen gegen allgemeine Belange durchsetzen konnten. Die resolute Exbaustadträtin hat sich in München einen Namen gemacht mit ihrer Devise, dass man „etwas für die tun kann, die sich selbst nicht helfen können“. Baukultur entsteht nämlich nicht nur aus Schlössern und Sony-Centern, sondern aus Bahnhöfen, Schulen und Fußgängerzonen.

Doch wenn schon der Berliner Architekturkrieg keine Wende zum Besseren brachte, was kann dann der „Wertediskurs“ ausrichten, den die Bundesstiftung jetzt anzetteln will? Nichts gegen die Kriterien, an denen sie die Baukultur ausrichten will: Vom „Respekt vor dem Vorgefundenen“ über das „Schaffen von Identität“ bis zur „Anerkennung der Landschaft“ reicht ihre Wunschliste. Sogar ein „Recht auf Schönheit“ forderte Michael Braum.

Als bloßes Netzwerk und Kommunikationsplattform läuft das Unternehmen aber Gefahr, zu einem moralischen Feigenblatt dessen zu werden, was es bekämpfen soll. Will die Stiftung dem Primat der Ökonomie Einhalt gebieten, könnte es nicht schaden, wenn sie sich an Alexander Mitscherlich erinnerte: „Anstiftung zum Unfrieden“ hatte der sein Pamphlet 1965 untertitelt.

Ingo Arend

erschienen in taz (14.12.2012)

Bild: Townhouse-Reihe am Prenzlauer Berg, Berlin / CC-by-sa 2.0/de by Willo Göpel

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