Der Qualitätsjournalismus wird deswegen nicht untergehen

Dabei sein ist alles. Wenn es etwas Neues gibt. Und wenn dann noch so prominente Zeitgenossen wie Bill Clinton, Barack Obama oder Kirk Douglas im Spiel sind – wer wird dann schon Nein sagen, wenn Ariana Huffington ihm das Angebot macht, auch zu dieser illustren Gesellschaft zu gehören? Für das Time Magazin gehört die amerikanische Verlegerin der legendären Zeitung, die ihren Namen trägt, zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt.

Es ist nicht nur das Versprechen der Prominenz: Eingerahmt von Chernoy Jobatey und Boris Becker, den Anchor-Men der deutschen Ausgabe, wird man plötzlich selbst in diesen Premium-Zustand versetzt. Es ist vor allem das Versprechen der Beteiligung, das die Huffington-Post so interessant macht. Wer sonst in der Gesellschaft wenig zu sagen hat, für den wird natürlich eine Plattform interessant, die es ihm ermöglicht, überall mitzureden.

Wenn Sebastian Matthes, der designierte Chefredakteur der deutschen Ausgabe, das Nachrichtenportal dieser Tage gar zur „Möglichkeitsplattform“ adelt, scheint auch wieder etwas von dem utopischen Versprechen auf, welches das Internet seit Anbeginn bereit hielt: Kommunikation ohne Grenzen, ein riesiges basisdemokratisches Palaver, ein Aufstand der Vielen gegen die Wenigen: Gegen Leitartikler hoch vom Ross, gegen publizistische Oligarchen und Verlags-Monopole.

Kulturwissenschaftler können sich bei dem Modell Huffington Post über ein Beispiel imaginärer Wertbildung freuen, Medienkritiker über einen Prototypus der nichtkommerziellen Publizistik. So wie hier Aufmerksamkeit zur eigentlichen Währung wird. Abgesehen davon, dass auch die Huff – wie ihre Fans das Portal gern liebevoll nennen – von Anzeigen lebt. Und sie inzwischen dem Medienriesen AOL gehört.

Die einzige Utopie, die mit ihr zum Tragen kommt, dürfte die nicht ganz neue Utopie der Selbstausbeutung sein. Denn es mag ja sein, dass ein Blogger, der bei der Huff landet, etwas von dem kumulieren kann, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu „soziales Kapital“ nannte.

Kaufen kann er sich aber dennoch nichts davon, dass 77 Millionen Menschen das Portal und seine Ableger jeden Monat weltweit besuchen, 50 Millionen allein in seinem Ursprungsland USA. Und auch die vermeintlichen und echten Edelfedern, die Frau Huffington für ihre deutsche Ausgabe per Talent-Staubsauger aufsammeln ließ, werden kein Honorar für ihre Arbeit bekommen.

Natürlich ist niemand gezwungen, bei der Huffington Post mitzumachen. Jeder kann sein Blog weiterhin ohne das aufmerksamkeitssteigernde Portal ins Netz stellen. Gegen das Argument vom Job-Killer Huff führt das Magazin auch gern die 600 festangestellten Journalisten ins Feld, die mittlerweile in den USA für die Zeitung arbeiten.

Auch in München sollen schon 15 Redakteure am Start sein. Anstellen konnte die Huff sie aber nur deshalb, weil zuvor jahrelang Tausende Blogger die Zeitung mit ihren kostenlosen Blogs überhaupt erst interessant machten.

Das Ende der Qualitätspublizistik, das Huffington-Post-Kritiker wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher oder Springer-Chef Matthias Döpfner gern regelmäßig beschwören, wird die Online-Postille vielleicht nicht sofort bedeuten. Was sind schon 15 Redakteure gegen die 300 der guten alten FAZ? Aber das Huff-Prinzip befördert die Gratismentalität und den laxen Umgang mit dem geistigen Eigentum der Kreativen, zu dem auch immer noch die Journalisten zählen.

Wer sieht, wie schnell man ein paar ergooglte Stories zu Aufmachern zusammenschieben oder Linksammlungen als Artikel ausgeben kann, dem kann schon irgendwann mal der Verdacht kommen: Aufwändige journalistische Leistung lohnt sich nicht.

Ingo Arend

 

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